Der Flugplatz Hasenheide

Erstmals wird im Buch "Geschichte Lockstedter Lager - Hohenlockstedt" im Kapitel über den Hungrigen Wolf behauptet, daß es auf dem Truppen-Übungsplatz Lockstedter Lager, Gemarkung Hasenheide, seit 1905 einen Flugplatz gegeben hätte. Dort hätten Luftschiffer-Abteilungen geübt und Flugzeuge wären generalüberholt worden. Diese Annahme wird in allen folgenden Veröffentlichungen ungeprüft übernommen und verbreitet. In dem Band "Pickelhauben und Kartoffeln" wird zusätzlich folgende Aussage gemacht: "Das jetzige Heeresfliegerregiment 6 kann auf eine lange Entwicklung der Militärfliegerei an diesem Ort zurück­blicken, die bis ins Jahr 1905 zurückgeht. So befand sich seinerzeit auf der "Hasenheide", einem ebenen Gelände im Holsteiner Wald, ein provisorischer Feldflugplatz.(1) Luftschiff-Abteilungen beobachteten das Artilleriefeuer auf dem Übungsplatz. Jagd- und Beobachtungsflugzeuge landeten dort, u.a. auch Leutnant Hiddensee, (richtiger Name Ferdinand von Hiddessen )(2) der als erster Pilot von einem militärischen Einsatz über Paris zurückflog".

In einem in der Norddeutschen Rundschau am 18.10.1996 erschienenen Bericht über die Vergangenheit von Hohenlockstedt stand in einem Absatz, daß auf dem Areal der Waldersee-Kaserne (gleichzusetzen mit dem Flugplatz Hungriger Wolf) die Luftschiffer-Abteilung stationiert war und zahlreiche Zeppeline von dort gestartet wären. Die Ansicht, daß im Lockstedter Lager oder auf der Hasenheide Luftschiffe gelandet oder gestartet wären, ist sehr weit hergeholt und kann eigentlich nur aus der Betrachtung von Postkarten des Fotografen Vahlendick aus Kellinghusen stammen. Herr Vahlendick kopierte in die Postkarten die Silhouette eines Luftschiffes vom Typ Zeppelin so, als würde es das Lager überfliegen. Die Idee dazu hatte er wohl bekommen als er Zeppeline auf Transitionsflügen von der Luftschiffstation Hannover zum Luftschiffhafen Tondern sah. Die Route führte am Lockstedter Lager vorbei. (Die Überflüge des Luftschiffes "Hansa" waren erst ab 1912) Die Berichterstatterin unterschrieb das Bild, auf dem ein Beobachtungsballon vom Typ Parseval-Sigsfeld, (gebaut bis 1916) zu sehen ist: "Vom Flugplatz Hungriger Wolf, wo heute Hubschrauber starten, stiegen früher Luftschiffe auf." Ich vermute, der Unter­schied zwischen Luftschiff und Fesselballon war nicht bekannt.

Allein der Aufwand, der notwendigerweise hätte betrieben werden müssen, um im Lockstedter Lager ein Luftschiff zu versorgen (Gas nachfüllen oder das Mooring (verankern) des Schiffes durchzuführen) wäre in keiner Weise für den Einsatz auf einem Truppenübungsplatz gerechtfertigt gewesen. Luftschiffe wurden nicht zum Beobachten der vorderen Kampfzone eingesetzt.

Diese Meldung war also nicht richtig, unzutreffend ist auch, daß an besagtem Ort Zeppeline gelandet oder aufgestiegen wären. Aber noch aus anderen Gründen ist es nicht sehr wahrscheinlich, daß 1905 ein Feldflugplatz auf der Hasenheide angelegt worden war. Der erste deutsche Flugplatz, Berlin-Johannisthal, nahm am 26.09.1909 den Flugbetrieb auf.

