Die Jägerfahne


Hier ist jetzt auch der rechte Augenblick, einer Errungenschaft zu gedenken, die Bayers Jäger-Bataillon augenfällig vor anderen Bataillonen auszeichnete und seinen Charakter als selbständiges Detachement betonte. Es ist dies die Tatsache, daß das Bataillon eine eigne Fahne erhielt. Hauptzugführer Torsten Erik Jernström war der Mann, der dem Kommandeur den Wunsch nach einer solchen Fahne bei passender Gelegenheit nahebrachte, und Bayer griff den Gedanken sofort auf. Er bat die Jäger, ihre Wünsche für die Gestaltung einer solchen Fahne zu äussern. Man meldete, ihr Wunsch gehe nach einer »Löwenfahne» mit dem finnischen Wappen auf rotem Grund.

Als Wetterhoff — Weihnachten 1915 — Lockstedt besuchte, brachte Bayer die Sache zur Sprache. Er dachte daran, die Fahne nach ihrer Fertigstellung dem Bataillon auf dem normalen, offiziellen Weg zu übergeben. Wetterhoff erschien das jedoch zu simpel. Er wünschte die Sache dazu auszunutzen, die Sympathien für die Jäger-Bewegung in Finnland — oder in Deutschland — zu verstärken und schlug Bayer die Alternative vor, entweder die Menschen in Finnland dazu zu bewegen, ihrer seit langer Zeit ersten Soldatentruppe, die sie mit den Jägern erhalten hatten, die Fahne zu schenken, oder die vornehmsten deutschen Kreise der Schenkung geneigt zu machen. In einem Brief schrieb Wetterhoff sogar, der deutsche Kaiser solle die Fahne selbst verleihen. Dieser nur einmal geäusserte und wieder vom Programm abgesetzte Wunsch hat offenbar zur Legendenbildung geführt. Wird doch in der »Kompassnadel» ernsthaft behauptet, Wilhelm II. persönlich habe den Jägern die Fahne als einzigem Bataillon der deutschen Armee verliehen. Das trifft nicht zu.

In Berlin lebte damals der aus Finnland stammende Zahnarzt Professor Gösta Hahl mit seiner deutschen Gattin Hedwig. Dieses Ehepaar, besonders Frau Hahl, war während des Krieges schon einer Anzahl von Finnen eine Stütze gewesen. Zu ihr kam Wetterhoff im Februar 1916 und legte ihr nahe, bei den in Berlin lebenden Finninnen umzufragen, ob diese mit vereinten Kräften eine solche Fahne herstellen wollten. Frau Hahl zeigte wärmstes Wohlwollen und versprach ihr Möglichstes, sobald sie einen Entwurf bekäme. An diesem Entwurf haben nach den finnischen Quellen Wetterhoff und Hauptzugführer Jernström mitgearbeitet. Bayer ließ ihn dann von einem begabten Zeichner-Unteroffizier ins Reine zeichnen. Die Jäger hießen ihn gut und sandten ihn nach Berlin. Der Entwurf zeigte jedoch mehr als das finnische Wappen; er stellte dieses auf den Grund eines blauen Kreuzes in EK-Form und setzte in die keilförmigen, weißen Ecken deutsche Adler, die in den Klauen Spruchbänder halten mit der Aufschrift: »Pro gloria et patria.» So symbolisierte der Entwurf die Bedeutung der Jägerbewegung und zugleich die finnisch-deutsche Waffenbrüderschaft.

Weitere Einzelheiten über die Herstellung der Fahne können bei Lauerma und in »Suomen Jääkärit» nachgelesen werden. Tatsache ist, daß die Fahne nicht amtlich verliehen, sondern privat geschenkt worden ist.

Man hat es Bayer verdacht, daß er die Fahne nicht sogleich den Jägern übergab. Aber nicht nur Bayer, sondern auch seine Nachfolger im Kommando hielten die Fahne lange in Gewahrsam, aus dem gut vertretbaren Grund, eine solche Fahne erst einem frontbewährten Bataillon übergeben zu sollen.

Als Professor Hahl die Fahne nicht selbst überbringen konnte, sandte er am 24.Mai einem Jäger einen Gruß und bat ihn, die Worte vorzutragen, die er selbst hatte sprechen wollen: »In diesem Augenblick, in dem das Bataillon bereit ist, diesen erinnerungsreichen Platz zu verlassen, ist es meine größte Freude, Ihnen diese von meiner Frau geschenkte Fahne zu übergeben. Ich wünsche Ihnen glückliche Reise nach Ihrem lieben Vaterland, und ich wünsche auch, daß um diese Fahne immer neue Kämpfer geschart werden, um das Vaterland zu befreien, und daß diese Fahne stolz und siegreich getragen wird.»

Privat wurden diese Worte den Jägern vorgelesen, amtlich und öffentlich blieben sie ungelesen. Die Fahne blieb in der Obhut des jeweiligen Kommandeurs bis zu dem Augenblick der befohlenen Heimfahrt der Finnen.

Das „Königlich Preussische Jäger-Bataillon 27“ wurde am 13.Februar 1918 in Libau feierlich aufgelöst. Der Auflösung folgte ein Gottesdienst in der Trinitatis Kirche. Während der Zeremonie schwuren die jetzt „Finnischen Jäger“ der gesetzlichen Regierung Finnlands den Treueeid. Dazu wurde die prachtvolle Fahne enthüllt und aufgerichtet. Fahnenträger war Isotalon Antii. Zwei Hauptleute Sundman und Ahlroth standen unbeweglich neben der Fahne. In der hell erleuchteten Kirche verlas Eirik Jernström, jetzt Major, die Eidesformel, während zwei Jäger jeder Kompanie die Worte im Namen aller Jäger wiederholten und zwei Finger der rechten Hand zur Fahne emporhoben. Das gesamte Bataillon war in der Kirche. Die Soldaten hatten den Arm und zwei Finger nach oben gestreckt zur Bekräftigung des Treueeides.

Es war Bayers und Ausfelds Gedanke gewesen, in einer besonders feierlichen Stunde den Jägern ihre Fahne erstmalig vor Augen zu stellen.

Auszug aus dem Buch:
Maximilian Bayer
Ein Wegbereiter zu Finnlands Unabhängigkeit von
C.F.Ronsdorf

ergänzt in Passagen durch andere Quellen



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