Ausbildung der finnischen Freiwilligen
im Lockstedter Lager

1890 begannen die Finnen nach Unabhängigkeit zu streben und suchten bei verschiedenen Ländern Hilfe und Unterstützung für ihr Vorhaben. Der Grund, warum die Finnen selbständig werden wollten, lag einmal mehr im Verhalten der Russen, die das Volk immer mehr auspreßten und schikanierten. Die Finnen nahmen Kontakt mit England, Schweden und Japan auf. Japan führte Krieg gegen Rußland, schloß aber kurz nach der Kontaktaufnahme mit Rußland Frieden. Auch die Hoffnung, daß sich durch die aufkeimende Revolution in Rußland die Lage des Landes verbessern könnte zerschlug sich, als die Revolution noch im Ansatz mit brutalen Mitteln verhindert wurde. Der Weltkrieg, der gerade begonnen hatte, weckte neue Hoffnungen bei den Aktivisten. Am 27.Oktober 1914 wurde in Finnland schließlich eine Vereinigung gebildet, die sich mit den Möglichkeiten der Befreiung von Rußland näher befaßte. Das russische Manifest vom 17.November 1914 war ein weiterer Anlaß für Studenten und Aktivisten über die Befreiung zu diskutieren. Am 20.November trafen sich die Gleichgesinnten wieder, um intensiv über den Weg zur Unabhängigkeit von Rußland nachzudenken. Man kam auf dem Treffen überein, mit Dänemark und noch einmal mit Schweden Sondierungsgespräche über die Möglichkeiten einer militärischen Unterstützung und Ausbildung finnischer Freiwilliger zu führen. Die Gespräche blieben ohne Resultat. Schweden berief sich auf seine Neutralität und Dänemark begründete die Ablehnung mit fehlenden Kapazitäten. Daraufhin richtete die Gruppe ihre Blicke auf das Deutsche Reich. Das "Provisorische Komitee für die aktivistische Bewegung" schickte am 02.Dezember 1914 den Ingenieur Bertel Paulig und den Studenten Walter Horn zur deutschen Botschaft nach Stockholm um dort bei dem Militär-Attaché für ihre Idee zu werben. Man hoffte, daß die deutsche Wehrmacht 150 junge Finnen zu militärischem Führungspersonal ausbilden würde. Ein in Berlin gegründetes "Finnisches Büro" sollte Verhandlungen mit den zuständigen Ministerien, betreffend der finnischen Ausbildungswünsche, führen. Wichtige Personen im Hinblick auf den späteren Aufenthalt der Finnen im Lockstedter Lager waren: Dr. Herman Gummerus, Fritz Wetterhoff, der deutsche Marine Attaché Fischer-Lossainen, der deutsche Heeres Attaché Major von Aweyden und Oberstleutnant/Oberst von Zimmermann vom Generalstab und schließlich der Vertrauensmann in finnischen Angelegenheiten, Konsul Goldbeck-Löwe, der bis zum Kriegsbeginn in Helsinki und danach in Stockholm residierte. Deutschland willigte in das Ansinnen der Finnen ein und begann seinerseits mit der Suche nach einem geeigneten Lehrgangsleiter. Mit Beginn der Jägerbewegung gründete Isak Alftan in Stockholm ein "Informationsbüro", das von 1915-1918 dazu diente, geheimdienstliche Nachrichten zwischen Finnland und Deutschland auszutauschen.

Von Deutschen die Anfang August aus Finnland in Berlin angekommen waren, wurde berichtet, daß die Stimmung der finnischen Bevölkerung einmütig gegen Rußland gerichtet sei. In Helsingfors würden jeden Abend um 21:00 Uhr die Lichter gelöscht. Kein Mensch dürfe die Straße mehr betreten. Alle Arten von Waffen wären eingezogen und selbst Äxte wurden abgeholt. Man rechnete in Helsingfors damit, daß die Russen selbst die Befestigungswerke der Stadt zerstören würden. Die Schiffahrt bei Helsingfors bereite den Russen große Schwierigkeiten, da sie die zahllosen Klippen nicht kennen würden. Ein Kriegsschiff sei dort vor acht Tagen aufgelaufen, ein zweites durch Minen zerstört. Die Finnen allein würden die Gewässer kennen, aber die Russen vertrauten sich ihnen nicht an. Finnische Frauen trügen heimlich in ihren Jacken die deutschen Farben eingenäht.