Weitere Gründe, die gegen einen Feldflugplatz sprechen. (Informationen über Aufklärungsfliegerei)

♦ Definition für Flugplatz:
"Flugplatz ist ein Gebiet von definierter Größe an Land oder auf dem Wasser (einschließlich aller Gebäude und Installationen) die notwendig sind für Ankunft (Landung) oder Abflug (Start) und allen damit verbundenen Bewegungen am Boden."

Der 17.12.1903 gilt als Beginn der Aera des motorgetriebenen Flugzeuges.

Das Deutsche Reich begann 1906 mit dem Aufbau einer Versuchskompanie für Motorluftschiffahrt beim Luftschifferbataillon in Berlin, die am 01.04.1907 den Dienstbetrieb aufnahm.

1910/1911, Umorganisation der Militärfliegerschule in ein Fliegerkommando und dann in eine Lehr- und Versuchsanstalt für das Militärflugwesen.

Am 22.September 1910 waren erst vier Offiziere im Besitz eines Pilotenzeugnisses, zwei weitere erhielten die Zeugnisse im Oktober.

Der erste von einer deutschen Flugzeugbesatzung durchgeführte Aufklärungsflug erfolgte im Mai 1911 im Rahmen eines Manövers im Rhein-Main Gebiet.

Erweiterung der Lehr- und Versuchsanstalt für das Militärische Flugwesen zu einem provisorischen Flieger-Bataillon am 01.April 1912 um 3 Kompanien. 01.Oktober 1912, Etatisierung der Königlich Preußischen Fliegertruppe. Stärke der Truppe 21 Offiziere und 306 Mann. Beschleunigte Beschaffung von Rumpler-Tauben und Doppeldeckern. Gesamtbestand am Jahresende 153 Luftfahrzeuge.

Ab September 1913 erfolgte eine weitere Umorganisation. Waren bisher die Flugzeuge der mobilen Fliegerabteilungen in die Einheiten eingefügt, so hatte sich nach einem Manöver die Erkenntnis durchgesetzt, daß die abgerüsteten Flugzeuge den Landmarsch behinderten und daß sie für die Dauer des Marsches nicht einsetzbar waren. Die Abteilungen bildeten von nun an Vor- und Nachkommandos für die Betreuung und Versorgung von Flugzeugen und Personal. 01.10.1913 Bildung der Inspektion Luftschiffertruppen und Fliegertruppen. Die Fliegertruppe wurde auf 4 Bataillone vermehrt. Ihnen unterstanden 11 Fliegerstationen mit 12 Kompanien. Durch Mobilmachungsbestimmungen wurden weitere 33 Feldfliegerabteilungen aufgestellt.

Weiterhin spricht gegen eine Nutzung der Hasenheide durch "Flieger", man kannte das Einschießen der Artillerie mit Hilfe von Beobachtungsmeldungen vom Ballons aus in Friedenszeiten nicht, demzufolge wurde die Zusammenarbeit zwischen Artillerie und Beobachtungsballon auch nicht vorschriftsmäßig exerziert. Versuche, die bei Altenwalde, in der Nähe des Luftschiffhafens Nordholz, im August 1902 stattfanden, waren als unrealistisch apostrophiert worden, weil der Fesselballon direkt über der schießenden Batterie schwebte. Dies hatte zwar den Vorteil, daß das Fernmeldezelt der Luftschiffer beim Gefechtsstand der Batterie aufgebaut werden konnte, somit beinahe direkt telefonisch mit dem Ballon verbunden war. Der Nachteil wog schwer, die Artillerie konnte sofort aufgeklärt und jeweils nur eine Batterie eingeschossen werden.

Durch Herrn Georg Struve aus Schenefeld ist überliefert, daß während des Ersten Weltkrieges ab und zu eine Rumpler Taube "am Firmament" erschien. Er berichtete auch, daß Zeppeline das Gebiet überflogen. Daneben schrieb ein Soldat auf einer Postkarte, "Am 17.04.1912 gegen 1/2 7 landete ein (Frei)Ballon mit 2 Offizieren aus Berlin. Die Offiziere fuhren noch am gleichen Abend nach Berlin zurück. Der Ballon wurde am 18.04. mit dem Zug zurück expediert".

