Die Besiedelung des Übungsplatzes
(durch ehemalige Soldaten.)



Mai 1920
Zu Beginn des Jahres 1920 wurde im Lockstedter Lager vom Deutschen Reich eine Siedlungsdirektion etabliert. Personell ausgestattet von der Staatlichen Wirtschaftsdirektion der Ödland Kultivierung aus Ehn-Hagenah im Kreis Stade. Direktor der Niederlassung war Friedrich Trautmann, erster beamteter Sachbearbeiter Wilhelm Ober-Blöbaum, später kamen noch hinzu der Amtmann Paul Lück und Bauleiter Kurt Fürstenhaupt. Die Aufsicht des preußischen Landwirtschaftsministeriums wird ausgeübt durch das Landeskulturamt in Heide, das jetzt eine Verbindungsstelle im Lockstedter Lager hat.

16.05.1920
Die Freikorps sollten auf Anordnung des Reichswehrministers Noske am 29.Februar 1920 aufgelöst werden. Dem 3.Kurländischen Infanterieregiment, Anfang März in Munsterlager untergebracht, war zu diesem Zeitpunkt bereits mitgeteilt worden, daß die Freikorps definitiv aufgelöst würden, wer nicht in die Reichswehr übernommen werde, könne vom Landwirtschaftsministerium als Arbeiter übernommen werden, um dann nach Schleswig-Holstein ins Lockstedter Lager verlegt zu werden. Die nicht Übernommenen wurden aus dem Soldatenstatus entfernt und in den Arbeiterstatus mit Arbeitsvertrag vom Landwirtschaftsministerium übernommen. Am 14. und 15.Mai kamen Teile des ehemaligen 3.Kurländischen Infanterieregiments und der Maschinengewehrkompanie Württemberg unter der Führung der Offiziere Kiewitz, Freiherr von Schleinitz und Graf von Schwerin im Lockstedter Lager an, insgesamt spricht man von 500 Mann. Die Männer waren von Munsterlager zum Lockstedter Lager geschickt worden, ohne daß es eine vorherige Absprache zwischen den Kommandanturen gegeben hatte. Im Lockstedter Lager waren alle bewohnbaren Unterkünfte belegt, nur die verwanzten und verlausten Baracken der Kriegsgefangenen waren noch frei und in diese wurden die Baltikumer eingewiesen. Die Siedlergemeinschaft hat sich vorerst den Namen Siedlungsgemeinschaft "Kiewitz" gegeben.

20.05.1920
Von der ehemaligen Maschinengewehrkompanie Württemberg meldeten sich die vier Soldatensiedler, Dieterle, Ganser, Esserle und Pfefferle, freiwillig für die Urbarmachung des Meckelmoores am Kaiser-Wilhelm-Kanal bei Breiholz. Die Aufsicht über dieses Siedlungsprojekt wird im Auftrag des preußischen Landwirtschaftsministeriums durch das Landeskulturamt in Schleswig ausgeübt. (Sie blieben Angehörige der späteren Siedlungsgenossenschaft "Württemberg" in Hohenfiert / Springhoe. Esserle wanderte nach Amerika aus.)

26.05.1920
In den vergangenen Tagen wurden die ehemaligen Soldaten in Arbeitsgruppen eingeteilt, welche die Vorarbeiten für die Urbarmachung leisten sollen. Ihnen wurden die Gebiete um Ridders und Neubücken, Hohenfiert und Springhoe, Bücken und Hungriger Wolf zugewiesen. Das Abbrennen größerer Flächen mit Heidekraut ist in vollem Gange, Bäume werden gefällt, Wurzeln und Buschwerk gerodet. Bald wird mit dem Pflügen des Heidebodens begonnen, dazu setzt man Dampfpflüge ein, die mit achtscharigen Kippflügen den Boden umbrechen, und danach kommen Lokomotiven, die mit großen Eggen, den Boden geradeziehen. Eine vordringliche Arbeit ist die Entwässerung der vorhandenen Feuchtgebiete am Füsilierwald und Hohenfiert. Die Arbeiter haben einen Arbeitsvertrag, in dem ihnen ein Stundenlohn von 70 Pfennig zugesichert wird - nicht zugesichert wird ihnen die Aussicht auf eigenes Land.

♦ Anmerkung:
Die Siedlungsdirektion hat zur Urbarmachung den Dampfpflug eines eigenständigen Unternehmers bestellt. Der Dampfpflug umfaßt alle notwendigen Maschinen, dazu gehören: die selbstfahrenden Lokomobile, 1 Kohlewagen, 2 Wasserwagen, die Wagen für die 12 Mann starke Mannschaft, die für die Dauer des Einsatzes als Unterkunft und Küche vorgehalten werden, der Kippflug und die Pumpenkarren. Die Vorstellung, daß die Pfluglokomotive mit dem angehängten Pflug über das umzubrechende Land fährt ist also irrig. An jeder Pfluglokomtive ist unter dem Kessel eine waagerecht liegende Seiltrommel angebracht, die eine Stahltrosse von bis zu 500 Meter Länge aufnimmt. In der Regel arbeiteten zwei Pfluglokomtiven zusammen. Das Pflügen geschieht folgendermaßen. Die Lokomobile stehen sich in einiger Entfernung auf dem zu pflügenden Land gegenüber. Der mächtige achtscharige Kipppflug wird an die Stahltrosse angekoppelt und über das urbar zu machende Land hin- und hergezogen. Die Maschine auf deren Ende sich der Kippflug befindet, meldet die Arbeitsbereitschaft durch einem Pfiff mit der Dampfpfeife. Daraufhin fährt die andere Maschine ein Stück weiter vorwärts und beginnt, den Pflug über den Acker zu ziehen. Die Trosse des ersten Lokomobils bleibt mit dem Pflug verbunden, dadurch wird das Seil abgespult und zusammen mit dem Pflug zum anderen Lokomobil gezogen. Ist der Kippflug dort angekommen, stoppt der Maschinenführer der ziehenden Maschine den Seilzug. Der Pflug wird nun von den auf dem Pflug mitfahrenden Männern (Auf dem Pflug saßen anfangs 2 Mann, ein Lenker und ein Gehilfe zum Einsetzen und Kippen des Pfluges.) für das Pflügen in die andere Richtung gekippt. Die Bauform des Kippfluges macht das Wenden des Pfluges überflüssig. Mit dem Dampfpfeifensignal beginnt der Vorgang von neuem, diesmal in die entgegengesetzte Richtung.

01.06.1920
Die Demontage der gesamten Scheibenzuganlage hat begonnen. Als erstes wurden die Drahtseilrollen im Gerätehaus demontiert und zum Bahnhof gebracht. Wie verlautet, sollen die sämtlichen Rollen nach dem Senne Lager versandt werden. Die Dampfmaschine wird als nächstes von Arbeitern der Firma E. Bendel aus Magdeburg niedergelegt und wird nach einer Überholung im Werk in Sachsen-Anhalt wieder an den Militärfiskus zurückgegeben werden. Kohlevorräte sind keine mehr vorhanden, diese sind von Bewohnern des Lagers entwendet worden, eines Diebes wurde man nicht habhaft.

08.06.1920
Die Angehörigen der Soldatensiedlergenossenschaft werden erstmals am 07. Juni in Kellinghusen einen Ball veranstalten. Mit Ausnahme der Meckelmoor Siedler haben alle "Württemberger" ihr Kommen zugesagt. Es soll eine Gelegenheit sein junge Frauen kennenzulernen, da es sich herum gesprochen hat, daß man verheiratet sein sollte, mindestens aber verlobt wenn man sich hier um eine Hofstelle bewirbt.




16.06.1920
Zwei Pferde wurden gestern im Lockstedter Lager einer Siedlungsabteilung gestohlen. Wie wir hören, wurde gestern in Itzehoe und Wrist versucht, die Pferde zu verkaufen, was jedoch nicht glückte.

24.06.1920
Man schreibt aus Soldatensiedlerkreisen:
In großzügiger Weise wird der Siedlungsvorschlag des Landwirtschaftsministeriums an die zur Auflösung kommenden Freikorps, durch Siedlung auf Staatsländern den zwangsweise Entlassenen eine Heimstätte und sichere Zukunft zu schaffen, im Lockstedter Lager in die Tat umgesetzt. Seit nahezu einem Monat schon ist hier das ehemalige 3.Kurländische Infanterieregiment als Siedlungsgemeinschaft Kiewitz auf genossenschaftlicher Grundlage organisiert und eifrig am Werk. Als Siedlungsland hat das Landwirtschaftsministerium das Lockstedter Lager nebst Truppenübungsplatz und die staatlichen Torfmoore bei Itzehoe und Rendsburg zur Verfügung gestellt. Das ganze Gebiet, das zum Teil schon von Gefangenen urbar gemacht ist, wird durch staatliche Administration verwaltet. Jede Administration steht unter Leitung eines vom Landwirtschaftsministerium bestellten Fachmannes. Außer den ehemaligen Angehörigen des Regiments können solche Landwirte, Handwerker, Bauarbeiter zur Siedlung zugelassen werden, die sich im vorigen Jahre schon in Kurland angesiedelt oder sich den damaligen kurländischen Dorfgenossenschaften mit der Absicht späteren Siedelns angeschlossen hatten. Während dort die Tücke des Geschicks alle Pläne vereitelte, bietet ihnen hier der Staat eine Gelegenheit, sich durch harte aber zufriedenstellende Arbeit eine sichere Zukunft zu schaffen.
♦ Anmerkung:
Die Uniformierten tragen Zeichen ihrer Freikorpszugehörigkeit zur "Eisernen Division". Einige tragen das "Baltenkreuz" Ehrenzeichen, bei anderen ist das Totenkopfsymbol mit den gekreuzten Knochen auf der Stahlhelmvorderseite zu erkennen. Gleiches Symbol auf dem Schild mit der Aufschrift "Und Doch" bei dem nächsten Bild.

29.06.1920
Vor großen Veränderungen steht man hinsichtlich Verminderung des Truppenübungsplatzes Lockstedter Lager. Als solcher ist er jetzt vom Reichswehrministerium aufgegeben worden. Das Landwirtschaftsministerium hat ihn zu Siedlungszwecken übernommen. Teile des ehemaligen 3.Kurländischen Infanterieregiments haben sich zu einer Siedlungsgemeinschaft organisiert und die Urbarmachung umfangreicher Ödländereien des Platzes in Angriff genommen. Baracken des ehemaligen Russenlagers werden abgebrochen und in dem früheren Dorfe Ridders und dem Gute Bücken wieder aufgeschlagen. Von den an diesen Orten zu gründenden Kolonien aus soll die Bewirtschaftung des Bodens vorgenommen werden. Nach einigen Jahren gemeinschaftlicher Tätigkeit will man den einzelnen Angehörigen der Genossenschaft ein Stück Land von ungefähr 40 Morgen zur eigenen Bewirtschaftung überlassen, das durch langjährige Amortisation eigenes Besitztum der Siedler werden soll. Die Sage von dem Dorfe Ridders (der Ort soll vom Erdboden verschwinden, nach vielen Jahren aber zu schönerer Pracht auferstehen) kann jetzt seiner Erfüllung entgegengehen.

29.06.1920
"Soldaten Siedlungsverband Holstein" mit dem Sitz im Lockstedter Lager, das ist die amtliche Bezeichnung, die von der bisherigen Soldaten Siedlungsgemeinschaft "Kiewitz" angenommen ist. Seine Aufgabe sieht der Siedlungsverband in der Förderung der Soldatensiedlung durch Landerwerb, Bauten und Inventarbeschaffung. Er vertritt die Gesamtheit der Soldatensiedler gegenüber dem Landwirtschaftsministerium, das bekanntlich in erster Linie das Siedlungsland, Ackergeräte, Baracken, Kredite usw. zur Verfügung stellt und gegenüber sonstigen Kreditgebern und Gesellschaften. Den Siedlern gegenüber besorgt er vor allem die Geschäfte einer Spar- und Darlehenskasse. Die eigentliche Siedlungsarbeit selbst erfolgt in den einzelnen, dem Verbande angeschlossenen Soldaten Siedlungsgenossenschaften, die den kurländischen Dorfgenossenschaften nachgebildet sind. So besorgt z.B. die Dorfgenossenschaft Zahn den Wiederaufbau des als Zielobjekt von der Artillerie zerschossenen Dorfes Ridders im Lockstedter Lager und sie ist schon seit Wochen eifrig bei der Urbarmachung und Wiederbestellung der zugehörigen, seit über 20 Jahren brachliegenden Äcker und Gärten. Der auf solchen Ödländereien und auf holsteinischen Mooren gewonnene Kulturboden soll in Kolonate von 10 - 20 Hektar eingeteilt werden. Auf den so gebildeten Wirtschaftsheimstätten sollen die ehemaligen Kurlandkämpfer angesiedelt und ihnen Ersatz dafür geboten werden, daß sie im Baltenlande nicht die ihnen als Lohn für die Kämpfe zur Abwehr der Bolschewistenflut versprochene Heimstätte finden sollten. Gleichzeitig wird so das Ziel des preußischen Landwirtschaftsministeriums verwirklicht, durch Siedlung der heeresentlassenen Soldaten auf eigenem Grund und Boden den unverschuldeten, seßhaften Bauernstand zu vermehren und durch Kolonisation im Inneren dasjenige Kulturland zu ersetzen, das wir durch den uns aufgezwungenen Gewaltfrieden verloren haben. Die einzelnen Soldaten Siedlungsgenossenschaften sind vorläufig staatlichen Verwaltungen unterstellt, die im Auftrag des Landwirtschaftsministeriums das Siedlungsland bis zum Selbständigwerden der Soldatensiedler verwalten. Solche Verwaltungen befinden sich im Lockstedter Lager, im Klein Offensether Moor, im Lentföhrdener Moor bei Itzehoe und im Christiansholmer Moor bei Rendsburg.

06.07.1920
Hier ist bekannt geworden, daß in einem Moor bei Itzehoe einige Waffen im Heu versteckt aufgefunden und beschlagnahmt seien. Die Tatsache, daß in der Nähe ein Trupp Heeresentlassener beschäftigt wird, könnte leicht zu einem Schluß führen, der Beunruhigung in der Bevölkerung verursacht und wahrscheinlich auf die Soldatensiedler verallgemeinert wird. Deshalb sieht sich der Soldatensiedlerverband genötigt, ausdrücklich festzustellen, daß es sich an der genannten Stelle nicht um einen Teil der in dem Soldatensiedlungsverband Holstein zusammengeschlossenen Siedlungsgenossenschaften handelt, sondern anscheinend um Heeresentlassene, die dort als freie Arbeiter (nicht Ansiedler) Beschäftigung haben.




Morgen Ausgabe

Hamburger Nachrichten

Sonntag, den 1. August 1920

Neue Deutschritter

Auf dem Gebietes des Lockstedter Lagers bei Itzehoe - das von 1864 bis zum Zusammenbruche von 1918 ein weiter Artillerie-Schießplatz und Ödland von 5-6000 Hektaren war, und wo während des Krieges so mancher deutsche Jüngling zum Führer gebildet worden ist - da ist jetzt ein fleißiges Friedensschaffen. Sehnige Gestalten in denkbar anspruchsloser Gewandung ziehen lang ausschreitend hinter dem Pfluggespann über die Felder; der Dampfpflug wühlt unablässig den leichten Mineral- und Wiesenboden um, und hier und dort wird gehämmert und gesägt, daß wohnliche Baracken entstehen und mit halbwegs kulturmäßigen Einrichtungen ausgestattet werden.

Und die Scheibenstation und der massive Beobachtungsturm recken sich hoch über das Gelände und wundern sich des friedlichen Treibens und begreifen nicht, daß gar keine Granaten und Schrapnells mehr über das Brachfeld sausen und die weite Fläche, ein Stück nach dem anderen, sich in Ackerkrume verwandelt.

Die hier am Werke sind und Neuland schaffen, das sind Leute, denen wir viel zu danken haben. Unsere Baltiker sind es. Deutsche Männer aus deutschen Landen, die einst gen Osten zogen weil ihnen die Heimat verschandelt worden war. Die Seele ihrer Heimat war im Bruderblute des Umsturzes untergegangen. In den Städten raste der Pöbel. Die große Liebe, um die sie an allen Fronten gestritten hatten, die hatte ihnen gelogen. So zogen sie hinaus in Baltenland, sich eine neue Heimat zu gründen; und waren nun die neuen Deutschritter, auf Gedeih und Verderb aneinander geschmiedet.

Aber des Feindes Wille zwang die neue deutsche Regierung, die "Oostlandreuter" zurückzurufen. Die gehorchten nicht; und wurden in einer Zeit, da es nirgends mehr Gehorsam gab, als die einzigen erfunden, die ein tief sittliches Recht zum Ungehorsam hatten. Die neuen Deutschritter griffen wieder zum Schwert, ihre Heimat zu schützen. Da sperrte Englands Machtanspruch und Deutschlands Schwäche die Zufuhren und die Grenze; und trieb sie an die Seite der russischen Kameraden. Da hat noch mancher deutsche Jüngling sein Leben lassen müssen. Und sie haben geschossen bis zur letzten Patrone - dann mußten sie den Rückzug antreten; umbelfert von der lettischen Meute, unter dem Feuer britischer Schiffsgeschütze abgeschnitten von heimatlicher Hilfe. Und als sie wieder in der alten Heimat standen, da waren sie "verdächtig" geworden. Wer die Heimat so liebt wie sie, der ist heute "verdächtig".

Viele von ihnen sind unter deutscher Anfeindung und Freundesverrat und Verfolgung zusammengebrochen. Aber der Kern blieb eisenfest. Sie haben sich durchgeschlagen und durchgebissen. Und wenn sie diese Zeilen lesen, sollen sie wissen, daß es in der Heimat noch Deutsche gibt, die wissen, wofür wir ihnen zu danken haben.

Nun sind sie wieder dabei, sich unseres Dankes wert zu machen.

Als am 12. Mai die "Marinebrigade Erhard" aufgelöst wurde und als solche nichts mehr fürs Vaterland tun konnte, da wurden sie "vom Landwirtschaftsministerium" übernommen und zogen ohne Waffen zum Lockstedter Platze. Das Reich stellte Mittel bereit für Löhnung und Verpflegung; und eine Vermittlungsstelle sorgt für geregelte Bewegung im Pendelbetrieb zwischen den beteiligten Ministerien.

"Was sie in diesem Rahmen betreiben, nennt sich innere Kolonisation. Nicht etwa, wie mancher meint, nach dem "System Schmude". Schmude betreibt Gartensiedlungen von Industriearbeitern, die tagsüber in der Werkstatt schaffen - hier aber werden deutsche Bauern gemacht. Zu dem Ende bearbeiten sie das Ödland in wundervoller Gemeinschaftsarbeit. Sie haben eine Genossenschaft gegründet, in der einer dem anderen hilft. Die Einteilung der ganzen Genossenschaft hat sich aus der Einteilung ihrer früheren Truppenverbände ergeben. Jede Unter-Genossenschaft wählt sich ihre Führer; und - merkwürdig genug: sie alle, ohne Ausnahme, hatten sich ihre früheren Kompanieoffiziere wiedergewählt, an denen wohl doch etwas dran sein muß. Die Leitung der ganzen Genossenschaft liegt beim Hauptmann Kiewitz und seinem Stellvertreter Graf v. Schwerin.

Das Ziel ist: jedem eine Bauernstelle von 15-20 Hektar zu verschaffen, daß er frei auf eigener Scholle leben kann. Dann wird sich jeder seine Liebste antrauen lassen und wird sie in das neue Heim holen.

Bis dahin ist aber noch viel zu tun. Einstweilen wohnen sie noch höchst primitiv in Holzbaracken, Bett an Bett. Ihr Inventar haben sie aus dem Kriege mitgebracht; also, daß sie wenigstens auf richtigen, nicht Papierstrohsäcken schlafen. Genährt werden sie noch aus Heeresproviant Beständen. Es sollen sich nun Dorf-Genossenschaften entwickeln. Sie leben vollkommen in der Tradition der Deutschritter, der Brüder vom deutschen Hause. Wer nicht zum Leiter gewählt ist, tut denselben Dienst wie alle; gleichviel ob er vordem Landsknecht oder Junker oder Leutnant oder Hauptmann war. Unverfälschter völkischer Idealismus hält sie zusammen; einer steht für alle, alle für einen. Und doch sollten die städtischen Soldaten einmal ansehen, wie musterhaft hier gegrüßt wird, und welcher deutschritterliche Ton hier draußen herrscht.

Eine Rundfahrt durch das ganze Gebiet hat meine seelische Reisetasche mit einer Menge der angenehmsten Eindrücke gefüllt. Tiefbraun gebrannte Leutnants mit schwieligen Fäusten, die mitten dazwischen handwerkern. Eine Genossenschaft hat der anderen zwei gelernte Maurer gepumpt, die in ihrer Baracke einen Herd bauen sollen; dafür pumpt die ihr wieder ein Stück Weideland für ihre Kühe. (Denn Kühe sind jetzt überall auf der Weide; und darum bekommen wir feine Butter. Auch unsere Deutschritter essen Margarine und feine Butter). Auf dem Felde fährt die Gulaschkanone von einer Gruppe zur anderen und spendet Bohnen- und Erbsensuppen. Wenn erst überall Herde fertig sind, werden sie sich auch manchmal etwas braten können. Es muht und blökt und grunzt schon viel versprechend im Betriebe.

Die ganze Genossenschaft ist 650 Mann stark. Davon arbeitet jetzt die Hälfte auf dem Lager Areal; die andere außerhalb in Mooren. Das Lager selbst ist recht schmuck angelegt. Es hat dort noch solide Baue, die das Militär angelegt hat; und eine schattige Allee führt mitten hindurch. Der Kasinobau ist sehr geräumig und enthält viele Zimmer, Gesellschaftsräume und einen mächtigen Saal. Das wird später die Vergnügungszentrale sein; zur Zeit verkrümeln sich unsere Deutschritter Sonntags noch in den Tanzsälen von Itzehoe. Der Kulturforscher vermutet, weil es dort junge Itzehoerinnen geben soll.

Das Ganze nennt sich: "Soldaten-Siedlungs-Verband-Holstein". Das ist mir zu lang; ich bleib die den "Deutschrittern", denn das sind sie. Hauptmann Kiewitz wird nun zum Frühjahr richtige Dörfer anlegen und zweckmäßig verteilen . Später gedenkt er auch Schulen für Landbau, Gärtnerei und Viehzucht zu errichten; vielleicht mit Hilfe der schleswig-holsteinischen Bauernvereine.

Freilich, ganz klar bin ich mir noch nicht, wie sich formell der Betrieb gestalten wird. Es geht diesem Unternehmen wie weiland dem guten Homer; um dessen Geburtshaus sich eben die Städte in den Haaren liegen. So ringen im Lockstedter Lager vier Stellen um die Palme: das Reichswehrministerium, das Heeresbestände zu verwalten hat und zu dem Ende durch einen General und eine Wache vertreten ist. Dann das Reichsschatzministerium (da doch das Reich das Geld hergegeben hat) und durch das preußische Landwirtschaftsministerium (vertreten durch Administratur), das zwar kein Geld hat aber sich mit dem Reichsschatzministerium in die Eigentums-Gerechtsame zu teilen scheint. Endlich die Deutschritter, die nicht Eigentümer, aber Besitzer und Bearbeiter sind. Außerdem ist noch ein Gefangenen Durchgangslager da. Das ist eine Schleuse, durch die deutsche und verbündete Gefangene aus Sibirien den pp. Heimaten zugeleitet werden. Die Türken, die man überall hier bummeln sieht, sind s.Z. von Kleinasien durch Bulgarien und Serbien nach Ungarn zur Front gekommen; etwa bei der Brussilow Offensive gefangen genommen und nach Sibirien geschleppt - nun reisen sie in weitem Bogen um ihre Heimat herum: von Irkutsk zum Amur, nach Wladiwostok über Japan, Malakka, Suezkanal nach Hamburg - und von hier aus endlich heimwärts, sobald sich die Gelegenheit bietet. Das ist etwa so, als wollte ich vom Rathausmarkt zum Hauptbahnhof mit der Hochbahn über Landungsbrücken, Eppendorfer Baum, Barmbek, Mundsburg, Berliner Tor fahren.

Wenn aber nun das Reichsgeld aufgebraucht ist (bei 30 Mark Tageslohn für zehnstündige Arbeit), was soll man dann am besten machen, da doch das Landwirtschaftsministerium kein Geld hat? Ich denke da an Unterstützung durch eine Gesellschaft privater Finanzleute (bei ganz geringer Verzinsung, die die Genossenschaft gern leisten würde); unter Hinzuziehung natürlich der beiden Grundbesitzer (Reichsschatz- und Landwirtschaftsministerium). Aber das wird sich noch alles finden; die Hauptsache ist, daß sie da sind und schaffen.

Und dann: daß sie Schulemachen. Über ganz Deutschland sollte solche innere Kolonisation betrieben werden. Wir haben ja jetzt den Vorzug, hunderttausend Mann Reichswehr entlassen zu dürfen. Wie könnte man die besser ansiedeln, als zu solchem Werke! Unsere Deutschritter machen es ihnen ja vor und rufen sie auf, es ebenso zu machen, und wollen ihnen dabei helfen. Es stehen ihnen noch weitere Ansiedelungsflächen zur Verfügung: das Moor von Lentföhrden (S.G. "Livland" und "Kurland"); ferner Ländereien am Kaiser Wilhelm Kanal (S.G."Württemberg", "Christiansholz"); endlich Moore der staatlichen Administration Dauenhof-Bockelseß. Da sollen sie Hütten bauen. Und dann rings im Vaterlande, wo immer es Ödländereien gibt. Da kann das Sehnen nach Land und eigenem Besitz als freier Bauer auf freier Scholle, in Erfüllung gehen; und in deutschritterlichen Dorf-Genossenschaften werden unsere, Volke neue Kraftquellen erschlossen werden.

Fürwahr, nach solchem Zusammenbruch und so bitteren Enttäuschungen den Kopf hoch zu behalten und aufs neue sich den Dank der Heimat zu verdienen - das ist echt deutschritterlich. Darum sollen sie den Ehrennamen erhalten.

Thomas Hübbe.

Anmerkung:
In den "Hamburger Nachrichten" sind die gleichen Fotos wie im "Illustrierten Blatt" und "Die Wochenschau" gedruckt.




Das Illustrierte Blatt

Nr.32 VIII Jahrgang 1920

Frankfurt a.M. 3.August 1920

Soldatensiedler im Lockstedter Lager

Nach all dem Leiden und Dulden im männermordenden sinnlos zerstörenden Krieg fiel wie ein erlösend kräftig Zauberwort ein kerngesunder Gedanke in viel hunderttausend kampfesmüd gewordene Seelen, ein Gedanke, in dem sich Sehnen und Suchen, Hoffen und Beten, Lebenswille und Arbeitsfreudigkeit vereinen: Siedeln! Eigene Scholle, eigenes Heim, freies Regen starker Arme, neues Leben, ein frisches Mitarbeiten am Wiederaufbau unserer Wirtschaft und unseres Volkstums. All das liegt in dem Zauberwort Siedeln. Tagtäglich und immer wieder hämmert das Schicksal unseres gequälten Deutschland dieses Wort als Notwendigkeit und Ausweg aus tausend Nöten in Köpfe und Herzen. Unendlich sind aber die Schwierigkeiten, die sich dem freudig zugreifenden wie dem sorgsam bedenkenden Siedlungswilligen in den Weg stellen. Fast noch schlimmer als die unerschwinglich hohen Kosten ist der Mangel an Baustoffen für die Gebäude, sind die bürokratischen Hemmnisse der Landbeschaffung, sind die Schwierigkeiten, Ackergeräte und Vieh zu erhalten und zu bezahlen. Schier unmenschliche Zuversicht, Unverdrossenheit, Tatkraft gehören dazu, sich dennoch durchzubeißen. Und vor allem Bescheidenheit, Einfachheit und heitere Zufriedenheit mit dem Primitivsten, Notdürftigsten, was noch eben das Leben möglich macht. Wo sind aber solche Eigenschaften noch zu finden? Als im April dieses Jahres die Baltikumtruppen und andere militärische Verbände, die in jahrelanger Kampfesgemeinschaft des Lebens Härte kennen gelernt hatten und die Genügsamkeit und Mühsal gewohnt waren, aufgelöst und dem Wirtschaftsleben wieder zugeführt werden mußten, suchte man nach Wegen, diese Leute vor Erwerbslosigkeit zu schützen. Ein großer Teil konnte nicht ohne weiteres in produktiver Arbeit Versorgung finden. Da machte das preußische Landwirtschaftsministerium den großzügigen Vorschlag, den unversorgt Entlassenen durch Siedlung auf Staatsländereien eine Heimstätte und sichere Zukunft zu schaffen. Dieser Vorschlag wurde im Lockstedter Lager in Holstein in die Tat umgesetzt. Das ehemalige 3.Kurländische Infanterieregiment,das unter seinem Führer Hauptmann Kiewitz der Eisernen Division angehörte und an allen Gefechten in Kurland teilnahm, schloß die siedlungslustigen Regimentsangehörigen zur Siedlungsgemeinschaft Kiewitz zusammen und erhielt als Land vom Landwirtschaftsministerium das Lockstedter Lager nebst Truppenübungsplatz und die staatlichen Torfmoore bei Itzehoe und Rendsburg zugewiesen. Der Truppenübungsplatz umfaßt 18 000 Morgen, ein Teil der Moore ist schon im Kriege durch Gefangene urbar gemacht worden. Das ganze Gebiet untersteht staatlichen Administrationen, jede Administration unter Leitung eines vom Landwirtschaftsministerium bestellten Fachmanns. Außer den Angehörigen des Regiments können solche Handwerker und Bauarbeiter zur Siedlung zugelassen werden, die sich im vorigen Jahr schon in Kurland angesiedelt oder sich den damaligen kurländischen Dorfgenossenschaften mit der Absicht späteren Siedelns angeschlossen hatten. Die Organisation der Arbeit ist so gedacht, daß zunächst einmal durch Urbarmachung der Ödländereien und Moore der Kulturboden gewonnen wird, auf dem dann die selbstaufgebauten Gehöfte entstehen sollen. Es wurden deshalb zunächst sieben Soldaten Siedlungsgenossenschaften gebildet, und unter sie das urbar zu machende Land verteilt. Zur Vertretung nach außen schlossen sich die Genossenschaften zum Soldaten Siedlungsverband "Holstein" mit dem Sitz im Lockstedter Lager zusammen. Für die Kultivierungsarbeiten zahlt das Landwirtschaftsministerium als Arbeitgeber Tarifmäßige Löhne, außerdem wird militärische Verpflegung gewährt, die natürlich durch freien Ankauf von Lebensmitteln aus den Lohngeldern verbessert werden kann. Jedes Genossenschaftsmitglied muß sich aber verpflichten, täglich von seinem Verdienst 5 Mark als Ersparnis und zur Einzahlung als Genossenschaftsanteil an die Genossenschaftskasse abzuführen. Zur Ausrüstung und Unterstützung für ihre Arbeiten sind den Soldatenverbänden vom Reichswehrministerium aus Truppenbeständen alles als Wirtschaftsgerät und Einrichtungsgegenstand Brauchbare, ferner viele Pferde und Wagen überlassen worden. Unter der Leitung von Fachmännern, die in der Moor- und Ödlandkultur Erfahrung haben, vollbringen die ehemaligen Kampfgenossen und künftigen Soldatenbauern ihr Tagwerk. Besondere Trupps brennen in sachkundiger Weise die urbar zu machenden Heideflächen ab, andere Trupps roden in mühsamer, unverdrossener Arbeit Bäume und Gestrüpp aus und gewinnen damit Brennholz und Baumaterial, wieder andere ziehen allmorgendlich im langen Zuge der Gespanne hinaus und pflügen die gesäuberten Flächen um; lange Entwässerungsgräben werden ausgehoben, das Land trainiert, Wege gebaut, um von überall her an das Ackerland und die Gehöfte heran zu können. Wo aber das Land im Rohen umbrochen ist, geht abermals der Pflug darüber hin, und mit Hacke und Spaten richten die Reihen der froh zusammenarbeitenden Siedlergenossen die Scholle für Gemüse, die erste Nahrung auf dem Eigenboden, her. So wächst allmählich der Siedler in die kommenden landwirtschaftlichen Arbeiten der Feldbestellung hinein. Aber viel Schweiß kostet es, und die etwas ungewöhnliche Art der Bekleidung oder vielmehr Nichtbekleidung, wie sie auf den Bildern zu sehen ist, zeigt deutlich, daß sich die wackere Schar der Soldatensiedler in die neuen Arbeiten bei höheren Temperaturen erst noch hineinfinden muß. Neben den landwirtschaftlichen Arbeiten gehen die Vorbereitungen für die künftige Bautätigkeit einher. Für die erste Unterbringung der Siedler konnten Holzbaracken des Lockstedter Lagers benutzt werden. Mit gutem Geschick und der im Schützengrabenleben des Krieges erworbenen Findigkeit hat man die wenig anheimelnde Einrichtung dieser Gebäude ergänzt und gemütlicher ausgestattet. Alle Baracken und Gebäude, die als Unterkunftsräume überflüssig geworden waren oder sonst nicht mehr ihren Zweck erfüllen konnten, hat man abgebrochen und wertvolles Baumaterial daraus gewonnen. Das Holz, die Balken und Bretter, wurde sorgsam aufgestapelt, die Ziegelsteine abgeputzt und für die künftigen Gehöfte vorbereitet. So werden in planvollem Zusammenarbeiten und in sorglich durchdachter Reihenfolge alle Schritte getan, die auf das große Ziel einer sich selbst tragenden und Volkswirtschaftlich nützlich sich eingliedernden Genossenschaftssiedlung hinführen. Bis dahin ist freilich noch vielerlei zu leisten, gar manche Enttäuschung wird man in Kauf nehmen müssen, aber auch viel Freude im täglichen Zusammenwirken Schulter an Schulter erleben. Und sobald die ersten kleinen Erfolge kommen, die ersten Früchte reifen, wird auch das Schwerere leichter getragen. Gewiß: Gut Ding will Weile haben, man muß sich also immer wieder in Geduld fassen, wenn es gar zu langsam gehen will. Gar mancher Siedler hat schon bei den ersten Hemmungen die Flinte ins Korn geworfen und das Siedeln aufgegeben, weil es nicht gleich im ersten Jahre alle Träume reifen ließ; aber besser ist's wohl, in der Bescheidenheit des kleinsten Anfangs die Hoffnung zum Größeren zu schöpfen wie jene Soldaten, die nach getaner Arbeit bei ihren Kaninchen, Hühner und Schafen Freude finden und von Milchkühen und fetten Ochsen und Schweineherden ihres künftigen Siedlerhofes träumen. Abseits vom Getriebe der Großstadt und abseits von verhetzender Politik gewinnen die Siedler ein schönes Verhältnis zur Natur und werden für das was sie entbehren müssen, wirklich entschädigt. Sie lernen den Boden, den sie mit großer Mühe urbar machen müssen, lieben und die eigene Scholle, die hier für jeden entsteht, wird dem Besitzer einst doppelt wert sein, da er hier nicht nur auf seinem Grund und Boden sitzt, sondern dieses Stück Erde selbst zu seinem Heim umgeschaffen hat. Es ist zu hoffen, daß noch recht viele solcher Siedlungen entstehen und zu ermutigenden Erfolgen führen, die immer die beste Propaganda für den Siedlungsgedanken bleiben werden, der so kerngesund ist und unter all dem Niederdrückenden, das wir täglich erleben, etwas Aufmunterndes, Verheißungsvolles hat.



21.08.1920
Das "Berliner Tageblatt" titelt unter der Überschrift "Was geht vor im Lockstedter Lager" am 21.August 1920. Die im Artikel gemachten Mitteilungen entsprechen nicht den Tatsachen. Die Leitung des Siedlungswerkes im Lockstedter Lager und in den hierfür vom Landwirtschaftsministerium zur Verfügung gestellten fiskalischen Mooren liegt nicht in den Händen das Hauptmann Kiewitz, des Grafen von Schwerin und des Freiherrn von Schweinitz, sondern in den Händen des Landwirtschaftsministeriums, das dafür eine besondere Vermittlungsstelle eingerichtet hat. Die Geschäftsführung der Vermittlungsstelle liegt in den Händen eines zuverlässigen Beamten des Ministeriums: Hauptmann Schmude ist dieser Stelle beigegeben. Er hat von Anfang an die Verhandlungen mit den Truppen des Munsterlagers geführt. Die hauptsächlichsten Bedingungen der getroffenen Abmachungen bestanden darin, daß den Truppen an den betreffenden Arbeitsstätten Verpflegung und Arbeit bei entsprechender Entlohnung mit der Aussicht auf Siedlung geboten werden sollte, wogegen sich die Truppe verpflichtete, vor der Überführung in die Arbeitsstätte die Waffen abzuliefern und sich jeder politischen Betätigung zu enthalten.




24.08.1920

Lockstedter Lagermärchen!

Das "Hamburger Echo" hat gern hellhörige Ohren für alles, was im Bereiche der so genannten bürgerlichen Reaktion getrieben und gedacht wird. Es wäre gar nicht so schade, wenn es die gleiche Hellhörigkeit auch nach links bewiese. Aber auf dem linken Ohr scheint es meist taub zu sein. Gestern hat es sich wieder aus dem Lockstedter Lager eine Schauergeschichte erzählen lassen, wo bekanntlich nach dem Beispiel des Hauptmannes Schmude entlassene Soldaten mit dem Bau einer Siedlung und Urbarmachung des Ödlandes beschäftigt sind. Aber das ist nach Meinung des "Echo" nicht der eigentliche Zweck der Arbeit. Wir lassen darum das "Echo" selber sprechen, was es zu sagen weiß: "wir verlangen aber auf das energischste, daß die Gelder des Steuerzahlers keine mißbräuchliche Verwendung finden. Und solches geschieht, wenn die Leiter der so genannten "Ansiedlung" in aller Öffentlichkeit erklären können: "unsere Aufgabe ist es, den Staat, der unseren Forderungen geneigt ist, zu stützen, oder, wenn er nicht besteht, einen solchen Staat zu bilden!" - Kapp Putsch 2.Auflage! Die Leitung des "Soldaten Siedlungsverbandes Holstein" liegt in den Händen des Hauptmannes Kiewitz, Graf von Schwerin, Freiherrn von Schleinitz usw. --! Ist der Regierung die Verbandstagung des Soldaten Siedlungsverbandes am 01.August 1920 so ganz unbekannt geblieben? In aller Öffentlichkeit hätte sie dort erfahren können, daß ihre Siedler keine Landwirte sind, sondern politisierende Soldaten, welche die Ansiedlung als notwendiges übel bis zum nächsten frisch fröhlichen Losschlagen betrachten. In einem Vortrag des Hauptmann Kiewitz über "Politik und Siedlung" führte er aus, indem er die Folgen der bolschewistischen Erfolge auf Deutschland ausmalte, man müsse jetzt alle Zügel anstraffen, vor allem den Draufgängermut der Mannschaften noch zurückhalten, um keine Kräftezersplitterung und keine Gefährdung des Einzelnen eintreten zu lassen. Eine Hauptaufgabe sei es ihm gewesen, von Grund auf eine Klärung und Scheidung der Geister herbeizuführen. Dies sei ihm gelungen, indem man Sozialdemokraten und Demokraten restlos aus dem Verbande herausgeschmissen habe!" Die so geschaffene reine Bahn solle durch keine fremde Einmischung in das "Siedlungswerk" gestört werden, denn niemand kenne die eigene Psyche, sie sei auch niemanden anzulernen. Aus diesem Grunde könnte man auch Hauptmann Schmude (von der Regierung mit der Organisation des gesamten Siedlungswesens betraut) keinen Einfluß auf den Gang der Dinge gewinnen lassen, obschon sich dieser bereits etwas "getreten" fühle. (!) Er (Kiewitz) sehe folgende politische Entwicklung in Deutschland voraus: Der Bolschewismus kommt und wird ungehindert und schnell in Ost- und Mitteldeutschland Fuß fassen. Dieser Tatsache werde ebenso rasch der Abfall ganz Süddeutschlands der Westlande und wahrscheinlich Schleswig-Holsteins folgen. Mit diesem Zeitpunkt sei der Tag des aktiven Eingreifens gekommen. Erste Aufgabe sei es dann Schleswig-Holstein zu schützen und die Truppe zu einem Mittelpunkt des Gegenstoßes zu machen und dann - nach Erreichen dieses Zieles - werde die militärische Operation über Schleswig-Holstein hinaus ins Reich getragen werden können, um dem Lande eine Regierung zu geben, die sie ( die "Grafen Siedler") wünschten und die ihren Wünschen und Forderungen geneigt wäre. - Oder mit den ergänzenden Worten des Grafen Schwerin: wir werden diejenigen sein, welche diese kommende deutsche Regierung in den Sattel heben werden!" (!!) Wir zweifeln nicht, daß die Siedlungsleiter im Lockstedter Lager sich gegen solche Märchen energisch verteidigen werden, die nur dazu angetan sind, das sozial so bedeutsame Siedlungswerk zu verunglimpfen. Außerdem schmeckt die Mitteilung des "Echo" stark nach Tendenz."


31.08.1920
Zu den Erörterungen über die Soldatensiedlung im Lockstedter Lager ergreift jetzt auch der preußische Landwirtschaftsminister das Wort. Er schreibt, daß bei Bereisung der Arbeitsstellen Waffen nicht festgestellt wurden. Die Mannschaften hätten Arbeitsgemeinschaften gebildet, denen soeben größere Flächen zur Kultivierung überwiesen würden. Die fertiggestellten einzelnen Kolonate sollen Mitgliedern der Arbeitsgemeinschaften auf Grund eines Rentengutvertrages, den der einzelne mit der Regierung abschließt, übertragen werden. Die Leistungen der Mannschaften auf dem Gebiet der Landeskultur seien bisher zufriedenstellend gewesen. Es seien erneut Nachforschungen nach etwa versteckt gehaltenen Waffen angeordnet worden. Wenn Waffen vorhanden sein sollten, würden die Mannschaften sich einer Verletzung der Abmachungen schuldig gemacht haben. Die Leitung des Besiedelungswerkes und in den hierfür vom Landwirtschaftsministerium zur Verfügung gestellten fiskalischen Mooren liege nicht in den Händen des Hauptmannes Kiewitz, des Grafen von Schwerin und des Freiherrn von Schweinitz, sondern in den Händen des Landwirtschaftsministeriums, das dafür besondere Vermittlungsstellen eingerichtet habe.





01.09.1920

Alarmnachrichten des Berliner Tageblattes

Die Vorgänge im Lockstedter Lager.

Die tendenziösen Alarmnachrichten des Berliner Tageblattes und seiner Gefolgschaft eines Teiles der linksstehenden Presse haben die Aufmerksamkeit weiter Kreise auf eine Anzahl Männer gerichtet, die auf weltabgelegenen Ödlandstrecken harte Kultivierungsarbeit leisten. mit der leider noch nicht verbrieften Aussicht auf spätere Ansiedelung, die Soldaten-Siedler des preußischen Landwirtschaftsministeriums.

Dem Umfang der Presseberichte und der Leidenschaftlichkeit ihres Tones nach zu urteilen, mußte es sich hier um eine Riesenorganisation handeln, die bezweckte, im früheren Truppenlager Lockstedt ein Heer zu bilden, um damit von Schleswig-Holstein aus gegen Berlin vorzurücken und einen blutigen Kampf zu führen gegen alles, was Demokrat oder Sozialdemokrat ist. Hierzu sollten auch schwere Mengen an Waffen, Munition insbesondere Maschinengewehre, in sicheren, teilweise unterirdischen Verstecken bereitgehalten werden. Dafür sprach auch das Streben der Siedler, unter Ankauf des Siedlungsgeländes durch eine Gesellschaft einen neuen Bundesstaat zu gründen, von dem allerdings noch nicht feststand, ob die auswärtigen Großmächte in ihm nur einen Geschäftsträger oder lieber eine Gesandtschaft unterhalten würden.

Anstatt zu pflügen, wurde auf den verschwiegenen Flächen des Truppenübungsplatzes geübt und mit Hacke und Spaten Griffe gekloppt!

Ein Hauptmann führte sie an, ein richtiger Graf war auch dabei, beide sollen sie durch Reden zu diesem Tun begeistert haben, allerdings unter lebhaftem Widerspruch der Anwesenden, die doch lieber Kohl bauen wollten.

Selten ist eine entsagungsreiche, mit schwersten Anfangshindernissen kämpfende Arbeit ernster Männer mit solcher Leichtfertigkeit zu verunglimpfen versucht worden, wie hier durch die Effekthascherei gewisser Blätter.

Die Angaben waren, abgesehen von willkürlichen Verdrehungen, einfach aus der Luft gegriffen und haben ihre preßgesetzliche Berichtigung erhalten. Das Wolffbüro mußte herhalten, um nochmals, als die Unwahrheit der Behauptungen bereits amtlich feststand, mit einer Art offiziöser Bestätigung die öffentliche Meinung zu verwirren. Inzwischen hat das Landwirtschaftsministerium bereits die Klarstellung veranlaßt.

Die sofort eingeleitete Untersuchung ergab die ganze Haltlosigkeit der Behauptung des Hetzartikels, insbesondere auch in der Frage der Waffen - gegen den Willen der Vorgesetzten - von den entlassenen Soldaten mitgeführt worden, aber nur aus Sorge, auf dem Transport ebenso überfallen zu werden, wie es mit dem Bataillon des Hauptmanns Berthold im März in Harburg geschah. Auch von geheimnisvollen Kanonen wußte die Mär zu berichten. Die Waffen, es handelt sich hauptsächlich um Handgranaten, waren längst ordnungsgemäß abgenommen worden. Außerdem fand eine von den Siedlern selbst beantragte polizeiliche Haussuchung statt. Aus Anlaß des Hetzartikels wurde nun nochmals alles umgedreht, sogar die Dielen mußten weichen und die verschwiegensten Orte wurden mit "verhaltenem Atem" beaugenscheinigt. Zwei verrostete Handgranaten, die nicht mehr abbrannten, und 28 alte Infanteriepatronen waren das Ergebnis. Parturiunt montes, nasetur ridiulus mus. (Es kreißen die Berge und eine Maus kommt heraus)

Die Quelle, aus der dem "Gewährsmann" jener Blätter die halbverdauten Weisheiten über die angebliche Siedlerpolitik zugeflossen sind, läßt sich aus manchen Anzeichen erkennen. Spitzel und unlautere Elemente, die wegen Veruntreuungen und bewiesener Arbeitsunlust aus dem Verbande der Siedler - und zwar durch diese selbst - ausgeschlossen waren, reichten sich vergnügt die Hand. Sie fanden bereitwillige Unterstützung in den Kreisen, die sich durch die Soldatenansiedlung in ihrer Existenz bedroht sehen oder in der Erwartung, selbst an der Aufteilung des Platzes mitzuwirken, getäuscht haben. Die dienstliche Teilnahme eines Teils der Siedler an den Kämpfen in der Nähe Berlins während der Märzunruhen hatte auch zu einer parteipolitischen Gegenarbeit in der näheren Umgebung geführt, die bereits vor Wochen klar in die Erscheinung trat und über die die zuständigen Behörden unterrichtet waren.

Ein Jüngling, der für gewisse Kreise in Kiel bei den Siedlern Waffen zu "kaufen" versuchte, erhielt die verdiente Tracht Prügel und rächte sich durch "genaue Angaben" über 60 versteckte Maschinengewehre, über deren Ort er an die "wohlunterrichtete Seite" sogar eine Skizze eingereicht haben soll.