Major Bayer nahm am Angriff auf Lüttich als Kommandeur des II./Infanterieregiment Nr.27 teil und erhielt für bewiesene Tapferkeit das Eiserne Kreuz. Am 08.August wurde Major Bayer Kommandant von Lüttich. Danach vom 30.August bis 05.Januar war er Kommandant von Brüssel. Im Januar 1915 wurde er aus dem in Belgien laufenden Kampfgeschehen herausgenommen und nach Berlin befohlen, um ein Programm für die Pfadfinderausbildung in der Türkei zu entwerfen, wurde aber innerhalb von zwei Tagen von dem Projekt abgezogen. Der Befehl lautete: "Major Bayer leitet auf dem Truppenübungsplatz Lockstedter Lager einen Pfadfinderkurs. Die Teilnehmer des Kurses sind Finnen." Major Bayer war sofort klar, daß es sich bei dieser Aufgabe nicht um die Ausbildung von Pfadfindern handeln könne, es wurde ihm mitgeteilt, daß das ganze Manöver zur Tarnung der militärischen Ausbildung von finnischen Freiwilligen diene. In Berlin traf Major Bayer seinen ehemaligen Bataillons-Adjutanten, Oberleutnant Eduard Ausfeld, dem er gesagt haben soll, wenn Ausfeld Geschichte schreiben wolle, dann solle er sich zum Kurs im Lager bei Lockstedt melden. Major Bayer reiste am 15.Januar ins Lager bei Lockstedt um Vorbereitungen für den Kurs zu treffen. In Absprache mit dem Lagerkommandanten wurden Unterkünfte und Einrichtungen zugewiesen. Das Kriegsministerium kommandierte deutsche Ausbilder für die Finnen ins Lager. Major Bayer stellte Verhaltensregeln für die Finnen auf. Die Bewachung und Abgrenzung des Geländes wurde geregelt. Die Finnen erwartete, Zitat: "Neben der Disziplin, spartanische Genügsamkeit und Kärglichkeit des täglichen Daseins. Dazu harte Arbeit, täglich 7 Stunden Übungen, 1 Stunde Unterricht, hartes Lager in Schlafsälen, Verzicht auf jede Bequemlichkeit, einfache und eintönige Kost."

22.Januar 1915
Der erste Pfadfinder, der Student der Veterinärmedizin, G.Öhman, reiste von Stockholm nach Berlin, dort wurde er von der finnischen Gemeinschaft bis zur Weiterleitung zum Lager bei Lockstedt aufgenommen. Er wird als Jäger Nummer 1 geführt.