Anmerkung: Freiballon fahren gehörte zur Ausbildung der Offiziere, die als Piloten oder Beobachter vorgesehen waren. Bei Kaisermanövern bediente man sich des Signalballons. Wollte sich die oberste Leitung über den momentanen Stand des Gefechts an allen Punkten der einheitlich nicht zu übersehenden Linie Kenntnis verschaffen, so wurde mit dem Signalballon das Zeichen: "Das Ganze - Halt!" gegeben. Der Signalballon war für beide Parteien weithin sichtbar und bezeichnet außerdem gleichzeitig den jeweiligen Standort der Manöverleitung, also des Kaisers im Kaisermanöver. Die Signalanlage bestand aus einem großen Fesselballon nebst Flagge und gewann je nach Zahl und Art seiner Anhängsel in Gestalt von Kugeln oder zylindrischen Formen besondere Bedeutungen. Diese wurden dann durch Hornsignale an alle Leitungen übermittelt.

Wo liegt die Hasenheide?
Die Hasenheide liegt zirka 2 km in ostwärtiger Richtung vom Flugplatz Hungriger Wolf entfernt.

Warum würde man Fesselballone von der Hasenheide aufsteigen lassen?
Die Geländegegebenheiten wären ideal, sie entsprächen den Forderungen für den Einsatz eines Ballontrupps (später Feldluftschiffer-Abteilung. An- und Abtransport des Gerätes sowie An- und Abmarsch des versorgenden Personals könnte außerhalb der Schießbahnen auf einem befestigten Weg erfolgen. Weiterhin wäre der Trupp durch den Wald gegen den vorwiegend aus Südwest bis West wehenden Wind gut geschützt, ein nicht zu vernachlässigender Vorteil bei der Vorbereitung zum Aufstieg eines Ballons. Ein weiteres wichtiges Detail für diese Ortswahl wäre aber der Umstand, daß die Hasenheide außerhalb der Schießbahngrenzen lag und von dem dort aufgelassenen Ballon mehrere Batterien hätten eingewiesen werden können.

Zu den Aufnahmen.
Der Ballon ist mit einer Winde verbunden, der Beobachtungskorb ist unter dem Ballon. Links im Bild ist das Fernmeldezelt zu erkennen. Rechts im Bild sitzt ein Beobachter in seiner typischen Bekleidung auf einer Protze. Die Position des Photographen ist nicht genau zu bestimmen, nach Kartenlage befand sich der Ballon an der Gaffron Ecke. Tageszeit Nachmittag. Aufnahmerichtung nach meiner Einschätzung Südsüdost.

Das Datum der Aufnahme wird mit 1909 angegeben.

Ein zweites Foto, das immer wieder zur Begründung herangezogen wird, zeigt eine Rumpler Taube, die nicht im Heidekraut und bestimmt nicht auf der Hasenheide steht. Hinter dem Flugzeug stehen Zivilpersonen. Eine Frau mit einem Kind steht am rechten Bildrand und betrachtet das Geschehen. Hinter dem Hut der Frau ist der Schießkorb des Wasserturmes zu erkennen. Der Wasserturm selbst ist durch eine Baumreihe verdeckt. Wäre dies die Hasenheide, dann müßte der Wasserturm am linken Bildrand sein und nach Kartenlage freistehen. Das Bild ist nicht gespiegelt, die Offiziere tragen das Militär Feldfliegerabzeichen auf der linken Seite der Uniformjacke. Diese Rumpler Taube war keinesfalls zur Reparatur hier. Es wäre auch ungewöhnlich den weiten Weg von der Westfront zur Hasenheide zu machen, um hier repariert zu werden. Reparaturen wurden an der Front gemacht oder in schweren Fällen wurde das Flugzeug zu einem Flugzeugpark abgeschoben. Viel wahrscheinlicher ist, daß der Pilot gemeinsam mit Artilleristen das Einschießen einer oder mehrerer Batterien übte.
(In der Bildunterschrift wird bei Glissmann die Taube als Bombenflugzeug bezeichnet. In Konsequenz hätte es auch als Jagdflugzeug bezeichnet werden können, weil die Besatzung mit Pistolen bewaffnet war und feindliche Flugzeuge beschießen konnte. Die Taube war ein Aufklärungsflugzeug, das - "bewaffnet" - werden konnte.)