Der Grund für die ganze Preßhetze liegt natürlich tiefer. Es ist die Zeit, daß der Reichstag über die Bewilligung weiterer Mittel für die Soldatensiedlungen befragt werden soll. Die Hoffnung jener Kreise, daß die entlassenen Soldaten nicht arbeiten würden, hat enttäuscht, im Gegenteil, sie haben für Anfänger in der Landwirtschaft - und das sind die meisten - unerwartet Gutes geleistet. Ihr Betätigungsdrang dort, wo sie in der einzig möglichen Art, kompagnieweise unter ihren alten Führern auf dem Siedlungsland angesetzt wurden, ist oft so stark, daß die technischen Maßnahmen nicht immer Schritt halten konnten. Oft mußten sie zur Selbsthilfe greifen, sonst wäre ihr Werk am Dienstwege und durch Zuständigkeitsfragen zugrunde gegangen.

"Nun rasch noch eine kleine Verdächtigung, damit wir im Reichstag auch kräftig losziehen können gegen die politisierenden waffenstarrenden Soldatensiedler, immer bleibt etwas hängen" so dachten die Siedlungsfreunde im Mosse Hause.

Und warum das alles? Weil sie die Furcht packt, daß dort oben in die frischen Furchen deutscher Heimaterde Männer gesät werden könnten, die die Weltanschauung des Berliner Tageblattes nicht teilen, und Geschlechter heranwachsen, die auf ihr deutsches Vaterland wieder stolz sein wollen.

02.09.1920
Ministerpräsident Braun besichtigte am Dienstag das Lockstedter Lager, dessen Erschließung und Besiedelung mit größtem Nachdruck gefördert wird. Abends fand eine Versammlung sämtlicher Soldatensiedler statt. Der Ministerpräsident führte in einer längeren Ansprache aus, der Gedanke, die Kultivierung von Heide und Moor mit der Soldatensiedlung zu verbinden, sei ihm besonders lieb. Die noch harrenden großen Schwierigkeiten würden auch durch die Tatkraft der Siedler und von den Führern, wie Hauptmann Schmude, zweifellos überwunden. Vertiefung des kameradschaftlichen Gefühls und Verzicht auf politische Sonderbestrebungen seien aber dazu notwendig. Niemand brauche deshalb als freier Mann seine politische Überzeugung zu opfern; aber alle Kraft müsse dem Siedlungswerk gehören. Er werde alles daran setzen, so rasch wie möglich völlige finanzielle und wirtschaftliche Klarheit für den Siedlungsplan zu schaffen, so daß die Siedler, wenn jeder Einzelne seine Pflicht tue, bald als freie selbständige Männer auf ihrer Scholle sitzen würden. Die Siedler sollten bald den Siedlungsvertrag bekommen und damit eine endgültig feste Existenzgrundlage. Auf eine Reihe von Bitten und Vorschlägen aus der Mitte der Versammlung gab der Ministerpräsident ausführliche Erklärungen über die bisher im Wege stehenden technischen Schwierigkeiten ab und erläuterte den Gang der vermögensrechtlichen Auseinandersetzung zwischen Reich und Preußen über das Siedlungsland. Er teilte mit, daß eine Kommission unter dem Staatssekretär Ramm, bestehend aus Reichs- und Staatskommissaren, in wenigen Tagen zur Besichtigung erscheinen werde, um das letzte Material für die Unterhandlungen zu gewinnen und Verträge zu schließen. Dann würden die Siedlungsgenossenschaften als selbständige Körperschaften die Festsetzung der einzelnen Bedingungen in der Hand haben. Der Ministerpräsident schloß mit der Aufforderung, die Zähigkeit des holsteinischen arbeitsamen Menschenschlages ringsum zum Vorbild zu nehmen und sich in dem Bewußtsein, dem Boden wirkliche Werte für Volk und Vaterland und sich selbst abzuringen, sich mit Tatkraft für das Siedlungswerk einzusetzen. Hauptmann Schmude und einige Kommissare des Landwirtschaftsministeriums gingen noch eingehend auf technische, von Redner der Soldatensiedler aufgeworfene Fragen ein. Sie konnten sie zur vollen Zufriedenheit der Leute beantworten. Insbesondere konnte mitgeteilt werden, daß am 01.Oktober anstelle der vorläufigen neue Arbeitsverträge mit den Siedlern geschlossen werden, die eine finanzielle Besserstellung und unterschiedliche Behandlung der Verheirateten bringen werden.





06.09.1920

Waffen im Lockstedter Lager.

Schon seit längerer Zeit ging im Lockstedter Lager ein Gerücht über geplante Waffenschiebungen um. Es sollten hier im Lager noch Waffen verborgen sein, die von früheren Truppenformationen, die hier noch einige Zeit einquartiert waren, stammten. Es gelang nicht den Urheber dieses Gerüchts zu erfassen, trotzdem die Siedler in ihrem eigenen Interesse alle Mühe aufwandten. Auch die Lagerstätte der vermeintlichen Waffen war nicht zu finden. Eins konnte nur ermittelt werden: Sollten wirklich Waffen irgendwo verborgen sein, so waren sie jedenfalls nicht von den jetzt im Lager anwesenden Siedlern hergebracht und versteckt worden.

Jetzt hat man unter der Diele einer Baracke 6 Maschinengewehre und etwa 20 Gewehre gefunden, die schon seit längerer Zeit dort liegen müssen. Die Baracke war von dem Hilfsgendarm des Lagers bewohnt.

Wie wir des weiteren noch erfahren, ist die Entdeckung wie folgt vor sich gegangen:

Zwei Siedler haben durch einen Zufall Kenntnis von den versteckten Waffen er­halten, die wahrscheinlich von einer vor dem Einzug der Siedler dagewesenen württembergischen Maschinengewehrkompagnie herstammen. Anstatt die Auffindung zu melden, taten sie das Verkehrteste, was sie tun konnten: Sie suchten die Waffen zu ihrem eigenen Vorteil zu verwenden, indem sie sie einer Berliner Firma anboten. Die Firma schrieb zurück, daß sie den Handel machen werde. Sie bot 20.000 Mark und teilte mit, daß sie mehrere Leute zur nächtlichen Abholung senden werde. Die Firma verständigte aber die Polizei, und es erschienen an Stelle der Angestellten der Firma zwei Kriminalbeamte, die die beiden Siedler festnahmen. Auch der Hilfsgendarm, der allgemein als sehr zuverlässig galt, soll in die Angelegenheit verwickelt sein.

Den Siedlern des Lockstedter Lagers ist die Angelegenheit natürlich recht unangenehm. Denn, wenn die Waffen auch nicht von ihnen dort versteckt wurden, und wenn sie auch keine Kenntnis von dem Waffenlager hatten, so werden natürlich die Meldungen einer gewissen Presse schon dafür sorgen, daß ihnen die Schuld zugeschoben wird. Um so mehr ist es die Pflicht der wahrheitsliebenden Presse, die Siedler im Lager in Schutz zu nehmen.

Wie wir weiter erfahren, sind die Schuldigen ein ehemaliger Feldwebel und ein Pionier. (Es braucht wohl nicht darauf hingewiesen zu werden, daß die beiden vom Minister Braun "wegen politischer Gründe" vom Siedlerwerk ausgeschlossenen Herren, die wir in voriger Nummer nannten, nicht das mindeste mit der Sache zu tun haben.)

Von zuständiger Stelle wird uns folgendes mitgeteilt:
Festgenommen wurden Sonntag nacht drei Siedler von der Siedlergenossenschaft Lockstedter Lager wegen Waffenschiebungen. Der eine der Festgenommenen hatte sich vor wenigen Wochen mit seinem früheren, in Hamburg wohnenden Kameraden wegen Verkaufs von Waffen und Munition in Verbindung gesetzt, welcher ihm Käufer nachwies. Letzterer - Beamter der Reichsverwertungsgesellschaft - trat scheinbar als Käufer auf und erklärte, daß er die Waffen für die kommunistische Partei in Hamburg kaufen wolle. Beide wurden sich dahin einig, daß 200 000 Mark als Kaufsumme gezahlt werden sollten. Der Käufer traf am 3.September hier ein und es sollten alsdann die Waffen und Munition vom Lockstedter Lager nach Itzehoe geschafft und das Kaufgeld in seiner vollen Höhe ausgezahlt werden. Der Verkäufer setzte sich mit zwei weiteren Siedlern in Verbindung, welche sich mit der Durchführung des Planes einverstanden erklärten. Der Beamte von der Reichsverwertungsstelle war mit einigen weiteren Beamten der betreffenden Stelle hier eingetroffen und setzte sich unverzüglich mit der hiesigen Polizei in Verbindung. Die Waffen und Munition wurden dann verabredungsgemäß in der Nacht vom Sonnabend auf den Sonntag aus dem Versteck geholt, wo sie in einer Wohnbaracke unterm Fußboden lagerten, und mit Fuhrwerk nach Itzehoe geschafft. Hier angekommen, wurde der Transport und die drei Siedler von hiesigen Polizeibeamten in Empfang genommen. Die Ladung des Wagens, bestehend aus 4 schweren kompletten Maschinengewehren, 22 Karabinern, 2 Pistolen, 5 Seitengewehren, 28 Kasten Maschinengewehrmunition und 6 Maschinengewehrteilen, wurde beschlagnahmt. Einer der Festgenommenen trug einen geladenen Revolver bei sich. Bei ihrem Verhör legten sie alle ein umfangreiches Geständnis ab

07.09.1920
Durch die Maßnahme, daß der Truppenübungsplatz Lockstedt als solcher keine Verwendung mehr finden sollt, wurde vielen Einwohnern im Ort die Existenz teilweise oder ganz genommen. Angesichts dieser Lage für den Ort hatte sich unter Vorsitz des Schlossermeisters Alws ein aus 8 Personen bestehender Ausschuß gebildet zwecks Gründung eines Zivilsiedlungsverbandes. In der am Sonntag, den 05.September einberufenen Gemeindeversammlung legte der Vorsitzende in kurzen eindringlichen Worten die Notwendigkeit dieser Gründung dar. Man forderte, daß dem Zivilsiedlungsverband ein Teil des früheren Truppenübungsplatzes zum Anbau übergeben werde. Die Forderungen, die in Kürze der zuständigen Behörde zugestellt würden, wurden in Umrissen der Gemeindeversammlung vorgetragen. Der Reichskommissar für das Siedlungswesen, Hauptmann Schmude, hatte mündlich die Zusicherung gegeben, daß dem Zivilsiedlungsverband dieselben Rechte eingeräumt werden sollten wie sie der Militärsiedlungsverband "Holstein" besitze. Beim Vorsitzenden war eine ganze Woche eine Liste ausgelegt, in die jeder seine Forderungen von Land eintragen soll. Am 11.September wurde die Liste abgeschlossen und zur weiteren Veranlassung den zuständigen Behörden vorgelegt.

21.09.1920
Zu den angeblichen Waffenschiebungen der Soldatensiedler wird von zuständiger Seite geschrieben: "Das Lockstedter Lager umfaßt eine große Anzahl von Baracken, darunter etwa 40 weitläufige zum Teil zweistöckige Massivgebäude. Besonders in den letzteren ist das Durchgangslager für Gefangene untergebracht. Die Soldatensiedler befinden sich zum großen Teil in Baracken, die aus dem Lager zur Erleichterung der Ackerwirtschaft nach dem Felde verlegt sind. Nur ein Teil der Mannschaft ist im Lager selbst oder im Ort Lockstedt untergebracht. Es ist also falsch, alle Vorgänge, die sich auf Waffenfunde beziehen, mit der Soldatensiedlung in Verbindung zu bringen, um so mehr, als im Frühjahr d.J. hintereinander verschiedene militärische Formationen in den Baracken gelegen haben. Das Waffenhandel getrieben wird, ist längst festgestellt; auch der Fund der Maschinengewehre ist zutreffend. Die Angelegenheit wird natürlich untersucht und es wird selbstverständlich bekannt gegeben werden, wenn der Waffenfund etwas mit den Siedlern zu tun hat. Bemerkt sei noch, daß der größere Teil der aus entlassenen Heeresangehörigen bestehenden Siedlern sich in den Mooren in Schleswig-Holstein und Hannover befindet, in denen Waffenfunde nicht vorgekommen sind.

26.09.1920
Wiederholt ist in letzter Zeit die Siedlungstätigkeit des Soldatensiedlungsverbandes Holstein im Lockstedter Lager durch die Presse erörtert worden, ohne daß auch nur mit einer Silbe derjenigen gedacht wurde, die durch das Eingehen des Platzes ihre Existenz und ihren Lebensunterhalt verlieren. Lockstedter Lager ist immerhin eine Gemeinde von rund 250 Einwohnern, die sich zum größten Teil als kleine Gewerbetreibende oder als Arbeiter bei den früheren militärischen Behörden ernährten. Sie sind alle jetzt in großer Sorge um ihre weitere Zukunft. Aus diesem Grunde hat auch schon vor einiger Zeit eine Versammlung der Gemeindeangehörigen stattgefunden. Bei dieser Gelegenheit ist auch beschlossen worden, die berechtigten Ansprüche der Ortseingesessenen auf Ländereien usw. bei den maßgebenden Stellen zur Sprache zu bringen; da die Umstellung zur Landwirtschaft für die hiesigen Verhältnisse als das einzige Mittel angesehen werden muß, wodurch sich die erwerbslos werdenden Ortseinwohner wieder eine sichere Existenz schaffen können. Wir erwarten auch auf das bestimmteste, daß sich die Regierung unseren berechtigten Wünschen nicht verschließt und hoffen zuversichtlich, daß wir Schulter an Schulter mit den Soldatensiedlern unser Ziel auch erreichen werden. Die kameradschaftliche Fühlungnahme mit den einzelnen Arbeitsgemeinschaften der Soldatensiedler ist auch bereits aufgenommen. Unser sehnlichster Wunsch geht dahin, daß wir recht bald Ländereien zur Bearbeitung zugewiesen erhalten, damit auch wir in die Lage kommen, als Siedler zum Wohle unserer Familie und zum Wohle der großen Allgemeinheit wirken zu können.

November 1920
In diesem Monat holten Arbeitskommandos, man spricht von 12 Mann, aus einem Materiallager bei Bad Orb Teile einer zugewiesenen Feldbahn, mit 600 mm Spurweite, ab. Angefordert waren von der Siedlungsdirektion Gleissegmente für 11,5 Kilometer Strecke, dazu die notwendigen Weichen, Drehscheiben, Transportloren und einige Kipploren. Es war bekannt, daß keine Lokomotiven gestellt werden können. Die Bahntrasse ist geplant vom Bahnhof entlang der Südstraße, über den Geschützpark, der Gravelotte Straße folgend bis in die Nähe des Franzosenfriedhofs. Hier verzweigt sich die Feldbahn. Ein Gleisstrang führt nach Ridders über Neu-Bücken, wo eine Ausweichstelle mit Weichen und Drehscheibe eingebaut wird. Am Ende der Bahn in Ridders wird ein Abstellgleis sein. Der andere Gleisstrang führt nach Hohenfiert und Springhoe, auch hier ist ein Abstellgleis vorgesehen. Die Feldbahntrasse ist bereits planiert und die ersten der zirka 1600 Gleisrahmen sind verlegt und verlascht. Wenn die Bahn in Betrieb ist, werden Pferde die Loren ziehen.

17.11.1920
Einer Siedlungsgesellschaft wurde am Sonnabend ein Wagen, Pferdegeschirre und 2 Pferde gestohlen. Dem Vernehmen nach ist man den Tätern auf der Spur.

07.12.1920
Hier tagte im ehemaligen Offizierskasino des Lockstedter Lagers eine von Fehlert einberufenen allgemeine Soldatensiedlerversammlung, zu der alle vier Arbeitsgemeinschaften des Platzes nahezu vollzählig erschienen. Soldatensiedler Schürmann von der Soldaten Siedlungsgenossenschaft "Thorensberg" in Ridders brachte folgende Tagesordnung zum Vorschlag:

1. Gründung eines Betriebs- bzw. Soldatensiedlerrats,
2. Einleitung des eigentlichen Siedlungswerks,
3. Stellungnahme zum neuen Arbeitsvertrag.

Alle Gegenstände wurden von Schürmann in nahezu dreistündiger Rede eingehend begründet und von ihm verschiedene wichtige Anträge zu allen Punkten der Tagesordnung gestellt, die einstimmig angenommen wurden und dem Landwirtschaftsministerium unterbreitet werden sollen. Zum Schluß der sehr anregend verlaufenen Versammlung wurde auf Vorschlag aus der Mitte der Versammlung Schürmann einstimmig zum Vertrauensmann der gesamten hiesigen Soldatensiedler bestellt.

18.12.1920
Lesermeinung:
"Seit einigen Tagen werden von der Itzehoer Reichswehr Artillerieabteilung im Lockstedter Lager Schießübungen mit scharfer Munition abgehalten. Man fragt sich unwillkürlich: Was soll das bedeuten? Hieß es doch bis jetzt immer, für militärische Übungen komme das Lager nicht mehr in Frage und deshalb ist es ausschließlich mit Tausenden von Flüchtlingen belegt, auch ist ein großer Teil des Schießplatzes bereits von Siedlern urbar gemacht und beackert. Wir fordern, daß unbedingt darüber Aufklärung gegeben wird, warum im Lockstedter Lager diese Schießereien veranstaltet werden." Soweit wir wissen, hängen die Schießübungen im Lager mit der Verminderung des Heeres von 150.000 auf 100.000 Mann, die zum 01.Januar einzutreten hat, zusammen. Bekanntlich darf nur eine ganz bestimmte Menge zu einem Geschütz vorhanden sein und man verschießt eben jetzt die mehr vorhandene Munition zu Übungszwecken, wogegen sich wohl nichts sagen läßt, da Schießübungen, auch Scharfschießübungen natürlich, ab und zu nötig sind, besonders weil viele Kanoniere noch recht jung und unerfahren sind und die Nase noch nicht in den Krieg gesteckt haben. Ob das Lockstedter Lager überhaupt nicht mehr für militärische Übungen in Betracht kommt, vermögen wir nicht zu sagen.



Januar 1921
Planstellenbesetzung der Siedlungsdirektion:

Name Funktion
Trautmann, Friedrich Siedlungsdirektor
Lück, Paul Amtmann
Schwally, Kurt Architekt
Stange Rechnungsrat, Amts- und Gutsvorsteher


11.01.1921
Trotz mannigfacher Widerstände haben die Soldatensiedler der Siedlungsgenossenschaft "Thorensberg" in Ridders es durchgesetzt, daß ein Siedlerrat auf der gesetzlichen Grundlage des Betriebsrätegesetzes eingerichtet wurde, um ihre Ziele den Siedlungsbehörden gegenüber tatkräftig vertreten zu können, damit endlich mit dem Beginn des Siedlungswerkes auf dem Lockstedter Platz Ernst gemacht wird. Der Siedlerrat besteht aus dem Soldatensiedler und Siedlungsschriftsteller Heinrich Schürmann als Vorsitzenden, dem Landwirt Otto Weyhe als stellvertretenden Vorsitzenden und Schriftführer sowie den Siedlern Landwirt Christian Georg, Siedlungsmaurer Heinrich Vogt und Kaufmann Hermann Großheim als Beisitzer. Die wichtigste Aufgabe des Siedlerrates wird die Beratung des Siedlungsvertrages sein.

08.02.1921
Drei Tage weilte Herr Ossig, Referent im Landwirtschaftsministerium, unter den Soldatensiedlern. Bei einer Besprechung mit den Vorständen der acht Genossenschaften gab er seiner hohen Befriedigung über das Geleistete Ausdruck. Er brachte gleichzeitig den Rahmen des Siedlungsvertrages mit. Aufgabe der Siedlungsgemeinschaft sei es, ihn mit einem lebensvollen Bilde zu auszufüllen, wozu man ja auf dem besten Wege sei. Die Hauptschwierigkeiten seien überwunden, die schlimmsten Schmutzarbeiten getan, die unvermeidlichen Kinderkrankheiten hätten die Soldatensiedler glücklich hinter sich und vor allem den Winter in den dürftigen Notbaracken überstanden, trotzdem es dort oft derart hineinregnete, daß Gefahr bestand, daß eines Tages alle mit Kind und Kegel flüchtete. Jetzt sei es Zeit, die Genossenschaften grundlegend auszugestalten durch Aufnahme der umwohnenden Bauern. Er begrüßte auch den neu eingerichteten Siedlerrat. Zumal der Reichsarbeitsminister werde sich freuen, wie sehr man auf dem Lockstedter Siedlungsplatze, der Eigentum des Reiches ist, in den Geist des Reichssiedlungs- und des Betriebsrätegesetzes, die in seinem Ministerium entstanden sind, eingedrungen sei, auf daß diese keine Utopien bleiben. Sei doch das Wort einer Siedlungsbehörde hier geradezu beflügelt worden: "Im Rahmen dieser Gesetze finden hier alle Vorschläge und Pläne automatisch ihre beste Erledigung." Herr Ossig verabschiedete sich mit dem Versprechen auch seine hervorragenden Fähigkeiten in den Dienst des Siedlungswerkes zu stellen.

Mai 1921
Die Siedlungsgenossenschaft errichtet derzeit beim Bahnhof ein Sägewerk. Das Werk wird für die baldigst zu errichtenden Siedlerhäuser, hier und in der Meckelheide bei Breiholz, sämtliche Bretter, Balken und Sparren herstellen. Der Platz in der Nähe des Bahnhofes erleichtert den Antransport der Fichtenstämme erheblich. Neben dem Sägehaus ist eine Scheune zum Trocknen der Bretter und Sparren im Bau. Für den Betrieb der Säge wird ein Lokomobil beschafft, es ist noch nicht entschieden ob es ein Lokomobil der Firma Heinrich Lanz aus Mannheim mit dem Herstellungsjahr 1909 oder ein Marshall & Sons Co.von 1911 sein wird.

Am 01. Juni tritt der Soldatensiedler Hans Kipf die Stelle eines Rechnungsführers in der Genossenschaft Bücken an.

05.08.1921
Wie uns berichtet wird, hielten gestern die Siedler der Soldaten Siedlungs-Genossenschaft "Thorensberg" aus Ridders eine Protestversammlung bei der Siedlungsdirektion ab. Die Unzufriedenheit der Siedler brach sich Bahn und äußerte sich in lautstarken Forderungen nach Klarheit, wer eine Hofstelle bekommt und wer nicht, wann endlich die Häuser gebaut werden und warum der Kalk und Kunstdünger nicht gleichmäßig auf die Genossenschaften verteilt wird. Die Siedler werfen dem Siedlungsdirektor Trautmann vor, er setze sich nicht genügend für die Belange der Siedler ein, weder in Heide beim Landeskulturamt, noch in Berlin beim Siedlungsunternehmer. Der Sprecher der Siedler, Siedler Schürmann erklärte den Beamten, daß sich mehrere Siedler freiwillig für den Einsatz in der Schutztruppe in Oberschlesien melden wollen, weil sie hier keine Zukunft sehen. Mehrere Siedler forderten Urlaub um die Familien zu besuchen, Schürmann weiß, daß sie nicht wieder kommen werden. Nachdem Direktor Trautmann versichert hat, daß er die Anträge der Siedler auf dem schnellsten Wege nach Berlin weiterleiten werde, beruhigte sich die Protestversammlung, kehrte nach Ridders zurück und nahm die Arbeit wieder auf.

22.08.1921
Über das Soldaten Siedlungswerk im Lockstedter Lager schreibt die "Kieler Zeitung.":
"Eine Vertretung der Reichsregierung, bestehend aus Beamten des Schatz- und Arbeitsministeriums, sowie eine Vertretung des Landwirtschaftsministeriums besichtigte die Soldatensiedlung im Lockstedter Lager. Die gewonnenen Eindrücke waren gut. Die Roggenernte ist gut eingebracht worden und in Anbetracht des kaum urbar gemachten Heidebodens sehr ertragreich. Die großen Kartoffel- und Buchweizenfelder versprechen nach dem Regen gute Erträge. Die Wiesen lassen einen guten zweiten Schnitt erwarten. Der Dampfpflug reißt immer wieder Heideflächen um, die zur Saat bereitet werden. Die Arbeit der Siedler, welche unter Einsetzung ihrer Gesundheit die weiten versumpften Wiesenflächen durch Reinigung der völlig versandeten Auen und Aushebung der zugewachsenen Wassergräben wieder gangbar gemacht haben, ist groß gewesen. Reichliche Gaben an Kunstdünger mußten zur Urbarmachung des Bodens herhalten. Einen besonders erfreulichen Anblick gewähren die von den Siedlern und ihren fleißigen Frauen an den Feierabenden angelegten Nutzgärten. In jeder der vier Siedlungen und künftigen Dörfer namens Bücken, Hungriger Wolf, Ridders und Springhoe sind je drei Gehöfte im Bau begriffen. Man hofft, bis Ende Oktober im ganzen 20 Gehöfte im Rohbau fertigzustellen, wobei als Baustoff neben Ziegelsteinen an Ort und Stelle aus Sand und Zement selbst gefertigte Preßsteine dienen. Im nächsten Jahre will man weitere Gehöfte bauen. Die Siedlungen sind untereinander durch Feldbahnen verbunden. Auch die Viehzucht der Siedler hat sich gut entwickelt. Ridders, wo die Ansiedler 20 Kühe, 8 Kälber und über 80 Schweine sich anschafften, steht an der Spitze. Die Siedler überreichten der Regierungsvertretung eine Reihe Wünsche in einer Entschließung. U.a. wird die sofortige Vorlegung des Siedlungsvertrages gewünscht, staatliche Beteiligung an der Gewährung von Zwischenkrediten zur Beschaffung von Vieh und Inventar und sofortige Einleitung des Siedlungswerkes durch Übergabe der fertiggestellten Kolonate mit voller Ernte im Herbst 1922 an die Siedler. Weiter wird die Errichtung einer Schlichtungsstelle zur Entscheidung von Siedlungsstreitfragen gewünscht. Die Regierungsvertreter versprachen wohlwollende Förderung aller Wünsche im Rahmen des Möglichen."

31.08.1921
Vor einigen Tagen weilte eine Vertretung der Reichsregierung unter Führung des Ministerialsekretärs Ossig hier im Lager, um sich über den augenblicklichen Stand der Siedlung zu überzeugen. Sie hat sich zwar lobend über das bisher Geleistete ausgesprochen, andererseits aber hat sie sich sehr pessimistisch über die weitere tatkräftige Förderung der Siedlung erklärt. Die Vertretung hat zum Ausdruck gebracht, wie der "Schleswig-Holsteinischen Volkszeitung" von einem Siedler berichtet wird, daß die Siedlung bis heute schon 15 Millionen Mark gekostet, und daß weitere Mittel nur mit großen Schwierigkeiten zu beschaffen und nur in beschränktem Maßstabe zur Verfügung stehen, was nach den heutigen Verhältnissen auch erklärlich ist. Unter anderem hat die Vertretung auch zum Ausdruck gebracht, daß bei der Übernahme der Kolonate durch die Siedler die größte die größte Rolle die Geldfrage spielen würde. Mit anderen Worten, wer nicht genügend Geld hat, kann eben nicht siedeln. Der Staat ist bankrott und hat nichts zu verschenken. Dies war ja für jeden Einsichtigen von vornherein vorauszusehen. Es käme unter diesen Umständen also nur ein ganz kleiner Teil der so genannten Siedler in Frage, da doch die übergroße Mehrheit mittellos ist. Daran können auch die Genossenschaften nichts ändern. Die meisten Leute haben dies auch bereits eingesehen und geben sich keinen Illusionen mehr hin. Sie bemühen sich deshalb um Erhöhung ihres Lohnes. Es ist gänzlich ausgeschlossen, daß ein Familienvater bei 3 Mark Stundenlohn seine Familie ausreichend ernähren kann, geschweige noch etwas sparen. Reicht doch der Tageslohn kaum aus, ein Pfund Butter zu kaufen. Im vorigen Jahre hieß es, die Löhne müßten möglichst niedrig gehalten werden, damit die Siedlung sich nicht unnötig verteuert und damit die Vergünstigungen der Siedlung nicht nur einigen wenigen zugute kommt. Es könnte der Fall eintreten, daß die Leute, die wirklich positive Arbeit geleistet, nachher von der Siedlung keinen Gebrauch machen können, weil ihnen nicht genügend Kapital zur Verfügung steht, während einige andere, die wenig oder nichts geleistet, den Nutzen für sich einheimsen, nur weil sie es finanziell durchsetzen können. Es muß auf irgendeine Weise eine Formel gefunden werden, daß diese Leute nicht mit leeren Händen auf die Straße gesetzt werden. Groß sind die Flächen, die in verhältnismäßig kurzer Zeit nutzbar gemacht worden sind. Diese wurden zum größten Teil vom Dampfpflug vorbereitet, unter der tüchtigen und sachgemäßen Leitung des Dampfpflugmeisters Knoche. Seine Leute arbeiten zum Teil 12-15 Stunden am Tage. Das Heideland wird mit dem Dampfpflug meistens gleich saatfertig gemacht. Nachdem es gepflügt ist, werden mittels einer Scheibenwalze die großen Stollen klein geschnitten, auch wird es gleichzeitig durch nachschleppende Eggen geeggt. Die Leistung dieser Maschinen sind beträchtlich. Es werden pro Tag 5 Hektar Heideland gestürzt. Dabei stellt sich diese Arbeit sehr billig. Der Hektar stellt sich mit Dampfpflug bearbeitet auf 200 Mark, während er sich mit Pferden auf etwa das Vierfache stellen würde. Die Getreideernte ist sehr befriedigend ausgefallen. Nur Buchweizen- und Seradellabestände haben zum Teil derart durch die Dürre gelitten, daß es sich nicht lohnt sie abzuernten. Eine Dampfdreschmaschine ist vor kurzer Zeit hier eingetroffen und auch bereits seit zwei Tagen in Tätigkeit. Weil die Roggenernte am besten ausgefallen ist, sollen zum nächsten Jahr ungefähr 1700 Morgen mit Roggen angesät werden. Im Auftrage der gesamten Siedler überreichten die Siedler Schimmelmann und Schürmann folgende Entschließung, die einstimmig von den Genossenschaften gefaßt war betr. Vorlegung des Siedlungsvertrages.

September 1921
Vor einigen Tagen wurde die einzig sichtbare Erinnerung an Kaiser Wilhelm I., die zum Gedenken an den Aufenthalt seiner Majestät des Kaisers, weiland des Kaisermanövers 1881, auf dem Bückener Feld von der Militärischen Brüderschaft des Lockstedter Lagers und Umgebung gepflanzte Kaisereiche, gefällt. Die Eiche stand auf dem zukünftigen Kolonat Nummer 315 des Siedlers Heinrich Haack von der Siedlungsgenossenschaft "Bromberg" in Bücken.
Anmerkung:
Die Siedler Walter Krohne, Heinrich Haack und August Schierbecker beschlossen 1925 einen Stein erschaffen zu lassen, welcher an die Kaisereiche erinnern sollte. Nach Fertigstellung wurde der Gedenkstein am Weg Lockstedter Lager - Hungriger Wolf an der Grenze zum Kolonat 315 aufgesetzt.
Der Stein stand bis Ende 1963 an der von den Siedlern gewählten Stelle (Mercator Projektion 32U NE 3930 8090). Als dann sich das Straßenneubauprojekt Hohenlockstedt - B 77 dem Ortsteil Bücken näherte, beschlossen die Söhne der Siedler, allen voran Herr Otto Krohne, den Stein an eine andere, auf absehbare Zeit ungefährdete Stelle, zu versetzen (Mercator Projektion 32U NE 3935 8120), wo er heute noch steht.

03.11.1921
Bei den umliegenden Soldatensiedlungen sind Personalveränderungen zu verzeichnen: Bücken, Soldatensiedlung Genossenschaft "Bromberg". Die Soldatensiedler Walter Matthes und Reinhardt von dem Hagen in Bücken sind aus dem Vorstand ausgeschieden und an ihre Stelle die Soldatensiedler Werner Schregel und Erwin Huber in Bücken in den Vorstand gewählt. Ridders: Soldatensiedlungs Genossenschaft "Thorensberg". Der Soldatensiedler Heinrich Schürmann in Ridders ist aus dem Vorstand ausgeschieden und an seiner Stelle der Soldatensiedler Paul Tietzer aus Ridders in den Vorstand neu gewählt.

26.11.1921
Der Siedler Vollmer, Lockstedter Lager, ist wegen Veruntreuung von 16.000 Mark vereinnahmter Kantinengelder zum Nachteil der Siedlungsgenossenschaft des Lockstedter Lagers festgenommen worden.

07.12.1921
Der Landwirtschaftsminister Dr. Wendorf sagte gestern zu seinen programmatischen Ausführungen im Preußischen Landtag: Die Frage der Besiedelung des Lockstedter Lagers steht unmittelbar vor seiner endgültigen Lösung. Die auf einem Teil der Flächen noch ruhenden Verkaufsrechte der Besitzer werden abgelöst werden und die Fläche dann dem Rentengutsverfahren übergeben werden. In Vorbereitung ist auch ein Gesetz zur Beschleunigung und Vereinfachung des Siedlungsverfahrens. Die Leistungen des Siedler an öffentlich rechtlichen Lasten sollen dadurch wesentlich niedriger gestaltet und die Beteiligung der Gemeinden und auch des Staates hieran ermöglicht werden. Eine neue Pachtschutzordnung wird einen erheblich weiteren Geltungskreis haben als der bisherige. Der Frage der Landarbeiterhäuser legt das Ministerium außerordentliche Bedeutung bei. Für die Errichtung neuer Wohnungen werden erhebliche Mittel bereit gestellt werden. Auch die Wahrung derjenigen Rechte der Landarbeiter, die aus dem Koalitionsrecht entspringen, wird sich das Ministerium angelegen sein lassen.

Januar 1922
Planstellenbesetzung nach der Erweiterung der Siedlungsdirektion

Name Funktion
Trautmann, Friedrich Siedlungsdirektor
Schwally, Kurt Architekt
Luley Architekt
Stange Rechnungsrat, Amts- und Gutsvorsteher
Jäger Buchhalter
Fürstenhaupt, Kurt Techniker und Bauleiter
Oberblöhbaum, Wilhelm Gutsinspektor
Kemper, Hans Rentmeister
Lembke, Ernst Rechnungsführer
Frl. Schmeding Buchhalterin
Kock, Verwalter
Jebsen, Heinrich Verwalter
Kage, Emil Verwalter


Die Tatsache, daß zwei Architekten in der Liste aufgeführt sind, hängt damit zusammen, daß die Enthebung und Entlassung des Architekten Kurt Schwally massiv betrieben und durchgesetzt wurde. Der Architekt hatte die der Direktion vorgesetzten Behörden in Gesprächen immer wieder darauf hingewiesen, daß er Siedlungsbeamte der Korruption verdächtige und Gründe für seine Behauptung benannt. Als derlei Vorwürfe auch aus Siedlerkreisen kamen und bis zum Landwirtschaftsministerium gelangten, wurde Schwally verdächtigt, er habe die Meinung der Siedler manipuliert. In einem Schreiben an den Reichstag im Jahre 1928 werden Roß und Reiter genannt.

21.02.1922
Auf dem weiten Gebiet des ehemaligen Truppenübungsplatzes ist in den letzten Jahre eine große Veränderung eingetreten. Wo früher nur Heide und Ginster prangten, sind inzwischen große Felder für die Kultur vorbereitet. Im letzten Jahr waren sogar schon etwa 300 Morgen bestellt mit Roggen, Hafer, Lupinen, Seradella, Buchweizen, Rüben und Kartoffeln. Die Siedlergesellschaften haben hier fleißig gearbeitet und ganz befriedigende Ernte auf dem ehemaligen Heideboden erzielt. Die Kulturarbeiten schreiten rüstig fort. Es werden aber noch Jahre vergehen, ehe die ganze Fläche der Volksernährung nutzbar gemacht sein wird. An den niedriger gelegenen Stellen sind die Kultivierungsarbeiten mit manchen Schwierigkeiten verknüpft. Hier sind Entwässerung und da nach Einplanierungen vorzunehmen. Zu der Kultivierung kommt dann noch die planmäßige Besiedelung des Landes. So nach und nach sollen etwa 200 Familien angesiedelt werden können. Geplant sind Siedlerstellen mit etwa 15 Hektar und daneben so genannte Handwerkerstellen mit 3 bis 5 Hektar Land. Die Errichtung von Wohn- und Wirtschaftsgebäuden ist durch die hohen Materialpreise noch sehr erschwert. Ebenso sind zur Inventarbeschaffung recht erhebliche Mittel erforderlich. Im Laufe der Jahre wird aus dem ehemaligen Exerziergelände aber fruchtbares Land geschaffen sein und vollwertige Gemeinden werden entstehen.


Kolonate übergeben am 01.04.1922

No. Siedler Standort

1 Beyer, Leo Ridders
2 Zahn, Martin Ridders
3 Thurau, Arnold Ridders
4 Georg, Christian Ridders
5 Tank, Hermann Ridders
301 Sombrowski, Ferdinand Hungriger Wolf
302 Quade, Otto Hungriger Wolf
303 Limbecker, Paul Hungriger Wolf
304 Köpke,Berthold Hungriger Wolf
311 Chmiel, Otto Bücken
312 Karpowitz, Hermann Bücken
313 Krause, Leo Bücken
314 Hubert, Erwin Bücken
315 Haack, Heinrich Bücken
601 Stieglitz, Theo Springhoe
602 Rau, Georg Springhoe
603 Rau, August Springhoe
604 Deiß, Heinrich Springhoe
605 Hägele, Georg Springhoe
619 Lübker, Peter Springhoe


16.05.1922
Dieser Tage fand durch den Präsidenten des Landeskulturamtes in Schleswig Engelkamp in Begleitung des Oberregierungsrats Dr. Leisterer, des Leiters der Vermittlungsstelle im Ministerium für Landwirtschaft, Ministerialsekretär Ossig und des Kulturamtsvorstehers in Heide Regierungsrat Lampert eine eingehende Besichtigung des Siedlungsgeländes des Lockstedter Lagers statt. Es sind bereits 20 Siedlungsbauten errichtet und von den Soldatensiedlern bezogen; weitere Siedlungsbauten sind im Bau begriffen, der gut fortschreitet. Mit Befriedigung konnte festgestellt werden, daß der Stand der Saaten auf der rund 900 Hektar großen kultivierten Fläche ein guter ist, so daß zu erwarten steht, daß die Siedler auf den Stellen ihr gutes Fortkommen finden werden. Die Wirtschaftsführung, die unter der tatkräftigen Leitung des Arbeitsausschusses steht, ist zweckmäßig eingerichtet. Die Verhandlungen über alle Besiedelungsfragen werden im vollen Einvernehmen mit der Landeskulturbehörde geführt. Wie wir hören, wird im Termine eine Besichtigung der Anlagen durch einen größeren Hauptausschuß des preußischen Landtages stattfinden

10.06.1922
Ministerpräsident Braun, Landwirtschaftsminister Dr. Wentorp, Ministerialdirektor Dr. Articus, Ministerialrat Dr. Sonnenschein und Staatssekretär im Landwirtschaftsministerium Dr. Ramm haben, von Itzehoe kommend, die Siedlungsanlagen besichtigt. Als Einkehr wurde Hotel "Hohenzollern" (Bes. Schack) benutzt.


Kolonat übergeben am 01.07.1922

No. Siedler Standort

666 Zentral Fischerei Verein Springhoe


31.07.1922
Der Reichslandbund hielt am 26.Juli eine gut besuchte Mitgliederversammlung ab. Der Hauptgeschäftsführer Dr. Grober, Kiel, sprach anstelle des leider verhinderten Provinzialvorsitzenden Herrn Milberg aus Quarnbeck. Herr Dr. Grober behandelte in seinem Vortrage allgemeine landwirtschaftliche Fragen und politische Tagesfragen. Seine erste Forderung war, daß unter allen Umständen der Vertrag von Versailles abgeändert werden müsse. Die Verhandlungen in Genua und Rapallo hätten nicht das gebracht, was im allgemeinen erhofft worden sei. Dann ging der Redner über zu Steuerfragen und der Zwangsanleihe. Bei der Besprechung des landwirtschaftlichen Hilfswerks betonte der Redner, daß nur die freie Wirtschaft bei intensiver Arbeit Hilfe bringen könne; auch sei erforderlich, daß die Landjugend bevor sie einen Besitz übernehme, praktisch und theoretisch gut vorgebildet werden. Zur Umlage sagte der Vortragende, daß das Umlageverfahren eine Sondersteuer für die Landwirtschaft sei und da es nun mal wieder Gesetz geworden ist, der Reichslandbund mit dem Bauernverein zusammen die Forderung gestellt haben in der Provinz Schleswig-Holstein nicht die Getreideanbaufläche sondern die landwirtschaftlich genutzte Fläche bei der Veranlagung zugrunde zu legen. Eine Überbrückung der Gegensätze zwischen Stadt und Land glaubt der Redner am besten feststellen zu können, wenn Landwirte sich zur Übernahme von Patenstellen bereit erklären und somit das Elend in der Stadt zum großen Teil lindern helfen. Die Vermittlung hierfür wird der Reichslandbund gern übernehmen. Der Vortrag fand allgemeinen Beifall.


Kolonate übergeben am 01.10.1922

No. Siedler Standort

37 Weinkauf, Emil Ridders
38 Weyhe, Otto Ridders
42 Grübner, Walter, (Schmied) Ridders
58 Krause, Friedrich Ridders
59 Lehr, Gustav Ridders
61 Brinkmann, Richard Ridders
318 Tresp, Eduard Hungriger Wolf
319 Post, Kurt Hungriger Wolf
328 Geh, Ulrich Ridders
329 Rimpler, Adolf Ridders
332 Gräber, Adolf (Gastwirt) Hungriger Wolf
351 Steffens, Heinrich Bücken
352 Kramer, Adolf Bücken
357 Baltz, Arthur Bücken
358 Motzko, Paul Bücken
606 Heim, Richard Springhoe
631 Wengert, Johann Springhoe
632 Widmann, Georg Springhoe


03.11.1922
Eine wichtige Siedlertagung wird am kommenden Montagnachmittag 1400 Uhr hier stattfinden. Auf Einladung des Präsidenten Engelkamp des Landeskulturamtes Schleswig werden neben den geschlossen sich versammelnden vier Soldaten Siedlungsgenossenschaften des Platzes Abordnungen aus den Siedlungen der umliegenden Moore anwesend sein. Von den zuständigen Siedlungsbehörden werden Vertreter des Reichsarbeitsministeriums, des Landwirtschaftsministeriums, des Arbeitsausschusses für Moor- und Ödlandsiedlungen, des Landeskulturamtes Schleswig, sowie der Kulturämter Heide, Flensburg und Bad Oldesloe erscheinen. Hauptgegenstand der Besprechung und Beschlußfassung in den anschließenden Generalversammlungen der einzelnen Genossenschaften sollen die Vorschläge über den Ausgleich der Lasten der einzelnen Rentenstellen bilden. Wie schon Oberregierungsrat Dr.Leisterer vom Landeskulturamt vor einem Monat anläßlich der Übergabe der in diesem Jahr fertig gestellten Siedlerstelle, ausführte, sei es nicht angängig, daß die zuerst Angesiedelten alle Vorteile genießen, die letzten, die mit ihnen nicht nur im Weltkriege, sondern noch zwei Jahre länger beim Grenzschutz gegen Polen und in Kurland zur Abwehr des Bolschewismus Schulter an Schulter kämpften, sowie in harten und entbehrungsreichen Kultivierungsarbeiten noch länger verrichten müssen, alle Lasten tragen sollen. Kommen die Ersteren mit 200.000 Mark im Vorjahre davon, während dieses Jahr die Gehöfte auf 800.000 Mark sich stellen, so müßten die nächsten wahrscheinlich mit einer Schuldenlast von 2 bis 8 Millionen rechnen, unter der sie zumal nach zu erwartender Herstellung des Gleichgewichts der Mark leicht zusammenbrechen könnten. Alle sollen die gleiche Last tragen, damit alle Luft zum Leben haben.

09.11.1922
Der Siedlertag im Lockstedter Lager nahm einen sehr anregenden Verlauf. Allein die Frage des Lastenausgleichs wurde in vierstündiger Besprechung von allen Seiten beleuchtet. Die zahlreich erschienenen Ehrengäste griffen mit sehr beachtenswerten Ausführungen in die oft bewegte Erörterung ein und standen den Siedlern mit lehrreichen Beispielen aus den reichen Erfahrungen ihrer Praxis beratend zur Seite. Bei den Genossenschaften Kurland und Livland aus den Mooren bei Lentföhrden erfolgte der Ausgleich nach dem Vorschlage des Kulturamtsvorstehers Frese in der Weise, daß die schon angesetzten Siedler 3 Jahre lang pro Hektar urbarer Fläche 320 Kilogramm Roggen, also für jede Rentenstelle etwa 60-80 Zentner Getreide jährlich unentgeltlich an die Genossenschaft abführen, außerdem 20 Gespanntage unentgeltlich und 15 Arbeitswochen gegen Siedlerlohn bei der weiteren Urbarmachung der Moore leisten. Dadurch soll die Finanzierung und Errichtung der Rentenstellen der noch nicht angesetzten Genossen zu erträglichen Bedingungen ermöglicht werden. Die Genossenschaft Württemberg zu Springhoe beschloß, daß dort die Gehöftsinhaber zu gleichem Zwecke die volle Ernte von je 8 Morgen, die im Einvernehmen mit der Genossenschaft jährlich ausgewählt werden, unentgeltlich abliefern. Die Genossenschaft Thorensberg in Ridders und Bromberg zu Bücken schlossen sich nach ähnlichen Vorbildern in den Siedlungen Friedheim bei Flensburg und Sasel bei Hamburg dem Vorschlage des Regierungsrats Lampert an. Danach erfolgt ein völliger Ausgleich der von den Siedlern übernommenen Kaufpreise, mögen sie in Rentenbankrente, Privatrente, barer Anzahlung, Resthypothek, Landesdarlehen oder ähnlichem bestehen. Bis zur Ansiedlung der letzten Genossen berechnet das Kulturamt Heide jährlich die von der Ausgleichsstelle umzulegenden Durchschnittsbeträge. Durch die vorgesehene Kapitalerhöhung für mehrere Jahre oder die ganze Zeit der Rentenbankverpflichtung können auch hier die Mittel für die nächsten Bauten gewonnen werden und sich so die Rentengutsbesitzer von der durch Wiederkaufsrecht im Kaufvertrage verankerten Bauhilfe befreien. Erfolgt die Ablösung in Naturalien, so deckt sich diese Art des Ausgleiches mit dem in den Mooren angenommenen Vorschlage des Kulturamtes Oldesloe. Einen ähnlichen Weg schlägt die Siedlung Hungriger Wolf ein. Zwecks Beschaffung weiterer Mittel führte die Siedlung Ridders die Roggenwährung für Kredite ein. Der alte Vorstand Schürmann, Schimmelmann, Schulze wurde wiedergewählt und mit größter Einmütigkeit die Liste der Bewerber für die nächsten Gehöfte aufgestellt, indem man wieder den verheirateten und kinderreichen Familien neidlos den Vortritt ließ. Es sind dies 12 Siedler. Weitere 13 Bewerber sollen auf der nächsten Frühjahrsgeneralversammlung näher festgelegt werden.

Kolonat übergeben am 02.01.1923

No. Siedler Standort

44 Stadelmeier, Gottfried Ridders


05.01.1923
Die Besiedelung des Lockstedter Lagers wird nunmehr ausgeführt werden, nachdem der Einteilungsplan fertiggestellt worden ist und zwischen Regierung, Kreisausschuß, Gemeinden und Konsortium auch die öffentlichen rechtlichen Verhältnisse des Gemeinde- Schul- und Kirchenwesens geregelt worden sind. Es sind 118 Siedlungen vorgesehen. Im Frühjahr soll mit der Besiedelung begonnen werden.