26.Januar 1915
In Berlin fand eine Sitzung mit den Teilnehmern, Legationssekretär Weber vom Außenministerium, Oberstleutnant Zimmermann vom Generalstab und Fritz Wetterhoff vom finnischen Büro statt. Es wurde wieder einmal über die Dauer und die Art der Ausbildung gesprochen. Der Kurs sollte am 15.Februar beginnen und 4 Wochen dauern vielleicht auch länger. Es war geplant und abgesprochen worden, daß 200 finnische Freiwillige eine paramilitärische Ausbildung erhalten. Die Herren legten die Art und Weise der Durchführung der Anreise der Freiwilligen nach Deutschland fest und sprachen über Rechte und Pflichten der Finnen, die sie während des Aufenthaltes im Lager hätten. Nach Abschluß des Kurses sollten sich die Finnen nicht zu lange in Deutschland aufhalten, Deutschland fühle sich nicht verantwortlich für die Kursteilnehmer, falls der Kurs vorher beendet würde. Wetterhoff befürchtete, daß die kurze Ausbildung der Finnen nur dem deutschen Heer helfen solle und die Ausbildung sich darauf beschränken würde, daß die Freiwilligen später für das deutsche Heer nachrichtendienstliche Tätigkeiten oder Sabotageaufträge im karelischen Gebiet durchführen konnten. Den finnischen Aktivisten schwebte aber die Ausbildung der Freiwilligen zum militärischen Führer, wie Gruppen-, Zug- und Kompanieführer vor. Die verantwortlichen Stellen auf deutscher Seite sahen es als problematisch an die Finnen in deutsche Uniformen einzukleiden, denn dies würde dem vorgeschobenen Pfadfindergedanken nicht gerecht werden, dazu käme, daß der höchste Pfadfinder Deutschlands, Major Bayer, die Leitung des Pfadfinderkurses hätte. Durch die Pfadfinderuniform könne man nach außen hin betonen, daß die Jünglinge nicht mit der deutschen Wehrmacht in Verbindung stehen würden. Die Uniform war aber nicht uniform, sondern unterschiedlich. Aus deutscher Sicht wurde die Uniform wie folgt beschrieben: Khakihemd und graugrüne Segeltuchjacke und -hose und ein gleicher Hut. Der Pfadfinderhut war, nach der Art wie ihn die deutschen Schutztruppen in Südwestafrika trugen, an der Seite hochgeklappt.

Ende Januar 1915 trafen die deutschen Ausbilder ein. Anfang Februar unterrichtete Major Bayer das deutsche Personal darüber, daß nur nach den Grundsätzen des Pfadfinderbundes ausgebildet werden würde, die keinerlei militärische Ausbildung beinhalteten. Er bekräftigte seinen Befehl, wonach für die "Pfadfinder" striktes Alkohol- und Rauchverbot bestehe und aus Geheimhaltungsgründen darauf zu achten sei, daß keiner der Finnen fotografiere. Ferner wies er darauf hin, daß er als Lehrgangsleiter keinerlei disziplinare Gewalt über die Pfadfinder habe, disziplinare Maßregelungen müßten mit dem Büro in Berlin geregelt werden. Mit seinen Ansichten bezüglich Nikotin und Alkohol stieß Major Bayer bei seinen Untergebenen und auch später bei den Finnen auf Unverständnis. Es würden doch keine Kinder sondern erwachsene Männer ausgebildet. In Bezug auf die Disziplin sei anzumerken, daß die Finnen die Bestrafung vielfach selbst in die Hände nahmen. Wenn jemand diszipliniert werden mußte, so geschah dies in Form von "Stubenkeile". Die Tatsache, daß jemand zurechtgewiesen wurde, war an dem ungewöhnlich lauten Gesang der aus einer Baracke kam festzustellen, so wurde das Geschrei des Disziplinierten übertönt.

02.02.1915
Ein chiffriertes Telegramm mit nachfolgendem Wortlaut erreichte die Aktivisten in Finnland: "Nachrichten von Ihrem Vater. Entscheidende Verbesserung. Arzt hofft vollständige Genesung zwei Wochen. Hellberg". (Deckname für Dr.Gummerus) Dies bedeutete, daß die Verhandlungen in Berlin so gut wie abgeschlossen waren und der Lehrgang in zwei Wochen beginnen sollte.