1 Feldflugplätze sind provisorische Landeplätze von zeitlich begrenzter Dauer, der Betrieb wird mit mobilen Einrichtungen aufrecht erhalten.

2 Leutnant Ferdinand von Hiddessen wurde am 17.12.1887 in Westphalen geboren. Am 17.Januar 1911 erhielt er als Leutnant im Großherzoglich Hessisches Leib Dragonerregiment (2.Großherzogl. Hessisches) Nr.24 vom Deutschen Luftfahrtverband als 47.Pilot sein Pilotenzeugnis. Vom 10. bis 22.Juni 1912 flog er zur Demonstration als Postflieger im Rhein-Main-Gebiet. Er wechselte von den Dragonern zur Fliegertruppe und flog 1913 zum erstenmal das Lockstedter Lager an. Bei Beginn des Krieges wurde er Pilot in der Feldfliegerabteilung Nr.11, erster Einsatz in Belgien als Aufklärungsflieger. Mitte August 1914 lag seine Abteilung in der Nähe von Saint-Quentin. Am Abend des 29.August 1914 erhielt er den Befehl mit seinem Beobachter nach und über Paris zu fliegen und dort Bomben und Flugblätter abzuwerfen. Am Sonntag 30.August kurz vor 11:00 Uhr startete die Besatzung und war gegen 12:20 Uhr über Paris. Der Albatros Doppeldecker, der über der französischen Hauptstadt kreiste, war das erste deutsche Kriegsflugzeug am Pariser Sonntagshimmel. Die auf den Flug mitgenommenen fünf je 2 Kg schweren Bomben wurden abgeworfen, es explodierten drei Bomben, die aber nur wenig Schaden anrichteten. Mehrere Fensterscheiben gingen zu Bruch, zwei Frauen wurden sehr leicht von herumfliegenden Teilen verletzt. Die abgeworfenen Flugblätter sammelte die Bevölkerung ein und übergab sie den Behörden. Für den Einsatz bekam die Besatzung das Eiserne Kreuz 2.Klasse und durfte weiterhin als Aufklärungsflieger in den Einsatz gehen. Am 04.Februar 1915 wurde Leutnant von Hiddessen mit seiner Albatros in der Nähe von Verdun vermißt. Zwei Tage später warf eine französische Maschine über der deutschen Linie einen Brief an die Mutter von Hiddessen ab. Darin hieß es, daß von Hiddessen infolge eines Vergaserbrandes landen mußte. Während des Landevorganges sei die Maschine von den Franzosen beschossen worden. Der Beobachtungsoffizier erhielt eine Schußverletzung, die ihn sofort tötete, Hiddessen wurde am Arm verletzt und in ein Lazarett gebracht, wo er behandelt wurde. Hier konnte er auch den Brief schreiben und an einen Piloten mit der Bitte übergeben ihn über deutschen Stellungen abzuwerfen, was der Pilot offensichtlich getan hat. Hiddessen blieb bis Kriegsende in französischer Gefangenschaft.

siehe unter 1911-1914 Juli 1913: Besuch des Leutnant von Hiddessen im Lockstedter Lager

Quellen zu F. v. Hiddessen:
Flugsport 1915 VII.Jahrgang; Ursinus, Oskar
Buch der deutschen Fluggeschichte; Klemm AG Berlin; 1935 1.Auflage Supf, Peter
Casualties of German Air Services 1914-1920; Grub Street, London 2000



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