06.02.1923
Die Ansiedlung der Soldatensiedler nähert sich, soweit die Ansetzung der eigentlichen Baltikumer in Frage kommt, dem Abschluß. Im Meckelmoor bei Christiansholm um Bockelsesser Moor bei Dauenhof, wo die tiefen Moorflächen der Urbarmachung und Bebauung größere Schwierigkeiten als erwartet, bereiten, konnten nur 5 Gehöfte an Mitglieder der Genossenschaften "Württemberg" und "Riga" ausgegeben werden. In den Mooren bei Lentföhrden findet die Bautätigkeit ebenfalls dieses Jahr ihr Ende. Es sind 12 Neubauten vorgesehen, so daß nach deren Auslegung 32 Rentenstellen von den Genossenschaften "Kurland" und "Livland" besiedelt sind. Auf dem Lockstedter Platze wo in vier Dörfern bisher 42 Gehöfte fertiggestellt sind, plant man für dieses Jahr 30 Neusiedlungen und hofft mit etwa 20 Stellen im nächsten Jahre alle Soldatensiedler anzusetzen. Der im Herbst 1920 vom Landwirtschaftsministerium eingerichtete "Arbeitsausschuß der staatlichen Moor- und Ödlandsiedlungen für die Provinz Schleswig-Holstein" ist zu Beginn dieses Jahres aufgehoben worden. Zur Erledigung der noch verbleibenden Siedlungstätigkeit ist die "Siedlungsdirektion Lockstedter Lager" gebildet worden, deren Leitung als Siedlungsdirektor dem Oberverwalter Trautmann übertragen wurde. Der eigentliche landwirtschaftliche Betrieb und die weitere Urbarmachung des Platzes, der neben 6000 Morgen Wald rund 12 000 Morgen Landfläche umfaßt, untersteht jetzt dem Oberinspektor Oberblöhbaum. Der Baubetrieb ist an eine größere Baugesellschaft in Itzehoe vergeben, in die Architekt Schwally, unter dessen bewährter Leitung die ganzen bisher errichteten 72 Siedlungsheimstätten entstanden sind, als Geschäftsführer eingetreten ist.

22.02.1923
Eine kleine Anfrage im Landtag beschäftigte sich mit Gerüchten, denen zufolge die Bauaufträge im Lockstedter Lager durch die Vermittlungsstelle beim Landwirtschaftsministerium der "Bauhütte Itzehoe" übertragen worden seien; hierdurch sei erst die Gründung der Hütte ermöglicht worden. Die Frage wie das Staatsministerium die hierdurch erfolgte Ausschaltung des privaten Handwerks rechtfertige, beantwortete laut "Volkszeitung" der Landwirtschaftsminister folgendermaßen: "Die Errichtung der Siedlergehöfte im Lockstedter Lager ist nicht Sache der Vermittlungsstelle im Landwirtschaftsministerium, sondern der einzelnen Soldatensiedlungsgenossenschaften. Die Siedlungsgenossenschaften haben sich für die Übertragung der diesjährigen Bauten an den Bauhüttenbetriebsverband "Nord" in Hamburg entschieden. Dieser Verband wird die Bauarbeiten voraussichtlich durch die angeschlossene "Bauhütte" in Itzehoe, die Ende Dezember v. Js. gegründet worden ist, ausführen lassen."

24.02.1923


07.03.1923
Das Ehepaar Walter und Evahardine Grübner beantragte Anfang des Jahres 1923 bei dem Regierungspräsidenten in Schleswig die Schankerlaubnis und die Genehmigung zum Betrieb eines Getränkeausschankes in der am 01.10.1922 bezogenen und als Schmiede genutzten Katenstelle in Ridders. Gemäß einer Niederschrift im Schankraum der Schmiede heißt es: "Der Herr Regierungspräsident in Schleswig hat gegen Ihren Antrag auf Erteilung der Schankerlaubnis in Ihrem Haus in Ridders Einwendungen nicht erhoben." Bis zur Eröffnung des Gasthauses "Zur Linde" durch den Siedler Schimmelmann war die Schmiede der einzige Getränkeausschank in Ridders. Das Ehepaar betrieb bereits in ihrer Behelfsunterkunft einen von der Siedlungsdirektion geduldeten Getränkeausschank. Der Betrieb des Ausschankes wurde immer durch die Ehefrau des Schmiedes aufrecht erhalten. (Eine Verlängerung der Konzession wurde 1933 beantragt und vom Regierungspräsidenten in Schleswig und dem Kreisausschuß in Itzehoe genehmigt.)

31.05.1923
In den deutschen Heimkehrerlagern befinden sich noch etwa 8.000 Flüchtlingsfamilien, von denen manche schon jahrelang sich im Lager aufhalten. Die Bemühungen vieler Flüchtlinge, wieder zu einer Erwerbstätigkeit zu gelangen, waren bisher vergeblich, scheiterten oft an der schwierigen Wohnungsfrage. Der Reichstag hat jetzt eine Entschließung gefaßt, die Flüchtlingsfürsorge sobald wie möglich abzubauen. Es kann den Flüchtlingen, die ihres Deutschtums willen von Haus und Hof vertrieben wurden, nicht länger zugemutet werden, ein untätiges Barackenleben zu führen und die damit verbundenen schweren Nachteile auf sich zu nehmen. Bei der Finanzlage des Reiches können auch die Kosten der Unterhaltung der Lager nicht länger getragen werden. Der Reichsminister des Inneren richtet daher an alle städtischen wie ländlichen Gemeinden mit allem Nachdruck die Bitte, den Lagerflüchtlingen zu einem Erwerb und einem Unterkommen zu verhelfen. Die außerordentlichen Schwierigkeiten auf dem Wohnungsmarkt werden nicht verkannt, aber bei der verhältnismäßig kleinen Zahl der unterzubringenden Flüchtlinge müßte, wenn alle Möglichkeiten ausgenutzt werden, die Unterbringung zu erreichen sein. Die Gemeinden sind nach dem Gesetz über Maßnahmen gegen den Wohnungsmangel vom 11.05.1920 verpflichtet, die Flüchtlinge bei der Unterbringung der Wohnungssuchenden vorzugsweise zu berücksichtigen. Um ihnen die Aufnahme von Lagerflüchtlingen zu erleichtern, ist das Reich bereit, ihnen für jede aufzunehmende Flüchtlingsfamilie eine geldliche Beihilfe zu gewähren und zwar in Höhe von 1,5 Millionen Mark für das Familienoberhaupt und 250.000 Mark für jedes weitere Familienmitglied. Gemeinden, die hiernach zur Aufnahme von Lagerflüchtlingen gewillt sind, werden gebeten, sich schleunigst, spätestens bis 15. Juni unmittelbar an den Reichskommissar für Zivilgefangene und Flüchtlinge, Berlin W., Potsdamerstraße 134 zu wenden. Bis zum Eintritt der kalten Jahreszeit sollen die Läger geräumt werden.

26.06.1923
Beim Spielen in der Sandgrube wurde in Ridders das 2jährige Kind des Siedlers Georg verschüttet und konnte nur noch als Leiche geborgen werden. Erst jetzt läßt die Bauleitung der Siedlungsdirektion eine ordentliche Umfriedung anbringen, obwohl die Sandgrube unmittelbar an dem Hauptwege von Ridders liegt.

03.07.1923
Da mit dem Aufblühen der Siedlungen die bisherigen Einrichtungen dem wachsenden Geldverkehr nicht mehr genügten, haben die Siedler von Ridders eine eigene Spar- und Darlehenskasse als eingetragene Genossenschaft mit unbeschränkter Haftpflicht gegründet. Sie ist in dieser Beziehung vorbildlich vorgegangen, daß sie mit einer halben Million Einlage je Mitglied den zurzeit größten Geschäftsanteil von allen Genossenschaftsbanken der Provinz, vielleicht des ganzen Reiches hat. Sie nimmt Spareinlagen in Roggenwährung bis zur Gesamthöhe von 2.000 Zentner Roggenwert auf und kann dafür bei einmonatiger Kündigungsfrist 5 Prozent Roggenwertverzinsung vergüten. Dadurch können die Siedler sofort nach der Ernte ihre überschüssigen Vorräte abstoßen und trotzdem den Erlös erhalten, sowie gleichzeitig Zinsen ziehen, während Naturroggen und die anderen Feldfrüchte, statt Zinsen zu bringen, allerlei Verlustgefahren, z. B. Durch Feuer, Ungeziefer, Krankheiten, Schwund, Fäulnis, Diebstahl usw. ausgesetzt sind. Da die Spar- und Darlehenskasse in Ridders solche Spareinlagen in Roggenwert, auch von Nichtmitgliedern annehmen darf, bietet sich so auch weiteren Kreisen die Gelegenheit, ihr Geld auch in kleineren Beträgen wertbeständig anzulegen und dadurch gleichzeitig das Siedlungswerk zu fördern. Der Vorstand besteht aus den Landwirten Schürmann, Schimmelmann und Rahn in Ridders.

21.07.1923
Unter Führung des Staatssekretärs im Reichsarbeitsministerium Dr. Geib besichtigten am 19. und 20. Juli Mitglieder des Reichsrates und des Reichstages die Kultivierungs- und Siedlungsarbeiten auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz Lockstedter Lager. Hier sind mit Reichsmitteln in den letzten Jahren 5.400 Morgen bisher unfruchtbaren Landes in Kulturland verwandelt worden. über 50 Siedlungsgehöfte entstanden. Die Teilnehmer der Besichtigung schieden mit der Überzeugung, daß hier durch das Reichsarbeitsministerium in Verbindung mit den Landesbehörden fruchtbare Wiederaufbauarbeit geleistet worden und im Verhältnis zu den aufgewendeten Mitteln Außerordentliches entstanden ist.



12.08.1923
Daß die Siedler mit der Zeit fortzuschreiten wissen, bewies die heutige Generalversammlung der Spar- und Darlehenskasse e. G.m.b.H. zu Ridders. Trotzdem die Genossenschaft in der kurzen Zeit ihres Bestehens schon ein Vermögen von über einer Milliarde Mark angesammelt hat, beschloß man einstimmig den von jedem Genossen zu lösenden Geschäftsanteil auf Hundert Millionen Mark zu erhöhen. Damit dürften die Siedler zurzeit an der Spitze nicht nur aller Genossenschaften Schleswig-Holsteins, sondern auch des ganzen Reiches marschieren. Diese Einlagen sollen beschleunigt eingezogen werden, so daß die Dorfbank der Siedler dann bei 28 Mitgliedern über ein Geschäftsguthaben von über 2,5 Milliarden Mark verfügt. Daneben nimmt sie auch Spareinlagen in Roggenwährung auch von Nichtmitgliedern an. In den Aufsichtsrat wurden die Herren Gottwald, Nagler, Birkholz und Schabowitz gewählt.

17.08.1923
Lesermeinung: Siedlungsbauten im Lockstedter Lager.
Mit Recht ist darauf hingewiesen worden, daß die Siedlungsbauten, die in diesem Jahre durch die Siedlungsdirektion nach den Plänen der Vermittlungsstelle im Preußischen Landwirtschaftsministerium gebaut werden, sich dem Landschaftsbilde gar nicht anpassen und im krassen Gegensatz zu den vorher errichteten Bauten stehen. Nicht nur äußerlich schlecht, auch innerlich gar nicht gelöst, wird schematisch ein Haus nach dem anderen aufgebaut. Deshalb ist es nicht zu verstehen, daß man weitere Bauten in derselben Art in Angriff nimmt und nun durch Aufsetzen eines völlig zwecklosen Dachrückens unnötig Material vergeudet, ein Luxus, der in der heutigen Zeit unbedingt vermieden werden müßte, zumal die Ausführung ungeschickter und geschmackloser gar nicht gedacht werden kann.
Nur so ist zu verstehen, daß die Bauerlaubnis zu den Bauten nach denselben Plänen im Kreise Segeberg von dem dortigen Kreisbaumeister nicht erteilt wurde. Dagegen die Neubearbeitung der durchaus völlig mangelhaften Pläne verlangt und noch dazu wörtlich geschrieben wird: "Dem Herrn Architekten bei der Vermittlungsstelle im Preußischen Landwirtschaftsministerium scheinen nicht einmal die inneren Zusammenhänge von Grundriß, Schnitt und Ansicht klar zu sein." Als ich als Oberbauleiter es für meine Pflicht hielt, auf einige Mißstände hinzuweisen, da wurde dies vom Landwirtschaftsministerium mit meiner Entlassung beantwortet. Die Fachpresse, die sich mit diesen Bauten und der Wirtschaftsweise in Bausachen der Vermittlungsstelle beschäftigen hat, wird diese Gebäude als abschreckende Beispiele guten zweckmäßigen Lösungen gegenüberstellen und an Hand von Abbildungen zeigen, wie durch fachmännische Bearbeitung bessere und sparsame Bauart zum Ziele führt. Praktisch durchgeführt zeigt dies auch dem Laien die Ausstellung des Bauhauses in Weimar, wo in einfachster Art mit sparsamsten Mitteln das Bestmögliche geleistet worden ist und damit den heutigen Verhältnissen Rechnung trägt. Diese ganzen blamablen Tatsachen hat das Preußische Landwirtschaftsministerium in seinem Namen zu decken.

Schwally, Architekt, R.S.A. Lockstedter Lager

Aufgrund der gemachten und bestätigten Vorwürfe gegen Beamte der Siedlungsdirektion wurde der als Guts- und Amtsvorsteher eingesetzte Rechnungsrat Stange versetzt. Seine Planstelle füllte der bis dahin in verschiedenen Verwaltungen als Steuersekretär tätige Albert Bohnsack aus. Architek Schwally war ein halbes Jahr zuvor aus dem Siedlungsprojekt entfernt worden.

30.09.1923


Kolonate übergeben am 01.10.1923

No. Siedler Standort

39 Schimmelmann, Klaus-Erich (Gastwirt) Ridders
43 Schultz, Friedrich Ridders
45 Thode, Adolf Ridders
46 Großheim, Hermann Ridders
47 Michael, Kurt Ridders
48 Birkholz, Erich Ridders
49 Stoll, Otto Ridders
50 Schmidt, Oscar Ridders
51 Schnell, Gerhardt Ridders
52 Nagler, Willy Ridders
53 Stadelmeier, Philipp Ridders
54 Stoll, Oscar Ridders
55 Schürmann, Heinrich Ridders
364 Maack, Wilhelm Bücken
365 Matthes, Alfred Bücken
366 Kipf, Hans Bücken
367 Garbrecht, Karl Bücken
368 von dem Hagen, Reinhard Bücken
305 Tresp, Alfons Hungriger Wolf
307 John, August Hungriger Wolf
308 Arp, Paul Hungriger Wolf
310 Apfel, Wilhelm Hungriger Wolf
371 Lohse, Otto Hungriger Wolf
372 Wiese, August Hungriger Wolf
634 Mauch, Albert Springhoe
636 Bauer, Friedrich Springhoe


Kolonate übergeben am 02.01.1924

No. Siedler Standort

16 Gallas, Gottlieb Hohenfiert
17 Schmidt, Thadäus Hohenfiert
21 Damske, Jakob Hohenfiert
22 Huth, Otto Hohenfiert
23 Retz, Hermann Hohenfiert
24 Wagner, Friedrich Hohenfiert
25 Jabusch, Karl Hohenfiert
26 Liebelt, Julius Hohenfiert
27 Franz, Johann Hohenfiert
28 Paul, Adolf Hohenfiert
29 Herold, Edmund Hohenfiert
30 Rothert, Paul Hohenfiert
32 Itzenga, Hermann Ridders
40 Staat, Georg Ridders
306 Feuer, Franz Hungriger Wolf
321 Exner, Paul Hungriger Wolf
347 Haselau, Robert Bücken
617 Lindemann, Johannes Springhoe
619 Lübker, Peter Springhoe
635 Kielnecker, Max Springhoe
637 Schmidt, Ernst (Scheibenzug) Springhoe
638 Gruber, Johann Springhoe
658 Fürstenhaupt, Kurt Springhoe


Kolonate Bücken, Ansicht von Westen zirka 1924/1925


16.02.1924
Die Arbeiter Johannes und Hinrich Ko. aus Lockstedter Lager, in Itzehoe in Haft und vorbestraft, werden beschuldigt, in der Nacht zum 12. Januar 1924 im Lockstedter Lager zwei Sack Hafer und sechs Zentner Roggen bei Gebrauch eines falschen Schlüssels gestohlen zu haben. Ferner soll Johannes Ko. in den Jahren 1922 und 1923 Birken und Erlen gestohlen haben. Das Korn gehörte der Siedlungsgenossenschaft, die Bäume der Reichsvermögensstelle. Hinsichtlich der Bäume wurde J. Ko. freigesprochen. Wegen schweren Diebstahls wurde er zu 8 und Hinrich Ko. zu 7 Monaten Gefängnis verurteilt.

06.03.1924
Wegen Diebstahls war angeklagt die Ehefrau Ida Ro. aus Lockstedter Lager. Im November und Dezember soll sie, als sie beim Dreschen half, 130 und 180 Pfund Korn rechtswidrig sich angeeignet haben. Das Korn gehörte der Siedlungsdirektion. Die Angeklagte wurde zu 10 Mark Geldstrafe verurteilt.

25.04.1924
Vermißt wird seit dem 21. April abends das Dienstmädchen Rosa Umland, geboren am 4. Februar 1904 in Osterstede. Die Eltern wohnen jetzt in Schenefeld, Bezirk Rendsburg. In Diensten steht die U. bei dem Siedler Gottfried Stadelmeier in Ridders. Die U. ist groß und kräftig, hat volles rundes rötliches Gesicht, gesunde Zähne, dunkelblondes ziemlich kurzes Haar und ist geistig etwas beschränkt. Sie trug ein dunkles Barchentkleid mit rötlichen Streifen, Mantel, dunkelgrau gestreifte, schwarze Schnürschuhe, schwarze Strümpfe. Eine Kopfbedeckung hatte sie nicht. Sie war am 2. Ostertage mit jungen Leuten zusammen; es wurde viel Alkohol getrunken. Dann ist sie von einem jungen Mann nach Hause gebracht worden. Dieser ließ sie stehen; das Mädchen lief ihm nach und rief ihn. Seit dieser Zeit fehlt von U. jede Spur.

27.04.1924
Freitagmorgen gegen 10 Uhr fand die 6 jährige Tochter des Herrn Stadelmeier die bisher vermißte Rosa Umland in einer Scheune auf. Der Körper war mit Stroh bedeckt. Die Tochter setzte die Eltern davon in Kenntnis. Hierauf ging Stadelmeier in Begleitung einiger Herren in die Scheune; die Umland wurde herausgehoben und nach Genuß einiger Gläser Milch in das Haus der Stadelmeier gebracht. Hier gab sie keine Antwort mehr; sie schlief oder stellte sich schlafend. Auf ärztliche Anordnung wurde die Umland ins Krankenhaus Lockstedter Lager übergeführt. (Vier Tage waren vergangen)



05.08.1924
Lesermeinung: Aus dem Siedlerparadies.
Zu den Ausführungen eines Feldgrauen dürfte folgende Eingabe eine aufschlußreiche Ergänzung bilden, die von allen Siedlern namentlich unterzeichnet unter dem 5. Juni dem Reichskabinett zugestellt wurde. Dieses läßt den Siedlern soeben durch den Reichsarbeitsminister erwidern, daß es kürzlich von den verschiedensten Seiten auf die Vorgänge im Lockstedter Lager aufmerksam gemacht wurde und habe es darum jetzt eine gründliche Untersuchung eingeleitet. Die Eingabe selbst lautet:
Bitte der Siedler des Lockstedterplatzes.
Den Siedlern ist seinerzeit nach unserer zwangsweisen Heeresentlassung vom Reichskabinett die Aussicht auf Ansiedlung eröffnet worden. In Ausführung dieses Reichsversprechens stellten Reichswehr-, Reichsfinanz- und Reichsarbeitsministerium ganz erhebliche Reichsmittel zur Verfügung und bestellten als Treuhänder und ausführendes Organ ihrer Absichten eine dem preußischen Landwirtschaftsministerium angegliederte Behörde, die von Staatssekretär Dr. Ramm eingesetzte Vermittlungsstelle im preußischen Landwirtschaftsministerium. Diese Behörde hat sich in den vier Jahren ihres Bestehens des in sie gesetzten Vertrauens in jeder Hinsicht unwürdig erwiesen. Die Maßnahmen des früheren Ministerialsekretärs, jetzigen Regierungs- und Kulturrates Ossig ließen jede planvolle Organisation vermissen. So ist es gekommen, daß nachdem die im ersten und zweiten Jahre fertiggestellten Kolonate einen Teil ihrer Inhaber leidlich befriedigten, alle folgenden in ihren unschönen Fliegerhallen mit einer unerträglichen Rente belastet wurden. Aber damit nicht genug. Wir haben uns zwar niemals der Hoffnung hingegeben, daß der vom preußischen Landwirtschaftsministerium eingesetzte Beamtenapparat jemals ein persönliches Interesse für uns aufbringen würde. Aber wir hatten nicht erwartet, daß diese Herren die Wahrnehmung unserer ihnen vom Reiche anvertrauten Interessen in so trauriger Weise hinten ansetzen würden, um sich selbst in jeder Weise zu bereichern.
Seit drei Jahren haben wir immer aufs neue den Versuch gemacht, diesen schmachvollen Verwaltungsmethoden ein Ende zu machen. Immer wieder ist es den Schöpfern des Systems gelungen die Wahrheit zu unterdrücken. Wir bitten deshalb das Reichskabinett, der Vermittlungsstelle im preußischen Landwirtschaftsministerium das ihr übertragene Vertrauen zu entziehen und sie zur Rechenschaftslegung über die ihr anvertrauten Mittel aufzufordern.

Die Siedlergemeinschaft.

10.08.1924
Lesermeinung: Aus dem Siedlerparadies.
Mundus vult decipi!
Wer um eine treffende Übertragung dieses Ausspruchs verlegen ist, dem wird die Auslegung gelegen kommen, die Herr Regierungs- und Kulturrat Ossig vor einiger Zeit den versammelten Vorständen der Siedlungsgenossenschaften des Lockstedter Lagers an die Hand gab. Herr Ossig ist Leiter der "Vermittlungsstelle zwischen Reich und Preußen im preußischen Ministerium für Landwirtschaft, Domänen und Forsten zur Ansiedlung Heeresentlassener", eine Dienstbezeichnung, die an sich schon nach hochnötigem Abwracken und Abbau riecht. Und also sprach Herr Ossig: "Meine Herren, wir müssen eben nach dem Grundsatze handeln: Mundus vult depici, das heißt auf deutsch gesagt "Die Welt will beschissen sein!" Nach diesem Wahlspruche wird denn auch seit vier Jahren treu und brav gehandelt. Zunächst drückte man mit List und Tücke aus dem Siedlungsparadies alle hinaus, was für die Vetternwirtschaft als störender Fremdkörper empfunden wurde, so den tüchtigen und ehrlichen, allerdings saugroben Administrator, den verständigen, aber dem Bauschwund und der geplanten Verschandelung widerstrebenden Architekturen, mißliebige Siedler und ihre Führer, die heimischen, auf den Betriebsrat und sonstige in der Verfassung verankerte Rechte, wie Koalitionsfreiheit, Tarifrecht und dergleichen bestehenden Bauhandwerker und Landarbeiter um für dafür altvertraute und willfährige Günstlinge hereinzubringen. Nun war die Bahn frei für die natürliche und geistige Verschandelung der Siedlung. Für die Fliegerhallen gab es keine Keller, keine Kornböden, keine Stalleinrichtung, nicht einmal eine Treppe. Selbst für einen Abort und eine Leiter war kein Holz vorhanden, angeblich aus Mangel an Mitteln und Baustoff. Zur gleichen Zeit erstanden die großen Wohnpaläste mit besonderen Kellern, Scheunen und Stallungen, in denen es an nichts fehlte, von den Spülklosetts, Badewannen, Kachelöfen bis zu neuzeitlichen Stalleinrichtungen, mit Gehegen ringsum, in denen mancher wie ein kleiner Zaunkönig haust. Dafür mußten die Mittel und Baustoffe in Massen herhalten, die ursprünglich vom Reiche für die Baltikumer bewilligt waren, welch letztere man bis in die letzten Tage hinein mit allen möglichen Schlichen und Kniffen herauszuekeln suchte und notfalls herauswimmelte, um sie um ihr heißerstrittenes und zu Hungerlöhnen erarbeitetes Siedlungsrecht zu prellen, um Platz für die Ränkespinner zu schaffen. Auf Vorschläge, bei bevorstehender Auflösung das aus dem Baltikumfonds beschaffte Gerät und die Pferde den vermögenslosen Soldatensiedlern zum Kauf anzubieten gab man bis zuletzt die Antwort, es werde zur Kultivierung weiterer Gaue Deutschlands benötigt.
Jetzt verteilen die Beamtensiedler alles unter sich; wahrscheinlich sind die Pferde und die Maschinen sind nicht mehr wert wie altes Eisen und Brennholz. Während man den Siedlern und Ostflüchtlingen ihre kleinen Eckchen Garten- und Rübenland, die sie mit ihrem Schweiß und Arbeit düngten, von der Ernte abzieht, eigneten sie sich je 12 bis 16 Morgen Pachtland an, nach dessen günstiger Lage diese neuen Kolumbusse erst am Tag der Ernte Geländeforschungen anstellten, da sie es bis dahin mit den Lilien auf dem Felde und den Vögeln des Himmels hielten. Man hört aber nichts davon, daß es ihnen wie den Soldatensiedlern und Ostflüchtlingen vor der dreifach größeren Ernteübergabe in Abrechnung gebracht wird. So wäre noch in gar manche Winkel des Siedlungsgebietes hineinzuleuchten. Doch das ein anderes Mal.

Diogenes.

22.08.1924
Lesermeinung: Dem "hereingefallenen" Bauern aus Peißen
Wie der "hereingefallene" Bauer das gesetzliche Vorkaufsrecht, das nicht an der Person, sondern am Grundstück hängt und übrigens nicht eingetragen ist, mit dem Rechte der Erstgeburt vergleichen kann, ist mir nicht recht klar. Das gesetzliche Vorkaufsrecht hätte auf anderem Wege und mit anderen Mitteln abgebogen werden können. Dieser Weg ist nicht beschritten worden, zunächst um versöhnlich zu wirken und dann, um den Kleinbauern, Handwerkern und Arbeitern zu einem Stück Land zu verhelfen. Der Einsender mag öffentlich die Größe der seinerzeit von ihm enteigneten und der jetzt wieder von ihm erworbenen Fläche und den dafür gezahlten Kaufpreis angeben. Möglich ist, daß der Veräußerer für den letzthin gezahlten Preis sich soeben ein "Linsengericht" kaufen konnte.
Weshalb denn mit der Wahrheit so hinter dem Berge halten? Ist der "hereingefallene" Bauer vielleicht der, welcher einem Kriegserblindeten, der von mir besonders wohlwollend behandelt ist, das Land nicht gönnte unter dem Vorwande, daß ein Blinder doch nicht pflügen könne? Ist's vielleicht einer von denen, die sich schriftlich an den Herrn Landrat Pahlke wandten mit der Bitte, mich bei der sozial wirkenden Aufteilung des Landes zu unterstützen? Ist's vielleicht der Bauer, der seine Berufskollegen der Unersättlichkeit und des Geizes zieh? Vielleicht der, welcher den Arbeitern das Land nicht gönnte, weil sie Sozialdemokraten seien? Vielleicht der, welcher allen Ernstes behauptete, daß ein Arbeiter erst recht unverschämt würde, wenn er Landbesitzer geworden sei?
Höre mal "hereingefallener" Bauer. Von dem Gute Springhoe sind seinerzeit über 100 Hektar enteignet worden. Sieh dir mal die Größe und Art der Flächen an, die der jetzige Besitzer wieder erworben hat und laß die den gezahlten Kaufpreis nennen. Der ist nicht so gut weggekommen wie du und der kluge Johannes Carol aus Peißen, der mal sein Vorkaufsrecht praktisch ausüben durfte. Weshalb soll ich nicht mal frisch fröhlich jagen können? Hoffentlich nimmt der Besitzer von Springhoe recht bald Veranlassung, mir einen guten Bock zum Abschuß freizugeben.
Und weshalb verschweigst du, daß schon mehrere holsteinische Jungbauern angesiedelt sind? Vor etwa vier Wochen noch ein ganz besonders prächtiger, ausgerechnet aus Peißen.
Und nun zum "dampfenden Grog". Das ist nicht landfremd, wenn beim dampfenden Grog verhandelt wird. Glaubst du "hereingefallener" Bauer vielleicht, ich ließe den Grog kalt werden? Natürlich muß er dampfen.
Und denke dir mal an. Ich kriege, weil ich abgebaut bin, eine Siedlung, ausgerechnet angrenzend an das Gut Springhoe. Was mag das wohl zu bedeuten haben? Höre und staune: mit einem richtig gehenden, selbst bezahlten Spülklosett. Kannst mal nach Art des neuesten Diogenes deine Nase auch dahinein stecken.
Und zum Schluß "hereingefallener" Bauer ein Mahnwort: halt's mit der holsteinischen Art, die nicht unter einem Decknamen schreibt. Tritt mit offenem Visier hervor. Heraus mit dem Wort, wenn es wahr ist, hinein mit dem Grog, wenn er dampft und klar ist.
Auf den Eingesandt, das meine Person betrifft und nicht mit vollem Namen unterzeichnet ist, antworte ich nicht mehr.
Lockstedter Lager im August 1924

Lück.

10.09.1924
Lesermeinung: Besichtigung der Siedlungen.
Um sich über die letztlich viel besprochene Lage und die Verhältnisse der Soldaten- und Flüchtlingssiedler im Lockstedter Lager zu unterrichten, veranstalteten der Reichslandbund und der Bauernverein eine Besichtigung, die vom früheren Ministerialrat der Siedlungsabteilung im Reichsarbeitsministerium Geheimer Regierungsrat Dr.Ponsick aus Berlin geleitet wurde. Vom Landbund nahmen daran noch der Direktor Dr. Breneck, Schriftleiter H. Jordan und Kreisgeschäftsführer Jappe, sämtlich aus Kiel, vom Bauernverein das Vorstandsmitglied Thode aus Schadendorf und Dr. Deckmann aus Rendsburg von der Landwirtschaftlichen Schule Itzehoe Direktor Dr. van der Smissen teil. Besonders wurde es von den Siedlern begrüßt, daß der Landeskulturamtspräsident Engelkamp und Landeskulturdirektor Dr. Leisterer aus Schleswig sowie Kulturamtsvorsteher Diplom Landwirt Seifert aus Heide auch diese Gelegenheit nicht vorübergehen ließen, um sich der Siedler anzunehmen und ihre Lage durch ihre Ratschläge und Eintreten nach oben hin, soweit es ihnen als vermittelnde Behörde möglich ist, zu verbessern. Das Landwirtschaftsministerium, das schon vor 3 Wochen eingeladen wurde, war leider nicht vertreten, da Regierungsrat Ossig drei Tage vor der Besichtigung einen längeren Urlaub angetreten hatte. Diesmal wurden die Herren nicht nur durch die prächtigen Gefilde von Ridders gedrängt, wie man es bisher mit Vertretern von Ministerien, Behörden des Reichsrates, Reichs- und Landtages beliebte, denen man die wilden Baltikumer wie im Tiergarten nur aus vorsichtiger Ferne bei der Arbeit zeigte wurden sie diesmal in aller Ruhe über die schlechtesten Wege auch durch kaum oder noch nicht kultivierten sandigen und moorigen Gründe der minder glücklichen Siedlungen Springhoe und Hungriger Wolf gefahren und geführt. Eine seit zwei Tagen versackte große Scheibenegge des Dampfpfluges warf ein treffendes Schlaglicht auf die schwierigen Verhältnisse der Siedler, ein Bild, das sonst dem Blick der gewöhnlichen Sterblichen verborgen blieb. Neben den prächtigen und wohnlichen Ziegelhäusern wurde auch eine der merkwürdigen Fliegerhallen oder Wohnscheunen eingehends in Augenschein genommen. An die Besichtigung schloß sich von 1500 bis 2000 Uhr eine gründliche Besprechung, in der die Siedler ihre Wünsche und Beschwerden frank und frei von der Leber weg vorbringen konnten, die in Form einer Eingabe verdichtet vom Reichslandbund und Bauernverein dem Kulturpräsidenten, zu dem die Siedler ein ganz besonderes Vertrauen haben, übergeben werden soll, damit dieser sie an die rechten Stellen weiterleitet. Hätte man die Siedler von vorne herein auch seitens des Landwirtschaftsministeriums mit feinem Verständnis für ihre Lage behandelt, so wäre gar manche Mißstimmung im Keime erstickt worden. Denn mehr als je gilt in Deutschlands Notzeit das ewige Wort: Es ist der Geist, der lebendig macht!

Heinrich Schürmann.

14.09.1924
Lesermeinung: Wo die Siedler vor allem der Schuh drückt.
Der Punkt, wo, von der rückständigen Urbarmachung abgesehen, die Siedler der Schuh in der Hauptsache zurzeit drückt, ist in der ausgiebigen Erörterung über das Soldaten Siedlungswerk nicht genügend hervorgehoben worden und soll das kurz nachgeholt werden. Er entspringt der allgemeinen Kreditnot, die die letzten Siedler am härtesten trifft. Die ersten haben sich ihr Vieh zur Not in der Entwertungszeit beschaffen können, wenn sie auf dem Posten waren. Die letzten waren dazu nicht in der Lage, da es ihnen an Weiden, Rübenland und Stallungen fehlte. Zur Ausrüstung der Siedlerstelle gehören zwei Pferde und sechs Kühe, dazu zwei Buchten mit etwa zehn Schweinen. Durch die Landesgenossenschaftsbank und die Landesbank Kiel konnten wir jedem der letzten Siedler 1.000 Mark Kredit besorgen, wovon jeder zur Not zwei Pferde und die Ferkel, vielleicht noch einen alten Ackerwagen beschaffen konnte, wenn er besonders günstig kaufen konnte. Dazu hat jeder während des Markzerfalls mit Hilfe der Genossenschaft eine Kuh als Sachwert erworben und auf etwas Pachtland durchfüttern können.
Einschließlich der Zinsen und Erntekredit sind nach der Ernte rund 1.250 Mark zurückzuzahlen. An Ernte erhält der Siedler außer Hafer, der für die Pferde drauf geht rund 15 Morgen Roggen, der hoch gerechnet 10 Zentner Ertrag und je 10 Mark Erlös, wenn er nicht ausgewachsen wäre, 1.500 Mark einbringt. Nach Abzug der Drusch- und Erntekosten reicht der Erlös sicher nicht zur Zahlung der angeführten Schulden. Es muß aber Saatgut und Brotgetreide zurückgehalten werden, daneben sind Schrotschulden für die Schweine zu zahlen, bei denen der Reinverdienst letzten Endes nur der Mist übrig bleibt. Die außerdem gegebenen 7 Morgen Kartoffeln reichen sicher nicht zur Bestreitung der Düngekosten, Bestellkosten und für den Lebensunterhalt. Aus der Hauptnot wäre der Siedler heraus, wenn er den Stall außer voll Schweinen noch voll guter Kühe hätte, so daß er vom Milchertrag leben kann. Leider hat er nur eine, höchstens zwei mäßige Kühe, die im Winter meist trocken stehen, weil die landfremde Siedlungsdirektion es nicht verstand, weder für Beschaffung von Krediten, noch Vieh und dergleichen mit den heimischen Kreisen Beziehungen anzuknüpfen. Ohne Vieh ist vor allem das Grünland, das wiederum Mutter des Ackers ist, wertlos. Vor allem geht der Stalldünger ab, den ein vollbesetzter Stall liefert. Da Kunstdünger heute kaum vom schuldenfreien und viehreichen Landwirt beschafft werden kann, besteht die Gefahr, daß der Ertrag auf dem kaum garen, bisher mit Kunstdünger aufgepeitschten Heideboden rasend zurückgeht. Dann hat aber jede Siedlung ihren Zweck verfehlt, wenn sie statt zur Steigerung, nur zum Rückgang der Erzeugung und damit auch zum Untergang des Siedlers sowie Verderb der Acker und Wiesen führt. Hier müssen besondere Kreditmaßnahmen zugunsten der Siedler getroffen werden. Die ersten Siedler können zur Not auf ihren schuldenfreien Stellen Roggen- oder Goldpfandbriefe aufnehmen, deren Kurs aber höchstens auf 50 Prozent steht. Die letzten sind derart mit Roggenrente vorbelastet , daß sie nie einen langfristigen Kredit erhalten können. Die Siedler haben vergebens das Landwirtschaftsministerium gebeten, hier, ähnlich wie es bei den Rentengütern möglich ist, einem langfristigen Kredit die erste Stelle vor der Roggenbelastung des Reiches einzuräumen. Sie fanden aber nur taube Ohren. Und doch muß im Verein mit den sehr entgegenkommenden Landschaften und der Landesbank in Kiel dieser einzige Ausweg beschritten werden und statt der Hergabe unterbewerteter Pfandbriefe ein reines Golddarlehen zu einem angemessenen Zinsfuß gewährt werden.

Heinrich Schürmann.

04.11.1924
Die Arbeiter Be. und We. aus Itzehoe haben Mitte September im Lockstedter Lager, wo sie beschäftigt waren, mehrere Pakete Nägel, der Siedlungsdirektion gehörig, weggenommen. Die Pakete haben herumgelegen und waren nicht eingeschlossen. Sie sind des Diebstahls angeklagt und wird Be. zu 4 Wochen Gefängnis und We. zu 1 Woche, umgewandelt in 35 Mark Geldstrafe verurteilt.

17.11.1924
Der Siedler Ewald Do. aus Lockstedter Lager hat sich wegen vier Diebstähle zu verantworten. Er soll sich Handwerkszeug und Bretter, der Siedlungsdirektion gehörig, und eine Säge, der Bauhütte Itzehoe gehörig, angeeignet haben. Die Sachen lagen an dem Hause, das ihm gebaut wurde. Einige Schalbretter will er für seinen Hühnerstall verwendet haben, die anderen Sachen will er aber nicht genommen haben. Wegen Diebstahls in vier Fällen wurde der Angeklagte zu 4 Wochen Gefängnis verurteilt, auch hat er den Schaden zu ersetzen. Er bekam Bewährungsfrist wenn er 60 Mark Geldbuße zahlt.

30.11.1924
Wegen Diebstahls war angeklagt der Maler Johann Mü. aus Lockstedter Lager. Es ist ihm zur Last gelegt, im Jahre 1924 8,5 Quadratmeter Bretter der Siedlungsdirektion gehörig, gestohlen zu haben. Es möge richtig sein, daß ihm die Erlaubnis gegeben worden sei, einige Bretter für seinen Blockwagen zu nehmen, aber er hat die Befugnis weit überschritten und wird daher zu einer Geldstrafe von 15 Mark verurteilt.

09.12.1924
Mitte des Monats werden die letzten zwanzig Siedlerstellen vergeben. Gleichzeitig wird die staatliche Siedlungsdirektion aufgelöst. Um bis zur Bildung der Gemeinden die gemeinsamen Dorfangelegenheiten, wie Unterhaltung der Wege, Wasserläufe, Pflege der Gemeindewälder, Schulfragen, Feuerwehr und dergleichen zu regeln und zu fördern, haben sich die Siedler unter Anleitung des Kulturamtsvorstehers Dipl. Landwirt Seifert zu Heide zu den drei Dorfschaftvereinigungen Springhoe, Bücken-Hungriger Wolf und Ridders zusammengeschlossen. Die Vorstände sollen die Gemeindevertretungen ersetzen und mit dem Amtsvorsteher Bohnsack zu Lockstedter Lager zusammenarbeiten. Diese vorläufige Gemeindevertretung besteht für Springhoe aus den Siedlern Wichmann, Stieglitz, Arndt, Lindemann und Schmidt, für Bücken-Hungriger Wolf aus den Siedlern Chmiel, Kipf, Quade, Köpke und Steffens, für Ridders aus den Siedlern Thode, Schimmelmann, Georg, Herold und Wagner. Die prächtige Schule in Ridders ist bald fertiggestellt und soll im Januar eröffnet werden. Sie dürfte sich sofort mit 50 Schulkindern bevölkern, da die zur Gemeinde Ridders gehörenden 14 Ostsiedler am Silzener Weg je sieben Kinder ihr eigen nennen. In dem neuen Spritzenhaus neben der Schule ist schon eine Feuerspritze untergestellt. Gegenüber der Schule hat Herr Schimmelmann das "Gasthaus zum Lindenhof" eröffnet. Im Lager hat ferner die Reichsvermögensstelle ein geräumiges Gebäude für die beiden anderen Gemeinden zu Schulzwecken zur Verfügung gestellt, in dem gleichzeitig Gottesdienst abgehalten werden soll. Ferner hat die Reichsvermögensstelle an den Kaufmann Ernst Schaack aus Kellinghusen, mit dem die Siedler schon im Juni Milchlieferungsverträge abgeschlossen haben, die frühere geräumige Militärküche und Kantine I zwecks Einrichtung einer Molkerei auf 10 Jahre verpachtet. Mit dem Einbau der Maschinen im Werte von über 30.000 Goldmark ist man gerade beschäftigt, so daß der Betrieb im Januar eröffnet werden kann. Die neue Meierei dürfte eine gute Zukunft haben. Zählt man doch allein im engeren Siedlungsbezirk Ridders mit seinen 34 Siedlern jetzt schon 183 Stück Rindvieh. An Pferden sind dort 66 Stück, an Schweinen 243, an Schafen 6 und an Federvieh über 700 Stück vorhanden. Der Viehbestand der gesamten Siedlung dürfte dreimal so groß sein. Beträchtlich sind die Mengen Milch, Butter, Fleisch, Eiern, Getreide und Kartoffeln, die jährlich der Allgemeinheit aus diesem kleinen Fleckchen Erde zufließen, das noch vor vier Jahren als tote Heide, verkommene Weiden und versumpfte Wiesen dalag, wo nur einige Schafherden ihre Nahrung fanden.

18.12.1924
Aus der Siedlung Ridders.
Außer dem Lockstedter Lager, wo der Betrieb schon im Januar eröffnet werden soll, wird auch die Siedlung Ridders im nächsten Jahre eine eigene Meierei erhalten. In einer zum 15. Dezember nach Ridders zu diesem Zweck berufenen Versammlung teilte der Meierist H. Siehl aus Meezen, der dort seit 11 Jahren, wie zuvor 5 Jahre lang in Poyenberg, die Genossenschaftsmeierei betreibt seinen Entschluß mit, im Frühjahr mit dem Bau einer Molkerei in Ridders auf eigene Rechnung zu beginnen. Sie soll mit neuzeitlichen Geräten, die durch Herrn Meier von der Bergedorfer Maschinenfabrik geliefert werden, ausgestattet werden und im Juni in Betrieb kommen. Fast 30 Jahre sind es her, seit der Meierist Sievers, der dann lange Jahre die Molkerei in Itzehoe leitete, die Meierei in Ridders verlassen mußte, das 1897 dem Untergang geweiht wurde. Die neue Meierei wird sich auf etwa 30.000 Mark stellen. Gleichzeitig wird Herr Siehl eine Schrotmühle einrichten. Auch ist die Versorgung der Siedlung mit elektrischem Licht und Kraftstrom geplant, falls die Überlandzentrale diese Aufgabe nicht in die Hand nimmt. So blüht Ridders immer mehr auf, zumal auch schon die Schule und eine Schmiede vorhanden sind und sich neben den 84 Siedlern noch ein Maurer und ein Zimmermann im Orte niedergelassen haben. Als Belieferer der Meierei kommen noch die 20 Siedler am Hohen Vierth, sowie 5 Bewohner der früheren Hasenheide in Frage. Diese Kuhhalter dürften im Frühjahr über 200 Milchkühe verfügen. Für die angelieferte Vollmilch wird im Sommer der 11., im Winter der 10 Teil des Durchschnittspreises der Hamburger Butterversteigerung vergütet. Bei Zurücknahme der Mager- und Buttermilch wird diese dem Kuhhalter zum dritten Teil des Vollmilchpreises berechnet. Die für den Haushalt des Siedlers benötigte Butter kann zum Hamburger Butterversteigerungspreis zurückbezogen werden. Die Errichtung einer Meierei ist ein großer Fortschritt für die junge Siedlung. Ist das Milchgeld doch die einzige ständig fließende Geldquelle für den Landwirt, während er alle seine anderen Erzeugnisse nur einmal im Jahr umsetzen kann. Auch ist bei den heutigen Preisen und in der jetzigen Lage Deutschlands die Haltung von Milchvieh der auskömmlichste und aussichtsreichste Zweig der Landwirtschaft, zumal der reichlich anfallende Mist den kostspieligen Kunstdünger vielfach erspart. Bis zur Eröffnung der neuen Meierei liefern die Siedler in Ridders ihre Milch zum Lockstedter Lager, dessen Molkerei ferner von den Siedlern in Springhoe und Bücken, sowie den Anliegern des Platzes versorgt wird, die über nicht weniger Kühe wie in Ridders verfügen dürfte. Auch hier ist eine Schrotmühle eingerichtet, ferner ist eine Kohlen- und Düngerhandlung vorgesehen.

Kolonate übergeben am 19.12.1924

No. Siedler Standort

41 Koch, Max Ridders
60 Merker, Hermann Ridders

Kolonate übergeben am 31.12.1924

No. Siedler Standort

19 Jebsen, Heinrich Hohenfiert
56 Reinholz, Ewald Ridders
57 Neben, Claus Ridders
320 Kage, Emil Hungriger Wolf
349 Oberblöbaum, Wilhelm Bücken
350 Trautmann, Friedrich Bücken
607 Splitt, Raimund Springhoe
608 Hutschenreiter, Rudolf Springhoe
609 Dombrowski, Ewald Springhoe
610 Manthey, Reinhold Springhoe
611 Horst, Franz Springhoe
612 Nubbemeier, Heinrich Springhoe
616 Lück, Paul Springhoe
620 Wichmann, Karl Springhoe
621 Wichmann, Hermann Springhoe
622 Dengler, Friedrich Springhoe
623 Arndt, Hugo Springhoe
624 Herther, Thomas Springhoe
625 Kichle, Bernhard Springhoe
626 Schöne, Georg Springhoe
629 Kemper, Hans Springhoe
630 Bauer, Wilhelm Springhoe
633 Tschensee, Eduard Springhoe


15.01.1925

16.01.1925

19.01.1925


04.02.1925


04.03.1925
Das Staatsratsmitglied Graf zu Rantzau-Rastorf berichtete auf einer Tagung in Peißen über die Lage der Soldatensiedler im Lockstedter Lager und die Verhandlungen des Preußischen Staatsrates, in denen die preußische Regierung die Bereitstellung weiterer Mittel für die Soldatensiedler in Aussicht gestellt hatte. Eine Kommission des Vorstandes soll in Kürze die Siedlung nochmals eingehend besichtigen.