Am 03.Februar 1915 meldete sich die erste Gruppe der finnischen Freiwilligen im Kontaktbüro in Stockholm. Nummer 1-4 waren Aarne Snellman, Sven Weckström, Janne Ahlroth und Friedel Jacobson. Täglich folgten nun neue Gruppen Nr.7 Bertel Paulig, 9 Pehr Norrmen, 12 Walter Horn, 46 Runar Appelberg, (Runar Appelberg war von Anfang an wohl die wichtigste Integrationsfigur für die Finnen im Lager). Das Durchschnittsalter der Freiwilligen betrug 24 Jahre. (Jüngster 15 Jahre, ältester 49 Jahre) Im Kontaktbüro wurden die Finnen mit deutschen Reisepässen, die nur bis Sassnitz gültig waren, ausgestattet und auf die Reise nach Berlin geschickt. Vor der Abreise aus Finnland konnten die Freiwilligen nicht in die zu beachtenden Vorsichtsmaßnahmen eingewiesen werden. In Stockholm wurde ihnen aufgegeben, daß sie zu ihrer eigenen Sicherheit während der Fahrt nicht sprechen sollten, weder mit Fremden noch untereinander. Einige Freiwillige, die das Gebot nicht befolgten wurden von der Polizei in Altona verhaftet und in Gewahrsam genommen. Namenverzeichnis
♦ Anmerkung:
Dieser Reisepaß wurde noch einmal benutzt. Ausreise Sassnitz am 29.Juni, Einreise Sassnitz am 03.Juli 1915

10.02.1915
Der Kommandant des Lagers, General von Bonin verfügte, daß die Pächter der Kantine 7, die Familie Böge, den großen Saal zu bestimmten Zeiten für die Finnen zur Verfügung zu stellen hätten. In diesem Saal sollten die Finnen die Mahlzeiten einnehmen. Während sie ihr Essen einnahmen, durften außer den Ausbildern keine anderen deutschen Staatsangehörige anwesend sein. Den Wirtsleuten war es verboten Schnaps und / oder stärkere Biere auszuschenken. Es war ihnen verboten Flaschen mit alkoholischen Getränken zur Schau zu stellen, selbige waren vor der Esseneinnahme von den Regalen zu entfernen. Zu besonderen Anlässen war es gestattet Dünnbier an die Pfadfinder auszugeben. Für die Finnen wurde ein mit Stacheldraht umschlossenes Gebiet an der Gravelotte Straße, um die Massiv Baracke V bis zum Franzosenfriedhof abgesperrt. An der Gravelotte Straße war der Eingang mit Wache, zur Küche 8 gab es einen Durchgang. Später kamen die Massiv Baracken IV und I (in dieser Reihenfolge) als Unterkunft hinzu.

15.02.1915
Major Bayer besprach erneut mit seinen Untergebenen Dauer und Form der Ausbildung der Finnen. Er verwies noch einmal darauf, daß als einziger Anhalt die Regeln des deutschen Pfadfinderbundes gelten würden. Der Lehrgang bekam den Decknamen "Feldmeister Lehrgang". Feldmeister ist die Bezeichnung eines Pfadfinderführers, rangmäßig vergleichbar mit einem militärischen Zugführer. Das hieß, daß während des Kurses junge Männer, die später eine militärische Führungsposition bekleiden sollten, nach Pfadfinderregeln ausgebildet werden würden, ein Konzept, das nie aufgehen konnte. Nicht lange nach Beginn der Ausbildung sollte sich das Fehlen von Ausbildungsmaterial, klaren Befehlen und entsprechenden Regeln, woran sich der Lehrgangsleiter orientieren konnte, negativ bemerkbar machen. Dies war aber nicht das gravierendste Manko, im Laufe des Lehrganges baute sich eine Sprachbarriere auf. Auf die Finnen wartete im Lager eine vorher nicht gekannte Strenge, Strammstehen und zu duldender stillschweigender Gehorsam.