08.03.1925


05.04.1925


05.04.1925


08.04.1925
Am Sonnabend hielt der Kreislandbund Steinburg in der Siedlung Ridders einen Landbundabend ab, an dem zahlreiche Siedler teilnahmen. Das Los der Siedler ist mit wenigen Ausnahmen in der Zeit stetig wachsender Agrarkrise besonders trostlos. Wo alte Bauernhöfe um die Rentabilität zu kämpfen haben, stehen die Siedler naturgemäß vor schier unüberwindlichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Darum galt das Beisammensein ernster Aussprache. Über "Landbund und Siedlung" sprach der Kreis Geschäftsführer Weschke aus Itzehoe. Er führte aus, daß der Landbund stets für eine lebensfähige Siedlung zwecks Schaffung neuen landwirtschaftlichen Mittel- und Kleinbesitzes eingetreten sei und sich im besonderen auch durch seinen Siedlungssachverständigen Geheimrat Dr. Ponsick, Mitglied des Reichswirtschaftsrates, für die Siedlungen im Lockstedter Lager einsetze. In schärfster Kampfstellung stehe jedoch der Landbund denen gegenüber, die von Siedlung sprächen, aber Enteignung meinten und die Siedlung als Vorstufe der Sozialisierung betrachteten. Im besonderen setze sich der Landbund im Interesse der Siedler für Befreiung von der Grundvermögenssteuer und für schnellste Zuführung der in Aussicht gestellten Reichskredite ein. Herr Usinger sprach von zahlreichen Feinden, die in geschlossener Front der Landwirtschaft gegenüberstehen und die auch Feinde der Siedlung sind. Er mahnte die Siedler, sich trotz der zwischen ihnen bestehenden Gegensätze im Landbund eng zusammenzuschließen. Eine Zersplitterung sei für die Interessen der Siedlung ebenso schädlich wie für die gesamte Landwirtschaft. Hofbesitzer Soth aus Lockstedt sprach von dem Verhältnis der Siedler zu den schleswig-holsteinischen Bauern und bat, diesen besonders in allen Wirtschaftsfragen Vertrauen entgegen zu bringen. In reger Aussprache blieb man noch lange beisammen und erörterte die einzelnen Fragen der Siedlung und die Eingaben des Landbundes. Manche praktischen Winke in beruflicher Beziehung wurden gegeben.

10.06.1925


11.06.1925
Der Mühlenbetreiber der Winseldorfer Wassermühle, Herr Schwarzkopf, hat von der fiskalischen Verwaltung den ehemaligen Haferschuppen am Bückener Weg gepachtet. Er schafft sich dadurch die Möglichkeit die Lagerkapazität auszuweiten und geht davon aus, daß viele Siedler das Angebot wegen des kurzen Weges annehmen und ihre Ernte bei ihm abliefern werden.

25.06.1925
Lesermeinung: Siedler! Achtung! Die Augen auf!
Die Pachtzeit der Jagd auf dem ca. 4.500 Hektar großen ehemaligen Truppenübungsplatz Lockstedter Lager läuft mit dem Ende des nächsten Monat ab. Im Januar 1918 wurde die Jagd in den Revolutionswirren für 3.000 Mark an den jetzigen Pächter, der Zahlmeister im Lager während des Krieges war, unter der Hand verpachtet. Im Jahre 1922 konnte der Pächter den Pachtpreis mit einem halben Dutzend Schlipse bezahlen, in den beiden letzten Jahren muß der Wert von 180 Hasen bezahlt werden. Ein nettes Geschäft. Da Gerüchte im Umlauf sind, daß der jetzige Pächter versucht, noch einmal die Jagd unter den früheren oder ähnlichen Bedingungen und unter der Hand wieder zu erlangen, müssen die Siedler die Augen offen halten. Wir können und müssen verlangen, daß

1.die Jagd in den einzelnen drei Gemeinden öffentlich meistbietend nach vorheriger Bekanntmachung in den
   meistgelesenen Tageszeitungen verpachtet wird,
2.die Dorfschaftsvertretungen bei der Verpachtung mitwirken,
3.die Verpachtungsbedingungen unter Fühlungnahme mit den Dorfschaftsvertretungen festgesetzt werden, und
4.der Zuschlag nur im Benehmen mit den Dorfschaftsvertretungen erteilt wird.
  Nur auf diese Weise ist die Bürgschaft dafür gegeben, daß die Interessen der Siedler gewahrt werden.

Lück.

27.06.1925
Aus der Siedlung Ridders.
Die diesjährige Mitgliederversammlung der Spar- und Darlehenskasse, e.G.m.b.H., war von etwa 50 Siedlern aus vier Siedlungsdörfern besucht. Als Gäste waren Regierungs- und Kulturrat Dipl. Landwirt Seifert, Vorsteher des Kulturamtes Heide, Dipl. Landwirt Brand vom landwirtschaftlichen Genossenschaftsverband Kiel und Geschäftsführer Roggow von der schleswig-holsteinischen Hauptgenossenschaft, Zweigstelle Itzehoe, erschienen, die morgens Vorträge über verschiedene Siedlungs- und Genossenschaftsfragen hielten. Nach dem Geschäftsbericht hat sich die Genossenschaft gut entwickelt. Einem Abgange von drei steht ein Zugang von dreißig Mitgliedern gegenüber und die Spar- und Darlehenskasse zählte am Jahresbeginn 53 Mitglieder. Sie hat also ihren Bestand vom Vorjahre gerade verdoppelt. Am Versammlungstage selbst war die Zahl der Mitglieder auf 68 gestiegen und es besteht begründete Aussicht, daß sie sich im Laufe des Jahres nochmals verdoppelt. Der Umsatz des Vorjahres betrug 600.000 Mark und ist im laufenden Halbjahr schon wieder überholt. Zur Hauptsache beschafft die Genossenschaft Düngemittel, Saatgut, Futtermittel und landwirtschaftliche Geräte aller Art, damit die Siedler auch auf ehemaliger Heide und Moor das Höchstziel erreichen, das sich die Landwirtschaft zur Ernährung unseres Volkes gesteckt hat. Hierbei wird die junge Dorf- und Siedlerbank vom Verband der schleswig-holsteinischen landwirtschaftlichen Genossenschaften, der Landesgenossenschaftsbank und der schleswig-holsteinischen Hauptgenossenschaft, alle drei in Kiel, die auch im letzten Jahre Zweigstellen in Itzehoe errichtet haben, tatkräftig unterstützt. Die mit 29.426 Mark abschließende und vom Aufsichtsrat und Revisionsverband Kiel eingehend geprüfte Vermögensübersicht wurde einstimmig genehmigt. Nach den vorgeschriebenen Neu- und Ersatzwahlen besteht der Vorstand aus den Landwirten Schürmann (Ridders), Kipf (Bücken) als Geschäftsführer und Schimmelmann (Ridders) und den Landwirten Hubert (Bücken), Schmidt (Ridders), Quade (Hungriger Wolf), Neben (Ridders) und Gruber (Springhoe). Die Kreditgrenze, die jeder Siedler für Betriebszwecke in Anspruch nehmen kann, wurde auf 2.000 Mark als Höchstbetrag festgesetzt.
Wenn die Siedler trotz der harten Notzeit ihre noch so sehr der Kraft bedürftigen Äcker und Wiesen, wie Weiden mit dem unumgänglich Notwendigen an Saatgut und Dünger versorgen konnten, so haben sie dies in der Hauptsache der von ihnen trotz Schwierigkeiten mit unverzagtem Wagemut begründeten Dorfbank zu verdanken. In bemerkenswerterweise stachen die um Pfingsten prächtig stehenden Schläge der Mitglieder vielfach von den Äckern der weniger unternehmungslustigen Kameraden ab, die der gemeinsamen Hilfe und Ausnutzung aller Lehren der Wissenschaft und täglichen Erfahrung glaubten entarten zu können. Haben Wassermangel und Dürre Hafer, Sommerkorn und Rüben später auch arg mitgenommen, so konnte der lang ersehnte Regen jetzt dort vieles wieder gutmachen, wo die hineingesteckte Düngerkraft die Pflänzchen vor dem völligen Verdursten und Vertrocknen bewahrte, zumal wenn durch die Genossenschaft Saatgut bezogen war, das der im Mai gewöhnlich Schleswig-Holstein heimsuchenden Dürrezeit durch gründliche und strenge Zuchtauslese angepaßt war.

27.06.1925
Lesermeinung: Die Jagdverpachtung im Lockstedter Lager.
Ich bin weder "Jagdpächteraspirant" - weil ich dazu kein Geld habe - weder Siedler, noch bin ich den jetzigen Pächtern in irgend einer Weise verpflichtet, stehe also tatsächlich "über den Parteien". Was mich veranlaßt, das erste "Eingesandt" zu ergänzen, ist die Liebe zum deutschen Wild.
Es ist eine selbstverständliche Forderung von Herrn L., daß er die Interessen der Siedler nach jeder Richtung gewahrt wissen will und daß dies am besten in der von ihm geschilderten Weise geschieht. Die Not der Siedler ist so allgemein bekannt, daß darüber kein einziges Wort verloren werden braucht.
Es soll nur darauf hingewiesen werden, daß derjenige, der bei der Jagdverpachtung vermöge seines dicken Geldbeutels das Höchstgebot abgibt, nicht immer der beste Waidmann ist. Was nutzt es z.B. der Gemeinde Springhoe, wenn sie ihre Jagd auf 6 Jahre für je 3.000 Mark verpachtet und nach Ablauf der Pachtzeit ihre Feldmark so leer geschossen ist, daß sie dem letzten geschossenen Hasen ein Denkmal setzen oder ihn ausgestopft in ein naturhistorisches Museum schicken müßte! Für die nächsten 6 Jahre gibt es dann überhaupt nichts.
Deshalb mögen die Dorfschaftsvertretungen den Zuschlag nicht durchweg dem Höchstbietenden, sondern daneben einem solchen Mann erteilen, der ihnen die Gewähr gibt, daß die Jagd nach wirklich waidmännischen Grundsätzen ausgeübt wird.

Das ist der Jägers Ehrenschild,
Daß er beschützt und hegt sein Wild.
Waidmännisch jagt, wie's sich gehört!
Den Schöpfer im Geschöpfe ehrt.

Gewiß sind dem Pächter auch die Vorteile der Inflation zugute gekommen. Während er - wie behauptet wird - 1923 die Pacht mit sechs Schlipsen hat bezahlen können, haben sich andere vielleicht für ein halbes Pfund Kartoffeln einen - Selbstspannerdrilling "gekauft". Jedenfalls wird die Jagd dem Verpächter in einem waidmännisch einwandfreien Zustand zurückgegeben. Mögen es die künftigen Pächter, denen die Dorfschaftsvertretungen den Zuschlag erteilen sollen, ebenso halten. Damit würde den schwer um ihr Fortkommen ringenden Siedlern und - unserem deutschen Wilde am besten gedient.

Selle.

02.07.1925
Lesermeinung: Nochmals die Jagdverpachtung im Lockstedter Lager.
Die Überparteilichkeit des Herrn Selle ist nur subjektiv. Herr Selle hat anscheinend die Ziffern 2 bis 4 meiner Forderung übersehen oder aus Unkenntnis der Jagdgesetze und aus Unerfahrenheit in der Fassung und Beurteilung von Jagdpachtverträgen "danebengehauen". Gerade wir Siedler wollen uns im Interesse des Wildbestandes gegen den Ausschuß der Jagd und gegen unwaidmännisches Jagen schützen. Schon vor etwa 2 Jahren habe ich, als ich noch im Amte war, diese Jagdstreitsache bearbeitet. Schon damals habe ich u.a. die Forderung gestellt, daß neben der Erhöhung des Pachtpreises auch der Abschuß des Rehwildes in den beiden letzten Jahren der Pachtzeit verboten sein sollte. Eine Regelung in dieser Art ist aus hier nicht zu erörternden Gründen leider unterblieben. Wäre sie zustande gekommen, wäre manches, was auch Herrn Selle z. T. bekannt ist und der Jagd großen Abbruch getan hat, nicht geschehen. Ist es waidgerecht, Herr Selle, wenn ein Jäger Ihnen stolz einen armseligen Spießer ins Haus bringt, den er für einen zurück gesetzten "Sechser" ansieht? Ist Ihnen nichts von zu Holze geschossenen und nicht gefundenen Böcken bekannt? Ist Ihnen nicht bekannt, daß trotz Ableugnung im letzten Winter weibliches Rehwild abgeschossen ist? Ist Ihnen nicht bekannt, daß eine und dieselben Feld- und Waldtreiben in Zwischenräumen wiederholt getrieben sind? Ist das waidgerechtes Jagen, wenn die Jagdwaffe unruhig und unvorsichtig benutzt wird? Sie hätten doch auf ein Haar im letzten Winter eins auf die Jacke gebrannt bekommen vom - jetzigen Pächter. - Ist Ihnen als alter Jäger und angehender Landwirt nicht bekannt, daß sich eine Jagd wie die Lockstedter Lager Jagd in Größe von etwa 18.000 Morgen durch die großartigen Bodenverbesserungen in den letzten fünf Jahren naturnotwendig bessern und heben muß?! Das kann doch wohl verlangt werden, daß bei einem derart geringen Pachtpreise (6 Schlipse, 180 Hasen) nicht auch das letzte Stück Wild zur Strecke gebracht wird. Eine von den mir schriftlich zugegangenen zustimmenden Äußerungen will ich Herrn Selle noch ins Stammbuch schreiben: "Das eingesandt von Selle paßt nicht gut mit den Tatsachen überein. Im Lager wurden im letzten Jahre auf Hasen diverse Treibjagden abgehalten, obgleich in den Fachblättern fortwährend geraten wurde, die Hasen zu schonen. Von fast allen Pächtern wurde diese Mahnung befolgt, nur im Lager wurde keine Rücksicht genommen, sondern die Hasen wurden in ein märchenhaftes Feuer gebracht durch die vielen Jäger und Treiber. Jedenfalls den Hasen zuliebe!! In diesem Jahre sollen schon über 20 Böcke zur Strecke gebracht sein, aber auch hier heißt es wohl: "Dem Wilde zuliebe und um den Siedlern die Jagd in einem einwandfreien Zustande zurückzugeben."
Über den Drilling eine kleine Anfrage, lieber Herr Selle. Ist die Freundschaft mit Ihrem nächsten Nachbarn schon wieder in die Brüche gegangen, daß Sie ihm den Drilling nicht gönnen? Er hat übrigens mehr als ein halbes Pfund Kartoffeln gekostet. Als "völkischer" Mann bauen Sie bitte nicht mehr solche schrecklichen Worte wie "Jagdpächteraspirant". Die Muttersprache soll uns Völkischen heiligstes Erbe sein. - Nun, Herr Selle mit seinen Jagdfreunden und Gönnern, "Stillgestanden!" Wer von mir noch mehr hören will, der mir noch etwas zu sagen hat, der trete vor.

Lück.

04.07.1925


05.07.1925
Lesermeinung: Lockstedter Lager Jagd.
Zu den Ausführungen des Herrn Lück muß ich als zuständiger Forstbeamter bemerken, daß dieselben völlig unzutreffend sind. Ich habe jahrelang sämtliche Jagden auf dem Lockstedter Lager mitgemacht und muß erklären, daß die Jagd durchaus waidmännisch ausgeübt worden ist. Selten wird eine Jagd nach Ablauf der Pachtzeit in einem so hervorragend guten Zustand übergeben. Aufgrund seines "Eingesandtes" muß ich Herrn Lück jegliches Urteilsvermögen über jagdliche Angelegenheiten absprechen.

Sticken, Forsthaus Ratzeburg bei Lockstedter Lager.


09.07.1925


10.07.1925


10.07.1925


25.07.1925
Vom Truppenübungsplatz Lockstedter Lager werden in diesem Jahre 3.000 Hektar durch das Kulturamt in Heide in Ansiedlungen aufgeteilt. Interessenten, die hierbei Interesse zu haben glauben, müssen ihre Rechte bis zum 12. September d. J. bei dem Kulturamtsvorsteher in Heide geltend machen, da anderenfalls die Rechte verlustig gehen.

28.07.1925
Wie allenthalben auf der hohen Geest ist man auch in der Siedlung tüchtig bei der Erntearbeit. Ein Teil der Siedler hat schon den Roggen einfahren können: Leider zeigt sich, daß der Roggen, zumal auf den leichteren und minderwertigsten Böden im Ostteil des Siedlungsgebietes bei Springhoe, Lockstedt (Dorf) und Silzen unter der Dürre erheblich gelitten hat, zumal die Siedler infolge der allgemeinen Geldnot den im Frühjahr ganz gut stehenden Feldern nicht mit dem teuren Stickstoff ausreichend nachhelfen konnten. Hier sind die Ähren im allgemeinen zu kurz geraten. Statt 60-80 Körner bergen die kurzen Ähren deren nur 30 und vielfach darunter. Auch das Stroh ist sehr leicht geraten, so daß man auch hier auch mit dem halben oder dem dritten Teil des Ertrages wie im Vorjahr rechnet. Dabei ist es so knochendürr, daß es in der Dreschmaschine, wenn man es, wie es in einigen Nachbardörfern geschieht, vom Felde drischt, zu Häcksel zerschlagen wird. Weit mehr noch hat Sommerung unter der Dürre zu leiden. Zumal Sommerroggen zeigt einen dünnen Bestand bei auffallend kleinen Zwergähren. Hafer hat bei reichlicher Düngung üppig geschossen und schwer behangene Rispen angesetzt. Unter dem Sonnenbrand ist er aber zuletzt notreif geworden, so daß er nur leichtes Korn schütten wird.

01.08.1925
Am 1. August läuft die Jagdpacht auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz Lockstedter Lager ab. Der Tag der Neuverpachtung ist hinausgeschoben worden, da die zukünftigen Gemeinden im Siedlungsgebiet noch nicht begründet sind und das Reich noch Eigentümer des ganzen 4.500 Hektar umfassenden Platzes ist. Man wünscht die Einteilung der Jagd im Einvernehmen mit den drei Dorfschaftsvereinigungen Ridders, Springhoe und Bücken Hungriger Wolf. Mitte August soll die Abgrenzung der Jagdbezirke und Ausschreibung erfolgen. Im Gelände des Schierenwaldes und Holsteiner Waldes, also rund 600 Morgen, wird die Reichsforstverwaltung die Jagdpflege in die Hand nehmen.

13.08.1925


01.09.1925
Der Landmann H. Rohwedder von Bücken auf Lockstedter Lager verkaufte seine Rentenstelle von ca. 16 Hektar mit lebendem und totem Inventar an einen Flüchtling aus Polen. Kaufpreis unbekannt; Antritt zu 1. September.

09.09.1925
Durch Vergebung der letzten 25 Rentengüter im Lockstedter Lager ist das Siedlungswerk äußerlich zum Abschluß gebracht worden. Im Ganzen wurden 115 Stellen eingerichtet. Die Rentengüter sind durchschnittlich 15-17 Hektar groß. Die soeben verrenteten Stellen wurden abgegeben an 7 Soldatensiedler, Ostsiedler mit Verdrängungsschein, 2 Feldwebel der Reichswehr in Itzehoe und 9 Angestellte der Siedlungsdirektion. Gleichzeitig wurden die Kleinstellen von 6 Anliegern durch größere Landzulagen erweitert. Die Rentenstellen sind durchweg pro Hektar 80-100 Zentner belastet, so daß sich der Gesamtkaufpreis einer Stelle von 15 Hektar auf 1200-1500 Zentner Roggen stellt. In Ridders, wo der beste Boden liegt, kommen die Siedlungen bis auf 2000 Zentner zu stehen. Da die Rentenschuld mit 4 Prozent zu verzinsen und mit 1 Prozent zu tilgen ist, so hat der Siedler 60-75 Zentner Roggenwert jährlich an Rente aufzubringen. Nach 40 Jahren ist die Rente auf diese Weise getilgt.

11.10.1925
Lesermeinung: Eine Siedlungsanleihe tut Not!
Als im Kriege die Wogen der Siedlungsbegeisterung hoch gingen, und sich gar ein Hindenburg an die Spitze der Bewegung stellte, da kannte die Freigebigkeit des Volkes bzw. seiner Vertretung für die feldgrauen Halden keine Grenzen. Durch Gesetz vom 8. Mai 1916 wurden zur Förderung der ländlichen Ansiedlung in Preußen allein für den Zwischenkredit, der lediglich zur Errichtung und Einrichtung der Rentengüter dienen sollte, um nach Fertigstellung der Stelle durch eine der sechs in Preußen bestehenden Rentenbanken abgelöst zu werden, weitere 100 Millionen Mark zur Verfügung gestellt. Um welche großzügige Maßnahme es sich damals handelte, kann man am besten daran ermessen, daß bis dahin nur 15 Millionen für Zwischenkredite zur Verfügung standen und daß selbst der Gesamtbetrag, der infolge der Rentengutsgründungen im Umlauf befindlichen Rentenbriefe mit 50-60jähriger Tilgungszeit nie mehr als 250 Millionen Mark überstieg. Dabei hatte man mit diesen beschränkten Mitteln in den letzten 30 Jahren vor dem Kriege nicht weniger als 500 000 Hektar Siedlungsland beschaffen und in etwa 40 000 bäuerliche, kleinbäuerliche, Handwerker- und Arbeiterbetriebe aufteilen können. Da neben der Erhöhung des Zwischenkredits von 15 Millionen auf 115 Millionen Mark noch kurz zuvor der preußischen Staatsregierung 25 Millionen Mark zur Förderung der Landeskultur und inneren Kolonisation zur Verfügung gestellt waren, von denen 12 Millionen Mark zur Urbarmachung von fiskalischen Mooren, 3 Millionen Mark zur Ausführung der Meliorationen auf Domänengrundstücken und 10 Millionen zur Beteiligung des Staates mit Stammeinlagen bei den 11 gemeinnützigen Siedlungsgesellschaften bestimmt waren, da ferner diese Siedlungsgesellschaften allein über insgesamt 70 Millionen Gesellschaftskapital, das bei den einzelnen Gesellschaften im allgemeinen zwischen 4 und 9 Millionen schwankte, verfügten, so konnte man für absehbare Zeit die Geldfrage für gelöst halten, zumal daneben die Ablösung der Zwischenkredite und eigentlichen festen geldlichen Begründung der Siedlerstellen dienenden Rentenbriefe einen derart guten Absatz fanden, daß sie über ihren Nennbetrag gehandelt wurden und man ernstlich mit dem Gedanken umging, statt der 4prozentigen wieder 3,5prozentige Rentenbriefe auszugeben. So beruhigt war man über diese Geldfrage und so sicher glaubte man das Siedlungswerk in dieser Hinsicht begründet und verankert, daß man allein im Vertrauen hierauf (1919) das großzügige Siedlungsgesetz im Reiche erlassen konnte, das sich lediglich mit der Landbeschaffung befaßt und in großzügiger Weise für jährlich 10 000 Siedlerfamilien Land bereitstellen will. Aber man hatte nicht mit der Geldentwertung gerechnet, die einen schweren Strich durch alle schönen Träume und Entwürfe machte. Als es zur Ausführung des Reichssiedlungsgesetzes gehen sollte, da fand man, daß man den Grund unter den Füßen verloren hatte. Was wollte ein Zwischenkredit von über 100 Millionen noch besagen, zu einer Zeit, wo die Billionen Mark einer lumpigen Goldmark gleichgesetzt wurden, die dabei auch nur 60 Prozent Kaufkraft hatte. Die alten Rentenbriefe sind aber eben gut genug, daß man die Zimmerwände damit beklebt und selbst die auf Sachwert und Gold begründeten Pfandbriefe der Landschaften und Roggenrentenbank wollen trotz unerhörter Zinssätze und für das Siedlungswerk völlig untragbaren Kursverlust nicht mehr recht ziehen. Und doch hat gerade das Wort Rentenbank, das durch die Rentenmark in aller Munde ist, heute einen neuen Klang bekommen und seine Zaubergewalt bis weit über das große Wasser hinaus ausgeübt, wie es ähnlich nur noch der schon fast sagenhaft gewordenen Zeppelinflug vermochte. Um das Zwanzigfache wurde die erste Dollaranleihe der Rentenbankkreditanstalt, die auf 25 Millionen Dollar lautete, gleich am ersten Tag überzeichnet. An die 500 Millionen Dollar oder 2 Milliarden Mark wurden der deutschen Landwirtschaft angeboten. Da die Stunde günstig ist, dürfte es an der Zeit sein, daß die Rentenbankkreditanstalt eine eigene Siedlungsanleihe auflegt, die im Lande der Farmer sicher lebhaften Widerhall finden dürfte, zumal wenn sie außer durch die Rentenbank noch wie bei den früheren Siedlungsgeldern durch die Bürgschaft des Staates gesichert würde und wenn eine Persönlichkeit dahinter stünde, die wie ein Dr. Eckener oder gar unser Hindenburg, zu den Herzen der Amerikaner zu sprechen weiß. Bei den immerhin noch hohen Zinssätzen käme die Siedlungsanleihe allerdings nur für die Zwischenwirtschaft der Siedlungsgesellschaften in Frage. Da aber bis zur Fertigstellung der in Angriff zu nehmenden Siedlungen immerhin an zwei Jahre vergehen, so dürfte dann auch für die billigen Rentenbriefkredite Rat geschaffen sein.

H.Schürmann,
Siedlung Ridders.

14.10.1925


15.10.1925
Lesermeinung: Fünf Jahre Kampf um die eigene Scholle.
Zum sechsten Male übergeben jetzt die Baltikumssiedler im Lockstedter Lager der Mutter Erde vertrauensvoll ihre Saaten. Mit wenigen Hundert Morgen Einsaat im Herbst 1920 hatte man begonnen, jetzt hat man 3 000 Hektar oder 12 000 Morgen fruchtbarer Äcker, Weiden und Wiesen der Sandheide und früheren Sumpfflächen abgerungen, die nach Errichtung der notdürftigen Wirtschaftsgebäude in 115 Rentengutsstellen aufgeteilt sind. Einschließlich der Gebäude hat man hier einen Wert in Höhe von drei bis fünf Millionen Mark gleichsam aus dem Nichts geschaffen, die jährlich aus der Siedlung herausgehenden, der Allgemeinheit zufließenden Mengen an Feldfrüchten und tierischen Erzeugnissen haben allein einen Wert von nahezu einer halben Million Mark und reichen gut, um den ganzen Nahrungsmittelbedarf der Kreisstadt Itzehoe mit ihren rund 20 000 Einwohnern voll und ganz zu decken. Der ganze Erlös aus Ernte und Vieh wird nahezu restlos im Kreise Steinburg ausgelegt und angelegt. Dazu kommt noch der Ertrag von weiteren etwa 100 Hektar der 40 Soldatensiedlerstellen in den Mooren Lentföhrden, Dauenhof und am Kaiser Wilhelm Kanal. Wahrlich, die kleine auserlesene Schar der Baltikumer, die nach sechsjährigen Kämpfen im Weltkriege und beim Grenzschutz noch den nachfolgenden fünfjährigen Wirtschaftssturm überstand und allen Gewalten zum Trutz sich erhalten konnte, kann mit Recht stolz sein auf das von ihr geschaffene großzügige Werk. Aber die Freude will nicht recht hochkommen, selbst unter diesen Arbeit und Entbehrung gewöhnten Bauernsöhnen, die zum größten Teil aus dem Netzedistrikt Bromberg oder der übrigen uns entrissenen Ostmark stammen, wo ihre Väter noch von Friedrich dem Großen aus dem Deutschtum Polens, aus Schwaben und anderen Gauen Deutschlands zusammengezogen und seßhaft gemacht wurden. Hierzu hatten sich in Kurland noch Söhne des Kleinbauernstandes Württemberg gesellte, die den Namen ihrer Heimat in der "Siedlung Württemberg" verewigen wollen. Daß sie nebst Weib und Kind von Sonnenaufgang bis Untergang schwer schuften müssen, und sie in der heutigen schwierigen Lage der Landwirtschaft kaum das Notdürftigste zum Lebensunterhalt erübrigen, das bedrückt diese bewährten Kämpfer auf dem Felde der Ehre und Arbeit am wenigsten. Schmerzlich und bitter empfinden sie es dagegen, daß man dieser so großartig aufgezogenen Maschine zuguterletzt das Schmieröl in Gestalt von 200 000 Mark für jährlich umzuschlagende Betriebskredite verwehrt, ja nicht einmal die schon seit drei Jahren immer und immer wieder versprochene Eintragung ins Grundbuch bewirkt, worauf sie sich schon selbst helfen würden. In zwei zündenden Reden hat schon vor Jahresfrist Graf Rantzau aus Rastorf bei Plön im Staatsrat darauf hingewiesen, daß 2000 Mark langfristige Betriebskredite ja Siedler das Mindeste sei, was man bereitstellen müsse, um die Siedler aus der Wechselstreiterei zu erlösen und überhaupt lebensfähig zu machen. Der Staatsrat beschloß einstimmig, daß die Regierung in diesem Sinne beim Reich vorstellig werde. Aber das Reich, noch Besitzer des Platzes, verweist die Siedler an den Siedlungsunternehmer Preußen und umgekehrt. So trottet der Amtsschimmel würdig und bedächtig hin und her, während die Sieder von Pontius nach Pilatus geschickt und zum Narren gehalten werden. Zukunftsfrohe Schößlinge, die man in dieser Rauhzeit besonders hegen und pflegen sollte, verdorren, weil man ihnen einige belebende Tautropfen nicht gönnt, wofür sie bald Früchte mit Zins und Zinseszins tragen würden. Jetzt wo die Rentenbankkreditanstalt, die ja ausdrücklich auch Darlehen für die ländliche Siedlung vermitteln soll, mit ihrer Amerikaanleihe diesen unerwarteten Riesenerfolg errang, dürfte es für die maßgebenden Stellen in Berlin keine Ausrede mehr geben, wenn es ihnen wirklich ernst um die Förderung der ländlichen Siedlung und die Einlösung des Siedlungsversprechens an die Baltikumer ist, und sie über Zuständigkeitsstreitereien hinaus sich einen weiten und offenen Blick und ein warmes Herz bewahrt haben. Im Notfalle stehen dem Reichsfinanzminister neuerdings 80 Millionen Überschüsse der Reichsgetreidestelle zur Verfügung, wovon 50 Millionen Mark zur Hebung der Landwirtschaft verwandt werden sollen. Und in den Siedlungen könnte man mit 200 000 Mark infolge gründlicher Kalkung und Düngung die Erzeugung mit einem Schlage um die Hälfte steigern. Diese kleine Summe würde also Jahr für Jahr zehnfachen Ertrag bringen und die Soldatensiedler erst lebensfähig machen, die ansonst dem Reichspräsident Hindenburg als Vater der Kriegersiedlungen vorzüglich in den Baltenlanden die Meldung überbringen müßten: "Morituri te salutant!"

Heinrich Schimmelmann.

18.10.1925


09.12.1925
Lesermeinung: Offener Brief an alle Reichs-, Landes-, Provinzial- und Kreisbehörden, die es angeht.
Wir haben lange genug geschwiegen, jetzt ist unsere Geduld zu Ende. Wir haben alles über uns ergehen lassen, Sorge, Enttäuschung, Hoffnung, Steuern, den Gerichtsvollzieher - alles in allem das Gespenst der Not, wie sie sich grauenvoller und erschütternder nicht gedacht werden kann. Von Monat zu Monat hat "man" uns hingehalten und waren Anzeichen einer in Aussicht gestellten Besserung entstanden, so versanken sie, so schnell wie sie gekommen, in den schauerlichen Abgrund furchtbarster Enttäuschung und ebenso großer Entsagung. Nun aber ist es genug, das Maß ist übergelaufen, jetzt begeben wir uns in den Kampf, den wir ausfechten wollen mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln, die uns kraft unseres Staatsbürgerrechts zur Seite stehen in einen Kampf, der herausgehoben ist aus zwingendster Lebensnotwendigkeit, herausgeboren aus einem Willen, der rücksichtslos wird, wenn es um die nackte Selbsterhaltung geht. Hört es, Mitbürger der schleswig-holsteinischen Heimat, vernehmt es, deutsche Volksgenossen, es gilt nichts anderes als das nackte Leben von rund 600 eurer Mitmenschen. 600 deutsche Männer und Frauen und Kinder sind dem Untergang, sind dem wirtschaftlichen Tode ausgeliefert, der schon mit grinsender Fratze und gierigen Fangarmen ihrer lauert, 600 Deutsche sind ruiniert, wenn ihnen nicht geholfen wird. Wir fordern keine Almosen, keine Bettlergabe von euch, aber wir dürfen verlangen, daß auch ihr euch zu eurem teil dafür einsetzt, daß mit den Einwohnern des einst so blühenden Lockstedter Lagers nicht Schindluder getrieben wird. In allen Läden, allen Geschäften, allen Gasthäusern gähnt das leere Grauen und in den Gesichtern der Menschen steht seit langem eingeschrieben die erschütternde Not, der grauenvolle Verzicht. Sie alle haben das Lachen verlernt, weil sie nicht mehr hoffen können. Alle Naselang kommen irgendwelche "hohen" Abordnungen aus Berlin, Kiel oder sonst woher, betrachten mit interessierten Augen die riesigen Massivbaracken, sehen zu, wo irgend eine düstere Gefängnismauer gesetzt werden kann: die Not aber, die entsetzliche graue Not auf den gramzerfurchten Gesichtern der Bewohner, die sehen sie nicht, weil ihnen in ihren hohen, gut auskömmlichen Beamtenstellungen jedes soziale Mitgefühl für die in Elend befindlichen Mitmenschen abhandengekommen ist. Es kümmert sich kein Mensch um uns, keine Behörde scheint sich irgendwie verpflichtet zu fühlen, ob dieses Jammerzustandes Alarm zu schlagen, kein Oberpräsident, kein Landrat, kein Gemeindevorsteher. Man verzweifelt ob solcher hahnebüchenen Verständnislosigkeit, die noch merkwürdiger anmutet, wenn man in Betracht zieht, daß mit dem Plan umgegangen wird, ein Gefängnis einzurichten, das todsicher den Abschluß der Tragödie bedeuten würde. Denn damit wäre dem her seßhaften Arbeiter jede Verdienstmöglichkeit genommen, es sei denn, daß er eines Tages selbst ins Gefängnis wandern würde, wo er von Staatswegen wenigstens Essen und Trinken erhält! Denn Not kennt kein Gebot. Da uns keine öffentliche Behörde zur Seite steht, müssen wir zur Selbsthilfe greifen und hoffen dabei auf weitestes Entgegenkommen der Presse. Wir stellen fest: Der Übel größtes ist augenblicklich die Wohnungsnot, eine Tatsache, die lebendigen Ausdruck in verschiedenen Artikeln der Hamburger Presse gefunden hat. Wir fragen an: Herrscht nicht auch im Kreise Steinburg Wohnungsnot, herrscht sie nicht in den Industriestädten Neumünster, Elmshorn usw.. Warum enthält man deshalb diesen Städten die ungeahnten und guten Unterbringungsmöglichkeiten des Lockstedter Lagers vor? Warum führt man nicht die ungeheuren Erträge der Hauseigentümer aus der Hauszinssteuer dem eigentlichen Zweck zu? Warum schafft man nicht mit ihrer Hilfe auf billigste Weise im Lager in jeder Hinsicht einwandfreie Wohnräume? Warum lehnt man die unzähligen Wohnungsgesuche von nah und fern mit der Begründung auf bevorstehende oder in Gang befindliche Verhandlungen ab? Das sehen wir nun bereits zwei Jahre mit an und haben von irgendeinem Segen dieser Verhandlungen noch nichts verspüren können. Wir fordern deshalb: Loslösung von irgendwelchen bürokratischen Bestimmungen. Hier gilt es nicht die Verfolgung alter verknöcherter Prinzipien, hier gilt es das öffentliche soziale Wohl und Wehe unserer Jugend aus der nichts werden kann, wenn sie - aufs engste zusammengepfercht, in den nassen feuchten Kellerräumen, in den dumpfen muffigen Stuben der städtischen Massenquartiere wie in einem Obdachlosenasyl großgezogen wird. Und es gilt nicht zuletzt die menschenwürdige Unterbringung der jungen Ehepaare, die wohnungslos- und damit heimatlos umherirren, günstigenfalls angewiesen auf ein einziges Zimmer mit Küchenbenutzung, das ihnen nahe Anverwandte eingeräumt haben. Das sind doch alles Tatsachen, denen sich niemand verschließt, sind Übel, um deren Abstellung unseres Wissens jede Partei Sorge trägt. Nur keine Behörden, vom Innenminister bis zum Gemeindevorsteher herunter, an denen scheint die erschütternde soziale Not der Nachkriegszeit spurlos vorüber gegangen zu sein. Deshalb müssen sie aufgerüttelt, müssen mit dem Kopf darauf gestoßen werden, daß sich hier im Lockstedter Lager eine Gelegenheit bietet, dieses Elend zu steuern. Und es möge allen verantwortlichen Herren ins Stammbuch geschrieben sein, daß wir Bürger des Lagers uns mit Versprechungen, Vorspiegelungen und Hinhaltungen irgendwelcher Art nicht mehr zufrieden geben, daß wir uns mit schönen Worten für die Zukunft nicht mehr abspeisen lassen. Wenn Menschen das Messer an der Kehle sitzt, dann ist selbst die Ermahnung zur Ruhe als erste Bürgerpflicht, illusorisch und zur lächerlichen Farce geworden.

Für die Einwohnerschaft des Lockstedter Lagers:

E.Reiche,  H.Selle,  Georg Fischer.


16.12.1925
Lesermeinung: Das Trauerspiel der Baltikumsiedler.
Gerade vor Jahresfrist, am 10.Dezember 1924, trat Graf Rantzau aus Rastorf bei Plön im Staatsrat mit überzeugenden Worten für die Baltikumsiedler ein und bewirkte, daß einstimmig der Beschluß gefaßt wurde, daß den Baltikumsiedlern je 2000 Mark langfristiger Betriebskredit gewährt werden sollte. Leider sind dem Beschlusse keine Taten gefolgt und ist daher die Not der Siedler inzwischen aufs höchste gestiegen. Ein besonders erschütterndes Warnsignal hierfür ist, daß bisher auch nicht ein Zentner Kalk oder Kunstdünger bestellt wurde, trotzdem die Genossenschaften schon vor Monaten dazu aufforderten. So sehr fürchten die Siedler die Folgen der Wechselreiterei. Die Viehhändler haben goldene Zeiten. Kaufen sie doch jetzt täglich für einen Spottpreis den Siedlern ihre spärlichen Kühe ab, die diese, statt ihren Viehbestand zu vermehren, abstoßen müssen, um die jetzt fälligen Wechsel einlösen zu können. Also ist das Bild, das der Fridericus in Nr.44 brachte, wonach der Gerichtsvollzieher den Siedlern ihr letztes Stück Vieh aus dem Stalle holt, schon längst, wenn auch in etwas anderer Form, Wirklichkeit geworden. Es wird auch der Stallmist immer mehr ausfallen. Das Korn und die Kartoffeln, sogar Hafer für die Pferde mußten sofort nach der Ernte billig verschleudert werden, um dafür teure Futtermittel im Laufe des Jahres auf neuen Pump wieder nehmen zu müssen. Während noch diesen Sommer bei den Bauern und Landwirtschaftslehrern, die aus der ganzen Provinz die Siedlung besichtigten, nur eine Stimme des Lobes über das prächtige Wintergetreide und den großartigen Hafer herrschte, die ihresgleichen in der ganzen Umgegend suchten, dürfte im kommenden Jahre das Gegenteil der Fall sein. Viele haben schon die Wintersaat ohne jeden Dünger gelassen. Soll der vom Staatsrat vor Jahresfrist bewilligte Betriebskredit von 2000 Mark für die nach 30 Verkäufen noch verbliebenen 50 Baltikumsiedler im Lockstedter Lager noch zur rechten Zeit kommen, um das größte Unheil zu verhüten, so müßte das Geld spätestens Neujahr flüssig gemacht werden, damit die Siedler noch rechtzeitig Kalk, Dünger und Saatgut bestellen und ihre kärglichen Viehbestände auffüllen können. Die Siedler selbst schränken sich für ihre eigenen Bedürfnisse mehr ein, als menschenwürdig ist, um alles der Wirtschaft zugute kommen zu lassen. Butter und Fleisch sind den meisten Siedlern seit langem unbekannt, da Milch und Schweine sofort in die Meierei und auf den Markt wandern, um die fälligen Wechsel einzulösen. Trockenes Brot, bisweilen mit Margarine und Magermilch, müssen genügen. An Schuhzeug besitzen die meisten nur ein paar zerschlissene Kommißtreter, ein Sonntagsrock zählt zu den Seltenheiten. Dieser Tage sah ich eine Siedlerin das Hemd ihres Mannes flicken, das buchstäblich aus lauter Flicken bestand; sie wußte sich kaum einen Rat, wie sie die zweite Flickenlage auf die erste Flickenschicht aufbringen sollte. Das die verbliebenen Baltikumsiedler, meist Bauernsöhne von Altansiedlern aus der Ostmark, deren Vorväter noch von Friedrich dem Großen im Netzedistrikt und Westpreußen angesetzt wurden, ihr Fach verstehen, haben sie durch die in den letzten Jahren dem kargen Heideboden abgerungenen Ernten zur genüge bewiesen, was aber nur durch einen ungeheuren Aufwand an Arbeit und Kunstdünger möglich war. Die meisten Siedler wurden erst im Herbst 1924 selbständig in ihre Wirtschaft eingesetzt und erhielten von der Administration nur 2/3 der Ernte zugeteilt und auch diese zumeist in Gestalt von Sommerroggen und so wenig Hafer, daß es nicht einmal für die Pferde reichte. Das Getreide war infolge des Landregens zumeist ausgewachsen, die mißratenen Kartoffeln krank und abgebaut. Daher mußten die Siedler teures Saatgut kaufen, wozu noch die Einsaat für die völlig fehlenden Weiden kam. Durch die Umstellung von den großen Administrationsschlägen, die zumeist mit dem spät reifenden Sommergetreide und Kartoffeln bestanden waren, und der anschließende Dauerlandregen wurde die Ernte und Bestellung im vorigen Herbst derart verzögert, daß die Siedler auch diesmal nur wenig Wintergetreide einsäen konnten. Der als Ersatz im Frühjahr angebaute Buchweizen mißriet infolge der Dürre in der ganzen Provinz völlig, so daß er untergepflügt werden mußte, der von der Hitze versengte Sommerroggen lohnte kaum die Erntekosten und den Dreschlohn, an den teuren Kunstdünger und das Saatgut gar nicht zu denken. Aus diesen Fehlschlägen, im Verein mit dem teuren Saatgut, dem geringen Ertrag der noch völlig rohen und sauren Wiesen und dem verschwindenden Erlös aus der kläglichen Viehhaltung, entstand den meisten Siedlern dieses Jahr erheblicher Ausfall, so daß viele, selbst wenn sie das letzte Stück Vieh abstoßen, nicht einmal alle Wechsel für Dünger, Saatgut, Futtermittel und Maschinen einlösen können, deren Zinsen allein schon eine ganze Kuh verschlingen. Die meisten Siedler bedauern es jetzt, daß sie Weib und Kind haben, deren traurige Augen sie Tag und Nacht auf sich gerichtet glauben mit dem stummen Vorwurf, daß sie trotz aller Arbeit und Entbehrungen dieses graue Elend in voller Neige auskosten müssen.
Doch wozu noch viele Worte verlieren. Das Trauerspiel neigt sich dem Ende zu. Bald wird Friedhofsruhe in der Siedlung der Baltikumer herrschen.
Das Spiel ist aus!


Heinrich Schimmelmann.

18.12.1925


24.12.1925
Lesermeinung: Zum Trauerspiel der Baltikumsiedler.
Unsere Ausführungen in der Nr.293 der "Itzehoer Nachrichten" vom 15.Dezember über die große Not der Baltikumsiedler hat noch am gleichen Tage der schleswig-holsteinische Landtagsabgeordnete Jöns aus Wohlde dem preußischen Landwirtschaftsministerium mit der Bitte um Stellungnahme vorgelegt. Dieses antwortete mit geradezu überraschender Schnelligkeit am selben Tage wie folgt:

"Sehr geehrter Herr Abgeordneter! Im Auftrage des Herrn Ministerialdirektors Dr. Arnoldi und unter Rücksendung des ihm übergebenen Zeitungsartikels beehre ich mich, über den den Ausführungen des Artikelschreibers zugrunde liegenden Sachverhalt folgendes mitzuteilen: Das Lockstedter Lager gehört dem Reich und ist durch Vermittlung der preußischen Landeskulturbehörden mit etwa 3000 Hektar seine Gesamtfläche besiedelt worden. Angesiedelt wurden zunächst Bewerber, die im Baltikum gekämpft hatten, später Ostflüchtlinge und andere Siedlungsanwärter. Die Notwendigkeit, den Baltikumsiedlern langfristige Betriebskredite zu gewähren, ist von Preußen anerkannt. Deshalb hat sich auch der Herr Landwirtschaftsminister an das Reichsarbeitsministerium, das über das Siedlungsgelände im Lockstedter Lager zu verfügen hatte, mit der Bitte um Bereitstellung entsprechender Betriebskredite gewandt. Nach einer Mitteilung des Herrn Reichsarbeitsministers hat aber die Reichsfinanzverwaltung trotz wärmster Befürwortung des Landwirtschaftsministers die Bereitstellung von Betriebsmitteln abgelehnt. Augenblicklich sind auf Wunsch des Reiches Verhandlungen eingeleitet mit dem Ziel, daß Preußen die Rechte und Pflichten des Rentengutsausgebers im Lockstedter Lager gegen Zahlung einer gewissen Entschädigung übernehmen soll. Zur Zeit liegt die Angelegenheit dem Preußischen Herrn Finanzminister zur Entscheidung vor. Die Übernahme auf Preußen wird kaum ohne entsprechende Bereitstellung von Krediten für die Siedler durch das Reich in Frage kommen. Dies war aber, wie schon erwähnt, bisher trotz diesseitiger eifriger Bemühungen nicht zu erlangen.
(Unterschrift)

So sehr die Siedler das schnelle Eingreifen des Abgeordneten Jöns-Wohld mit herzlichem Dank begrüßen, um so niederschmetternder wirkt auf sie der Bescheid aus dem Landwirtschaftsministerium. Statt mit aller gebotenen Eile noch in letzter Stunde Rettung zu bringen, ist ihre Todesnot gerade gut genug, um sie zum Schachermittel eines großzügigen Kuhhandels zu machen.
Orietur er ossibus ultur

H.Schimmelmann

25.12.1925
Lockstedter Lager, den 23.Dezember 1925
Ein altes Sprichwort sagt: Es ist nicht leicht, es Jedem recht zu machen... auch ich habe mir niemals eingebildet, im Leben alles recht gemacht zu haben. Die Zerrissenheit, die hier zum Weihnachtsschulfest an den Tag gelegt, muß ich sehr bedauern. Weihnachten, das Fest der Liebe und Freude, in der Hauptsache doch das Fest für unsere Kinder, scheint bei uns im Lockstedter Lager ja nur die erste Klasse genießen zu dürfen. Ich zweifle nicht, daß in der zweiten Schulklasse doch auch wohl noch Kinder vorhanden sind, die durch ihr Mitwirken das Fest hätten verschönern können. Allerdings bin ich ja nur ein Neuling im Ort, aber es ist mir im Leben niemals schwer gefallen, Recht und Unrecht zu unterscheiden. - Jeder recht denkende Mensch muß sich mit mir fragen: wie kommt es doch, daß die anderen beiden Klassen von der Weihnachtsschulfeier sich völlig ausgeschlossen haben, oder ausgeschlossen sind? Wäre es nicht richtiger gewesen, wenn alle drei Klassen sich mit ihren Lehrern beteiligt hätten? Oder glaubt die erste Klasse, daß nicht jüngeren Kinder auch einen Funken Ehrgeiz in sich besitzen? Die Freude der kleinen Kinder ist meines Erachtens nach bei solcher Einstellung völlig zerstört. Ist das der rechte Sinn des lieben Weihnachtsfestes? Es ist anscheinend Egoismus, der wirklich den rechten Sinn des lieben Weihnachtsfestes tötet. Ich rüge das Verhalten, da ich in meiner alten Heimat so etwas gottlob nicht erlebt habe, obgleich dort vier Lehrer vorhanden, die alle mit ihren Kindern jedes nach seiner Tüchtigkeit mitwirkten. Da hatte man die Gelegenheit, gerade so recht die Kleinen zu beobachten, wie sie nach den Eltern spähten, um zu erraten, ob sie ihre Aufgaben zufriedenstellend ausgeführt hätten. Betone ausdrücklich, es fehlten dort keine Eltern, ja noch mehr, Geschwister kamen aus entlegenen Dörfern, um der Schulfeier mit beizuwohnen! Demgegenüber wissen hier verschiedene Einwohner noch nicht einmal, wann die Weihnachtsschulfeier stattfindet. Sehr glücklich ist auch die Wahl des Lokals nicht, wo die Feier stattfindet. Es hätte der Raum wirklich für drei Klassen ausgereicht. Wieviel an Kohlen dort verbraucht, entzieht sich meiner Kenntnis. Es wären hier wirklich Lokale genug vorhanden, die den Anforderungen für eine Klasse vollständig genügt hätten, wo aber der vierte Teil der Feuerung gereicht hätte. Da durch ein solches Verhalten leider nichts als eine Ungerechtigkeit erlangt ist, wäre es besser gewesen, die Kohlen an Arbeitslose oder Bedürftige zu verteilen und ein vom Egoismus geführtes Weihnachtsschulfest wäre unterblieben.


Kolonate übergeben am 01.01.1926

No. Siedler Standort

33 Breiholz, Hinrich Hohenfiert
668 Funck, Alexander Springhoe


03.01.1926
Zum Trauerspiel der Baltikumsiedler.
Auf Grund unserer Veröffentlichungen ist auch der schleswig-holsteinische Reichstagsabgeordnete Geheimer Oberregierungsrat Thomsen aus Struckum schriftlich im Landwirtschaftsministerium vorstellig geworden. Der Landwirtschaftsminister hat persönlich sofort geantwortet und sich, soweit es die Kreditfrage betrifft, wie folgt geäußert:

Der Minister
für Landwirtschaft, Domänen und Forsten
Geschäfts Nr. VI 8361
Berlin W 9, den 22. Dezember 1925
Leipziger Platz 10
An das Mitglied des Reichstages

Herrn
geheimen Oberregierungsrat Thomsen
in Berlin

"Die Verhältnisse der Soldatensiedler im Lockstedter Lager sind mir genau bekannt. Es ist richtig, daß diese Siedler unter den gegenwärtigen Kreditverhältnissen besonders leiden. Die Siedler sind so eingesetzt worden, daß sie auf ihren Stellen ihr Fortkommen hätten finden müssen. Was ihnen aber zum Teil fehlte, waren ausreichendes Betriebskapital und die Mittel für die Anschaffung des lebenden und toten Inventars. Während der Dauer der Inflation und auch kurze Zeit nachher ist der vorhandene Mangel an Betriebskapital bei den Siedlern nicht in dem starken Maße in Erscheinung getreten, wie dies jetzt besonders bei den heutigen Kreditverhältnissen der Fall ist. Es war daher unausbleiblich, daß wirtschaftlich schwache Siedler ihre Stellen nicht zu halten vermochten. Für die noch vorhandenen Soldatensiedler Kredite zu beschaffen, um wenigstens diesen ihre Stellen zu erhalten, war ich bemüht, leider bisher mit negativem Erfolge. An der Leistungsfähigkeit der Siedler hat, schon zur Sicherung der Hypothekenforderungen, der Rentengutsausgeber (Das Reich) ein besonderes Interesse. Ich habe daher in erster Linie das Reich gebeten, die noch notwendigen Kredite für die Siedlung im Lockstedter Lager bereitzustellen. Zu meinem Bedauern war das Reich trotz dringlicher Vorstellungen bisher nicht zu bewegen, die beantragten Mittel herzugeben, es hat vielmehr eine Übertragung auf Preußen angeboten, damit dieses das weitere Verfahren durchführe. Dementsprechend sind auch Verhandlungen mit dem Herrn Preußischen Finanzminister eingeleitet worden, die aber noch nicht zum Abschluß gelangt sind. Ohne weitgehendes Entgegenkommen seitens des Reiches, ohne daß namentlich die Siedler durch die Hergabe von Betriebskrediten leistungsfähig gemacht werden, dürfte eine Übernahme durch Preußen bei dessen gegenwärtiger Finanzlage kaum in Frage kommen. Ich darf daher ergebenst anheimstellen, Ihrerseits die erforderlichen Anträge bei den Reichsressorts zu stellen. Ich bemerke schließlich noch, daß Bestrebungen im Gange sind, den Siedlern auch von einer anderen Stelle Kredite zu tragbaren Zinsbedingungen zu beschaffen. Welchen Erfolg diese Bemühungen haben werden, läßt sich natürlich nicht voraussagen."

Steiger

Reichstagsabgeordneter Geheimer Oberregierungsrat Thomsen wird nunmehr bei den zuständigen Stellen im Reich vorstellig werden.

Heinrich Schimmelmann.

12.01.1926


15.01.1926


16.01.1926
Lesermeinung: Siedeln tut Not!
Der "Deutsche Schutzbund der Grenz- und Auslandsdeutschen" erläßt soeben folgenden Aufruf: Mehr Platz für deutsche Bauernsöhne und Handarbeiter ! Zahllose Bauern müssen heute ihre zweiten und dritten Söhne in die Städte oder ins Ausland abwandern lassen, weil auf dem Lande für sie kein passendes Fortkommen mehr zu finden ist. Nicht besser ergeht es den zahllosen Landarbeitern. In den übervölkerten Großstädten aber droht ihnen erst recht soziales Elend und Arbeitslosigkeit. Es wäre auf dem Lande im deutschen Osten heute viel mehr Platz für deutsche Landleute, wenn nicht im vorigen Jahrhundert infolge falscher Agrarpolitik 100 000 Bauernwirtschaften verloren gegangen wären. Die Bauern mußten in ihrer Not froh sein, daß der Großgrundbesitz sie ihnen abkaufte. Von dieser Vermehrung des Großgrundbesitzes haben aber nicht einmal die deutschen Landarbeiter einen Vorteil gehabt, sondern allein die Polen. Im Jahre verdienen in den größeren Betrieben der deutschen Landwirtschaft über 130 000 slawische Wanderarbeiter Löhne im Wert von etwa 70 Millionen Goldmark. Dieser Zustand, der zugleich eine schwere völkische Gefährdung des Ostens bedeutet, ist unerträglich. Der deutsche Acker soll nicht Polen, sondern deutsche Landleute ernähren. Für diese muß und kann wieder im Osten vermehrte Lebensmöglichkeit geschaffen werden durch starke Landarbeiter- und Bauernsiedlung. Seit dem Kriege ist dafür so gut wie gar nichts geschehen. Die Parteien haben sich nicht darum gekümmert, die Verheißung Hindenburgs zu erfüllen, der in seinem berühmten Erlaß vom November 1918 die baldige Errichtung von Hunderttausenden ländlicher Siedlerstellen in Aussicht stellte. Der Reichstag hat Milliarden Goldmark für soziale Zwecke, die ganz überwiegend den Städten zugutekommen, bewilligt. Für die größte soziale Aufgabe auf dem Lande aber, die Bauernsiedlung, hat er nicht einen Pfennig übrig gehabt. Bauern und Landarbeiter dürfen nicht hoffen, daß andere für sie die Kastanien aus dem Feuer holen werden. Hilf dir selbst, so hilft dir Gott! Einer für alle, und alle für einen! Wir fordern daher alle Landleute auf, die für sich oder ihre Söhne eine Siedlung oder ein Eigenheim erhoffen, folgendes zu tun: Zur Selbsthilfe: Sich in den Dorfgemeinschaften zusammen zu schließen und mit vereinten Kräften wenigstens einen tüchtigen Jungbauern oder Landarbeiter als Patensiedler des Dorfes mit Inventar und den notwendigen Betriebsmitteln so auszurüsten, daß er eine Siedlung erwerben kann.
Zur Erlangung von Staatshilfe: Namensunterschriften unter einer Liste mit dem Begehren zu werben, "daß Reichs- und Staatsregierung endlich zur Erfüllung der Verheißung des Reichspräsidenten Hindenburg für Ankauf und Bebauung von Land für die Zwecke der ländlichen Siedlung besonders im Osten die erforderlichen Kredite - mindestens 200 Millionen Mark - welche Summe auch der Reichslandbund und Deutsche Bauernbund für nötig halten, zur Verfügung gestellt werden." Die ausgefüllten Listen können an den Deutschen Schutzbund der Grenz- und Auslandsdeutschen Berlin 18, oder den Provinzialverband schlesischer Siedlungsunternehmungen Breslau 2 gesandt werden. Auch der Unterzeichnete nimmt Zustimmungserklärungen entgegen und kann Listen mit Vordruck zur Verfügung stellen.

Heinrich Schürmann,
Siedlung Ridders bei Lockstedter Lager.

22.01.1926
Auf der Siedlungsgemarkung Springhoe (Jagdpächter Th. Hahn, Kellinghusen) wurde eine Großtrappe (Otie tarda), die am Ständer verletzt war, von dem Knecht eines Siedlers durch Steinwurf erbeutet. Die Großtrappe ist der größte europäische Landvogel (Straußenähnlichkeit). Länge ca. 1 Meter, Flügelspannung 2,5 Meter und wird bis 30 Pfund schwer. Die Trappen kommen hier in Schleswig-Holstein nur selten als Strichvogel vor. In den weiten und übersichtigen Ebenen der Mark, Pommerns, Schlesiens, Sachsens und Thüringens kommen sie als Standvögel vor und schreiten hier auch zur Brut. Im allgemeinen ist die Trappe ein Steppenvogel und lebt hier (ung. Pußta, russische Steppe usw.) in großen Flügen.

27.01.1926
Der Rentengutsbesitzer Thomas H. und seine Ehefrau Karoline aus Springhoe sind vom Amtsgericht Itzehoe, der Milchfälschung angeklagt, freigesprochen worden. Gegen dieses Urteil hat der Amtsanwalt Berufung eingelegt. Der in einzelnen Fällen vorhandene geringere Fettgehalt der zur Meierei gelieferten Milch wird dadurch erklärt, daß die Kinder mitunter vor dem Schulgang Milch aus der Kanne geschöpft haben. Die Frau wird freigesprochen. Der Mann wegen Fahrlässigkeit zu 20 Mark Geldstrafe verurteilt.

28.01.1926
Hypotheken, die nicht zurückgezahlt und nicht eingelöst sind, also noch bestehen, werden automatisch auf 25 Prozent des Goldmarkbetrages aufgewertet. Sie brauchen bei der Aufwertungsstelle nicht angemeldet zu werden. Es kann bei dem Grundbuchrichter der Antrag auf Berichtigung des Grundbuches gestellt werden. Der Gläubiger muß dabei den Hypothekenbrief vorlegen. Die Zinsen sind fällig ab dem 1. Januar 1925. Rückständige Zinsen gelten als erlassen. Die Zinsen betragen ab 1. Januar 1925 bis 1. Juli 1925 1,2 Prozent, ab 1. Juli 1925 bis 1. Januar 1926 2,5 Prozent, ab 1. Januar 1926 3 Prozent und ab 1. Januar 1928 5 Prozent. Zinsen sind nach §270 BGB Bringschulden. Dieser lautet: Geld hat der Schuldner im Zweifel auf seine Gefahr und Kosten dem Gläubiger an dessen Wohnsitz zu übermitteln.

02.02.1926
Landmann Delfs aus Armstedt vertauschte sein Haus mit dem Besitz des Herrn Kähler in Ridders. D. behält sein lebendes und totes Inventar, übernimmt dafür die Passiven des Herrn Kähler.

15.02.1926
Der Landbund Schleswig-Holstein bemüht sich seit langem besonders durch den Landtagsabgeordneten Milberg, für die Soldatensiedler des Lockstedter Lagers Kredite zu beschaffen. Auf eine Eingabe des Reichslandbundes an das Preußische Landwirtschaftsministerium ist jetzt folgende Antwort eingegangen: Bei der Größe des Objekts und der starken Inanspruchnahme der Katasterverwaltung wird die Berichtigung des Katasters für das Lockstedter Lager voraussichtlich noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Nach ihrer Durchführung wird die Berichtigung des Grundbuches unverzüglich veranlaßt werden. Wegen der Bereitstellung von Wirtschaftsdarlehen für die Soldatensiedler werde ich aus anderem Anlaß erneut mit dem Reich Fühlung nehmen. Ich werde nicht verfehlen, zu gegebener Zeit auf die Angelegenheit zurückzukommen. (gez.) Articus.

18.02.1926
Die domänenfiskalischen Hochmoore.
Der preußische Minister für Landwirtschaft, Domänen und Forsten hat dem Staatsrat die Übersichten über die Fortschritte der Kultivierung und Besiedelung der domänenfiskalischen Hochmoore zu Zwecken der Urbarmachung und Besiedelung für die Zeit vom 1. November 1924 bis 1. November 1925 zugehen lassen. Der Amtliche Preußische Pressedienst teilt daraus die folgenden Einzelheiten mit: Im Regierungsbezirk Schleswig beträgt die Größe der Moore 3170 Hektar, wovon bis zum 1. November 1924 1966 kultiviert, von da bis 1. November 1925 187 Hektar neu kultiviert wurden. Von diesen insgesamt 2153 Hektar sind 992 Hektar verkauft, 803 Hektar besiedelt. Insgesamt sind von 21 796 Hektar Mooren bis 1. November 1924 6752 Hektar und von diesen 7726 Hektar sind 2683 verkauft, 1465 Hektar besiedelt. Die Übersicht nennt dann noch im Einzelnen all die zahlreichen vorbereitenden Arbeiten in den Regierungsbezirken, die in der Zeit vom 1. November 1924-25 zur Kultivierung neuer Flächen noch ausgeführt worden sind. An unkultivierten domänenfiskalischen Hochmooren sind in der Zeit vom 1. November 1924-25 zu Zwecken der Urbarmachung und Besiedelung im Regierungsbezirk Schleswig 3,46 Hektar für 4150 Mark, insgesamt 311,76 Hektar für 130 770 Mark verkauft worden.

18.02.1926
Was geschieht für die Soldatensiedler?
Seit Jahren bemüht sich der Landbund Schleswig-Holstein und zwar besonders durch den früheren Vorsitzenden, den Landtagsabgeordneten Milberg, darum, den Soldatensiedlern im Lockstedter Lager Kredite zu beschaffen, damit sie ihre unter sauerster Arbeit aufgebauten Wirtschaften fortführen können. Der Abg. Milberg ist mindestens vier- bis fünfmal beim preußischen Landwirtschaftsministerium und auch beim Reichsernährungsministerium gewesen, um für die Siedler etwas zu erreichen. Ferner hat sich besonders bemüht der Landtagsabg. Weißermel, sowie verschiedene Vertreter des Reichslandbundes. Immer wurde im preußischen Landwirtschaftsministerium gesagt, daß die Kreditgewährung an die Siedler schon deswegen schwierig sei, weil ja nicht nur Preußen, sondern auch das Reich beteiligt sei, jedoch hoffe man, in kurzer Zeit Kredite für die Siedler flüssig machen zu können, trotz der dringendsten Vorstellungen jedoch blieb es bei diesen Versprechungen. Auf eine Eingabe, die der Reichslandbund in Berlin, vertreten durch Geheimrat Pousick, an das preußische Landwirtschaftsministerium richtete, ging mit Datum vom 29. v.M. nachfolgendes Schreiben ein: "Bei der Größe des Objekts und der starken Inanspruchnahme der Katasterverwaltung wird die Berichtigung des Katasters für das Lockstedter Lager voraussichtlich noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Nach ihrer Durchführung wird die Berichtigung des Grundbuches unverzüglich veranlaßt werden. Wegen der Bereitstellung von Wirtschaftsdarlehen für die Soldatensiedler werde ich aus anderem Anlaß in nächster Zeit erneut mit dem Reiche Fühlung nehmen. Ich werde nicht verfehlen, zu gegebener Zeit auf die Angelegenheit zurück zu kommen." Nach diesem Schreiben gewinnt man wirklich den Eindruck, daß die preußische Regierung keinen Wert darauf legt, die Soldatensiedler auf ihrer Scholle zu halten und man hat weiter den Eindruck, daß das Reich keinen Wert darauf legt, das Versprechen einzulösen, das es seinerzeit diesen Soldaten gegeben hatte, die sich für das Deutschtum eingesetzt hatten zu einer Zeit, als andere längst fahnenflüchtig geworden waren.

20.02.1926
Die Urbarmachung von staatlichen Mooren.
Das preußische Staatsministerium hat dem Staatsrat einen Gesetzentwurf über die Bereitstellung von Staatsmitteln zur Urbarmachung von staatlichen Mooren in den Provinzen Hannover und Schleswig-Holstein zugehen lassen, mit der Bitte, die gutachtliche Äußerung des Staatsrats mit Rücksicht auf die Dringlichkeit der Vorlage möglichst bald herbeiführen zu wollen. Angefordert werden 2.500.000 Reichsmark, die im Wege des Kredits zu beschaffen sind. Dieser Kredit stellt einen Teilbetrag des durch das noch zu schaffende Gesetz über die Bereitstellung von Geldmitteln für die Ausgestaltung des staatlichen Besitzes an Bergwerken, Häfen und Elektrizitätswerken, sowie zur Förderung der Landeskultur bewilligten Kredits von 150.000.000 Reichsmark dar.

21.02.1926

Die Belastung eines landwirtschaftlichen Betriebes.
Der Geschäftsführer Evers vom Kreisbauernverein Steinburg in Itzehoe hat sich in anerkennenswerter Weise der Mühe unterzogen, einen 25 ha großen landwirtschaftlichen Betrieb im Kreise Steinburg auf seine Belastung im Wirtschaftsjahr 1924/25 durchzuprüfen. Eingehend untersucht wurde besonders die durch soziale und steuerliche Abgaben entstehenden Belastung. An wirtschaftlichen Ausgaben sind nur angeführt der Barlohn der fremden Arbeitskräfte und Privatversicherungen. Alle anderen Ausgaben beziehen sich, wie die nachfolgende Aufstellung erweist, auf Steuern oder soziale Abgaben, die nach Art von Steuern erhoben werden.
a)Bodenklasse III
b)Eigene (Familien-) Arbeitskräfte
c) Fremde Arbeitskräfte
    1) Ständig 2, davon männlich 1, weiblich 1
    2) nicht ständig 2, davon männlich 1 = 160 Tage
        weiblich 1 = 70 Tage
Größe des Betriebes: 25 Hektar
Barlohn: 750 M, 480 M, 800 M, 175 M 2205,00 M
Unfallversicherung     43,00 M
Krankenversicherung: 65,50 M, 43,70 M, 54 M
           und 10,00 M insgesamt 173,20 M - 1/3 =

    58,00 M
Invalidenversicherung: 52 M, 26 M, 32,40 M
            und 8,40 M, insgesamt 118,80 M - 1/3 =

    59,40 M

Sonstige Lasten:
Seuchenfonds     20,00 M
Deichlasten   262,50 M
Schleusenlasten     50,00 M

Steuern und Abgaben für Reich, Land und Gemeinde:
Vermögenssteuer   276,00 M
Rentenbankzinsen   170,00 M
Einkommensteuer   189,00 M
Grundvermögenssteuer   300,00 M
Gemeindesteuer   480,00 M
Kirchensteuer     80,00 M
Umsatzsteuer (mit 1 Prozent berechnet)     77,00 M

Versicherungen:
Haftpflichtversicherung     10,80 M
Viehversicherung     43,00 M
Gebäude- und Geräteversicherung   220,00 M
Hagelversicherung   164,00 M


Landwirtschaftskammerbeiträge     41,00 M
insgesamt 4748,70 M
Diese Aufstellung zeigt mit erschreckender Deutlichkeit, welch ungeheure Lasten ein kleiner Mittelbetrieb in der Landwirtschaft heutzutage zu tragen hat. Von Reinerträgen kann bei den meisten dieser Betriebe wohl in den allerwenigsten Fällen gesprochen werden. Eine Betriebsprüfung zur Ermittlung der Richtsätze für die Einkommensteuerveranlagung 1924-1925 in ungefähr gleicher Größe ergab einen Reinertrag von 16,80 Mark pro Hektar. Hierbei sind jedoch die Deich- und Wasserlasten außer Ansatz geblieben, weil es sich für die Berechnung zur Einkommensteuerveranlagung um Durchschnittssätze für die ganze Provinz handelte. Wäre der Betrieb nur für sich selbst zu prüfen gewesen, so hätte der Abschluß mit einem Unterschuß geendet. Weiter ist bei dieser Zusammenstellung noch darauf hinzuweisen, daß Reparaturen an Gebäuden und Ackergeräten außer Ansatz geblieben sind, auch alle Abschreibungen auf Maschinen und Geräte nicht mit berechnet wurden. Die Belastung eines solchen Mittelbetriebes der 3. Bodenklasse dürfte sich daher auf einen Hektar berechnet folgendermaßen gestalten:

Soziale Lasten: 6,41 M
Steuerliche Lasten: 77,82 M
Besondere wirtschaftliche Lasten: 105,71 (Schätzung)

Diese nüchterne Aufstellung verdient schon deshalb der Öffentlichkeit übergeben zu werden, damit auch nicht landwirtschaftliche Kreise einmal einen Einblick in die überaus schwierigen Verhältnisse der landwirtschaftlichen Betriebe bekommen. Vorauszusehen ist, daß der jetzt beschrittene Weg, wenn nicht bald weitgreifende Erleichterungen der steuerlichen und sozialen Lasten eintreten, zum Ende unseres bäuerlichen Nährstandes führen.

04.03.1926
Eine Ermäßigung der Grundschuld der Siedler um 50 Prozent beantragten die Deutschnationalen bekanntlich vor einiger Zeit. Dieser Antrag beschäftigte am Dienstag den Preußischen Landtag. Er wurde dem Siedlungsausschuß überwiesen. Es ist für die Siedler unter den heutigen Verhältnissen nicht möglich, sich auf ihrer Scholle zu halten und es bleibt darum zu hoffen, daß der Siedlungsausschuß aus genauer Kenntnis des wahren Sachverhalts und der Notlage der Siedler heraus sich für den Antrag einsetzt.

04.03.1926


05.03.1926
Zwangsversteigerung in bäuerlichen Betrieben.
In einer kleinen Anfrage wurde darauf hingewiesen, daß in Ostpreußen den bäuerlichen Besitzern ihre notwendigsten Inventarien - Vieh, Pferde, Zentrifugen, Ackereggen oder sonstige Geräte - vom Finanzamt zwangsweise versteigert werden und das Staatsministerium wurde gefragt, ob es bereit sei, die Reichsregierung zur Aufgabe dieses rigorosen Vorgehens der Finanzämter zu veranlassen und vor allem dafür zu sorgen, daß auf keinen Fall Produktionsmittel gepfändet werden dürfen. Wie der Amtliche Preußische Pressedienst mitteilt, weist der Finanzminister in seiner Antwort auf einen Erlaß des Reichsministers der Finanzen vom 17 Juli 1924 hin, in dem den Finanzämtern die sorgfältige Prüfung zur Pflicht gemacht wird, ob durch Ablehnung eines Stundungsgesuchs etwa die Aufrechterhaltung eines Betriebes gefährdet würde. In diesem Erlasse wird ausgeführt: "Maschinen, die zum Anlagekapital gehören, werden im allgemeinen als unentbehrlich für den Betrieb anzusehen sein, selbst wenn sie infolge der gegenwärtigen Wirtschaftslage vorübergehend still liegen. Bei der Landwirtschaft wird durch Wegnahme der Zugtiere, einschließlich der für die Einbringung der Ernte erforderlichen, der Betrieb regelmäßig gefährdet werden."

10.03.1926
Lesermeinung: Offener Brief an das Landwirtschaftsministerium in Berlin.
Wir unterzeichneten Siedler sehen uns leider veranlaßt, das Landwirtschaftsministerium auf die unglaublich trostlosen Wegeverhältnisse hier im Bokelsessermoor hinzuweisen. Vor reichlich 3 ½ Jahren wurden wir fünf Siedler durch den preußischen Domänen- und Forstfiskus, vertreten durch das Kulturamt Heide, angesiedelt. Volle zwei Jahre haben wir hier gewohnt wo wir bei nasser Witterung fast völlig von der Außenwelt abgeschnitten waren, da der Weg nicht passierbar war. Es handelt sich um Hochmoor, stellenweise 2-4 Meter tief. Vor reichlich zwei Jahren wurde ein Teil des Weges von der staatlichen Administration völlig unzureichend besandet. Es ist mir aus diesem Grunde nicht möglich auf mein Land zu kommen. Es sind neun Hektar Land. Im vorigen Jahre sind mir ein großer Teil Kartoffeln und Rüben auf dem Felde erfroren, da ich trotz Moorschuhen mit Pferd und Wagen mehrmals versackte. Mehr als zwei Jahre weigerte sich der Postbote, uns die Post zuzustellen. Wir mußten uns die Post entweder selbst bei der Administration abholen oder sie wurde uns gelegentlich mitgegeben. Daß hierbei oft Sachen überhaupt nicht in unsere Hände gelangten, sei nur nebenbei erwähnt. Die Kinder müssen oft die Schule versäumen, da sie nicht durch den Morast hindurch können und die ganze Zeit in der Schule mit nassen Füßen sitzen müssen. Der Milchfuhrmann weigert sich unsere Milch abzuholen, da es ein großes Risiko ist, auch nur mit dem leeren Wagen durchzukommen. Im vorigen Jahre haben wir keinen Torf machen können, weil wir nicht nach dem Torfstich hinkommen konnten. Wir mußten unseren Brennbedarf durch Einkauf decken; wer nicht in der Lage war, hat notgedrungen bei aller Kälte frieren müssen. Wenn nicht so bald wie möglich Abhilfe geschaffen wird, sind wir nicht in der Lage, unser Land zu bestellen, da wir die benötigten Düngermittel nicht heranschaffen können. Am 2. d.M. wurde der Weg durch den Herrn Kulturamtsvorsteher Seifert besichtigt; er gab selbst zu, daß etwas gemacht werden müsse, erklärte sich aber für nicht zuständig. Bei dieser Gelegenheit erklärte Herr Administrator Deppe, daß der Weg auf Veranlassung des Herrn Ministerialrats Dr. Neumann nicht gemacht worden wäre. Dieses müssen wir Siedler als eine Bedrohung und Gefährdung unserer Existenz auffassen. Im Lockstedter Lager sind für Wegeausbesserungen Geldbeträge von weit über 100 000 Mark bewilligt worden, während hier im Hochmoor fast nichts geleistet wurde. Wir wissen sehr wohl, daß heute mit öffentlichen Mitteln sehr sparsam gewirtschaftet werden muß, hier aber handelt es sich um ganz geringfügige Leistungen. Der Administration steht eine ganze Menge Strafgefangene zur Verfügung, auch ist rollendes Material, als Loren und Feldbahnen vorhanden, daß also nur der nötige Sand zum Auffüllen herangeschafft werden brauchte, so daß sich die ganze Sache höchstenfalls auf einige hundert Mark belaufen würde. Uns kann man unter diesen Umständen nicht zumuten, daß wir den Schaden und die Nachteile, die aus der Nichtbestellung des Landes erwachsen sollten, selbst tragen. Wir werden gegebenenfalls die betreffenden Instanzen verantwortlich machen, die hierfür zuständig sind. Wir können uns auch nicht denken, daß uns der preußische Staat hier angesetzt hat, daß wir langsam, aber sicher an diesen Verhältnissen zugrunde gehen sollen. Wir bitten höflichst und dringend, daß so bald als möglich Abhilfe geschaffen wird, damit wir die immer dringender werdenden Feldarbeiten vornehmen können.

Klein-Offenseth, 4. März 1926

Willy Keller, Karl Kichhoff, Albert Stetter, Wilhelm Bokelmann, Gustav Hachmann.

17.03.1926


20.03.1926
Der Rest der von der Siedlungsdirektion in der Nachkriegszeit am Bahnhofe betriebenen Holzsägerei wird gegenwärtig abgebrochen. Das Werk hat vornehmlich bearbeitete und abgebundene Bauhölzer für die Siedlungen Fredenbek und Lütjenholm geliefert und dazu beigetragen, den zurückkehrenden Kriegsteilnehmern Bodenständigkeit zu verschaffen.

23.03.1926


26.03.1926


31.03.1926


01.04.1926


06.04.1926

10.04.1926
Die Regelung der kirchlichen Verhältnisse der Siedlungen ist dahin erfolgt, daß diese dem Kirchenverband Kellinghusen angegliedert werden, bis auf die Stellen in Hungriger Wolf, die zum Kirchenverband Itzehoe kommen dürften. Durch die seelsorgerische Versorgung von 80-90 Siedlerstellen entstehen Kellinghusen allerhand Aufwendungen. Für die Abhaltung des Gottesdienstes ist das ehemalige Soldatenheim im Lockstedter Lager gemietet und eingerichtet worden. Außerdem hält der für die Siedlungen angestellte Pastor Schlüter regelmäßig Bibelabende in der neuen Schule in Ridders ab. Da die Unkosten für die vermehrte Tätigkeit durch die Kirchensteuern der kleinen Siedler nicht im geringsten ihren Ausgleich finden, ist dem Kirchenverband Kellinghusen außer 20 Hektar Kirchenland eine einmalige Beihilfe von 3.000 Mark seitens des Reiches zugesprochen.

11.04.1926
Die Reichsfinanzverwaltung und das preußische Landwirtschaftsministerium werden, Anregungen des Reichstagsabgeordneten Thomsen aus Struckum und des Bevollmächtigten des Reichsrats Dr. Schifferer folgend, sich demnächst mit der Siedlungsangelegenheit Lockstedter Lager befassen. Es handelt sich zunächst um die Übernahme der Siedlung vom Reich durch Preußen. Preußen ist bereit, 40 v. H. der ihm zustehenden Grundschuldwerte zu zahlen. Die dadurch ersparten 60 v. H. sollen dazu dienen, den Siedlern zu helfen. Es wird weiter über die Frage einer einmaligen Unterstützung der Baltikumer in der gleichen Weise, wie dies durch Preußen für die Ostsiedler geschehen ist, verhandelt. Nach Mitteilung eines Regierungsvertreters im Siedlungsausschuß des Preußischen Landtages stehen die Verhandlungen unmittelbar vor dem Abschluß.

13.04.1926
Am Hungrigen Wolf hielt die Landbund Ortsgruppe am 10. d. M. einen Siedlerabend ab, welcher den Teilnehmern eine Inhaltsreiche Tagesordnung bot. Hofbesitzer M. Soth aus Lockstedt sprach über die wirtschaftspolitischen Tagesfragen und zeigte u. a. an erschütterndem Zahlenmaterial die verheerende Wirkung der Handelsabkommen, welche gerade sie kleinen und die kleinsten der Bauern kaltlächend opfern (Milcheinfuhr, Gemüse-, Kartoffel-, Wein- und Obsteinfuhr usw.). Dafür seien gerade die sog. Mittelparteien mitverantwortlich, die sich sonst mit großem Geschrei als Bauern- und Kleinbauernfreunde anbieten. Hohe Schuldzinsen und mangelnde tragbare Kredite hohe Betriebsmittelpreise und niedrige Produktenpreise machen Groß- und Kleinwirtschaft unrentabel. Schaffung eines umfassenden Schutzzollsystems mit Mindestzöllen sei das große Hauptziel. Der Landbund erstrebe damit zugleich Schutz der gesamten nationalen Arbeit in Land und Stadt. Mit dem Siedlungswerk und seiner Bedeutung für Landwirtschaft und Volkstum beschäftigte sich der Vortrag des Kreisgeschäftsführers Weschke aus Itzehoe, in dem ausgeführt wurde, daß nur durch sachgemäße Siedlung der weitere Rückgang der landwirtschaftlichen Bevölkerung zu verhindern und deutsches Volkstum im Osten zu retten sei. Neue Hoffnung erweckte die Mitteilung, daß die Soldatensiedler in den allernächsten Tagen endlich Betriebskredite erhalten werden. Viel Anregung für die Praxis bot ferner ein Vortrag von Dr. Rathjen über "Schweinezucht und Schweinemast". Zahlreiche Einzelfragen wurden in der anschließenden Aussprache erörtert.

14.04.1926
Lesermeinung: Notstandkredite für die Baltikumsiedler bewilligt.
Das Kulturamt Heide hat den Siedlungsgenossenschaften und Dorfschaftsvereinigungen in den vier Siedlungen des Lockstedter Lagers soeben amtlich mitgeteilt, daß die Reichsregierung sich auf Grund des vor Jahresfrist vom Staatsrat einstimmig angenommenen Antrages des Grafen Rantzau aus Rastorf bereiterklärt hat, den im Lockstedter Lager verbliebenen Soldatensiedlern Notstandsdarlehen bis zu 2.000 Reichsmark zu gewähren. Von der Gesamtsumme der bewilligten Darlehen ist ein Teilbetrag bereits an eine Itzehoer Bank auf das Konto der Siedlungsdirektion Lockstedter Lager überwiesen worden. Dieser Teilbetrag ist so hoch, daß jedem Soldatensiedler, die für ein Darlehen in Frage kommen, rund 500 Reichsmark sofort zur Verfügung stehen. Diese 500 Reichsmark sollen zur Frühjahrsbestellung verwandt werden. Zweck des Darlehens ist, die notleidenden Soldatensiedler aus der drückendsten Notlage zu befreien, ihnen insbesondere die Möglichkeit zu geben, den für die Frühjahrsbestellung erforderlichen Kunstdünger, zumal Stickstoff, zu kaufen, ihr auf Kredit genommenes Vieh und Gerät oder sonstige Schulden, insbesondere Wechselschulden, zu bezahlen, die sie bisher für Wirtschaftszwecke schon haben aufnehmen müssen.
Die Verteilung der Darlehen erfolgt durch den Vorsteher des Kulturamtes Heide, der mit dem zurzeit in Lockstedter Lager anwesenden Vertreter des Landwirtschaftsministeriums, Oberregierungsrat Ossig, die näheren Bedingungen, unter denen das Darlehen gewährt wird, vereinbart. Das Reich verlangt vor allem eine genaue Prüfung der Kreditbedürftigkeit und -würdigkeit der einzelnen Siedler und macht dies zur Voraussetzung für die Gewährung des Darlehens im Einzelfall. Es kommen demnach nur solche Soldatensiedler für die Gewährung des Notstandsdarlehens in Frage, die dadurch auf eine wirtschaftlich so sichere Grundlage gebracht werden, daß sie unter gewöhnlichen Verhältnissen und bei genügender eigener Anstrengung auf ihren Stellen voraussichtlich bestehen können, soweit man dies nach ihrer augenblicklichen wirtschaftlichen Lage und ihrer bisherigen Wirtschaftsweise beurteilen kann.

Heinrich Schimmelmann.

14.04.1926
Lesermeinung: Der Ansiedlungsbescheid für das Lockstedter Lager.
Wird ein größeres Gelände in Siedlungen aufgeteilt, so sind damit erhebliche Veränderungen in den Gemeinde-, Kirchen- und Schulverhältnissen verbunden, die den beteiligten Verbänden durch Aufnahme der zunächst leistungsschwachen Ansiedler oft erhebliche Belastungen aufbürden. Deshalb muß auf Grund gesetzlicher Bestimmungen der Siedlungsunternehmer für die öffentlich rechtlichen Zwecke bestimmte Leistungen und Kosten beitragen, die in einem besonderen Ansiedlungsbescheid vom Präsidenten des Landeskulturamtes nach Anhörung der Beteiligten und der beim Landeskulturamt eingerichteten Spruchkammer festgesetzt werden.
Für die Siedlung Lockstedter Lager hat sich der Ansiedlungsbescheid verzögert, weil der Kreisausschußvetreter durch den Landrat mit Erfolg gegen die zu geringe Ausstattung der zukünftigen Gemeinden in dem Erstbescheid des Landeskulturpräsidenten in Schleswig Beschwerde eingelegt hatte. Daraufhin hat jetzt das Oberlandeskulturamt in Berlin den endgültigen Ansiedlungsbescheid erlassen, durch den dem Siedlungsunternehmer, dem Deutschen Reich, folgende Leistungen auferlegt werden. Mit dem Land sind auszustatten 1. das Siedlungsgebiet Ridders mit 48 Hektar Gewesen für die Gemeinde mit 9 Hektar Acker und 46 1/1 Hektar Holzung, für den Schulverband mit 2 ½ Hektar Land und 8 ½ Hektar Wald. 2. Das Siedlungsgebiet Bücken einschließlich Hungriger Wolf mit 33 Gehöften für die Gemeinde mit 11 ¾ Hektar Acker und 40 Hektar Holzung, und für den Schulverband mit 2 Hektar Land, 3. das Siedlungsgebiet Springhoe mit 39 Feuerstellen für die Gemeinde 19 Hektar Land und 49 Hektar Wald, für den Schulverband 9 Hektar Land. Für die Kirchengemeinde Kellinghusen sind 15 ½ Hektar Ödland bereitgestellt. Für Ridders ist eine Schule errichtet, während für Bücken und Springhoe in einer großen Steinbaracke im Lager eine Schulklasse mit Lehrerwohnung bezugsfertig eingerichtet ist. Beide Schulen sind vom Siedlungsunternehmer mit Anschauungsmitteln, Turngerät usw. voll auszustatten. In Ridders ist ferner ein Spritzenhaus errichtet und mit einer Feuerspritze ausgerüstet worden. Große Schwierigkeit hat auch die Regelung der Wegeverhältnisse gemacht, und es bedurfte besonderer Vorstellungen des Landrats und des Grafen Rantzau aus Rastorf im Staatsrat, bis wenigsten die Hauptwege in leidlich befahrbaren Zustand gebracht wurden. Im ganzen schätzt das Deutsche Reich die von ihm aufgewandten Sachleistungen wie folgt ein: 1. für Land (600 Mark je Hektar) und Wald (400 Mark je Hektar) 97.510 Mark, 2. für 2 Schulgebäude mit Ausstattung 60.000 Mark, 3. für ein Spritzenhaus mit Löschgeräten 3.000 Mark, 4. für den Ausbau der Wege und Gräben 160.000 Mark, so daß sich eine Gesamtleistung von 320.510 Mark ergibt. Es entfallen also auf jede der 115 Siedlerstellen 2.760 Mark Unkosten für öffentliche Lasten. Ferner hat das Deutsche Reich für die erste Einrichtung der zukünftigen Gemeinden an bar an den Landrat zu treuen Händen zu zahlen für Ridders 10.000 Mark, für Springhoe 8.000 Mark und für Bücken 6.000 Mark. Außerdem sind noch an die Kirchengemeinde Kellinghusen 3.000 Mark in bar zu zahlen.

H. Schimmelmann.

14.04.1926
Hofverpachtung.
Der Hof des kürzlich verstorbenen Siedlungsdirektors Trautmann in Bücken wurde an einen Herrn Schierbecker aus Reberitz in Westpreußen verpachtet. Der Antritt erfolgte am 1.4. 1926

15.04.1926
Bestellarbeiten der Siedler.
Wie allenthalben sind auch in den Siedlungen die Saaten gut durch den Winter gekommen und wetteifern mit ihrem satten Grün mit den frisch angelegten Weidekoppeln, die infolge der großen Winterfeuchtigkeit schneller als sonst vorankommen. An tiefer gelegenen Stellen können die Siedler schon das Vieh austreiben und in ein bis zwei Wochen dürfte der Weidegang wieder allgemein in Betrieb sein. Mancher, der früher hier als Soldat seinen Schweiß vergossen hat, kennt den Platz nicht wieder, solche Wandlungen hat er durchgemacht. Die weiten Heideflächen und die versumpften, graubraunen Wiesenflächen wurden für einige Jahre durch die riesigen Schläge mit Getreide und Kartoffeln des staatlichen Siedlungsbetriebes abgelöst, die jetzt endlich dem mannigfaltigen Wechsel der kleineren je nach der Fruchtfolge mit Roggen, Weide, Wiese, Hafer, Kartoffeln, Buchweizen und Seradella bestandenen Koppeln der Einzelsiedler Platz gemacht haben. Die noch nicht besäten Flächen konnten bei guter Witterung schon fast ausnahmslos umgepflügt werden, und man wartet nur die milderen Wochen Ende April und Anfang Mai ab, um Hafer, die wärmeliebende Kartoffel und Buchweizen dem Schoß der Erde anzuvertrauen und Seradella und Kleegrassaaten in die Getreidefelder unterzusäen.

15.04.1926
Lastenausgleich.
Der Platz wurde bekanntlich von den vier Siedlungsgenossenschaften urbar gemacht und besiedelt. Die Auswahl und Einsetzung der Siedler bereitete besonders deshalb große Schwierigkeiten, weil bei der Währungszerrüttung vorauszusehen war, daß die ersteren Rentenschulden nahezu mit 1 Pfennig ablösen konnten, während die letzten hohe wertbeständige Lasten übernehmen mußten. In weiser Voraussicht hatte man sich daher schon 1922 vereinbart, die Lasten nach Abschluß der Siedlung auszugleichen. Nach Mitteilung des Kulturamtes Heide wird es jetzt die endgültige Berechnung vornehmen. Statt auf 100 Zentner kommt daher z.B. die jährliche Roggenrente in Ridders nur auf 50-70 Zentner, Bücken und Hungriger Wolf, wo die Mehrzahl während des Markverfalls angesiedelt wurde, schneiden noch besser ab, während sich die Württemberger in Springhoe durch ein Linsengericht abspeisen ließen. Da der Ausgleich in eine 40 jährige Tilgungsrente umgewandelt wird, konnten bei Verkäufen die Neuerwerber die Siedlerstellen, wenn sie den Lastenausgleich mit übernahmen, für eine verhältnismäßig geringe Anzahlung erhalten.

15.04.1926
Wegebau.
Während noch vor Jahresfrist die Wegeverhältnisse in der Siedlung unhaltbar waren, so daß die Wagen mit ihren Rädern bald bis an die Achsen versanken, ist inzwischen hier Wandel geschaffen. Nachdem im Sommer Kiesschüttungen in großem Maßstabe gemacht waren, haben die Dorfschaftsvereinigungen im Winter in emsiger Kleinarbeit die noch bestehenden Fehler beseitigt und auch besondere Fußpfade in Ordnung gebracht. Insgesamt sind 16.500 Meter Hauptwege als Nebenwege erster Klasse 10-12 Meter breit bei 6-8,50 Meter Kronenbreite ausgelegt. Daneben führen noch 11.000 Meter Wirtschaftswege von 5-8 Meter Breite zu den bunt durcheinander gewürfelten Schlägen der Siedler. Insgesamt ist so eine Ackerfläche von 12.000 Morgen aufgeteilt und zugänglich gemacht. Die größten Wege sind die Straßen vom Wasserturm in Springhoe nach Ridders, an dem 39 Gehöfte liegen, und nach Silzen, wodurch 18 Rentengüter mit der Außenwelt verbunden sind.

Die Moorsiedlungen bei Dauenhof, Lentföhrden und an der Breiholzer Fähre sind im Gegensatz zu den Lockstedter Lager-Siedlungen jetzt ins Grundbuch eingetragen. Dadurch ist ihnen die Möglichkeit eröffnet worden, bei der Generallandschaft in Kiel oder anderen Grundschuldbanken Pfandbriefdarlehen bis zu je 4.000 Mark aufzunehmen. Die Siedler sind dadurch in der Lage die noch fehlenden Stallungen und Scheunen zu bauen, wie es jetzt z.B. im Meckelmoor bei Breiholz geschieht. Im Lockstedter Lager waren dazu bisher fast nur die Neukäufer in der Lage, die die Gehöfte vorzeitig mutlos gewordener Soldatensiedler erwarben. Wie ein Gang durch die Siedlungen zeigt, haben diese Zweitkäufer recht ansehnliche Zubauten errichten können, wodurch das Dorfbild wesentlich verändert und abgerundet wird. Da die jetzt gegebenen Wirtschaftskredite nur zur Beschaffung von Dünger, Saatgut, Vieh und Gerät dienen sollen, werden die Soldatensiedler sich vorläufig noch mit Schobern, Diemen und Mieten behelfen müssen.

15.04.1926
Besichtigung.
Wie Reichstagsabgeordenter Geheimer Oberregierungsrat Thomsen aus Struckum den Siedlern mitteilen läßt, werden Vertreter des Reiches die Siedlungen Anfang Mai besichtigen, um sich von dem jetzigen Stand der Einrichtung der Gehöfte sowie den Verhältnissen der Baltikumsiedler an Ort und Stelle zu überzeugen. Vor allem wird man die Felder in Augenschein nehmen und die Saaten und den Fortgang der Bestellung besichtigen, um festzustellen, wie die Vorschußzahlung auf den Reichskredit von insgesamt 24.000 Mark oder je 500 Mark für die Frühjahrsbestellung verwandt würde. Dann soll die Restzahlung der Wirtschaftshilfe von je 1.500 Mark an die Baltikumer erfolgen.

Flüchtlingssiedler.
Für die im Lockstedter Lager angesetzten 22 Flüchtlingssiedler werden die Entschädigungen und Wirtschaftsdarlehen auf je 8.000 Mark für jeden verdrängten Ostsiedler erhöht.

Rentenumwandlung.
Während des Währungsverfalles und der Übergangszeit hat man Siedlerstellen gegen Roggenwährung ausgegeben und den berechneten Kaufpreis in eine vierzigjährige Roggentilgungsrente umgewandelt. Dadurch sind die Siedler den willkürlichen Schwankungen des Roggenpreises ausgesetzt. Sie erhalten für ihren Roggen vielleicht nur wie in diesem Herbst 7 Mark, während die nach den Börsenpreisen im April zu berechnende Roggenrente jetzt auf 9 Mark je Zentner kommt. Es sollen daher alle Roggenrenten in nächster Zeit auf Gold oder Reichsmark umgestellt werden. Die Siedler wie die Siedlungsgesellschaften haben dadurch ferner die Möglichkeit, sich mit der Zeit durch Goldpfandbriefe der Landschafter- oder Rentenbank gegenseitig abzulösen.

Besitzwechsel.
Herr Kelting aus Hohenaspe pachtete die 23 Hektar große Siedlerstelle des kürzlich verstorbenen Inspektors Koch in Ridders. Landwirt Birkholz in Ridders verkaufte sein 17 ½ Hektar großes Rentengut an einen verdrängten Ostsiedler. Für die Stelle nebst Beschlag erhielt er 6.000 Mark Auszahlung. Der Käufer übernimmt die Roggenernte von 95 Zentner jährlich und zahlt an das Reich eine Sondervergütung von 3.000 Mark.

18.04.1926
Der Reichskredit für die Soldatensiedler ist zunächst auf 5 Jahre unkündbar gegeben worden. Dann hofft man, daß die Baltikumsiedler wirtschaftlich so erstarkt sind, daß sie das Darlehen ab 1931 in vier Jahressätzen zurückzahlen können. Die Verzinsung wird wahrscheinlich 5 v. H. betragen.

18.04.1926
Siedlerversammlung.
Auf Anregung des Landbundes, der auch bei der Erwirkung des Reichskredits für das Lockstedter Lager mithalf, soll für alle Siedler Schleswig-Holsteins eine besondere Tagung in Neumünster abgehalten werden, zu der auch die in Frage kommenden Behörden und Siedlungsgesellschaften eingeladen werden sollen. Aufgrund von nüchternen Tatsachen soll dort in aller Öffentlichkeit zu allen Fragen des Siedlungswerkes in Schleswig-Holstein Stellung genommen werden. Die Tagung wird voraussichtlich im Mai d. J. stattfinden. Man erwartet, daß auch möglichst viele Siedler aus dem Lockstedter Lager und den holsteinischen Mooren an dieser Tagung teilnehmen werden.