25.02.1915
Es war ein eiskalter Wintertag. Schneidender Westwind, der über der Nordsee Feuchtigkeit aufgenommen hatte. In den vergangenen Tagen hatte es getaut, überall in den Gräben stand Schmelzwasser, die Schneewehen, die noch vorhanden waren, hatten ein schmutziges Aussehen. Es war schnell dunkel geworden, heute sollten die ersten 19 finnischen Freiwilligen mit dem Zug am Lagerbahnhof eintreffen. Major Bayer, seine Offiziere und einige Ausbilder empfingen die Finnen am Bahnhof Lockstedter Lager und führten sie ins Lager. In der Massivbaracke V wurden die Freiwilligen untergebracht. Es war für sie ungewohnt in eine triste Stube zu kommen, in welcher zwei Reihen doppelstöckige Eisenbetten mit Strohsäcken und einer Decke platziert waren, an den Wänden standen schmale Schränke, von deutschen Soldaten als Spind bezeichnet. An einer Wand stand ein Tisch mit drei Stühlen. Verständigungsschwierigkeiten zwischen den künftigen Vorgesetzten und "Pfadfindern" gab es keine, da die ersten Finnen allesamt Freiwillige mit einer akademischen Ausbildung waren, die in Finnland als erste Fremdsprache deutsch gelernt hatten. Die Unterkunft für die Teilnehmer des Feldmeisterkurses war schon abgesperrt und durch Landsturmsoldaten bewacht.

26.02.1915
Der Wetterbericht der Hamburger Wetterdienststelle sagte für diesen Tag voraus, daß es etwas kälter werden würde bei wechselnder Bewölkung und leichten nördlichen Winden, stellenweise sei mit Schneefall zu rechnen, Temperaturen im Minusbereich.

Weitere 36 finnische Freiwillige trafen am Bahnhof ein und wurden von ihren Landsleuten, die schon einen Tag im Lager waren abgeholt und zur Unterkunft gebracht. Am nächsten Morgen wurde ihnen die Uniform ausgehändigt: lange und kurze Hose, Strümpfe, brauner Gürtel, grüner Jägerhut, dazu zwei Unterhosen, zwei Unterhemden und ein Halstuch.

27.02.1915
Dienstbeginn für alle Pfadfinder war 06:30 Uhr, Mittagessen 12:30 Uhr, Dienstschluß 19:30 Uhr, Bettruhe ab 22:00 Uhr. Militärischer Dienst (exerzieren) von 08:00 bis 12:00 Uhr und von 15:00 bis 18:00 Uhr, dazwischen Unterricht durch die Hauptleute der 1./Kompanie Knaths und Just sowie der 2./Kompanie Bade und Heldt.

01.03.1915
Am späten Abend trafen 10 Freiwillige von Hamburg kommend auf dem Bahnhof ein. Es war kein Empfangskommando zur Stelle, das die Ankömmlinge zum Pfadfinderlager gebracht hätte. Sie versuchten sich auf eigene Faust im Lager zurechtzufinden. Nach einer kurzen Zeit gaben sie ihr Vorhaben auf und gingen zur Lagerkommandantur. Der Finne Pehr Norrmén erklärte dort in gebrochenem deutsch, daß sie den Pfadfinderkurs suchten. Ein Unteroffizier von der Wache brachte sie nach kurzer Wartezeit zur Baracke. Eine erste Einweisung bekamen die Neuankömmlinge von ihren bereits anwesenden Kameraden, diese wiesen ihnen eine Stube zu und zeigten ihnen die Kantine wo sie noch etwas zu essen bekamen.

05.03.1915
Die Führung des Kurses sah ihre mehrfach beim Kriegsministerium vorgetragenen Bedenken, die Kürze des Kurses betreffend, bestätigt. Man könne nicht innerhalb von vier Wochen ungeübte Zivilisten zu perfekten Soldaten und Führern machen. Dazu käme, daß sich die neu ankommenden Teilnehmer einzeln oder grüppchenweise und zeitlich nicht vorhersehbar melden würden und jedesmal müsse mit der Ausbildung bei Null begonnen werden. Major Bayer stellte deshalb erneut beim Kriegsministerium einen Antrag auf eine dringend notwendige Verlängerung des Kurses.

10.03.1915
Major Bayer besprach mit den Finnen die augenblickliche Lage, so wie sie sich aus seiner Sicht darstellte. In Berlin habe man noch nicht entschieden ob der Lehrgang verlängert werde. Am Ende der Besprechung fragte er die Finnen ob sie für eine Verlängerung des Kurses seien. Die Finnen waren dafür und Major Bayer versprach, wieder mit den verschiedenen Stellen in Berlin zu verhandeln. Am 11.März hatte sich die Zahl der Finnen im Lager auf 100 erhöht. Ende des Monats waren es bereits 185 Mann.