18.04.1926
Beispielskulturen.
Beispielskulturen auf Wiesen und Weiden läßt die Landeskulturstelle Kiel durch Wiesenbaumeister Langhans auch im Siedlungsgebiet durchführen bei den Siedlern Neben, Schnoor und Stoll in Ridders sowie bei Kipf in Bücken. Die Versuchsansteller erhalten 3 Jahre lang eine jährliche Beihilfe von 300 Mark, müssen dafür aber 6 Jahre lang die mustergültige Bewirtschaftung nach den Anweisungen der Landeskulturstelle und der Landwirtschaftlichen Schule in Itzehoe durchführen.

18.04.1926
Viehzucht.
Bisher kauften sich die Siedler ihr Rindvieh wahllos, wie sie es gerade gelegentlich und am billigsten erwerben konnten, zusammen. Ein eigentliches Zuchtziel konnte so nicht ausgeprägt werden. In den Einzelherden sind schwarz- und rotbunte Rinder, Angler, Holsteiner, Breitenburger und Marschkühe bunt durcheinander vertreten. Da das Siedlungsgebiet im Breitenburger Zuchtgebiet liegt, hat es die Landwirtschaftskammer auf Veranlassung von Direktor Dr. van der Smissen aus Itzehoe ermöglicht, daß unter Gewährung einer Beihilfe ein ausgesuchter Breitenburger Bulle beim Siedler Thode in Ridders aufgestellt werden konnte. Bei der Beschaffung des Stieres war Amtsvorsteher Gripp aus Öschebüttel als Vorsitzender des Breitenburger Züchtervereins besonders behilflich. Gute Deckeber sind schon auf verschiedenen Stellen vorhanden.

20.04.1926
Der Neuerwerber des Rentengutes von Landwirt Birkholz in Ridders ist der Flüchtlingssiedler Krüger, der seine Stelle in Westpreußen an die Polen abgeben mußte. Er hat den Besitz am 15. April angetreten.

20.04.1926
Krankheitsfälle langwieriger Art können die ganze Zukunft eines kleinen Siedlers oder Kleinbauern in Frage stellen. Es ist in Siedlerkreisen so gut wie unbekannt, daß man sich dagegen ebenso wie der zwangsweise versicherte Arbeiter und unselbständige Handwerker durch freiwilligen Beitritt zur nächsten öffentlichen Krankenkasse sichern kann. Nach Ziffer 3 des § 176 der Reichsversicherungsordnung sind Kleingewerbetreibende, also auch Landwirte, versicherungsberechtigt, wenn sie entweder keine oder höchstens zwei Versicherte beschäftigen und wenn ihr Jahreseinkommen zur Zeit 2.700 Mark nicht übersteigt. Auch brauchen sie nicht wie andere freiwillige Mitglieder vorher als Arbeitnehmer einer Krankenkasse angehört zu haben.

20.04.1926
Siedlungsland und neue Siedlungsstellen werden jetzt nur noch durch die gemeinnützigen Siedlergesellschaften vergeben, deren, nach Art der Höfebank in Kiel, in Preußen 13 an der Zahl bestehen. Am billigsten kommen bei den dort gewaltig gesunkenen Landpreisen die Stellen im Osten, wofür die Landgesellschaften Königsberg, Stettin, Breslau, Oppeln zuständig sind. Für die Ansiedlung auf Moor- und Ödland kommen vornehmlich die Provinz Hannover und Schleswig-Holstein in Frage. Immerhin muß auch hier der Siedler, wenn er nicht gerade eigenes Vieh und Gerät mitbringt, ein Viertel bis ein Drittel des Stellenwertes, also etwa 10-12.000 Mark anzahlen, während der Restkaufpreis in eine 40-50jährige Tilgungsrente umgewandelt wird. Anfragen sind an die Siedlungsgesellschaften oder an das nächste Kulturamt, z. B. Heide, zu richten unter Angabe von Alter, Beruf, Zahl der mitarbeitenden Familienmitglieder, Vermögen, besonders in bar und landwirtschaftlichem Zubehör, Rentenbezüge, Art und Größe der gewünschten Stelle.

21.04.1926
Siedlung Springhoe.
Das an der Chaussee Springhoe-Lockstedter Lager gelegene Kirchenland in Größe von 12 ½ Hektar steht zur Neuverpachtung aus. Als es im Jahre 1924 zusammen mit dem Gemeindeland der Siedlungen ausgeboten wurde, konnte es zwar zu einem Pachtpreis von 4 Zentner Roggen jährliche losgeschlagen werden. Es erwies sich aber bei näherem Zusehen als völlig unbestellbar, so daß der Erwerber von der Pacht zurücktrat. Auf Beschwerde der evangelischen Kirchengemeinde Kellinghusen hat das Oberlandeskulturamt dem Reich einen Zuschuß von 2.500 Mark für die vorzunehmenden Bodenverbesserungen auferlegt. Das Kirchenland soll jetzt mit drei Freijahren verpachtet werden, nach deren Ablauf der Pachtzins etwa 50 Mark je Hektar betragen soll. Außerdem wird den Pächtern eine Beihilfe von 100 Mark je Hektar für die Beschaffung von Kalk und Dünger gewährt.

21.04.1926
Landaustausch.
Die Siedler in Springhoe sind mit einem sehr ungünstigen Wiesenverhältnis angesetzt. Da in der Siedlung noch 126 Hektar Ackerland bei der Aufteilung übrig geblieben sind, so hofft man, damit aus den anliegenden Gemeinden einige Koppeln Grünland austauschen zu können, um es den kümmerlich bedachten Siedlern zulegen und so die Lebensfähigkeit dieser Stellen verbessern zu können.

21.04.1926
Saatenstand.
Die kurzen Strichregen der letzten Tage haben die in weit größerem Maße als in den beiden Vorjahren angebauten Wintersaaten erfreulich belebt. Da die Siedler infolge des Reichsdarlehens jetzt mit Kunstdünger, zumal mit Stickstoff, nachhelfen können, kann man mit einer befriedigenden Ernte rechnen, wenn der Wettergott weiterhin günstig bleibt.

24.04.1926
Siedlung Ridders bei Lockstedter Lager.
In dem Ödlandbetrieb bei Lütjenholm, Kreis Husum, der nach dem Vorbild des Lockstedter Betriebes eingerichtet ist, sind von der Deutschen Ödlandkulturgesellschaft (Reich und Staat) in einem Jahre mit zwei neuzeitlichen Dampfpflügen 350 Hektar fertig bearbeitet worden. Falls nicht weitere Kreise, zumal Hofbesitzer, durch billige Darlehen in den Stand gesetzt werden, Urbarmachungen in Angriff zu nehmen, dürften über hundert Jahre vergehen, bis diese staatliche Gesellschaft mit ihren Betriebsmitteln das in Schleswig-Holstein noch vorhandene Ödland in Acker- und Grünland umgewandelt hat.

Das eiserne Pferd in Gestalt der Kraftpflugschlepper sieht man auch bei uns immer mehr auftauchen. Ein 22pferdiger Kraftpflug leistet nur soviel wie 6 bis 8 Pferde, da er seine Hauptkraft verschwendet, um seine eigene tote Last über den Acker zu schleppen. Sein älterer Bruder, der 20pferdige Dampfpflug, wie er auch in Siedlungen und Ödlandbetrieben verwandt wurde und wird, leistet aber nicht nur soviel wie 20, sondern wie die doppelte oder dreifache Anzahl der seiner Kraftzahl entsprechenden Pferde, da er bei weit schnellerem Gang nie ermüdet. Ein 22pferdiger Ölmotor kommt heute noch auf rund 5.000 Mark. Ford bietet allerdings seine leichter gebauten Fordsons landauf landab schon zu 3.500-4.000 Mark an. In Amerika kostet der Fordson sogar nur 2.000 Mark. Wenn unsere Landmaschinenindustrie erst dieselbe Leistungshöhe erreicht, so dürfte auch bei uns wie in Amerika, wo man deren schon 700.000 Stück zählt, das eiserne Pferd bald auf jedem größeren Bauernhof zu finden sein.

Über die Maikäferplage läßt die biologischen Reichsanstalt wie allenthalben, so auch in den Siedlungen Nachforschungen durch Vermittlung der Landwirtschaftlichen Schule Itzehoe anstellen. Die Beobachtungen sollen sich erstrecken auf das Vorkommen, die Art (Feld- oder Waldmaikäfer), Engerlingschäden, Auftauchen der ersten Maikäfer im Freien, Fraßschäden, zumal Kahlfraß, Bekämpfung durch planmäßiges Einsammeln der Käfer und Engerlinge und sonstiger bemerkenswerte Erfahrungen am Orte und in der Umgegend. Die Ermittlungen sind der Landwirtshaftlichen Schule Itzehoe weiterzugeben.

24.04.1926
Kartoffelanbau.
Nach Einbringung des Hafers sind die Siedler jetzt eifrig beim Kartoffel einlegen. Während man davon im Vorjahr mittels Pflanzlochmaschine vereinzelt ganz erhebliche Flächen bestellte, schränkt man den Kartoffelanbau jetzt erheblich ein. Man baut nur soviel an, wie man als Speisekartoffeln und zur Schweinemast benötigt, da die Kartoffeln bis zum Frühjahr hinein nahezu unverkäuflich oder nur zu Verlustpreisen abzusetzen waren.

Jagd.
Da die Gemeindejagden in den drei Siedlungsdörfern so spät verpachtet wurden, daß erst im Januar ein flüchtiges Treiben stattfinden konnte, wurde der an sich üppige Hasenbestand verhältnismäßig wenig gelichtet. Bei einem Gang durch die Felder scheuchte man daher fast auf Schritt und Tritt Meister Lampe aus den Saaten auf. Auch die Rehe sieht man allenthalben in den Siedlungswäldern, und wagen sie sich, wie in der früheren Hasenheide in Bücken-Ridders bis nahe an die Häuser heran. Die Jagdaussichten für den kommenden Winter sind also sehr gut.

24.04.1926
Elektrokultivator.
Außer bei Gartenbesitzern sucht man jetzt auch in den Siedlerkreisen den Elektrokultivator an den Mann zu bringen, der die Luftelektrizität und den Erdmagnetismus den Pflanzenwurzeln zuleiten und so den Ernteertrag verdoppeln soll. Da kommt folgender Hinweis im letzten Amtsblatt der Landwirtschaftskammer Kiel gerade zur rechten Zeit: "Der Elektrokultivator, auf den in der Fachpresse schon verschiedentlich hingewiesen worden ist, wird trotz aller Warnungen wieder in neuer Aufmachung und mit ziemlichem Aufwand von Propagandaschriften angeboten. Nachdem die Versuche des Reichsverbandes des deutschen Gartenbaus, von Prof. M. Koornicke an der Landwirtschaftlichen Hochschule zu Bonn Poppelsdorf, sowie Prof. Dr. Opitz und Dr. K. Stöhr in Blaubeuren völlig negativ ausgefallen sind, können wir hiermit warnen. In diesen Flugblättern wird auch mit einer französischen (der Christofleauischen) Methode, sowie mit Naturelektrizitätssammler Donar, System Müller, gearbeitet. Alle die Apparate können nicht anders als eine große Täuschung des Publikums bezeichnet werden." Die Siedler und Landwirte tun daher gut, statt 27 Mark je Morgen für den Elektrokultivator zu vergeuden lieber für das Geld Kunstdünger zu kaufen.

25.04.1926
Der Fuhrwerksbesitzer Wilhelm B. aus Kellinghusen ist des Holzdiebstahls angeklagt. Im Winter 1925/26 hat er im Lockstedter Lager 8 Meter Klobenholz, der Siedlungsgenossenschaft gehörend, im Werte von 40 Mark gestohlen. Der Angeklagte ist geständig. Das Holz hat er verkauft, weil er in Geldnot war. Der Angeklagte ist schon zweimal wegen Diebstahls vorbestraft. Er wird zu 2 Monaten Gefängnis verurteilt.

25.04.1926
Gedenken.
Sechs Jahre sind jetzt verflossen, seitdem die ersten Quartiermacher der Baltikumer aus dem Munsterlager hier eintrafen, worauf im Mai die ganze damals noch 400 Mann starke Schar der zum Siedeln entschlossenen Angehörigen der Eisernen Division mit Roß und Wagen nachfolgte. Sie haben in der Zwischenzeit dem Platz ein ganz anderes Gesicht gegeben. Wo früher die Feldgrauen durch kniehohe Heideflächen waten mußten, da dehnen sich heute wogende Roggenfelder. Auch das Lager hat allerlei Wandlungen durchgemacht. Mit und nach den Baltikumern zogen Zehntausende von zurückgekehrten Kriegsgefangenen aus allen Strichen der Welt hier durch, die rotbesetzten türkischen Bundesbrüder hatten hier ihr Heim, bis die Sperre zum Schwarzen Meer aufgehoben wurde, scharenweise suchten dann die flüchtenden Auslandsdeutschen, Baltendeutschen und vor allem durch die Polen von Haus und Hof vertriebenen Ostsiedler eine notdürftige Unterkunft. Seit zwei Jahren liegt das Lager wieder öde und tot da und wartet, bis der Amtsschimmel es erlaubt, hier Hunderten von Familien menschenwürdige, in prächtige Anlagen gebettete Wohnungen einzurichten.

28.04.1926


28.04.1926
Siedlung Ridders.
Die Maul- und Klauenseuche in den Siedlungen ist glücklicherweise ausgeheilt. Außer für die drei befallenen Einzelgehöfte in Ridders und Bücken ist jetzt die Ortssperre aufgehoben.

Eine Musterwirtschaft läßt die Landwirtschaftskammer unter Aufsicht und Leitung des Direktors der Landwirtschaftlichen Schule Itzehoe, Dr. van der Smissen, erfreulicherweise auch in der Siedlung betreiben, und zwar in der Wirtschaft des Siedlers Adolf Thode in Ridders. Insgesamt hat die Landwirtschaftskammer in Schleswig-Holstein 10 Beispielswirtschaften eingerichtet. Die Inhaber unterstellen sich fünf Jahre lang ganz den Anweisungen der Landwirtschaftskammer bzw. des landwirtschaftlichen Schuldirektors, wofür sie die ersten drei Jahre lang eine Beihilfe von 1.000 Mark erhalten.

01.05.1926
Lesermeinung: Lagebericht der Siedler.
Trotzdem Herr Weschke sich nahezu zwei Wochen mit seiner Antwort bedacht hat, scheint er noch so verwirrt zu sein, daß er anscheinend den Inhalt seines Briefes, aus dessen Abdruck ja in der Hauptsache mein Eingesandt bestand, mit meinen wenigen Begleitworten verwechselt. Auch dürfte ihm der Nachweis für seine Behauptungen schwerfallen, daß ich vor meinem Ausscheiden je gegen den Landbund gearbeitet oder ihm überhaupt auch nur ein Mitglied abspenstig gemacht habe. Dagegen haben Herr W., ohne auch meine sechsjährige ehrenamtliche Genossenschaftsarbeit überhaupt nur zu kennen, seit Anbeginn und sein geistiges Vorbild und Meister Jordan schon seit Januar 1923 mich angerempelt. Herr W. mit Vorliebe, wenn ich in Kiel in der Klinik lag und auch sonst einem Grunde nicht anwesend sein und mich verteidigen konnte, wie in der letzten Versammlung in Hungriger Wolf, wo er meinen und die Namen vier ausgeschiedener Siedler als offene Ketzer gleichsam von der Kanzel bekanntgab. Auf der vorletzten Versammlung war er ja so liebenswürdig und mutig, mir im Schlußwort eins auszuwischen mit dem nachgerade von ihm zur Genüge abgeleierten Hinweis auf den dadurch geradezu berühmt gewordenen Aufsatz in der Schleswig-Holsteinischen Landeszeitung, der lediglich mitteilt, daß die Siedler je Stelle durchschnittlich 100 Zentner Roggen frisch von der Dreschmaschine weg verkaufen mußten, um ihre dringlichsten Schulden bezahlen zu können, daß jeder Siedler 6-12 Schlachtschweine absetzen kann, daß er aus den Kartoffeln kaum die Löhne herausholt, er vor dem Einstallen des Viehs durchschnittlich 10-15 Liter Milch an die Meierei ablieferte. Wenn Herrn W. diesen geringen Umsatz, an dem kaum Verdienst bleibt (je Zentner Roggen 2-3 Mark, je Schwein 10 Mark, für 1 Liter Milch gab es damals 15 Pfennig) als unglaublichen Wahnsinn bezeichnet und sich von dem nicht minder sachverständigen Referenten des Landeskulturamtes in unglaublicher Weise bluffen ließ, so stellt das seiner in sechs Jahren Wirtschaft und Wirtschaftspolitik erworbenen Urteilsfähigkeit gerade kein glänzendes Zeugnis aus. Vielleicht ist er bei seinen Buchführungsstelle in die Lehre gegangen, die den Siedlern 30 Mark Gebühr abknüpft und 60-100 Mark Steuer ausgerechnet, während Siedler, die ohne Landbund beim Finanzamt ihre Notlage darlegen, gleichzeitig 20-30 Mark Steuern zahlen. Herr W. wäre sicher nicht um sein angebliches Siedlungsversprechen betrogen worden, wenn er gleich mir vier Jahre lang in Dreck und Speck gearbeitet und dann noch ganze Nächte der Genossenschaftsarbeit gewidmet hätte. Wenn auf Grund solcher Versprechungen im Herbst v. J. kurz nach der Ernte fast alle Siedler ihre Beitragsnachnahmen uneingelöst zurückgehen ließen, so kann mich ein Verschulden daran schon deshalb nicht treffen, weil ich damals wiederum in der Kieler Klinik war und erst bei meiner Rückkehr davon erfuhr. Vielleicht ist es für Herrn W. wissenswert, daß mir gerade gestern ein Mitglied der Wirtschaftlichen Vereinigung schrieb, daß die Siedler in erster Linie dem persönlichen Eingreifen des Ministerpräsidenten Braun die endliche Bewilligung der Kredite zu danken haben. Auf Grund meiner Berichte hatte sich dieser Herr schon Anfang Januar mit dem Ministerpräsidenten in Verbindung gesetzt und ihm unsere Schmerzen persönlich vorgetragen. Da haben ja die Herren W. und Jordan wieder begründeten Anlaß, hinterrücks über den "Sozialisten und Kommunisten" Sch. herzufallen, der nicht nur mit Pharisäern und Schriftgelehrten, sondern sogar mit sozialistischen und kommunistischen Zöllner und Sündern verkehrt. Wenn das Siedlungswerk und der Landbund derart schwach begründet sind, daß sie durch Niedrigerhängen von Schmähbriefen aus den Fugen gebracht werden, so soll mir das leid tun. Hoffentlich werden bald wieder die altbewährten guten Hirten in genügender Zahl erstehen, die ehrenamtlich das Banner im Kampfe für ihre Berufsgenossen vorantragen. Den "15 Gegenständen der öffentlichen Belastung, Steuersorgen und Aufwertungsfragen, Preisschere und soziale Fragen, Kredit- und Tariffragen", bringe ich immerhin soviel Verständnis entgegen, daß ich schon im Frühjahr 1919, als Herr W. noch lange nicht an seine ersten wirtschaftlichen Kinderschuhe dachte, in verschiedenen Aufsätzen der "Deutschen Bergwerkszeitung" nicht nur die Folgeerscheinungen des Währungszerfalles, sondern auch die zur jetzigen Währungsfestigung erforderlichen Maßnahmen und Erscheinungen fast aufs Haar voraussagte.

Heinrich Schürmann.

06.05.1926
Kredite an die Landwirte durch die Landesbanken.
In einer kleinen Anfrage deutschnationaler Landtagsabgeordneter wurde zur Sprache gebracht, daß die Mindestbeträge der Hypotheken aus Mitteln der Golddiskontobank seitens der Landesbank der Rheinprovinz auf 2.000 Mark festgesetzt seien. Ebenso sollen die Landesbanken der anderen Provinzen verfahren. Infolgedessen sind viele Anträge kleiner Landwirte, die diese Mindestgrenze nicht erreichen, abgelehnt worden, was für sie die Möglichkeit ausschließt, ihre kurzfristigen Personalkredite, die sie für Saatgut und Kunstdüngerkauf in Anspruch genommen haben, in Realkredite umzuwandeln. Das Staatsministerium wurde gefragt, ob es bereit sei, das Verfahren der Landesbanken bei Verteilung der Golddiskontobank Kredite einer Nachprüfung zu unterziehen, um auch den kleineren Landwirten die Möglichkeit zu geben, mit geringeren Beträgen die Kredite in Anspruch zu nehmen. Wie der Amtliche Preußische Pressedienst der Antwort des Ministers des Inneren entnimmt, hatte die Landesbank der Rheinprovinz die Mindestgrenze deshalb auf 2.000 Mark festgesetzt, weil bei kleineren Hypotheken die Kosten für die Beschaffung der erforderlichen Unterlagen und die Grundbuchkosten verhältnismäßig so hoch wären, daß bei Berücksichtigung der verhältnismäßig kurzen Dauer dieser Kredite die sich daraus ergebenden Belastung gerade den hierfür in Frage kommenden kleinen Kreditnehmern nicht zugemutet werden könne. Auf Veranlassung der Rentenbankkreditanstalt hat die Landesbank der Rheinprovinz ihre Bedenken zurückgestellt und die Festsetzung einer Mindestgrenze aufgehoben.

07.05.1926
Leider ist die Maul- und Klauenseuche, die man in den Siedlungen schon erloschen glaubte, wieder ausgebrochen und zwar in den Gehöften der Siedler Oskar Schmidt in Ridders und Wengert in Springhoe.

07.05.1926
Die Neuwahl zur vorläufigen Gemeindevertretung, dem Vorstand der Dorfschaftsvereinigung Ridders, ergab die Wahl der Herren Thode, Wagner, Thurau, Georg und Rothert. Nach Mitteilung des anwesenden Vorstehers des Kulturamtes Heide dürfte die Gemeindebildung und Grundbucheintragung sich mindestens noch ein Jahr hinziehen.

08.05.1926
Das Eiergeld ist das Wirtschafts- und Haushaltsgeld der Siedlerfrau. Die Aufkäufer holen ihr die Eier zurzeit für 8 Pfennig das Stück vom Hofe ab. Im Durchschnitt hält der Siedler 15-30 Legehühner, die außer im großen Hühnerhof meist auf einer hinter dem Hof angelegten Weide ihren Auslauf haben. Futtermittel fallen in der Wirtschaft für Hühner, Gänse und Enten stets reichlich ab, und läßt es die Hausfrau an guter Pflege ihrer Lieblinge nicht fehlen.

08.05.1926
Der Duwock, Heermoos oder giftige Schachtelhalm ist auch auf vielen während der Militärzeit arg verwilderten Wiesen der Siedlungen üppig verbreitet. Es wird anstrengender Arbeit, zumal durch tiefgründiges Entwässern, fortwährendes Abschleifen, notfalls Umreißen des Grünlandes, Kalkung und reichlich Düngung zwecks Förderung der guten Gräser und damit allmählich Erstickung und Unterdrückung des Schachtelhalmes bedürfen, um diesen außerordentlich unangenehmen Schädling mit den Jahren allmählich auszurotten. Bekanntlich läßt jetzt auch die Landwirtschaftskammer Feststellungen über diese lästige Landplage anstellen, die für den Kreis Steinburg durch den Landwirtschaftlichen Ausschuß Itzehoe erfolgt, damit die Grundwertausschüsse die durch Schachtelhalmwucherungen bedingte Minderung des Bodenwertes genügend im Anrechnung bringen.

16.05.1926
Lesermeinung: Zur Dökult Frage.
Herr Schürmann schrieb über die Mißwirtschaft bei der Dökult (Deutsche Ödlandkulturgesellschaft) und stellte dabei fest, daß die bisherigen Ausgaben für die Kultivierungen zu hoch, die Leistungen im Verhältnis zu dem großen Apparat zu gering sind. Im Rendsburger Tageblatt war über diese Mißstände noch ausführlicher geschrieben worden.

Man kann sagen, "prompt" stellte sich eine Lobeshymne auf die Dökult vom Norden ein. In der Nr.110 der Itzehoer Nachrichten wird über die Siedlungstätigkeit im Grenzgebiet geschrieben: "Ohne die Dökult wäre die Kultivierung der schwierigen Moorflächen auf absehbare Zeit unmöglich gewesen." Die Gesellschaft hat allen entgegenstehenden Schwierigkeiten zum Trotz während der kurzen Tätigkeit im Flensburger Kreis wertvolle Arbeit geleistet. Zielbewußte Kultivierung der Sandheiden und vornehmlich der Moore wie sie energisch und umsichtig (fehlt nur noch das Wörtchen "nur") durch die staatlich deutsch Ödlandkulturgesellschaft betrieben wird usw. Meines Erachtens stellen sich die beteiligten Landkreise durch diese Entschließungen ein Armutszeugnis aus, denn sie selbst hätten die Kultivierung sicher billiger durchführen können. Ein ganz anderes Bild ergibt die nachstehend in Nr. 110 geschilderte Leistung im Sönke Nissen Koog. Dort arbeiten die Ansiedler selbst und verlassen sich nicht auf die Dökult. Ihr Jungbauern Schleswigs, die ihr mit Siedlungsland rechnet, hättet ihr das nicht selbst tatkräftiger in die Hand nehmen, besser und billiger bewirtschaften können, wenn euch der Staat die hohen Gelder bewilligen würde, die es durch die Dökult verausgaben läßt? Wir hier im Lockstedter Lager wissen, daß nichts halbes und nichts Ganzes dabei herauskommt. Noch schlechter als hier sieht es in anderen Siedlungsgebieten z. B.Lentföhrden, aus. Darum selbst ans Werk!

Heinrich Schöne,
Lockstedter Lager.

19.05.1926
Der Deutsche Ostbund hielt für seine starke Zweiggruppe im Lockstedter Lager am Sonntag eine sehr anregend verlaufene Versammlung ab. Der Vorsitzende der Ortsgruppe Itzehoe, Schulz aus Bromberg, konnte die erfreuliche Mitteilung machen, daß durch Reichstag und Landtag nunmehr die Mittel zur Verfügung gestellt sind, um die Gesamtentschädigung nebst Darlehen für jeden verdrängten Ostsiedler auf 8.000 Mark zu erhöhen. Sobald die Richtlinien erlassen sind, kann die Auszahlung der Sachentschädigung erfolgen. Von der Entsendung einer Vertretung zur Bundestagung des Ostbundes in Königsberg und auf der Marienburg sah man wegen der hohen Kosten ab. Dafür will man das am 10.Juni stattfindende Stiftungsfest in Itzehoe um so reichhaltiger ausgestalten. In den Festausschuß wurden die Herren Nötzelmann und Jetz gewählt. Aus der Siedlung Ridders traten acht neue Mitglieder bei, so daß die Ortsgruppe Itzehoe jetzt 131 Flüchtlinge und Ostmärker zählt, wovon 37 im Lockstedter Lager ansässig sind. Als Vertrauensmann für Ridders wurde der Siedler Nötzelmann gewählt, während für Hohenfiert der Siedler Wagner und für Springhoe der Siedler Splitt hierzu bestellt sind.

19.05.1926
In der letzten Sitzung der Dorfschaftsvereinigung in der Siedlung Ridders wurde beschlossen, bei den zuständigen Reichsstellen Anträge auf Beschleunigung der Grundbucheintragung und Gemeindebildung, Umwandlung der Roggenernte in Reichsmark und auf Gewährung eines Stundungsjahres zu stellen.

21.05.1926
Ridders. Schwer verletzt.
Beim Spielen auf der Weide kam das dreijährige Söhnchen des Siedlers Stadelmeier in Ridders einem grasenden Pferd zu nahe, das plötzlich ausholte und dem Kleinen einen furchtbaren Schlag gegen den Oberkopf versetzte. Ein zufällig vorbeifahrender Händler trug das blutüberströmte Kind wie leblos ins elterliche Haus. Der Arzt stellte eine schwere Gehirnerschütterung fest. Doch befindet sich das Kind bei seiner starken Natur anscheinend auf dem Wege der Besserung.

22.05.1926
Genossenschaft "Württemberg", Meckelmoor bei Breiholz Fähre.
Je 4.000 Mark Darlehen aus der Hauszinssteuer wurden den hier angesetzten Baltikumsiedlern der Soldatensiedlungsgenossenschaft "Württemberg" zum Bau von Stallungen und Scheunen durch Vermittlung des Landeskulturamtes Schleswig gewährt. Diese Siedler betreiben hauptsächlich Graswirtschaft, konnten aber Grünland mangels Stallungen und Scheunen zum Bergen des Heus nicht voll mit Vieh beschlagen, so daß sie ihre wertvollen Weiden größtenteils verpachten mußten, um es nur irgendwie auszunutzen. Da bei den hohen Baukosten das Darlehen allein nicht ausreicht, haben die Siedler große Schwierigkeit, außer den restlichen Baugeldern noch Mittel für den Ankauf von Vieh zum Gräsen flüssig zu machen, so daß sie immer noch vorerst fremdes Weidevieh annehmen müssen.

21.06.1926


26.06.1926
Besitzwechsel.
Das 17 ½ Hektar große Rentengut des Landwirts Richard Heim in Springhoe wurde von dem Landwirt Habbe in Westfalen für 24.000 Mark käuflich erworben, wovon 7.000 Mark in bar ausgezahlt wurden. Der Käufer zahlt 3.000 Mark an das Reich als Rentengutausgeber und übernimmt dazu 500 Zentner Roggenbelastung. Herr Heim bezieht das Gewese des Siedlers Stieglitz, um dort eine Geflügelzüchterei zu betreiben.

26.06.1926
Die Dreschgenossenschaft hat ihre Auflösung beschlossen mit der Abwicklung wurden die Herren Gastwirt Schack in Lockstedter Lager und Bauleiter Fürstenhaupt in Springhoe beauftragt. Der Abschluß weist einen Verlust von 25.000 Mark aus, so daß von jedem Mitglied über 1.000 Mark aufzubringen sind.

26.06.1926
Heuernte.
Nach dem Bepflanzen der Rübenfelder sind die Siedler jetzt eifrig bei der Heuernte. Während der Ertrag in den kaltgründigen und noch zu sauren Wiesen zu wünschen übrig läßt und es in den gar nicht oder nur oberflächlich urbar gemachten Bruchniederungen überaus traurig aussieht, ist der Stand der von den Siedlern im Vorjahre auf den Ackerländern frisch eingesäten Kleegrassaaten gut und stellenweise sehr gut. Diese erfreuliche Ergebnis hat man umso weniger erwartet, als die als Unterfrucht eingesäten Grassaten infolge des dürren Sommers nur spärlich aufgegangen und in sehr dünnem und kümmerlichen Zustande in den Winter gekommen waren. Die große Winterfeuchtigkeit und das für das Grünland einzigartig günstige Frühjahr haben nicht nur alles wieder gut gemacht, sondern darüber hinaus das Grasland sehr üppig entwickelt. Hoffentlich gelingt es, den reichen Futtersegen trocken hereinzubringen.
Während die Roggenfelder in den Siedlungen durchschnittlich prächtig entwickelt sind, hat der Hafer vielfach unter dem Drahtwurm oder Fresser gelitten. Einzelne Koppeln mußte man ganz umpflügen. Erstmals sieht man auch größere Haferschläge durch Hederich verseucht, der vielfach durch fremdes nicht geeignetes Saatgut eingeschleppt sein dürfte.

27.06.1926
Spar- und Darlehenskasse.
Die Mitglieder der Spar- und Darlehenskasse e.G.m.b.H. zu Ridders war aus den vier Siedlungsdörfern rege besucht. Der Vorsitzende Schürmann erstattete den Geschäftsbericht. Da Ab- und Zugang sich ausgleichen, ist der Stand der Mitglieder mit 53 an der Zahl der alte geblieben. Der auf 1 ½ Millionen Mark gestiegene Gesamtumsatz hat sich weit mehr als verdoppelt. Die mit 59.031 Mark abschließende Vermögensübersicht wurde einstimmig genehmigt. Nach Bildung einer Sonderrücklage von 2.000 Mark wurde der restliche Reingewinn von 285 Mark der gesetzlichen Rücklage überwiesen. Zu den Genossenschaftstagungen in Kiel wurden acht Vertreter entsandt, die von dort allerhand Anregungen mit nach Hause nahmen. Nach Vorname der gesetzlichen Neuwahlen besteht der Vorstand jetzt aus den Landwirten Schürmann (Ridders), Kipf (Bücken, Geschäftsführer) und Gastwirt Schimmelmann (Ridders). Dem Aufsichtsrat gehören an Lehrer Lorenzen (Ridders), und die Landwirte Huber (Bücken), Neben (Ridders), Gruber (Springhoe), Quade (Hungriger Wolf) und Schmidt (Ridders). Infolge des Reichsdarlehens für die Baltikumsiedler konnten die Mitglieder und die Kasse die drückenden Wechselverbindlichkeiten fast restlos ablösen, so daß der Flüssigkeitsgrad jetzt ein guter ist. Der Bezug von Dünger, Saatgut, Futtermitteln und landwirtschaftlichen Geräten soll jetzt nur noch in größeren Sammelladungen erfolgen, da so nach altbewährter Genossenschaftsweise der Erhalt billiger und guter Ware, wie sie die jetzige Notzeit erfordert, am besten gewährleistet ist, und sich so der Geschäftsverkehr am reibungslosesten und einfachsten abwickeln läßt.

01.07.1926
Zur Urbarmachung von Ödland können Beihilfen aus dem Ödlandkulturfonds gewährt werden, aus dem in diesem Jahre für Schleswig-Holstein 40.000 Mark zur Verfügung gestellt sind. Das dürfte auch manchen Siedlern zustatten kommen, deren Bruchniederungen noch öd und wild daliegen. Für jedes Hektar Ödland werden gegen Unterzeichnung eines Schuldscheines bis zu 200 Mark Darlehen gegeben, die mit 6 v. H. zu verzinsen und innerhalb von 10 Jahren zu tilgen sind. Anträge unter Beifügung eines Gutachtens der Landwirtschaftlichen Schule und Wirtschaftsberatungsstelle in Itzehoe an den Landrat oder das Kulturamt Heide zu richten.

Auch in hiesiger Gegend werden Schweineseuchen Versicherungen für den spottbilligen Betrag von 40 Pfennig je Schwein und Monat, also bei einer 4-5 monatigen Mastzeit zu 1,60 - 2,00 Mark je Schwein angeboten. Im Schadensfalle soll angeblich voller Ersatz erfolgen. Nach Erkundigungen des Bauernvereins kann eine solche Versicherung auf keinen Fall lebensfähig sein, es sei denn, daß der versichernde Landwirt die Schweine auf seine Rechnung impfen lassen oder sonstige Vorbeugungsmaßnahmen treffen muß, die mit erheblichen Unkosten verbunden sind. Vor Abschluß solcher Versicherungen tut der Landwirt daher gut, sich die weiteren Bedingungen genau anzusehen.

Die Bewegung für die Seidenrauperei wird von den einzelnen Händlern dazu mißbraucht, um ausländische, zumal italienische Maulbeerbaumpflanzen einzuführen, was natürlich nur mit Fehlschlägen enden kann. Wegen Nachweis einwandfreier Baumschulen für Maulbeerbaumpflanzgut sollte man daher nur die nächste landwirtschaftliche Schule oder die Deutsche Landwirtschaftsgesellschaft in Berlin, die eine Sammelstelle für alle Fragen der Seidenrauperei errichtet hat, in Anspruch nehmen.

Gar manche Geschichte von Siedlers Glück und Ende kann der erste Abschnitt der Siedlungen im Lockstedter Lager erzählen, der hoffentlich jetzt durch die Gewährung von Wirtschaftsdarlehen an die Baltikumer und Flüchtlingssiedler endgültig zum Abschluß gelangt ist. Der Wirtschaftssturm, der selbst alteingesessene Bauern schonungslos hinwegfegte, mußte im Kreise der Siedler um so verheerender wirken, als man sie auf kaum urbares Land, in halbfertige Gebäude ohne Vieh und Gerät hineingesetzt hatte, und ihnen die Geldnot auch die Beschaffung von Betriebsmitteln auf dem offenen Geldmarkt völlig unmöglich machte. Von 115 Siedlerstellen sind seit ihrer Begründung 36 Rentengüter durch Verkauf innerhalb der letzten zwei Jahre in dritte Hand übergangen, sieben weitere Stellen wurden auf kürzere oder längere Zeit verpachtet. Davon mußte eine größere Stelle von 35 Hektar infolge Überschuldung zwangsweise durch das Kulturamt verkauft werden, wobei die Gläubiger einen Ausfall von 8.000 Mark zu beklagen hatten. Andere Siedler zogen ohne einen Pfennig ab, zumal wenn sie trotz der hohen Baukostenüberteuerung für Bau von Stall und Scheunen Ausgaben gemacht hatten, die beim Verkaufe nicht mehr herauszuholen waren. Die meisten retteten allerdings einige tausend Mark. Aus ihrem bisherigen Wirkungs- und Lebenskreise herausgerissen und in das Millionenheer der Arbeitslosen gestoßen, kamen sie sich aber bald entwurzelt vor. Die meisten steckten das Geld in kleine Geschäfte, Gastwirtschaften oder Landstellen, die aber zumeist schon notleidend waren. So geht eine große Anzahl derer jetzt als Reisende, Hausierer, Tagelöhner oder gar zum Stempeln, die sich schon als freie Bauern auf eigener Scholle wähnten. Hoffentlich ist den verbliebenen Siedlern, die durch das harte Wildwestleben an sich nicht verwöhnt sind, und unter die der schwere Kampf ums Dasein eine scharfe Auslese vorgenommen hat, ein besseres Geschick beschieden.

08.07.1926
Siedlung Lockstedter Lager.
Ringreiterfeste fanden erstmals in diesem Jahre auch in den Siedlungen statt und zwar zunächst in den Dorfschaftsvereinigungen Ridders und Bücken-Hungriger Wolf. In Ridders traten 32 Reiter zum edlen Wettstreit an. König wurde Alfred Wiese vom Hungrigen Wolf, zweiter Willy Wiese vom Hungrigen Wolf und dritter Sieger Friedrich Schultze aus Ridders. Beim Ringreiten in Bücken-Hungriger Wolf wurde wiederum Alfred Wiese vom Hungrigen Wolf König, während Otto Bünz aus Bücken, Stührk und Arp aus Hungriger Wolf die nächsten Preise errangen. Die anschließenden Festlichkeiten hielten die Siedler und ihre Gäste aus der Umgegend noch lange zusammen.

14.07.1926
Am Sonntag hielt der Deutsche Ostbund im Lockstedter Lager eine Versammlung ab, die von etwa 35 Ostmärkern besucht war. Der Vorsitzende der Ortsgruppe Itzehoe, Schulz, berichtete über die verschiedensten, die Verdrängten berührenden Fragen und brachte mehrere wichtige Rundschreiben der Leitung zur Verlesung. Im Herbst wird der Ostbund in der Siedlung ein Erntefest veranstalten. In den Festausschuß wurden die Siedler Oscar Stoll aus Ridders, Getz aus Hohenfiert, Richard Splik aus Springhoe und Herr Ahalmor aus Lockstedter Lager gewählt, wozu noch ein Vorstandsmitglied aus Itzehoe tritt.

15.07.1926
Besichtigung.
Während einer mehrtägigen Reise durch verschiedene Ödlands- und Landgewinnungsbetriebe, sowie Siedlungen der Provinz, besichtigte die der Landwirtschaftskammer angeschlossene Landeskulturkommission auch eingehend die vier Siedlungen des Lockstedter Lagers. An der Rundfahrt, die in vier Kraftwagen erfolgte, nahmen u. a. teil Geheimrat Prof. Dr. Tacke, der Leiter der Moorversuchsstation Bremen, Baurat Schäffer als oberster Meliorationsbeamter der Provinz, der Geschäftsführer Langhans und Diplomlandwirt Soll von der Landeskulturstelle Kiel, Landeskulturamtspräsident Engelkamp, Kulturamtsvorsteher Seifert als Stellvertreter des Landrats in Itzehoe und der Vertreter der verschiedenen Siedlungsgenossenschaften. Einstimmig war das Lob über den guten Stand der Felder, zeigten die Siedler doch, daß sie selbst aus den magersten Böden in Springhoe das Menschenmögliche herauszuholen suchen. Mehrere Gehöfte wurden eingehender in Augenschein genommen und Vergleiche zwischen den verschiedensten Bauweisen angestellt. Sehr gut bewährt sich in den Siedlungen die alte Sitte, daß die Nachbarn sich bei Bauten durch Stellung von Baufuhren zum Heranschaffen von Holz und Steinen, die oft Kilometer weit herangeholt werden müssen, gegenseitig unterstützen. Können die hohen Anfuhrkosten die Bauten doch sonst um 20-30 v.H. verteuern. Jetzt wo mehrere Siedler sich Scheunen errichten, sieht man oft größere Wagenzüge schweres Bauholz aus den entfernten Waldungen heranfahren.

23.07.1926


03.08.1926
Nach eingetretener Besserung des Wetters sind jetzt auch die Siedler fleißig bei der Ernte. Infolge des schlechten Bodens hat sich der Roggen kaum derart gelagert, wie man es in der weiteren Umgegend auf besseren Böden vielfach beobachten kann. Da er aber infolge Regenschauer allgemein nach Osten überhängt, ist das Mähen mit der Maschine in der Richtung West-Ost vielfach erschwert, so daß bei dem Umgange in dieser Richtung die Maschine oft leer laufen muß. Sehr gut ist die untergesäte Unterfrucht, wie Seradella und Kleegras, bei dem feuchten Wetter aufgegangen, was für die Gründüngung und Futterwirtschaft sehr erwünscht ist, bei schlechtem Erntewetter aber das Abtrocknen und Einbringen der Garben mit ihrem vielen Grünzeug sehr verzögern kann. In dem vorzüglich hochgekommenen Hafer sieht man leider auch hier wieder Lagerschäden, die sich kaum mit der Sense mähen lassen. Die Rüben stehen ausgezeichnet und auch die Kartoffeln scheinen in diesem Jahre zu befriedigen. Die Wiesen und Weideflächen sind aber vorzüglich geraten, daß manche auf den neu eingesäten Kleegrasflächen sogar drei Schnitte einzuheimsen hoffen. Buchweizen, dessen Ertrag, soweit er nicht verhagelt ist, verschieden beurteilt wird, sieht man nach den Nackenschlägen, die er im Vorjahre den Siedlern brachte, weniger. Wenn der Wettergott nur einigermaßen günstig ist, so dürfte die Ernte den Siedlern in diesem Jahre ihre schwere wirtschaftliche Lage sehr erleichtern.

06.08.1926

Förderung von Bauern und Siedlern durch Beispielswirtschaften.

Von Heinrich Schürmann, Siedlung Ridders.
Unsere nächste Zukunftsaufgabe besteht nicht darin, musterhaft bewirtschaftete Großbetriebe in ihrem Roggenertrag von 12 auf 14 Zentner je Morgen zu bringen, sondern darin, den Ertrag auf bäuerlichen Wirtschaften, sagen wir von 5-7 Zentner auf 8 bis 9 Zentner zu steigern, wozu eine wesentlich geringere Aufwendung erforderlich ist als zur Verwirklichung des ersten Beispiels, so äußerte sich kürzlich ein bekannter Siedlungsfachmann und Volkswirt.

Die Richtigkeit und Wichtigkeit dieses Ausspruches leuchtet jedem ein, der bedenkt, daß sich dreiviertel der deutschen Anbaufläche im Besitze bäuerlicher Wirte befinden. In klarer Erkenntnis dieser Tatsache sucht man die bäuerliche Wirtschaftsberatung, der die Leiter und Lehrer der landwirtschaftlichen Schulen in der schulfreien Sommerzeit obliegen, immer mehr auszubauen und auszugestalten. Da das beste Beispiel aber die Tat ist, geht man immer mehr dazu über, neben der Beratung durch das Wort bäuerliche Versuchsringe und ganze bäuerliche Lehr- und Musterwirtschaften einzurichten. So unterhält die Landwirtschaftskammer zurzeit in den verschiedensten Gegenden Schleswig-Holsteins 14 Beispielwirtschaften.

Besonderer Beratung und Förderung bedürfen aber die Siedler, die plötzlich in ganz neuartige Verhältnisse versetzt sind, wo fast jeder Tag sofort zu erledigende Fragen, Aufgaben und selbst Rätsel stellt, deren Lösung man nicht bis zur Durchmachung eines Lehrganges aufschieben kann, da davon oft Gedeih und Verderb der ganzen Wirtschaft abhängt. Auch die ausführlichsten Lehrbücher versagen dabei oft ihren Rat, soweit der Siedler überhaupt mit der Handhabung dicker Wälzer vertraut ist. Für ihn ist und bleibt die Natur der beste Lehrmeister.

Deshalb hatte man allgemein erwartet, daß der Staat im Lockstedter Lager, wo die Gelegenheit so günstig wie selten war, ein Lehrgut zum Besten der Siedler auslegen würde, dessen etwa von der Landwirtschaftskammer eingesetzter Leiter und Verwalter den Siedlern nicht nur jederzeit mit Rat und Tat zur Verfügung stehen, sondern den Anfängern auch mit Maschinen, Kraftgeräten, Saatgut, Zuchtvieh und dergleichen aushelfen könnte.

Da man das, was man entbehrt, am meisten zu schätzen weiß, war für mich bei der kürzlichen Besichtigung der Siedlung Hardebek nichts so fesselnd und lehrreich, wie der dort von der Höfebank als Mustergut ausgebaute und verwaltete Stammhof. Was dort unter der tatkräftigen und umsichtigen Leitung des Inspektors Wiese auf dem 215 Hektar großen Mustergute geschaffen ist und täglich geleistet wird, ist in der Tat sehenswert und muß vor allem für alle Großsiedlungen zur Nachahmung empfohlen werden.

Die Leistungen auf dem Acker sind um so hervorragender zu nennen, als es sich vielfach um fliegenden Sand handelt, mit dem man vor Einführung der Mergelung und des Kunstdüngers überhaupt nichts anzufangen wußte. Wenn der bloße Acker von einem scharfen Wind bestrichen wird, so werden Staubwolken in einer Größe aufgewühlt, daß die ganze Landschaft das Bild eines Schneegestöbers darbietet. Hafer will überhaupt nicht gedeihen, so daß man dieses unentbehrliche Futter für die Pferde durch Verkauf von Roggen eintauschen muß. Als großes Glück ist der hohe Grundwasserstand zu bezeichnen. Dadurch ist es möglich, mittels reichlicher Gaben von Kunstdünger, vor allem an Stickstoff, selbst aus diesem mageren Boden 12 Zentner Roggen und 175 Zentner Kartoffeln je Morgen hervorzuzaubern. Allein im Vorjahre konnte so das Mustergut an 18.000 Zentner Kartoffeln im Werte von 54.000 Mark bei 3 Mark Erlös für den Zentner absetzen, für die die Kieler Konsumvereine die größten Abnehmer waren. Um trotz des Ausfalles des Hafers eine regelrechte Fruchtfolge in 6 Schlägen erzielen zu können, schiebt man Sommerroggen und ein Grüngemenge (vicia vilosa) ein, so daß man die Bestellung in folgendem Verlauf betreibt, wobei nur bestes Saatgut verwandt wird; Hackfrucht, Sommerroggen, Kartoffeln, Roggen, Grüngemenge, Roggen.

So haben die Siedler durch Nachahmung dieses Vorbildes nicht nur Gelegenheit, selbst unter diesen schwierigen Verhältnissen den Ackerbau unter Erzielung von Höchsternten in erprobter und gewinnbringender Weise durchzuführen; noch wichtiger ist, daß sie hier jederzeit anerkanntes, dem Boden angepaßtes Pflanz- und Saatgut beziehen können. Gerade auf die Erzielung eines einwandfreien Saatgutes wird neben der Massenerzeugung der für den Verbrauch bestimmten Früchte besonderer Wert gelegt, zumal dafür erheblich höhere Preise zu erzielen sind und sich daher der Gewinn des Gutes beträchtlich steigern läßt. Auch mancher Bauer und Siedler könnte, wenn er sich auf den Anbau von anerkannten Absaaten verlegt, seine Einnahmen beträchtlich steigern. Um immer besseres Saatgut herausbringen zu können, beabsichtigt man jetzt in Hardebek auch eine Saatgutveredelungsanlage einzurichten.

Viel Erfolg und Nutzen verspricht man sich von einer im Frühjahr 1925 in einer Größe von 2 ½ Hektar angelegten Baumschulpflanzung, aus der wiederum die Siedler und umwohnenden Bauern für ihre Gärten und kleinen Aufforstungen Obstbäume, Forstpflanzen und sonstige Nutz- und Ziersträucher erhalten können, die auch für unser regenreiches Schleswig-Holstein und den mageren Geestboden ein sicheres Fortkommen und lohnenden Ertrag gewährleisten.

Den Leistungen im Feldbau stehen die Erfolge und Einrichtungen in der Tierzucht ebenbürtig zur Seite. Zunächst fällt einem die große Schweinezucht ins Auge. Es wird nur anerkannte Stammzucht getrieben. Nicht weniger als 56 Zuchtsauen sind zur Zeit vorhanden. Da man eine Sau im Jahre zweimal zum Eber, deren man drei hält, bringen kann, so kann man jeden dritten oder vierten Tag mit Familienzuwachs rechnen. Ferkelzucht bringt ja heute an sich schon einen schönen Batzen Geld ein. Züchter können aber jetzt wie in Hardebek für ein Pfund Lebendgewicht 3 Mark einstreichen. Bemerkenswert war ein prächtiger Zwergschweineber von nicht ganz drei Jahren mit dem massiven Gewicht von 760 Pfund, hinter dem eine Sau nicht weit zurückblieb. Sehr viel Wert wird auf die Rinderzucht gelegt. Es wird schwarz-buntes Herdbuchvieh gehalten, das dem Tuberkulose Tilgungsverfahren angeschlossen ist. Rücksichtslos hat man 22 der Tuberkulose verdächtigen Kühe ausgemerzt. Außer auf die äußere vorschriftsmäßige Form wird vor allem auf Leistung gezüchtet und die Herde ist zu diesem Zweck dem Milchkontrollverein angegliedert. Zwei gute Stiere sorgen für eine gute Vererbung, deren Benutzung ebenso wie die der Eber auch den Siedlern freisteht. Durch Bezug von gekörtem Jungvieh können die Siedler weiterhin auch ihre kleineren Herden auffrischen und veredeln. Leider ist diese Musterherde von der Maul- und Klauenseuche arg mitgenommen worden. Sank doch der Ertrag der etwa 60 Milchkühe von 700 Litern zeitweise auf 400 Liter Milch täglich. Weniger lohnend ist heute ja leider die Pferdezucht. Trotzdem hält man sechs eingetragene Stuten und beabsichtigt, für den vorübergehend abgeschafften Hengst bald wieder Ersatz zu schaffen. Im ganzen zählte man im Sommer 1925 folgenden Beschlag einschließlich Jungvieh: 36 Pferde, 139 Stück Rindvieh und 149 Schweine. Der gewaltige Mistanfall kommt dem mageren Heideboden sehr zugute, zumal für Wiesen und Weiden gibt es kein vorzüglicheres Nähr- und Triebmittel als den fetten Schweinemist. Daneben sorgen zwei Kraftgeräte für eine gründliche Durcharbeitung des Ackers.

Wie man das Gute in der Nähe meist wenig zu schätzen weiß, so geht es leider auch hier. Die Siedler machen nämlich lange nicht Gebrauch von all diesen Einrichtungen, wie es der Fall sein könnte und sollte. So muß das wertvolle Saat- und Zuchtgut nach außerhalb abgestoßen werden, während der Siedler durch Inzucht in Feld und Stall mit seinen alten abgebauten Feldsorten und mittelmäßigen und selbst minderwertigen Haustieren im alten Trott fortwurstelt. Gewiß hat er wie jeder Landmann heute so schon den Kopf voller Wirtschaftssorgen aller Art. Wer aber in der Zucht, also an der Wurzel aller landwirtschaftlichen Erzeugung spart, spart am verkehrten Ende. Hier tut noch viel Aufklärung not. Wie man zu Düngungsversuchen aller Art Beihilfen gibt, so sollte man auch auf dem Gebiete der Pflanzen- und Tierzucht den Kleinbauern und Siedlern Saatgut in kleineren Mengen, vereinzelte Ferkel, Kälber und Fohlen etwa unter der Bedingung zur Verfügung stellen, daß sie die Kosten aus dem Erlös des Mehrertrages gegenüber der abgebauten Feldsorte und dem alten leistungsschwachen Landvieh abdecken. Vor allem ist solch ein Mustergut mit seinen täglichen augenfälligen Beispielen der gegebene Ort, um dort Lehrgänge für die umwohnenden Bauern und Siedler und vor allem Fortbildungsschulen für das heranwachsende Geschlecht einzurichten. Gerade von der mächtig vorwärtsstrebenden Jungbauernschaft müssen wir in dieser Hinsicht zur Hauptsache das Heil auch für die wirtschaftliche Fortbildung und Hebung der Bauernschaft erwarten. Gerade ihr kann die Besichtigung eines solchen Mustergutes nicht dringend genug ans Herz gelegt werden. Gar manches zukunftsfrohe Körnchen würde dabei aufnahmefähigen Boden finden. Eine anschließende Besichtigung der Gesamtsiedlung dürfte das beste Werbungsmittel für den Siedlungsgedanken gerade in den Kreisen sein, für die das Siedlungswerk in erster Hinsicht gedacht und geschaffen ist.

21.08.1926
In den Siedlungen sind seit einigen Tagen drei Dreschdampfer in voller Tätigkeit. Stroh gibt es reichlich, dagegen ist der Ertrag an Korn nur mittelmäßig, was auf die verregnete Blütezeit zurückgeführt wird. Die Mühlen bieten für den Zentner Roggen je nach Güte, die nach dem sogenannten holländischen Gewicht, einer Hohlmaßfüllung bestimmt wird, 8,50 bis 9 Mark für den Zentner. Letzthin schienen die Preise ja anzuziehen, die Siedler müssen ihren Überschuß nach dem Drusch aber sofort abstoßen, weil es ihnen an geräumigen Schüttboden für das Korn fehlt. Ebenso packen sie das ausgedroschene Stroh nach draußen auf Schober, um Platz für die Einfuhr des Hafers zu schaffen, der anscheinend einen lohnenden Ertrag bringt, wenn das schlechte Erntewetter nicht einen Strich durch die Rechnung macht.

31.08.1926
Siedler.
Mehrere Regierungsvertreter aus Berlin weilten am hiesigen Ort. Es soll allen Siedlern, die Besitzer eines Hauses mit rundem Dache sind, eine staatliche Beihilfe von 80 Mark zum Anstrich des Daches mit Ruboritfarbe bewilligt werden. Aus diesem Grunde war zu gleicher Zeit ein Vertreter der Ruboritwerke anwesend. Ferner sollte noch mit mehreren Siedlern wegen Umland verhandelt werden.

04.09.1926
Siedler.
Der frühere stellvertretende Siedlungsdirektor Amtmann Lück hat eine Stelle als landwirtschaftlicher Sachverständiger beim Landesfinanzamt in Brandenburg angetreten. Seine 30 Hektar große Siedlerstelle in Springhoe ist vorläufig an den Siedler Möller verpachtet, der sie demnächst käuflich erwerben dürfte.

04.09.1926
Wegen der schlechten Wasserverhältnisse und der die Löschtätigkeit erschwerenden streuartigen Lage der Siedlungen werden die Gehöfte der Siedler jetzt mit selbsttätigen Feuerlöschgeräten ausgerüstet. Zwecks Aufbringung der erheblichen Kosten stellten die Siedler die ihnen für die Jahre 1926 und 1927 zustehenden Jagdgelder zur Verfügung. Zumal die gewölbten Zollbauhäuser dürften nur zu retten sein, wenn ein ausbrechendes Feuer sofort im Keime erstickt wird.

04.09.1926
Saatgutveredelung.
Auf dem Wirtschaftshofe der früheren Siedlungsdirektion, dem sogenannten Schreiberamt, ist eine Saatgutveredelungsanlage eingerichtet worden, so daß jetzt auch die Siedler ihr Saatgut einwandfrei reinigen können. Nicht nur werden alle Unkrautsamen, wie die Rundsämereien, die die Reinigung der Dreschmaschine nur unvollkommen erfaßt, sondern auch alle minderwertigen und keimschwachen Getreidekörner ausgeschieden. Edelsaatgut ist die Vorbedingung für die Dünnsaat, bei der man die Saatmenge auf die Hälfte verringern und trotzdem durch ausgiebige Düngung, zumal mit Stickstoff, weit höhere Erträge an Stroh und Korn erzielen kann. Nach Berechnungen verschiedener Veredelungsgenossenschaften stellen sich die Unkosten für die Veredelung für 1 Zentner Getreide auf etwa 80 Pfennig.

24.09.1926
Vermißt.
Seit Sonnabend wird der bei einem Siedler in Stellung befindliche Knecht Timm vermißt. Die polizeilichen Nachforschungen sind bisher ohne Erfolg geblieben.

01.10.1926
In den Siedlungen haben Einbrecher gehaust. Die Einbrecher nahmen die Gelegenheit wahr, als die Siedler mit ihren Frauen die Felder bestellten. Bei einem Siedler konnten 220 Mark gestohlen werden; in Bücken fielen den Einbrechern nach Absuchen aller Schränke und Betten ungefähr 20 Mark in die Hände. Es handelt sich um zwei Einbrecher, die es nur auf das bare Geld abgesehen hatten, Silbersachen, Wäsche usw. wurde liegen gelassen. Trotz eifriger Nachsuche war es bisher nicht gelungen, der Täter habhaft zu werden. Dem Landjäger Blase vom Lockstedter Lager gelang es gestern zwei Diebe beim Einbruch bei einem Siedler im Hungrigen Wolf zu überraschen und festzunehmen. Die Ertappten, ein Maler und ein Kaufmann aus Itzehoe, wurden in Schutzhaft genommen und werden heute dem Amtsgericht zugeführt.

21.10.1926

Gemeindebildung in den Siedlungen Lockstedter Lager.

Von Heinrich Schimmelmann, Siedlung Ridders.
Nachdem die Verwendung des Lockstedter Barackenlagers durch Übergabe an die Baugesellschaft geregelt worden ist, kommt die Frage der Gemeindebildung für die Siedlungen wieder in Fluß.

Bekanntlich war ursprünglich die Bildung dreier selbständiger Gemeinden: Ridders, Springhoe und Bücken-Hungriger Wolf, vorgesehen, unter die auch schon die Aufstellung der Gemeindeländer, der Geldzuwendungen des Siedlungsausgebers und der sonstigen ersten Beihilfen vorgesehen war, zu deren Verwaltung sich als Vorläufer der künftigen Gemeindeverbände die drei gleichnamigen Dorfschaftsvereinigungen gebildet hatten. Auch ist die Jagd schon für die drei Siedlungen getrennt verpachtet worden. Zwerggemeinden haben heute aber einen schweren Stand, das trifft um so mehr zu, als es sich bei den Siedlern durchgehend um leistungsschwache Anfänger handelt. Dazu kommt die Schwierigkeit der Zuweisung des ursprünglichen Lagers mit seiner auszubauenden Wohnsiedlung. Auch sieht der Entwurf der neuen Landgemeindeordnung die Bildung größerer Gemeindebezirke vor als bisher in Schleswig-Holstein üblich waren. Man ist daher bei den maßgebenden Stellen zu dem Entschluß gekommen, die vier Siedlungen und die neue Wohnsiedlung zu einer einzigen Gemeinde Lockstedter Lager zusammenzulegen, die dem Umfange des bisherigen fiskalischen Gutsbezirkes entsprechen würde. Daneben bleiben die Bezeichnungen der Gemarkungen Ridders, Springhoe, Bücken und Hungriger Wolf bestehen. Auch sollten anläßlich der Regelung der öffentlich rechtlichen Verhältnisse dem Siedlungsausgeber auferlegten Leistungen an Land und Geld den einzelnen Gemarkungen bzw. ihren Bewohnern unverkürzt erhalten bleiben und können deren Verwaltung die Dorfschaftsvereinigungen bestehen bleiben. Ferner soll die neue Gemeinde zu ihrer weiteren Stärkung 34 Hektar Land aus dem Bereiche der neuen Wohnsiedlung zugelegt erhalten.

Durch diese Regelung werden die Verwaltungskosten der Gesamtgemeinde erheblich verbilligt, der Ausbau der Wege wird erleichtert, das Grundsteueraufkommen aus den großen staatlichen Forsten, dem Schierenforst und Holsteiner Wald, fließt in die Gemeindekasse, ebenso bleiben aber 400 Hektar Abverkäufe an die Anlieger in gemeindlicher und steuerlicher Hinsicht dem neuen Gemeindewesen erhalten. Daß die Kreditfähigkeit bei einer Gemeindefläche von 18.000 Morgen eine ganz andere ist, als wenn 4 verzettelte Einzelgemeinden von durchschnittlich 3.000 Morgen, (da die Forsten und Abverkäufe sonst leicht Nachbargemeinden zufallen könnten), sich zwecks Lösung gemeinsamer Aufgaben an den Geldmarkt wenden wollten, steht außer Frage. Solche Zukunftsaufgaben könnten bald brennend werden. Es sei nur an den zukunftsgemäßen Ausbau der langgestreckten Wege, an die Kraft- und Lichtversorgung durch Anschluß an das Stromnetz der Überlandzentrale, Ausbildung des Kirchen-, Schul- und Bildungswesens erinnert, alles Unternehmungen, die die eigenen Kräfte und Mittel der jungen Siedlungen zur Zeit übersteigen. Die heute noch wertlosen Gemeindewälder mit ihren großen Kahlstellen und widerwärtigen Krattbeständen bedürfen einer gründlichen und nachhaltigen forstmännischen Bewirtschaftung, die die Gemeinden verbindende Rantzau ist durch eine gemeinsame Wasserhaltungsgenossenschaft zu unterhalten. Alles diese wie landwirtschaftliche Vorträge, Feldbesichtigungen, Versuchsringe und das Genossenschaftswesen, lassen sich in einer großen Einheitsgemeinde einfacher und ersprießlicher für alle Teile durchführen. Vor allem wird das Zusammengehörigkeitsgefühl der Siedler gestärkt. Wie sie das große Werk gemeinsam begonnen haben, so möge es sich auch in der Zukunft aufs glücklichste entwickeln.

Heinrich Schimmelmann.

09.11.1926
Auflösung der Siedlungsgenossenschaften.
Einen glänzenden Beweis genossenschaftlichen Geistes erbrachte die Hauptmitgliederversammlung der Siedlungsgenossenschaft "Bromberg" in Bücken, die durch Durchführung des Ausgleichs der auf den verschiedenen Siedlerstellen ruhenden Lasten den Schlußpunkt unter das Siedlungswerk dieser Genossenschaft setzte. An der rege verlaufenden Versammlung, die am 4. November bei Gastwirt Schimmelmann in Ridders tagte, nahmen als Vertreter des Reiches Amtsrat Seipp, vom Landeskulturamt Oberregierungsrat Dr. Leisterer und vom Kulturamt Heide Regierungsrat Seifert teil. Bekanntlich wurden die ersten Gehöfte in Papiermark vergeben, während die letzten Rentenstellen nur noch durch Aufnahme von Roggenlasten errichtet werden konnten. Auf Anregung des Vorstehers der Siedlungsgenossenschaft in Ridders hatten daher schon 1923 die drei Siedlungsgenossenschaften in Ridders, Hungriger Wolf und Bücken beschlossen, durch spätere Durchführung eines vollen Lastenausgleiches eine Benachteiligung der später anzusetzenden Mitglieder zu vermeiden. Durch die jetzige Regelung werden die Roggenlasten der zuletzt angesetzten Siedler in Bücken nahezu um die Hälfte vermindert, da die ersten Siedler Beträge in dieser Höhe auf ihren Stellen übernahmen. Da hiermit alle Aufgaben der Siedlungsgenossenschaft erledigt sind, wurde die gleichzeitige Auflösung beschlossen. Nachmittags tagte die Versammlung in Hungriger Wolf ebenfalls in Gegenwart der Regierungsvertreter. Da in Hungriger Wolf die Lastenunterschiede geringer sind, wurde hier der Ausgleich durch Aufteilung des Vermögens der gleichzeitig aufgelösten Genossenschaft an die fünf letzten Siedler herbeigeführt. In Ridders, wo die Zahl der mit Roggenlast angesetzten Siedler erheblich höher ist, als der in Papiermark verrenteten Stellen, gestaltete sich der Ausgleich etwas schwieriger. Da aber inzwischen eine Anzahl Stellen unter Verzicht auf den Lastenausgleich in andere Hände überging, dürfte auch hier der Ausgleich in ähnlichem Verhältnis wie in Bücken erfolgen. Die zum Ausgleich verpflichteten Neukäufer der in Papiermark begründeten Stellen konnten diese um durchschnittlich 10.000 Mark billiger erwerben, haben also mittelbar durch den Ausgleich, der sich nur auf ein Drittel dieser Summe je Stelle beläuft, noch einen Vorteil gehabt. Sobald der Ausgleich in Ridders im Rentengutvertrag festgelegt ist, soll auch diese Genossenschaft aufgelöst werden. Hier wurden die Verhandlungen, die in den späten Abendstunden stattfanden, vorläufig vertagt.

26.11.1926
Springhoe.
Der Siedler Georg Schöne hat sein am Silzener Weg belegenes 15 ½ Hektar großes mit 1532 Zentner Roggen belastetes Rentengut an den Angehörigen der Reichswehr, Herrn Lange, verkauft, der seine Dienstzeit beendet hat. Amtmann Lück übernimmt nach Ablauf der Pacht die Bewirtschaftung seines an Herrn Möller verpachteten Rentengutes wieder

15.12.1926
Ridders.
Tödlich verunglückte hier der Siedler Tornquist. Derselbe war auf dem Stallboden beschäftigt und fiel dabei durch eine Luke auf den darunter stehenden Rübenschneider. Der Tod trat sofort ein.

28.12.1926
Hypothekenumwandlung.
Wie das Kulturamt Heide den drei Dorfschaftsvereinigungen der Siedler Ridders, Bücken und Springhoe als Weihnachtsüberraschung mitteilen läßt, hat sich laut Verfügung der Vermittlungsstelle im Preußischen Landwirtschaftsministerium das Reich damit einverstanden erklärt, daß die auf den Siedlungen im Lockstedter Lager lastenden Roggenwerthypotheken umgewandelt werden, indem für einen Zentner Roggen 8 Reichsmark oder Goldmark eingesetzt werden. Die Entscheidung darüber, ob die Umwandlung in Reichs- oder Goldmark erfolgen soll, steht noch aus. Außerdem ist das Reich mit der gleichzeitigen Umwandlung der Währungshypotheken in Währungsrenten einverstanden. Um den Siedlern die Zahlung zu erleichtern, sollen die Renten nicht mehr halbjährlich, sondern vierteljährlich nachträglich erhoben werden. Die Umstellung auf 8 Mark soll schon für die am 2. Januar 1927 fällige Halbjahresrente für Zinsen und Abtragsleistung gelten, für die sich nach den bisher geltenden Berechnungsbestimmungen der mittlere Preis an der Berliner Börse vom 15. Oktober bis 15. November auf 11,21 Mark für den Zentner Roggen gestellt hätte. Die Regelung weiterer Ausführungsbestimmungen und Aufnahme erforderlicher Rezeßnachträge soll in einer vom Kulturamt im Lockstedter Lager anberaumten Verhandlung erfolgen. Die für das Reich auf den einzelnen Stellen lastenden Rechte sollen in einem Schlußrezeß zusammengefaßt werden, aufgrund dessen die Auflassung der 118 Siedlerstellen im Grundbuch erfolgen wird.

02.01.1927
Der Siedler Wilhelm Apfel hat durch Vermittlung des Kulturamtes Heide sein 18 Hektar großes Rentengut im Hungrigen Wolf an Heinz Möller verkauft, das mit einer Roggenlast von 1572 Zentnern Roggenwert und einer Bodenverbesserungshypothek von 3000 Mark zugunsten des Deutschen Reiches belastet ist.

02.01.1927
Am Mittwoch fand das erste Hasentreiben in Ridders statt, das gegenüber den vorhergehenden Regentagen vom Wetter begünstigt war. 60 Hasen wurden zur Strecke gebracht. Jagdkönig wurde Herr Clausen mit 5 Hasen. Ein Jagdschmaus bei dem Gastwirt Schimmelmann in Ridders beschloß die glücklich verlaufene Jagd.

06.01.1927

Entwicklung der Siedlung im Lockstedter Lager.

Aus der Siedlung Ridders wird uns geschrieben:
Im Laufe des Jahres wurden die letzten drei Rentengüter im Lockstedter Lager ausgelegt und ausgebaut, wodurch sich die Gesamtstellenzahl von 115 auf 118 vermehrte, wozu noch die beiden Schulgebäude in Ridders und im Lockstedter Lager kommen. Da auch die letzten noch zurückbehaltenen Ländereien durch Zuschlagung zu verschiedenen Siedlerstellen aufgeteilt wurden, ist, soweit die technische Seite in Frage kommt, die Besiedelung des 1800 Morgen großen Lockstedter Platzes jetzt zu Ende geführt. Aus diesem Grunde haben daher auch die vier Siedlungsgenossenschaften ihre Auflösung schon beschlossen, die doch für die nächste Zeit in Aussicht genommen ist, sobald der bei einzelnen Genossenschaften nach schwebende Ausgleich der Kaufpreise der Stellen im Wege des sogenannten Lastenausgleichs durchgeführt ist.
Anstelle der Siedlungsgenossenschaften sind, soweit der Geldverkehr aus Bezug und Absatz landwirtschaftlicher Bedarfsgegenstände und Erzeugnisse in Frage kommt, die Spar- und Darlehenskasse Ridders e.G.m.b.H., und somit die Regelung der Gemeindeangelegenheiten in Frage kommt, die Dorfschaftsvereinigungen in Ridders, Bücken und Springhoe getreten. Auf dem Wege der Bildung zukünftigen politischen Gemeinde ist man dem Ziele im letzten Jahre erheblich näher gekommen. Einmal erging zu Beginn des Jahres der sogenannte Leistungsbescheid, in dem dem Deutschen Reich als Siedlungsunternehmer die zur Ausssteuer der zukünftigen Gemeinde aufzubringenden Leistungen für Wegebau, Schule, Kirche und erste Gemeindeeinrichtungen auferlegt wurden, die in der Hauptsache in der Ausstattung aller dieser öffentlich rechtlichen Verbände mit erheblichen Flächen an Land und Wald bestanden. Gegen Ende des Jahres einigte man sich dann im Kreistage auf den Beschluß, die vier Siedlungen Ridders, Bücken, Hungriger Wolf und Springhoe mit der auszubauenden Wohnsiedlung Lockstedter Lager zu einer einzigen leistungsfähigen Gemeinde "Lockstedter Lager" zusammenzufassen. Außer dem ganzen früheren Truppenübungsplatz oder Gutsbezirk Lockstedter Lager sollen dazu die Teile der Gemeinden Winseldorf und Lohbarbek folgen, die zwar außerhalb des eigentlichen Lagers liegen, aber wie schon der gemeinsame Name ausdrückt, organisch zu demselben gehören, zumal ja auch die dort wohnenden Geschäftsleute hier ihre Erwerbsquelle haben. Für die Bildung und Ausstattung der Gemeinde hat sich besonders Graf Rantzau aus Rastorf im Staatsrat eingesetzt. Nach Genehmigung seitens des Staatsrates und Landtages dürfte die neue Gemeinde alsbald ins Leben treten. Um die Siedler selbst hat sich besonders der schleswig-holsteinische Reichstagsabgeordnete Geheimer Oberregierungsrat Thomsen aus Struckum sehr verdient gemacht, indem er zweimal die oft geradezu verzweifelte Lage der Siedler erleichtert hat, nachdem diese vergebens deshalb die zuständigen Stellen angerufen hatten, nämlich durch die Notstandskredite für die Baltikumsiedler und die Umstellung auf Roggenrente. Auch konnten die Flüchtlingssiedler als Abschlagszahlungen auf die Entschädigungen für ihre von den Polen geraubten blühenden Gehöfte einige Darlehen erhalten. Durch Gewährung der Wirtschaftsdarlehen wurden die durch die allgemeine Notlage erzwungenen Verkäufe nahezu ganz eingedämmt, indem nur noch fünf Siedlerstellen ihren Besitzer wechseln mußten, während in den beiden Vorjahren nicht weniger als 33 Rentengüter in andere Hände übergingen. Seit Durchführung der Siedlung wurden außerdem sieben Stellen zumeist wegen Todesfall und Krankheit verpachtet. Allein im Vorjahre wurde vier Siedlerfamilien ihr Ernährer durch den unerbittlichen Schnitter Tod entrissen.
Neben der Gemeindebildung dürfte voraussichtlich in diesem Jahre auch die Auflassung der Siedlerstellen ins Grundbuch in Angriff genommen werden. Soll doch nach einer kürzlichen Mitteilung des Reichsarbeitsministeriums der Schlußrezeß, in dem alle Rechte und Pflichten der Siedler zusammengefaßt werden, aufgenommen und im Anschluß daran die Eintragung der Siedler als Eigentümer ihrer Stellen alsbald veranlaßt werden.

Heinrich Schürmann

07.01.1927
Bei einem zweiten und letzten Hasentreiben in Ridders wurden 27 Hasen zur Strecke gebracht. Jagdkönig wurde Herr Auhage jun. aus Wilster mit 4 erlegten Hasen.

07.01.1927
Zu den schon 10 verkauften Baracken werden jetzt zwei weitere lange Mannschaftsbaracken durch das Los an die Siedler zum Abbruch vergeben, so daß ein ordentliches Loch in die ehemalige Barackenstadt gerissen wird.

18.01.1927
Ein Unfall wird uns aus Hohenfiert gemeldet.
In der Gemarkung Hohenfierth fiel dieser Tage ein 13jähriger Knabe aus einer Bodenluke auf eine darunter stehende Frau. Während der Knabe mit dem Schrecken davonkam, mußte die Frau wegen schwerer Verletzungen ins Krankenhaus gebracht werden.

01.02.1927
Unterrichtung durch den Landbund.
In Ridders sprach Hofbesitzer Soth aus Lockstedt über die in den Siedlungen besonders interessierenden Fragen und forderte zu enger Zusammenarbeit zwischen Siedler und Bauer auf. Er berichtete über die letzte Sitzung des Siedlungsausschusses beim Reichs-Landbund und die jetzt im Interesse der Siedlung zur Durchführung kommenden Finanzierungsmaßnahmen.

08.02.1927
Unfall.
Ein Unfall beim Abbruch der alten Baracken, welcher leicht schlimmere Folgen hätte haben können, ereignete sich hier dieser Tage. Zwei Siedler aus Hungriger Wolf waren damit beschäftigt, die Steine aus den Fachwerkverbänden herauszubrechen, als plötzlich das Dach einstürzte und einen der Leute unter sich begrub. Wie durch ein Wunder kam derselbe mit geringen Verletzungen am Kopfe davon.

24.02.1927
Eingesandt: Der Gutsbezirk Lockstedter Lager.
Der Kampf gegen die Gutsbezirke wurde unternommen, um Reste ehemaliger Feudalherrschaft zu tilgen und den Einwohnern der Gutsbezirke ein Mitbestimmungsrecht in ihrem Wohnsitz zu geben.
Wie sieht es nun im Gutsbezirk Lockstedter Lager aus, der die Gebäude des ehemaligen Truppenlagers und die Siedlung umfaßt? Fast 100 Familien im Lager und zirka 118 Siedler, insgesamt 450 Stimmberechtigte, haben über das Wohl und Wehe ihrer Ortschaft nichts zu bestimmen. Es haben wohl schon Verhandlungen über die Bildung einer Gemeinde stattgefunden, aber die Ausführung läßt wie immer auf sich warten. Besonders empfindet es die minderbemittelte Bevölkerung des Gutsbezirks, daß ihnen eine soziale Vertretung ihrer Interessen fehlt.
Die Baugesellschaft, die zum Zwecke der Herstellung von Wohnungen für die minderbemittelte Bevölkerung gebildet wurde, hat das Erbe des Finanzamtes angetreten. Das Finanzamt hatte wohl Geld, um Tausende von Mark 1925 für die Instandsetzung der "Pferdeställe" auszugeben, damit diese jetzt abgebrochen werden können; für die Instandsetzung der Wohnungen hat man bisher nicht einen Pfennig verwendet. 23 Mieter, die eine monatliche Miete von zusammen zirka 300 Mark aufbringen, haben nach 1924 für zirka 600 Mark eigene Schönheitsverbesserungen vorgenommen, ohne bisher etwas dafür ersetzt zu bekommen. 4 Prozent in der Miete sind für diese Verbesserungen innerhalb der Wohnung vom Mieter zu zahlen; die Wohnungen mußten in Stand gesetzt werden, um sie überhaupt wohnlich zu gestalten. Zirka 25 Mark hat jeder Mieter dieser vorbezeichneten Wohnungen aufgewendet. Bleibt er aber infolge von Arbeitslosigkeit mit seiner Miete im Rückstand, wird ihm rücksichtslos gekündigt. An wen können sich die Bewohner des Lagers wenden, um hier Änderungen zu schaffen? Es ist das altbekannte Lied, auf der einen Seite wird das Geld millionenweise vergeben (Barmat, die Junkerswerke bekommen 88 Millionen vom Staat geschenkt, der UFA-Filmgesellschaft will man auch 20 Millionen Steuern schenken), dafür preßt man dem armen Menschen, der sich mit seiner kümmerlichen Erwerbslosenunterstützung durchs Leben schlagen muß, den letzten Pfennig aus der Tasche.
Wir fordern, daß man den Wünschen der minderbemittelten Bevölkerung gerecht wird! Wir fordern endlich eine Gemeindevertretung!
In der Siedlung das gleiche Bild. Die Eintragung der Siedlerstellen in das Grundbuch läßt auf sich warten. Die Folgen für die Siedler: verminderte Kreditfähigkeit und andere Wirtschaftsschwierigkeiten.
Die Wege nach Ridders und Hohenfiert, die von der Siedlungsbehörde mit einem Kostenaufwand von 60 000 Mark hergestellt wurden, sind bei Regenwetter fast nicht mehr befahrbar und der Gutsbezirk muß nach 1 ½ Jahren schon an gründliche Ausbesserungen denken.
Die Antwort, die der Herr Landrat auf unsere erste Eingabe uns zukommen ließ, befriedigt uns nicht. Wir ersuchen den Kreisausschuß dringend, sich mit diesen Verhältnissen im Lager eingehend bekannt zu machen.

Nationalsozialistischen Deutsche Arbeiterpartei. Ortsgruppe Lockstedter Lager

03.03.1927
Unglücksfall.
Beim Abbruch der alten Baracken im früheren Truppenlager ereignete sich schon wieder ein Unglücksfall, welcher leicht schlimmere Folgen hätte haben können. Ein Mann aus der Siedlung Bücken, der mit dem Abbrechen beschäftigt war, wurde von einem herabstürzenden Balken am Kopf getroffen und blieb eine ganze Zeit besinnungslos liegen. Ein herbeigerufener Arzt stellte zum Glück fest, daß die Verletzungen nicht ernster Natur sind.

12.03.1927


24.03.1927


25.03.1927
Konfirmation.
Eingesegnet werden am Sonntag Palmarum, den 10. April, in der Kirche Lockstedter Lager insgesamt 18 Knaben und 9 Mädchen. Hiervon entfallen auf Bücken 2 Mädchen, auf Hungriger Wolf 1 Mädchen und auf Ridders 3 Knaben, Hohenfiert 1 Knabe und 3 Mädchen, Springhoe 1 Knabe und 1 Mädchen. Die Konfirmandenprüfung findet am Sonntag Judica, den 3. April statt.

26.03.1927
Nahrungsmittelvergehen.
Ein Landmann aus Ridders ist des Nahrungsmittelvergehens angeklagt, weil er im Januar 1927 zu Vollmilch Wasser zugesetzt und die Milch verkauft hat, wobei er den Wasserzusatz verschwiegen hat. Der Angeklagte will den Rahm, der sich in der Kanne angesetzt hatte, heruntergespült haben, um ihn mit zu verwerten. Es ist ein Wasserzusatz von 15 Prozent festgestellt worden. Der Angeklagte wird zu 100 Mark Geldstrafe verurteilt gemäß dem Antrag des Amtsanwalts.

01.04.1927


05.04.1927
Am Freitag tagte bei dem Gastwirt Schimmelmann in Ridders die ordentliche Mitgliederversammlung der Soldaten Siedlungsgenossenschaft Thorensberg in Ridders, zu der die Mitglieder nahezu vollzählig erschienen waren. Aufgrund der Neuwahlen besteht der Vorstand jetzt aus den Siedlern Schürmann, Schimmelmann und Oscar Schmidt, der Aufsichtsrat aus den Siedlern Schnell, Thurau und Oscar Stoll, sämtlich aus Ridders. Da die Ansiedlung der Mitglieder beendet ist, werden bis zur bald beabsichtigten Auflösung, die bis zur Grundbucheintragung der Rentengüter noch laufenden Geschäfte abgewickelt. Insgesamt hat die Genossenschaft bis jetzt 7 Jahre erfolgreich gewirkt und während dieser Zeit 30 Mitgliedern zu einer Bauernsiedlung verholfen.

10.04.1927
Glück hatte der Siedler Schnell in Ridders, der beim Pflügen eine wertvolle Uhr wiederfand, die er vor zwei Jahren ebenfalls beim Pflügen auf seinem Acker verloren hatte. Die Uhr scheint während der Jahre, die sie im Boden geschlummert hat, nicht im geringsten gelitten zu haben, da sie nach dem Aufziehen sofort wieder ging und auf die Minute genau weiterläuft.

10.04.1927
Verkauf.
Die Witwe des verunglückten Siedlers Tornquist in Ridders verkaufte ihr 18 Hektar großes Rentengut an Herrn Schade. In Springhoe hat Herr Amtmann Lück seine 36 Hektar große Rentenstelle verkauft.

12.04.1927
Die Dorfschaftsvereinigung hielt bei Gastwirt Schimmelmann eine Versammlung ab, die von den Siedlern zahlreich besucht war. In der Hauptsache wurde an Hand der letzten Beschlüsse des Kreisausschusses der Plan zur Bildung der künftigen Großgemeinde Lockstedter Lager erörtert. Mit einer Gesamtfläche von 4300 Hektar und nahezu 1000 Einwohnern dürfte sie eine der größten Landgemeinden des Kreises Steinburg werden. Bei der letzten Zählung stellte man allein in den drei Siedlungen 628 Einwohner fest, wovon 256 auf Ridders, 187 auf Bücken-Hungriger Wolf und 185 auf Springhoe entfallen. Dazu zählte man im Restgutbezirk Lockstedter Lager noch 336 Einwohner, deren Zahl mit fortschreitendem Ausbau der Wohnsiedlung vermehren dürfte. Zum Restgutbezirk gehören außer dem Barackenlager nebst anschließenden Ackerflächen von 77 Hektar die Bückener Lohmühle mit 18 Hektar, der 820 Hektar große Schierenwald und der 319 Hektar große Holsteiner Wald, die alle zur neuen Großgemeinde geschlagen werden sollen. Zu den 119 Siedlungen selbst in Gestalt von Rentengütern sind 2081 Hektar ausgelegt worden, für Ausstattung der Gemeinde, Kirche und Schule sind über 200 Hektar Ackerland und Wald gegeben worden, weitere 430 Hektar sind an Einwohner der Randgemeinden abverkauft worden, nämlich Peißen 87 Hektar, an Silzen 54 Hektar, an Hohenaspe 67 Hektar und an verschiedene Ortschaften 78 Hektar. Alle diese Abverkäufe sollen aufgrund des Beschlusses des Kreisausschusses nicht in die Randgemeinden eingemeindet, sondern in dem bisherigen Gebiet belassen werden, dessen Grundvermögenssteuersoll dadurch für seine Verhältnisse beträchtlich vermehrt wird, während den einzelnen Randgemeinden nur unwesentliche Steuerausfälle entstehen. Soll doch durch die Auflösung des ganzen fiskalischen Gutsbezirks Lockstedter Lager und Umwandlung in eine selbständige Großgemeinde eine steuerlich leistungsfähige Körperschaft geschaffen werden, so daß die der neuen Gemeinde harrenden schwierigen Zukunftsaufgaben mit Erfolg gelöst werden können.

14.04.1927
Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge gründete eine Ortsgruppe. Sie umfaßt außer dem Gutsbezirk die Siedlungen Ridders,Springhoe, Hohenfiert und Hungriger Wolf. Den Vorsitz und die Geschäftsstelle führt Herr Karl Luge aus Lockstedter Lager. Der Ortsgruppe traten über 50 Mitglieder bei und wurden bis heute rund 140 Mark gezeichnet.

15.04.1927
Sprechtage für die Siedler hält das Kulturamt Heide von jetzt ab jeden Monat ein oder zweimal an vorher bekannt zu machenden Tagen im Lockstedter Lager ab. Der erste Sprechtag fand am Dienstag nachmittag statt.

15.04.1927


17.04.1927
Baumanpflanzungen werden jetzt an den langen Straßen vorgenommen, die das Siedlungsgebiet durchziehen. Zunächst wird die Dorfschaftsvereinigung Springhoe die 5 Kilometer lange Straße vom Wasserturm nach Silzen, die durch die Ostflüchtlingssiedlung am Hohen Fiert führt, bepflanzt. Für das nächste Jahr ist die Bepflanzung des Weges nach Ridders vorgesehen. So wird bald Abwechslung in das bisher ziemlich eintönige Landschaftsbild der Siedlung gebracht.

20.04.1927
Die Zweigstelle der Beamtenbank hat sich gut entwickelt. Allein an die Siedler hat sie rund 100 000 Mark gegen Sicherheitshypotheken ausgeliehen, was diesen zum Ausbau ihrer Stellen mit Scheunen und Stallungen sehr zugute kommt. Außer den ortsansässigen Beamten leitet ein großer Teil der Geschäftsleute jetzt den Geldverkehr über die Beamtenbank.

20.04.1927
Die Berufsgenossenschaft für Unfallversicherung nahm eine Besichtigung aller Siedlerstellen vor. Die Siedler müssen jetzt die Vorrichtungen gegen Absturz und dergleichen, welches beim Bauen der Gehöfte verabsäumt war, nachträglich selbst einbauen.

20.04.1927
Eine Meiereiversammlung tagte am Sonnabend bei Gastwirt Schimmelmann in Ridders. Der Meierist Fehrs wird Anfang Mai die Meierei aus der Baracke im Lockstedter Lager in die frühere Schlachterei des Herrn Rörig am Bückener Wege verlegen.

20.04.1927
Allee.
Auch der Weg nach Ridders wird jetzt mit Ulmen bepflanzt, so daß auch hier mit den Jahren eine schattenspendende und gegen die stürmischen Winde schützende Allee entsteht.

22.04.1927
Das Kirchenland in Springhoe in Größe von 15 Hektar, das drei Jahre brach lag, ist durch den Siedler Frahm, der es vorigen Herbst pachtete, urbar gemacht worden, so daß es diesen Herbst erste Früchte bringen wird.

22.04.1927
Eine Osterfreude wurde den meisten der 32 im Lockstedter Lager angesetzten Flüchtlingssiedler zuteil, indem sie je 1000 Mark Darlehen erhielten. Die Gelder selbst waren schon am 1. Juli 1926 auf einen Beschluß des Reichstages hin bewilligt und in Höhe von 7 Millionen Reichsmark für das ganze Reich bereitgestellt worden. Die Auszahlung verzögerte sich aber infolge des bekannten Siedlungsstreites zwischen Reich und Preußen. Erst nach mehreren Besichtigungen durch das Kulturamt und verschiedene Sachverständige konnte dieser den Siedlern unerklärliche Verschleppung ein Ende gemacht werden, nachdem die Siedler schon gar nicht mehr mit dem Geld rechneten.

02.05.1927
Verpachtung.
Herr Fürstenhaupt aus Springhoe verpachtet seine Musterwirtschaft an den Ostflüchtling Herrn Emil Engel und Frau Auguste geborene Pagel.

02.05.1927
Abgabe.
Die Witwe Tornquist aus Ridders hat ihr Kolonat an Herrn Heinrich Schade abgegeben.

15.05.1927


Gaststätte Gräber nach Umbau des Siedlungshauses


29.05.1927
Prüfung.
Seine Meisterprüfung vor der Gewerbekammer Rostock bestand der bei Herrn Schmiedemeister Grübner aus Ridders beschäftigte Schmiedegeselle Thomsen mit dem Prädikat "sehr gut".

29.05.1927


03.06.1927
Der Ödlandkulturfonds für die Provinz Schleswig-Holstein ist für die Rechnungsjahre 1927 und 1928 erheblich erhöht worden. Voraussichtlich wird für das Rechnungsjahr 1927 ein Betrag von 250 000 Mark zur Verteilung zur Verfügung stehen. In den bis jetzt vorgelegten Anträgen sind für 1927 etwa 120 000 Mark an Darlehen erbeten. Weitere Anträge sind daher unter Beachtung der Bestimmungen möglich. Wenn auch die Darlehen vorzugsweise an Einzelbesitzer gegeben werden sollen, so schließt dies die Berücksichtigung von Gemeinden, Bodenverbesserungs Genossenschaften, Heidekultur- und sonstigen Verbänden nicht aus. Der Zinssatz ist von 5 v.H. auf 4 v.H mit Wirkung vom 1. Januar 1927 ab herabgesetzt.

12.06.1927


18.06.1927
Um den Schlackenbetonhäusern der Siedler mit den gewölbten Dächern ein einigermaßen schmuckes Aussehen zu geben und die sich im Sommer arg bemerkbar machende Feuchtigkeit abzuhalten, sollen die Außenmauern mit buntfarbigen Ölanstrichen versehen werden. Den hierfür je Siedlerstelle erforderlichen Betrag von 135 Mark streckt das Reich den Siedlern bis nach der Ernte vor.

18.06.1927
Letzte Siedlung.
Als letzte Siedlung soll jetzt vom Kulturamt in der Nähe der Springhoer Fischteiche unweit Mühlenbarbek noch ein 35 Hektar großes Rentengut ausgelegt werden. Dieses Land war ursprünglich zwei Mühlenbarbeker Landwirten an die Hand gestellt worden, damit sie nach Zulage eigenen Grünlandes daraus zwei Hofstellen für ihre Söhne herstellten. Da sie diesen Bedingungen nicht nachkamen, ebenso wenig ein Gastwirt aus dem Lockstedter Lager, der das Land zwei Jahre bewirtschaftete, die erforderlichen Wirtschaftsgebäude errichtete, wird diese letzte Siedlerstelle jetzt vom Kulturamt Heide freihändig vergeben.

18.06.1927


21.06.1927
Die Maulbeerpflanzungen, die man versuchsweise im Vorjahre auch an verschiedenen Stellen der Siedlung angelegt hat, scheinen hier nicht so recht zu gedeihen. Bereitet schon die Züchtung einer Maulbeere in der Geest große Arbeit und Schwierigkeiten, so dürfte die Seidenrauperei selbst für einen Bauernsiedler, der so schon den ganzen Tag die Hände voll Arbeit hat, kaum in Frage kommen. Mit Seidenrauperei dürften sich nur Kleinsiedler, Rentenempfänger und sonstige auf Nebenerwerb angewiesene Leute abgeben können.

21.06.1927
Gemeindeanlagen.
Bei der Gemeindebildung sind die Dorfschaftsvereinigungen der Siedler vom Reich mit 24 000 Mark ausgestattet worden, um damit die ersten Kosten der Gemeindeeinrichtung zu bestreiten. Diese Gelder sind vorläufig dem Landrat zu treuen Händen überwiesen. Um die aufgelaufenen Zinsen in Höhe von etwa 1800 Mark nutzbringend anzulegen, sollen den Siedlungen Beihilfen für Bepflanzen der Wege, Einrichtung einer Fernsprechverbindung der von der Welt nahezu abgeschlossenen Siedlung am Hohen Fiert gegeben werden.

21.06.1927
Die bei dem Gastwirt Schimmelmann tagende ordentliche Hauptversammlung der Dorfschaftsvereinigung Ridders war von den Siedlern aus Ridders nahezu vollzählig besucht. Einige Neukäufer wurden als Mitglieder neu aufgenommen. Dann wurden die in diesem Jahr vorzunehmenden Wegebauten und sonstigen geplanten Gemeindeanlagen, wie Bepflanzung des von Lockstedter Lager nach Ridders führenden Weges, Legung eines Fernsprechanschlusses für die in Hohen Fiert wohnenden Siedler u. dergl., eingehend besprochen und die dazu erforderlichen Beschlüsse gefaßt. Nach der satzungsmäßigen Neuwahl des Vorstandes besteht die Gemeindevertretung für Ridders jetzt aus den Siedlern Adolf Thode, Arnold Thurau und Christian Georg aus Ridders, sowie Friedrich Wagner und Paul Rothart vom Hohen Fiert. In den beiden anderen Dorfschaftsvereinigungen haben die Wahlen ebenfalls inzwischen stattgefunden, so daß im Vorstand vertreten sind für Springhoe die Siedler Ernst Schmidt, Richard Heim, Max Kielnecker, Thomas Herter und Franz Horst, sämtlich aus Springhoe, und für Bücken-Hungriger Wolf die Siedler Otto Chmiel, Hans Kipf und Heinrich Steffen aus Bücken, sowie Claus Schröder und Hermann Lohmann aus Hungriger Wolf.

21.06.1927
Entschädigung für ihre früheren Ansiedlungen seitens des polnischen Staates erhielten nach langwierigen Verhandlungen soeben die Flüchtlingssiedler Nübbelmeier, Pierowsky und Wichmann in Springhoe in Höhe von 2000 bis 9000 Mark. Während die aus der Ostmark verjagten Reichsdeutschen auf Grund des Friedensvertrages bekanntlich entschädigungslos enteignet werden konnten, ist der polnische Staat durch das Schiedsgericht im Haag verurteilt worden, diejenigen Ansiedler schadlos zu halten, die auf Grund der Friedensbestimmungen ohne weiteres die polnische Staatsbürgerschaft erworben und die von den Polen trotzdem rücksichtslos von ihren im Grundbuch noch nicht aufgelassenen Stellen verdrängt wurden. Verschiedene weitere Siedler haben inzwischen vom Ansiedlerbund in Berlin die frohe Nachricht erhalten, daß die Entschädigung für sie von Polen anerkannt ist und die Überweisung des Geldes demnächst erfolgen wird.

23.06.1927
Das Ringreiterfest am Sonntag, das zweite seit Neubesiedelung von Ridders, war leider vom Wetter gar nicht begünstigt. Trotzdem ließen sich 41 Reiter unter Leitung ihres unentwegten Führers Backhaus aus Ridders nicht abschrecken, ihre Kunst beim Ringstechen zu erproben, das auf einer Koppel des Siedlers Schultze stattfand. König wurde dabei Alfred Wiese aus Hungriger Wolf, der schon beim ersten Ringreiten im Vorjahre in Ridders diese Würde errang; zweiter Sieger wurde Walter Grübner aus Ridders, dritter Christian Georg aus Ridders, vierter Hermann Richter aus Bücken. Wegen des zunehmenden Unwetters mußte das Ringstechen für die Frauen ausfallen. Dafür versammelte sich die holde Weiblichkeit in dem geschützten und weiträumigen Zelt, das der Gastwirt Schimmelmann aufgeschlagen hatte, beim Ballwerfen, aus dem Frau Thomas aus Ridders als Königin hervorging.

23.06.1927
Einen Einbruch wurde bei dem Siedler Neben in Ridders versucht, der mit seiner Familie in der Nachbarschaft war. Der Dieb hatte das Schloß des Kellers schon nahezu geöffnet, als er anscheinend durch das Anschlagen des Hofhundes verscheucht wurde.

23.06.1927


24.06.1927
Beim Kindervogelschießen der Schule Ridders am Dienstag wurde mit 65 Ringen bei 7 Schuß König Max Tank aus Ridders, 2. Reinhold Schmidt aus Hohen Fiert, und 3. Alfred Backhaus aus Ridders. Von den Mädchen wurde beim Ballwerfen Königin Erna Getz aus Hohen Fiert, 2. Gertrud Herold ebenfalls Hohen Fiert und 3. Elfriede Thomas aus Ridders. Viel Laune machte das Ringstechen der Frauen von einer Rundschaukel aus, das am Sonntag wegen des Unwetters verschoben werden mußte. Mit drei Ringen bei drei Runden ging Frau Backhaus als Siegerin hervor, den zweiten Preis erhielt Frau Georg und den dritten Preis Frau Rohwer.

24.06.1927
Mit dem Verpflanzen der Steckrüben hat man jetzt begonnen. Leider sind bei dem schlechten Wetter die Pflanzen derart schlecht geraten, daß die meisten Landwirte auf Zukauf angewiesen sind, wobei sie in diesem Jahre den außerordentlich hohen Preis von 5 Mark je tausend Stück anlegen müssen.

24.06.1927
Die Ulmenpflanzungen an den Wegen nach Ridders und Silzen sind gut angegangen. Nur schade, daß die Wege so schmal angelegt sind, daß nach dem Bepflanzen sich kaum zwei Wagen ausweichen können, so daß bei solchen Gelegenheiten schon eine Anzahl der Bäume angefahren wurde. Im übrigen werden die bisher sehr eintönigen stundenlangen Wege durch die lustig grünenden Bäume angenehm belebt, die mit den Jahren sich zu guten Schattenspendern und ausgezeichneten Windbrechern entwickeln dürften.

29.06.1927
Die Schweinehaltung bringt in diesem Jahre wie allen Landwirten auch den Siedlern erhebliche Verluste. Angereizt durch die hohen Preise für Ferkel und Mastschweine im Vorjahre bei niedrigem Stand der Futtermittel, haben gerade die Siedler die Schweinezucht und Schweinemast erheblich ausgedehnt und zu diesem Zweck oft kostspielige Stallbauten unternommen. Heute, wo das Preisverhältnis gerade umgekehrt ist, müssen sie bei jedem abgestoßenen Ferkel und Mastschwein zusetzen und darüber hinaus noch Verzinsung für die Stallbauten aus anderen Einnahmen der Wirtschaft decken. Besonders übel sind solche Siedler daran, die langfristige Schweinemastverträge abgeschlossen haben. Am gleichmäßigsten und nachhaltigsten hat sich bisher noch der Erlös aus der Milchviehhaltung gestellt.

29.06.1927
In Ridders arbeitet der Fordson Kraftpflug nachdem er zuvor einige Tage auf dem Gut Schmabeck und in Springhoe gepflügt hat, zurzeit auf dem Ödland des Siedlers Thode unterhalb des Hohen Fiert, wo er viele Zuschauer, zumal aus Siedlerkreisen anlockt, die hier erstmals dieses Wunderwerk der Landwirtschaftstechnik bei seiner Arbeit kennen lernen.

01.07.1927
Vorstandswahlen nahm die Ortsgruppe des Deutschen Ostbundes vor, dem zwecks Regelung ihrer vielen Anliegen außer den Flüchtlingssiedlern zahlreiche aus der Ostmark stammende Baltikumsiedler angeschlossen sind. Der neue Vorstand besteht aus den Herren Roman Mundhenk als 1.Vorsitzender, Max Nötzelmann aus Ridders als 2.Vorsitzender, Otto Thom als Schriftführer und Friedrich Radtke als Geschäftsführer.

01.07.1927
Als ungetreue Dienstleute erwiesen sich der beim Siedler Schade in Ridders angestellte Knecht P. G. und die beim Nachbarn Rohwer beschäftigte Magd M. Br. Dies seltsame Pärchen pflegt seit längerer Zeit gemeinsam von Bauerndorf zu Bauerndorf zu walzen, um vorübergehend Dienst zu nehmen. So waren sie auch am Montag morgen hier spurlos verschwunden, nachdem der Knecht in eine Stube seines Dienstherren während der Nacht eingebrochen war und dort alles durchstöbert hatte, ohne zu finden, wonach er gesucht hatte.

03.07.1927
Beinahe von einem Kraftwagen überfahren wurde das anderthalbjährige Töchterchen Irma des Siedler Reinholz in Ridders, das plötzlich quer über die Straße lief, als ein Kraftwagen nahte. Dem Lenker gelang es glücklicherweise, den Wagen mit aller Kraft zu bremsen und dicht vor dem Kinde zum Stehen zu bringen.

03.07.1927
Eine rege Bautätigkeit herrscht auch in diesem Jahre in den Siedlungen, wo zahlreiche Siedler die noch fehlenden Scheunen errichten. Dabei benutzen mehrere die Gelegenheit, um den aus Brettern bestehenden alten Scheunenanbau mit Ziegelsteinen auszumauern und zu Stallungen einzurichten, wodurch die Gebäude sehr an Ansehnlichkeit gewinnen. Inzwischen haben noch mehrere Siedler von dem angebotenen Reichskredit Gebrauch gemacht, um die Häuser mit einem verschönenden Ölfarbenanstrich zu versehen.

03.07.1927


04.07.1927
Ein Händler aus Itzehoe ist wegen Betruges vom Amtsgericht Itzehoe zu einer Woche Gefängnis verurteilt worden. Am 1.Februar 1927 war er mit einem anderen zusammen in der Gastwirtschaft "Hungriger Wolf". Er hat da Zechschulden in Höhe von 7,30 Mark gemacht, ohne vorher zu sagen, daß er kein Geld hatte. Der Händler hatte einen Handel für einen anderen abgeschlossen, doch kam der Handel nachher nicht zustande, so daß der Händler um seine Provision kam. Er hat nachher die Schulden bezahlt. Der Angeklagte wird auf seine Berufung hin freigesprochen.

21.07.1927
Mit den Siedlungen im Lockstedter Lager befaßt sich die Landwirtschaftskammer für die Provinz Schleswig-Holstein auch in ihrem soeben herausgegebenen Geschäftsbericht, indem sie hierzu folgendes ausführt: Die Lage der Siedler in Lockstedter Lager und in der Siedlung Lentföhrden machte auch im Berichtsjahr 1926 noch ein Eingreifen der Landwirtschaftskammer erforderlich. So war es notwendig, sich für eine ausreichende Dotierung der zu bildenden Gemeindeverbände mit Gemeindeland und Wald einzusetzen. Die finanzielle Sicherstellung der Siedlungsgemeinden ist dank des energischen Eintretens der zuständigen Provinzialbehörden auch im wesentlichen gelungen. Den Siedlern fehlte jedoch vor allem Betriebskapital. Die Landwirtschaftskammer wurde daher, den Wünschen der Siedler folgend, bei dem Landwirtschaftsministerium vorstellig, den Siedlern einen Kredit von mindestens 2.000 Mark je Stelle zur Verfügung zu stellen.

21.07.1927
Förderung der landwirtschaftlichen Flüchtlingssiedlungen.
Der Reichstag hat mit Zustimmung des Reichsrates eine Gesetz betreffend Bürgschaften des Reiches zur Förderung landwirtschaftlicher Flüchtlingssiedlung angenommen. Durch dieses Gesetz wird die Reichsregierung ermächtigt, Bürgschaften bis zum Gesamtbetrage von 70 Millionen Mark zu übernehmen, jedoch nur für Hypotheken- und Rentendarlehen, sowie Anleihen inländischer Anstalten des öffentlichen Rechtes, die zur Gewährung eines Dauerkredites an deutsche landwirtschaftliche Siedler oder ihre Angehörigen dienen, die ihre frühere Stelle infolge des Krieges aufgeben mußten und neu angesetzt sind oder angesetzt werden sollen. Hierdurch soll eine endgültige Gesundung der wirtschaftlichen Verhältnisse der Flüchtlingssiedler erreicht werden, die zu einem erheblichen Teil unter ungünstigen Darlehensbedingungen leiden. Ferner wird die Ergänzung des Inventars und der Ausbau und die Ausbesserung der Gehöfte der Siedler vorgenommen werden.

Kolonat übergeben am 01.08.1927

No. Siedler Standort

669 Schack, Hans Springhoe


04.08.1927
Wildsterben.
In den hiesigen Waldungen, dem Holstein- und Schierenwald, macht sich in diesem Sommer ein großes Wildsterben bemerkbar. Etwa 30 Rehwildkadaver sind gefunden worden. Untersuchungen der nach Berlin zwecks Feststellung der Todesursache eingeschickten Kadaver sind resultatlos verlaufen, jedoch nimmt man an, daß der ausgestreute Kunstdünger auf den Feldern, die an die Wälder grenzen wohl die Ursache sein kann.

07.08.1927
Die letzthin aufgetauchte Vermutung, das Rehsterben könne auf Vergiftung durch Kunstdünger beruhen, ist irrig. Gewiß kann es in ganz trockenen Frühjahren in seltenen Fällen vorkommen, daß das auf frisch bestreute Wiesen und Weiden geratene Vieh oder Wild Schaden erleiden kann. Das ist in unserem feuchten Schleswig-Holstein kaum zu befürchten, am wenigsten in einem so naßkalten Frühjahr wie in diesem. Tatsächlich ist auch nie in den acht Jahren der Besiedelung ein solcher Fall festgestellt, trotzdem die staatliche Siedlungsleitung mit Kunstdünger wahrlich nicht sparte. Auf den Feldern wird zudem der Dünger sofort untergeeggt. Der im Frühjahr gegebene Kopfdünger ist, berechnet auf die Fläche, sehr gering. Selbst wenn ihn der Tau nicht sofort auflöst, dürfte im Frühjahr an anderer Äsung wahrlich nicht fehlt. In Wirklichkeit lichtet eine Seuche, wahrscheinlich eine durch das naßkalte Frühjahr veranlaßte Lungenpest, den früher so stattlichen und prächtig gepflegten Wildbestand.

07.08.1927
In der Siedlung hat man mit dem Schnitt des Roggens begonnen, der leider dieses Jahr dünn geraten ist. Auch ist durch die heftigen Sommerstürme allerlei Windbruch erfolgt. Der an sich infolge des regenreichen Sommers prächtig geratene Hafer hat leider erheblichen Schaden durch Hagelschlag und Lagerung erlitten. Ganze Flächen sind durch die Platzregen der letzten Wochen platt zu Boden gelegt worden. Die Verluste sind für die Siedler um so empfindlicher, als gegen Lagerung und Windbruch bislang noch keine Versicherung Schutz gewährt.

09.08.1927
Die Großgemeinde Lockstedter Lager ist, laut einer Mitteilung des Landrates, an die Dorfschaftsvereinigung der Siedler, ins Leben getreten. Der Minister des Inneren hat durch eine Verfügung soeben die Umbildung des bisherigen Gutsbezirks in eine selbständige Landgemeinde genehmigt. Die Neuordnung ist mit dem 1. Juli in Kraft getreten. Die Bestimmungen über die Gemeindesatzungen, die Bildung der Gemeindevertretung und die Bestellung des Gemeindevorstehers werden demnächst ergehen.

09.08.1927
Erhebliche Hagelschäden haben die Unwetter der letzten Zeit in einem großen Teil der Siedlung angerichtet, die sich erst jetzt durch Verdorren der angeschlagenen Halme recht übersehen lassen. Besonders wurden die Flüchtlingssiedler am Hohen Fiert betroffen, wo die Hagelschläge vielfach Schäden in Höhe der halben Bestände und darüber, durchschnittlich 30 bis 40 v. H. ergeben. Aber auch die Getreideschläge, besonders am Hafer in der Hasenheide und auf dem anschließenden bis zum Hohen Fiert sich erstreckenden Äcker arg mitgenommen.

09.08.1927
Spurlos verschwunden ist der bei dem Gastwirt und Kaufmann Schimmelmann Angestellte Gehilfe Sontheim, der sich unter Mitnahme einiger Bestellbücher heimlich entfernt hat.

13.08.1927


23.08.1927


31.08.1927
Die Darlehen aus dem Ödlandkulturfonds sollen jetzt zur Auszahlung gelangen, da die Mittel vom Staate bereitgestellt sind. Für die Siedler hat das Kulturamt in Heide zu diesem Zweck soeben einen Sprechtag in Lockstedter Lager abgehalten, wo die zur Auszahlung erforderlichen Schuldurkunden aufgenommen wurden. Dabei konnte festgestellt werden, daß die Siedler im Hinblick auf diese Darlehen ganz beträchtliche Flächen Ödland teilweise unter Zuhilfenahme eines Fordson Kraftpfluges, in diesem Jahre schon urbar gemacht haben. Für eine durchgreifende Bearbeitung der verwilderten, verbinsten und versumpften Grünlandflächen soll jetzt eine leistungsfähige Bodenfräsmaschine herangezogen werden. Die Mittel reichen auch zur Bewilligung bisher noch nicht gestellter Anträge.

01.09.1927
Unfall.
Beim Aufladen des Roggens stürzte die Frau des Verwalters Krantz vom Erntewagen des Landwirts Beddern aus Lockstedter Lager und zog sich einen schweren Beinbruch zu, welcher die Überführung ins Krankenhaus notwendig machte.

08.09.1927
Schlechtes Jahr.
Zwei Dampfdrescher und zwei Ölmotordrescher sind in der Siedlung in Betrieb. Neben den erheblichen Ausfällen durch den Auswuchs wird das verregnete Getreide noch 2 Mark unter Preis bezahlt. Auch dürfte teures Saatgut zu beschaffen sein. Die Siedler dürften, nachdem sie durch den Sturz der Schweinepreise besonders betroffen wurden, daher in diesem Jahre schlechter abschließen.

08.09.1927
Die Schweinepest wütet in dem Bestande eines Siedlers, dem dadurch schon 44 Stück eingingen, was für ihn als Siedlungsanfänger einen harten Schlag bedeutet.

08.09.1927
Als ungetreuer Knecht erwies sich ein von dem Siedler Rimpler erst zwei Tage zuvor eingestellter junger Mann. Als er zu einer Besorgung mit einem neuen Rade des Siedlers in die Nachbarschaft geschickt wurde, verschwand er auf Nimmerwiedersehen.

11.10.1927
Bis zum Wiederaufbau der abgebrannten Mühle in Winseldorf, der in neuzeitlicher Weise erfolgen soll, hat Herr Schwarzkopf seinen Hauptlagerbetrieb im früheren Haferschuppen der Heeresverwaltung in Lockstedter Lager eingerichtet, den er schon vor zwei Jahren zur Erleichterung des Geschäftsverkehrs mit den Siedlern gepachtet hat. Nach dem Brand hat man hier einen Mühlengang eingebaut. Auch ist eine Saatgutveredelung aufgestellt worden, zu der 1000 Zentner Saatroggen zwecks Reinigung angeliefert wurden, ein erfreuliches Zeichen, daß auch auf diesem Gebiete die Siedler mit den Fortschritten der Zeit mitgehen.

13.09.1927
Gemeindewahl.
Die Wahlbewegung hat recht lebhaft eingesetzt. In der letzten Woche fanden Einzelversammlungen in Lockstedter Lager, sowie in den Siedlungen Springhoe, Ridders und Bücken-Hungriger Wolf statt, an die sich mehrere Hauptwahlsammlungen anschlossen, in denen Wahlvorschläge aufgestellt wurden.

13.09.1927
Da für das Darlehen aus den Mitteln für die Urbarmachung von Ödland nachträglich noch eine ganze Anzahl Anträge einliefen, hat zu deren Erledigung das Kulturamt Heide erneut einen Sprechtag für die Siedler im Lockstedter Lager anberaumt. Da 200 Mark je Hektar nicht einmal zur Beschaffung von Kalk und Kunstdünger reichen, so daß die erheblichen Auslagen für Entwässerung, Umbruch, Saatgut und Bestellung ungedeckt bleiben, hat die Landwirtschaftskammer beantragt, die Darlehen auf das Doppelte also auf 400 Mark je Hektar, zu erhöhen.

14.09.1927
Kirchspiel.
Im Anschluß an die kürzliche Besichtigung fand eine Besprechung mit dem Bischof D.Mordhorst über die Zukunft der Kirchengemeinde Lockstedter Lager statt, an der außer den Vertretern der hiesigen Gemeinde als Vertreter des Kirchenvorstandes in Kellinghusen die Herren Schnoor und Voß teilnahmen. Vor allem ist die Größe und der Umfang des hiesigen Pfarrbezirks festzulegen. Die landeskirchliche Behörde plant, nach Mitteilungen von Herrn Rektor Schlüter, außerdem Teile des früheren Gutsbezirks und der Dörfer Lohbarbek und Winseldorf, die von altersher von Kellinghusen kirchlich betreut wurden, auch Gebiete der Itzehoer Kirchengemeinde, dem Lockstedter Lager einzuverleiben. Bücken und Hungriger Wolf, die so wie so durch die neue Siedlungsgemeinschaft mit dem Lockstedter Lager verbunden sind und seit langem auch vom Lager kirchlich versorgt sind, werden hinzukommen. Auch das Dorf Schlotfeld soll angegliedert werden. Wenn sich hier auch mancher ungern von der Muttergemeinde trennen wird, so muß dieses schmerzliche Gefühl der Allgemeinheit gegenüber zurücktreten. Wird diese Zusammenlegung doch die Leistungsfähigkeit der selbständigen Kirchengemeinde hinreichend gestärkt, so daß man an die Errichtung einer eigenen Kirchen denken kann. Die Pacht für den Notsaal in dem früheren Soldatenheim ist ziemlich hoch und die Unterhaltung des winkligen Gebäudes erfordert ebenfalls große Mittel, daß man so wie so vor der Frage des Ankaufs eines geeigneten Gebäudes oder dem Neubau einer wirklichen Kirche mit Glockenturm steht.

17.09.1927
Das Urteil in Sachen Oberblöhbaum in Bücken, der eine polizeiliche Strafverfügung über 2 Mark erhalten hat, weil er auf einem Fußsteig gefahren war, lautet auf 2 Mark Geldstrafe.

21.09.1927
Durch Ministerialerlaß ist bestimmt, daß die Ortsteile des Lockstedter Lagers, die zu den Gemeinden Winseldorf und Lohbarbek gehören und bisher Teile des Amtsbezirks Winseldorf waren, dem Lockstedter Lager zugelegt werden. Infolge dieser Erweiterung ist für den Amtsbezirk Lockstedter Lager die Wahl des Amtsvorstehers und Stellvertreters vorzunehmen.

25.09.1927
Mißernte.
Wie allenthalben, so läßt die Landwirtschaftskammer auch in der Siedlung Feststellungen über die Unwetterschäden machen. Auch hier sieht man vielfach noch ganze Schläge mit Hafergarben völlig mit fingerlangen, rasenartigen Auswüchsen begrünt, dem Unwetter preisgegeben. Selbst die Siedler, die ihre kleine Ernte wohl bergen konnten, haben bei Roggen und Hafer je 30 bis 50 Zentner infolge des Auswuchses weniger gedroschen. Der Verlust durch Minderdrusch und Mindererlös beträgt allein bei Roggen je Siedler 800-1000 Mark. Ähnlich ist es beim Hafer, soweit er nicht auf dem Felde verfault. Die Weiden und die an sich mangelhaften Wiesen sind vom Vieh völlig zertreten und müssen mindestens einen Monat eher geräumt werden. Da infolge der Nässe gut ein Drittel des Rübenbestandes in Samen geschossen ist, von dem ersten verregneten Schnitt vielfach nur wenig minderwertiges Heu eingebracht wurde, muß, abgesehen von Hafer für Pferde, das heute doppelt so teure Kraftfutter für Rindvieh dazu gekauft werden. Wieweit die schon in Fäulnis übergehenden Kartoffeln eingebracht werden können, ist noch nicht abzusehen. Gering gerechnet beträgt der Gesamtschaden je Siedlerstelle 1500 bis 2000 Mark, der den einzelnen Siedler um so schwerer trifft, als man selbst in guten Erntejahren nach Deckung der bittersten Lebensnotdurft der Siedlerfamilie mit einem Reinertrag der Wirtschaft von günstigenfalls 600 bis 1000 Mark je Stelle rechnet. Davon sind aber noch die erhebliche Rente und die hohen Schuldenzinsen zu decken, so daß selbst in guten Jahren die Siedler bei der heutigen Wirtschaftslage vielfach mit Verlust abschließen, den man bisher wie fast alle Landwirte durch neues Schuldenmachen deckte. Dazu haben die Siedler zumeist noch erhebliche Anschaffungen an Vieh und Gerät zu machen, sollen Zubauten vornehmen und ihr Ödland und die oft kaum als solche zu bezeichnenden Wiesen urbar machen. Es ist daher sehr fraglich, ob die Siedler in diesem Jahre ihre Rente aufbringen können, zumal die Lage, allerdings unabhängig vom Unwetter, durch die erschreckend unlohnend gewordene Schweinehaltung erschwert wird. Während man im Vorjahre noch von dem Überschuß des eigenen Roggens verfüttern oder gegen Futtermittel umtauschen konnte, mußte diesmal mancher Siedler fast seinen ganzen Roggen an die Mühle abliefern, nur um im Frühjahr und Sommer wegen der gesteigerten Schweinhaltung gemachte Schrotschulden abdecken zu können. Es verbleibt kaum Brotkorn und Saatgut. Als ordentlicher Landwirt müßte man anstelle des Auswuchses neues Saatgut beschaffen, was aber bei der furchtbaren Knappheit und Teuerung einwandfreien Saatgutes dem geldarmen Siedler unmöglich ist. Zum mindesten müßte er das verregnete Korn auf der Saatschule auslesen und anschließend beizen lassen, was auf etwa 1,50 Mark Kosten je Zentner verursacht, aber eben deshalb und wegen der Kürze der Bestellzeit meist unterbleibt. Man behilft sich meist mit dickerer Saat und schmeißt so in etwas weniger fühlbarer Weise mehr Geld in den Acker.

29.09.1927
Gemeindevertreterwahl.
Am kommenden Sonntag finden hier Wahlen für die Gemeindevertretung der neu gebildeten Gemeinde Lockstedter Lager statt. Dem Ergebnis wird mit großer Spannung entgegengesehen, da zwei Listen eingereicht sind und für beide lebhaft agitiert wird. Die neue Gemeindevertretung wird in ihrer ersten Sitzung die Wahl des Gemeindevorstehers und Gemeindevorsteher-Stellvertreters vorzunehmen haben. Vielfach herrscht hier die Ansicht vor, daß der Gemeindevorsteher und sein Stellvertreter aus der Gemeindevertretung zu wählen sind. Diese Ansicht ist irrig. Wählbar ist jede Person, die das Wahlrecht in der Gemeinde besitzt und 25 Jahre alt ist.

01.10.1927
Leserbrief zu den Kommunalwahlen im Lockstedter Lager.
Am kommenden Sonntag sollen wir für unsere neu gebildete Gemeinde die Männer wählen, die, geleitet von dem Interesse des Gesamtwohls der Einwohnerschaft mit klarem Blick und verständiger Überlegung die großen vielseitigen Aufgaben meistern sollen,die unserem jungen Gemeinwesen gestellt sind. Es ist zweifellos eine Entscheidung von ganz besonderer Bedeutung, die wir als Gemeindemitglieder durch unseren Stimmzettel fällen sollen. Nicht Sonderinteressen eines einzelnen oder einer einzelnen Gruppe dürfen wir zum Siege verhelfen, sondern es gilt, Männer in die Vertretung zu wählen, von denen wir erwarten können, daß sie frei von Parteiungen mit ruhiger Sachlichkeit nur das Wohl der ganzen Gemeinde erstreben und sich mit ihrer Persönlichkeit in diesem Sinne für die Belange der Gemeinde einsetzen.
In die Hand der neuen Gemeindevertretung ist in erster Linie die Wahl des Gemeindevorstehers und seines Stellvertreters gelegt. Hier soll sich schon zeigen, ob die gewählten Gemeindevertreter in der Lage sind, frei von allem Vorurteil eine Persönlichkeit zu bestimmen, die die Gewähr bietet, die umfangreichen und schwierigen Geschäfte der Gemeindeverwaltung ordnungsmäßig zu leiten. Es darf mit vollem Recht behauptet werden, daß gerade bei der Gestaltung unseres Gemeinwesens mit seinen einzelnen Bezirken und bei den schwierigen verwaltungstechnischen Aufgaben für die Auswahl der Kreis der Persönlichkeiten eng begrenzt ist. Es muß sich jeder darüber klar sein, daß es unmöglich ist, das Amt des Gemeindevorstehers im Nebenberuf auszuüben. Gerade für unsere große Gemeinde, in der der neue Leiter vor dem Nichts steht und aus sich heraus erst die nötigen Einrichtungen für die Gemeindeverwaltung schaffen soll, bedarf es einer Persönlichkeit, die über gewisse Kenntnisse auf dem Gebiet der Gemeindeverwaltung verfügt und sich dem Amte voll und ganz widmen kann. Not tut eine Persönlichkeit, die umfassende Kenntnis des gesamten Gebietes und der Interessen der einzelnen Bezirke besitzt und daher imstande ist, rasch und klar das Gemeindeinteresse zu erkennen und mit der genügenden Sachkenntnis gegenüber den maßgebenden Instanzen mit Nachdruck zu vertreten. Wir wollen uns nicht verhehlen, daß wohl jeder die Gemeindeinteressen am besten gewahrt sieht in einer Persönlichkeit, die nicht mit der einen oder anderen Gruppe, oder dem einen oder anderen Bezirk besonders verbunden ist und unabhängig über allen Interessenkreisen steht. Nicht zuletzt sind die außerordentlichen Schwierigkeiten und die große Verantwortung hervorzuheben, die dem neuen Gemeindevorsteher durch die Wahrnehmung der Erheber- und Kassengeschäfte unter den jetzigen schweren finanziellen und wirtschaftlichen Verhältnissen entstehen und auch hier ein gewisses Maß von Vorbildung erfordern. Ganz abgesehen sei dabei von den vielen persönlichen Widerwärtigkeiten, die ein hier oder dort interessiertes Gemeindemitglied als Gemeindevorsteher gerade beim Erhebergeschäft in Kauf nehmen müßte.
Wir fassen daher noch einmal zusammen: Unserem jungen, in der Entwicklung befindlichen Gemeinwesen kann nur ein unabhängiger Gemeindevorsteher mit genügender verwaltungstechnischer Vorbildung und genauer Kenntnis des umfangreichen Gemeindegebiets und seiner vielfältigen Interessen die Gewähr für eine geordnete Verwaltung bieten.
Wählt darum Männer in die Gemeindevertretung, die sich dieser wichtigen Erkenntnis nicht verschließen und legt damit den Grundstein für eine erfolgreiche Entwicklung unseres jungen Gemeinwesens!

Mehrere Wähler.

02.10.1927
Gemeindevertreterwahl.
Infolge der Neubildung der Großgemeinde Lockstedter Lager findet am Sonntag, 2.Oktober, bekanntlich die Wahl von sechs Gemeindevertretern (nicht Wahl des Gemeindevorstehers) hierorts statt. Der Plan, im Interesse der neuen Gemeinde einen einheitlichen Wahlvorschlag zustande zu bringen, mußte aufgegeben werden, da inzwischen zwei neue Wahlvorschläge aufgestellt worden sind. Zur Beruhigung der Gemüter aber darf hiermit nochmals besonders betont werden, daß die Wahl nur für ein Jahr erfolgt, da im nächsten Jahre im ganzen Lande die Neuwahlen der Amts- und Gemeindevorsteher auf eine Dauer von sechs Jahren stattfinden. Somit ist der hiesigen Gemeinde die beste Gelegenheit gegeben, nach den Erfahrungen während der einjährigen Amtsdauer der neuen Gemeindeväter im nächsten Jahre durch Wahl die geeignetsten Persönlichkeiten an die Spitze ihres Gemeinwesens stellen zu können, Persönlichkeiten, die, ohne nach rechts oder links zu sehen, das einmal als richtig erkannte Ziel zum Wohle der Gemeinde zu erreichen, bestrebt sein werden. Erst das Allgemeinwohl, dann das des Einzelnen.

02.10.1927
Leserbrief Zur Gemeindevertreterwahl im Lockstedter Lager.
Dem Eingesandt in der letzten Nummer der Itzehoer Nachrichten, welches sich mit den Kommunalwahlen befaßt, können wir in allen Teilen nur zustimmen. Es ist dringend notwendig, daß wir eine Gemeindevertretung bekommen, von der wir überzeugt sein können, daß sie die Leitung der Gemeindeverwaltung in die Hände eines Mannes legen wird, der der schwierigen Aufgabe in jeder Richtung gewachsen ist.
Mehrere Landwirte.

03.10.1927
Ergebnis der Gemeindevertreterwahl.
Die erste Gemeindevertretung setzt sich zusammen aus den gewählten Vertretern, in der Reihenfolge der erhaltenen gültigen Stimmen:
Heinrich Dieckmann aus Springhoe, Hans Sievers von der Lohmühle, Paul Backhaus aus Ridders, Carl Drews aus dem Lockstedter Lager, Heinrich Steffens aus Bücken, Ernst Weingang aus Springhoe, Edmund Herold aus Hohenfiert.

11.10.1927
Die Auszahlung der Ödlanddarlehen läßt noch immer auf sich warten, trotzdem sie schon vor Monaten in sichere Aussicht gestellt wurde und daraufhin die Siedler Schuldurkunden ausfertigten. Jetzt sind erhebliche Wechselbeträge für auf das Ödland verwandten Kunstdünger und Saatgut fällig, deren Einlösung den Siedlern infolge der Unwetterschäden besonders schwer fällt. Es würde eine wesentliche Erleichterung bedeuten, wenn die vermittelnden Behörden, nämlich der Landrat und der Kulturamtsvorsteher, bei den zuständigen Stellen beschleunigte Auszahlung der Ödlanddarlehen dringen würden.

11.10.1927
Die Wege, zumal nach Springhoe und Ridders, sind schon jetzt in einem unhaltbaren Zustande. Der Milchwagen kann nur noch drei-und vierspännig gefahren werden. Fahrten mit dem Kraftwagen durch die Kette der Wasserlöcher sind geradezu lebensgefährlich. Nach den Erfahrungen im Vorjahre, dürfte es daher im Winter nicht einmal in Notfällen möglich sein, den Arzt, die Hebamme oder den Tierarzt beschleunigt herauszubekommen. Um so wünschenswerter ist es, daß der Kreis zum mindesten für den Ausbau des seit Jahrzehnten verwahrlosten und selbst für Fußgänger und Radfahrer nicht mehr passierbaren Teils der Landstraße vom Lockstedter Lager bis zum Wasserturm in Angriff nimmt.

19.10.1927
Aufgrund einer Denkschrift der Siedler, die vom Landrat warm befürwortet wurde, weilte eine Vertretung von Herren aus dem Landwirtschaftsministerium, vom Landeskulturamt Schleswig und dem Kulturamt Heide im Lockstedter Lager, um sich von den Ernteschäden und der Notlage der Siedler durch eigenen Augenschein zu überzeugen und die zu ergreifenden Hilfsmaßnahmen zu beraten. Als solche kommen in Frage ein Freijahr für die Rente, Beschaffung von Saatgut, Umwandlung der Wechsel- und Bankschulden in Grundbuchdarlehen, Zuschüsse zwecks Zinsverbilligung und dergleichen.

19.10.1927
Die Kartoffelernte ist mit 30 bis 40 Zentner Ertrag je Morgen noch unter den niedrig gespannten Erwartungen ausgefallen. Die Futterrüben sind so klein geraten, daß man bei der großen Futterknappheit nur mit Bangen dem Winter entgegensieht und sich schon mit dem Gedanken vertraut macht, Vieh abstoßen zu müssen.

20.10.1927
Leserbrief zur Gemeindevorsteherwahl in Lockstedter Lager.
Freitag, den 21. Oktober 1927, 17 Uhr 15 Minuten ist nunmehr durch die am 2. Oktober gewählten Gemeindevertreter die Wahl eines Gemeindevorstehers vorzunehmen.
Der Gedanke, wen werden die von uns gewählten Gemeindevertreter mit der Führung de Gemeindegeschäfte betrauen, bewegt wohl die Gemüter aller Gemeindeeinwohner.
Hier sei vorerst noch erwähnt, daß schon am frühen Morgen des 2. Oktober, des Tages unserer Gemeindevertreterwahl, von gewisser Seite eine Wahlpropaganda in Szene gesetzt wurde, wie sie wohl anderen schleswig-holsteinischen Landgemeinden völlig fremd ist und die unseres Erachtens den Beteiligten sicher nicht zur Ehre gereichte. Die Unkosten für die Flugblätter, Aufklebezettel und Autofahrten zur Heranschaffung der Wähler sollen den Betrag von 100 Mark, wie wir aus zuverlässiger Quelle wissen, erheblich übersteigen. Ein solches Opfer anläßlich einer Gemeindevertreterwahl in einer Gemeinde, in der wohl jeder den schwersten Kampf um die Erhaltung seiner Existenz zu führen hat, muß schon aus ganz außergewöhnlichem Interesse gebracht sein. Wenn wir irren sollten, wären wir für eine Berichtigung an dieser Stelle dankbar.
Ihr von der Liste Steffens gewählten Gemeindevertreter, wir rufen euch hiermit zu: "Wenn wir unsere Stimme für euch in die Wahlurne legten, so geschah dies sicher nicht unter dem Eindruck der unseres Erachtens verachtenswürdigen Propaganda, sondern lediglich deshalb, weil wir glaubten, in euch Männer sehen zu dürfen, an die der Einfluß einer solchen Wahlpropaganda nicht heranreicht!"
Ihr sämtlichen gewählten Gemeindevertreter habt in der durch die Wählerschaft erfolgte Wahl den Vertrauensbeweis der Einwohnerschaft erhalten. Dadurch, daß ihr die Wahl angenommen habt, habt ihr die Verantwortung übernnommen.
Wir als eure Wähler glauben ein Recht zu haben, euch noch einmal zuzurufen, seid euch eurer Verantwortlichkeit voll bewußt und laßt euch nicht beirren, von welcher Seite es auch versucht sei. Den Platz nach Kunst und nicht nach Gunst. Wählt einen Mann, der befähigt ist, seine persönlichen Interessen hinter den Allgemeininteressen zurück zustellen und in sachlicher und durchaus bestimmter tatkräftiger Weise die zahlreichen als Lebensnotwendigkeit für die Gemeinde zu erstrebenden Ziele zu erkämpfen!
Welchen Mann oder welche Männer glaubt ihr hierzu besonders befähigt und habt ihr deshalb für die Wahl in Aussicht genommen?
Durch unsere Wahl haben wir euch das Recht, den Gemindevorsteher zu wählen, übertragen. Wir bitten euch, ruft uns vor der Wahl noch einmal in einer Gemeindeversammlung zusammen und gebt uns Gelegenheit, den Mann oder die Männer, die ihr für die Wahl in Aussicht genommen habt, kennen zu lernen und vor der Wahl aus seinem oder ihrem Munde ein Verwaltungsprogramm zu hören und zu erfahren, was seiner bzw. ihrer Ansicht nach der Gemeinde der Gemeindevorsteher kosten wird.
Mehrere Wähler der Liste Steffens.

21.10.1927
Die ganze Schwere der Ernteschäden ermißt man so recht bei der Auslese des Saatgutes in einer neuzeitlichen Saatgutveredelungsanlage. Während man sonst höchsten mit einem Abgang von 1/10 bis 1/5 rechnet, geht jetzt die Hälfte und darüber als Hinterkorn, Auswuchs und Unkrautsamen in den Abfall. Dabei sind schon beim Dreschen erhebliche Mengen Korn in den ausgewachsenen Ähren verblieben, so daß die im Freien aufgesetzten Strohdiemen über und über ergrünen. Selbst die Besitzer von Göpeldreschmaschinen nehmen die Zuflucht zum Lohndrusch mit Dampf- oder Motordreschern, die aber in diesem Jahre keinen völlig reinen Ausdrusch erreichen.

21.10.1927
Tatkräftig greift das Reichswehrministerium den fünf hier angesetzten Reichswehrsiedlern, die wie die übrigen Siedler auf einem mageren Boden von Springhoe schwer zu ringen haben, unter die Arme, indem es ihnen 8000 bis 16000 Mark geringverzinsliche Grundbuchdarlehen zum Ausbau ihrer Stellen und als Betriebsmittel vermittelte.

23.10.1927
Wahl des Gemeindevorstandes in Lockstedter Lager.
In der neu gebildeten Gemeinde Lockstedter Lager fand gestern die Wahl des Gemeindevorstehers und -Stellvertreters statt. Von 6 abgegebenen Stimmen entfielen 5 auf den bisherigen Gutsvorsteher Bohnsack, der damit zum Gemeindevorsteher gewählt ist. Zum Gemeindevorsteher Stellvertreter wurde mit 4 von 6 abgegebenen Stimmen gewählt Landmann Hans Sievers von der Lohmühle.

27.10.1927
Leserbrief Nachklänge zur Gemeindewahl in Lockstedter Lager.
Wer die Wahlbewegung zur Hauptsache aus der Vogelschau beobachtet hat, für den stellte sie sich immer als Sturm im Wasserglase dar. Es rast der See, er will Opfer haben. Jede sachliche Erwägung über die schwierige Zukunftsentwicklung des großen Siedlungsgebildes wurde zum Schweigen gebracht, persönliche Kleinfehde beherrschte das Feld.
Mit um so vergnüglicherem Schmunzeln hört man jetzt die Leute, die sich von den hochgehenden Wogen des arg getrübten Wässerchens treiben ließen, in letzter Stunde laut nach Darlegung der Grundsätze rufen, nach denen die Entwicklung der neuen Großgemeinde weitergetrieben werden soll. Dieser Notschrei erklingt angesichts der Gefahr, von zurück ebbendem Strudel verschlungen zu werden, seltsamerweise von den gleichen schwankenden Gestalten, die ihren Spitzenbewerber in einer Wahlversammlung fallen lassen mußten, weil er die peinliche Frage, wie er sein Volk zu führen gedenke, nichts vorzubringen wußte. Der dann emporgetriebene Verlegenheitskandidat suchte sogar jedem, der auf diese schwierigen Aufgaben hinzuweisen suchte, den Mund zu verbieten.
Und jetzt auf einmal will man mit Hilfe eifriger Freunde ein zugkräftiges Rattenfängerlied zusammen gedichtet haben! Wenn die angeblichen "Wähler der Liste Steffens" auch wohl von der Fabel des Wolfes im Schafspelze gehört haben, so haben sie ihre Rollen doch zu schlecht eingeprobt. Die Pferdefüße schauen zum Gelächter leider allenthalben zu deutlich hervor.
Hoffentlich haben die eigentlichen Einwohner des engeren Lagers diesmal genügend Lehrgeld gezahlt und lassen ihre unfruchtbaren Führer, durch deren Vorgehen sie zwischen zwei Stühle geraten sind und so ganz das Nachsehen haben, bei der nächsten Wahl ganz fallen und so die jetzt so betrübten Lohgerber in die wohlverdiente Versenkung verschwinden. Dann dürften sie mit Leichtigkeit ein und selbst zwei mannhafte Vertreter aus den Kreisen der Arbeitnehmer und des Mittelstandes in die Gemeindevertretung bringen können, die sich jetzt zu deren eigenem Bedauern aus lauter Siedlern und Landwirten der Siedlungsdorfschaften zusammensetzt.
Nachdem die Wähler entschieden haben, begrabe man jetzt die Streitaxt und lasse die neuen Gemeindevertreter und ihren Vorsteher an die Arbeit gehen. Not tut es höchstens, sie zu unermüdlicher Arbeit unaufhörlich anzuspornen, damit sie nicht, wie es bei den bisherigen Dorfschaftsvertretungen, zumal was größere Ziele und Zwecke anbetraf, drohte, einschlafen.
Denn dazu harren ihrer Aufgaben zu viele, und vielleicht ist der Tag nur kurz, wo sie wirken können. Aber auch an der Saat wird man die zu erwartenden Früchte und die kommende Ernte erkennen können.
Solon.

27.10.1927
Die Kraftpflügerei gewinnt auch in der Siedlung immer mehr Anklang. Nachdem die Ford Gesellschaft im Sommer mehrere Monate lang einen Kraftpflug in der Siedlung hatte laufen lassen, hat jetzt ein anderer Unternehmer sogar zwei je 25 Pferde starke Fordsons eingesetzt, um mit aller Beschleunigung das restliche Ödland urbar zu machen. Um auch die dunklen Morgen- und Abendstunden ausnutzen zu können, sind lichtstarke Bosch Scheinwerferlampen angebracht, die die Pflugfurche im Vorfelde auf 200 Meter taghell beleuchten. Bei ausreichender Ablösung kann somit wie in den Gewerbebetrieben auch im Landbau ununterbrochener Tag- und Nachtbetrieb durchgeführt werden. Auf Ödland reißt der Kraftpflug 3 bis 5 Morgen, auf urbaren Äckern sogar 10 Morgen täglich um. Die Kraftschlepper arbeiten vorläufig in Ridders, Hungriger Wolf, Hohenaspe und Peißen. Ferner haben sich zwei größere Besitzer in der Siedlung Springhoe gemeinsam einen starken deutschen Kraftschlepper zugelegt.

27.10.1927
Das hier abgehaltene Reiterfest hatte sich bei schönem Wetter eines guten Besuchs zu erfreuen. Nach einem Umzug durch den Ort begann in dem früheren Mannschaftspark das Ringreiten der 22 Reiter, bei dem besonders das schöne Pferdematerial allseitig gefiel, wie denn auch den Reitern in Haltung und Sitz lobende Anerkennung gezollt wurde, wobei allerdings das bei solcher Veranstaltung übliche Schmücken von Pferd und Reiter sehr vermißt wurde. An dem sich auf dem Sportplatze anschließenden Trabreiten beteiligten sich nur sieben Reiter, während an dem Rennen, das auf dem wegigen Gelände um den Kirchhof unter großer Spannung der vielen Zuschauer ausgetragen wurde, 11 Nennungen teilnahmen. Eingegangene Wetten wurden abends im Kasino, wo selbst Ball, Schießen und sonstige Volksbelustigungen stattfanden, erledigt.

28.10.1927
Um den Rentenerlaß für die Siedler.
Dem "Nordischen Nachrichtendienst" wird aus Berlin gemeldet: Eine im preußischen Landtag eingegangene Kleine Anfrage Milberg (Dnt.) beschäftigt sich mit der schwierigen Lage, in die die Siedler im Lockstedter Lager durch die Wetterschäden gekommen sind, da die Siedler über kein Betriebskapital verfügen und Kredite für sie noch viel schwieriger zu beschaffen seien als für andere Landwirte; sie wüßten nicht, wo sie das notwendige Futter für den Winter hernehmen sollen. Zu berücksichtigen sei auch,daß die Siedler infolge der jetzt vollzogenen Gemeindebildung neue Lasten zu tragen hätten. Das Staatsministerium wird um Auskunft gebeten, ob es bereit ist, den Siedlern die Rente für ein Jahr zu erlassen.

02.11.1927
Störung in der Lichtleitung.
Auffallend sind in der letzten Zeit die Störungen in der Lichtzufuhr hierorts. Auch am letzten Sonnabend versagte das Licht dreimal und scheint die Störung durch das Zusammenschlagen der Drähte verursacht worden zu sein. Eine durchgreifende fachmännische Instandsetzung der Leitung ist daher dringend erforderlich, damit endlich einmal die unhaltbaren Zustände in der hiesigen Lichtversorgung der Wohnungen aufhört.

03.11.1927
Leserbrief zu Siedlernot im Lockstedter Lager.
Von Landbundseite wird uns der nachfolgende Wortlaut einer in Lockstedter Lager Courier bereits kurz veröffentlichten, auf Veranlassung des Landbundes durch die Abgeordneten Milberg, Rüffer, Bayer (Kiel), Bundtzen, Howe und Frau Mehlis im preußischen Landtag hierzu eingebrachten Anfrage mitgeteilt:
"Die Siedler im Lockstedter Lager sind durch die Wetterschäden in ihrer ohnehin schon bedrängten Lage besonders hart getroffen. Bei dem Hafer liegt ein Ertagsverlust von 50 Prozent für den Durchschnitt der Siedlungsdörfer vor. Die Futterrüben sind außerordentlich verkümmert, so daß auch hier mit einem Ausfall von 30 bis 50 Prozent zu rechnen ist. Der erste Heuschnitt brachte einen Ausfall von cirka 30 Prozent, der zweite ist vollkommen verdorben. Die Kartoffelernte, auf die die letzte Hoffnung gesetzt wurde, zeigt einen Verlust von mindestens 30 Prozent.
Da die Siedler über kein Betriebskapital verfügen und Kredite für sie noch viel schwieriger zu beschaffen sind als für andere Landwirte, wissen sie nicht, woher sie das notwendige Futter für den Winter nehmen sollen.
Die Eintragung der Siedlerstellen in das Grundbuch, die vielleicht demnächst endlich eintreten wird, kann bei der derzeitigen Lage nicht allein helfen, denn durch die Eintragung wird es nur möglich werden, aufgelaufene Wechsel- und Bankschulden in Hypothkarkredite umzuwandeln. Dadurch werden die kleinen Stellen durch Rentenlast, wie durch umgewandelte Kredite derart belastet sein, daß neue Kreditmöglichkeiten ausgeschlossen sind.
Zu berücksichtigen bleibt, daß die Siedler infolge der jetzt vollzogenen Gemeindebildung ohnehin neue Lasten zu tragen haben werden.
Wir fragen an: Ist das Staatsministerium bereit, den Siedlern die Renten füe ein Jahr zu erlassen?"
G.W.

15.11.1927
Die Maul- und Klauenseuche und die Schweinepest sind zu allem Unheil dieses Jahres in verschiedenen Gehöften der Siedlungen ausgebrochen und lichten dort die Schweinebestände, in die man die heute doppelt teuren Futtermittel hineingesteckt hat.

15.11.1927
Die für die Ödlanddarlehen in Frage kommenden Flächen sind nach Vorbesichtigungen durch die Lehrer der Landwirtschaftsschule Itzehoe und Begutachtungen seitens der Dorfschaftsvorsteher jetzt erneut von einem Beauftragten des Kulturamtes in Augenschein genommen worden. Die genehmigten Anträge gehen nunmehr an den Oberpräsidenten zurück. Sobald sie dort bearbeitet sind, dürfte über kurz oder lang die Anweisung an das Kulturamt ergehen, den Siedlern die dringend benötigten und schon seit Monaten bereitgestellten Darlehen für ihre kostspieligen Urbarmachungsarbeiten auszuzahlen.

Antrag des Siedlerbundes Lockstedter Lager, e. V. an den Reichstag in Berlin vom 23. November 1928. Bilder zum Antrag.

Bericht des 17. Ausschusses (Landwirtschaftliches Siedlungswesen und Pachtschutzfragen) über die Eingabe Tgb. II. Nr. 4419 des Siedlerbundes Lockstedter Lager, abgesandt an den Reichstag am 03. Mai 1929

Zeugnis der Siedlungsdirektion Hagenah bei Stade


Die Zeitung wird fortgeführt.





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