15.03.1915
Major Bayer führte ein Beförderungssystem ein, wonach verdiente Freiwillige zum "Stellvertretenden Gruppenführer, Gruppenführer, Zugführer oder Kompanieführer" befördert werden konnten. Dies bedeutete, daß die Beförderten lernen mußten, daß sie im Dienst Vorgesetzte ihrer Kameraden waren. Der einzige Vorteil den die Beförderten hatten war, sie brauchten keinen Stubendienst mehr zu machen. Es gab keine Solderhöhung, der Sold pro Tag betrug 1 Mark. Gekennzeichnet waren die Vorgesetzten durch Bänder am Unterarm wie folgt: Stellvertretender Gruppenführer ein grünes, Gruppenführer ein weißes, Zugführer zwei weiße und der Kompanieführer drei weiße Bänder.

Das Wetter im März war mehr als durchwachsen. Die Temperaturen erreichten um den 20.März mit Minus 10° in der Nacht und Tagestemperaturen von Minus 5° den Tiefstpunkt. Durch ergiebige Schneefälle und kräftige Winde hatten sich überall Schneeverwehungen gebildet. Temperaturen bis 29.März um Minus 5-6°, vereinzelt Graupelschauern.

Als Major Bayer in der letzten Woche im März in Berlin weilte, stellte sein Ausbildungspersonal im Lockstedter Lager die Ausbildung von der Pfadfinderausbildung komplett auf preußischen Drill um. Alle Ausbilder waren sich einig, wenn diese Freiwilligen in den Krieg ziehen sollten, dann mußten sie mehr können als sich im Felde zu orientieren. Zuständig waren für Pionierausbildung Hauptmann Walter Just, Infanterie Gefechtsausbildung Hauptmann Hans Bade, Maschinengewehr Ausbildung Oberleutnant Lemke, Waffen und Geräteausbildung die Feldwebel Peper und Steinmüller, unterstützt wurden sie dabei durch eine größere Anzahl von deutschen Gruppenführern. Die militärische Ausbildung machte Fortschritte, kein Finne fühlte sich beschwert und Major Bayer änderte nichts an der Ausbildung nachdem er aus Berlin zurückgekommen war. Jedoch bestand er weiterhin darauf, daß die Pfadfinder im Erkennen und Lesen von Spuren ausgebildet werden. Er führte seine in Südwest Afrika gemachten positiven Erfahrungen an, wo ihm Angehörige der Bastards als Spurenleser und Führer zur Seite standen. Er zitierte immer wieder ein besonderes Erlebnis, das er auch in seinem Buch "Der Krieg in Südwest Afrika" niedergeschrieben hatte. Zitat: "Wir ritten... zwischen den schroffen kahlen Felshängen, die Okahandja nördlich vorgelagert sind. Plötzlich machten mich die Reiter auf eine schwarze Gestalt aufmerksam, die zu unserer Rechten auf einem Felsgrat stand. Mechanisch faßten wir nach dem Gewehr und blickten während wir die Zügel fallen ließen, unter der vorgehaltenen Hand gegen den blendenden Himmel. Der Bastard, der vor uns ritt, sah auch einen Augenblick hinauf und meinte gleichmütig 'Is Povian'. 'Woran erkennst du denn, daß das ein Pavian ist, das könnte doch auch ein Hèrero sein?' Der Bastard drehte den Kopf nach der Seite. 'Hèrero liegt immer, schwarzer Minsch steht nicht auf der Klippe -, wenn Minsch steht, ist Affe oder Weißer'." Das Spurenlesen wurde beibehalten und gelehrt. Es gibt Berichte, daß deutsche Soldaten, die im zweiten Weltkrieg in Karelien waren, von dieser den Finnen antrainierten Fähigkeit überrascht waren.

In Berlin war Major Bayer eröffnet worden, daß die russische Polizei auf die kontinuierliche Landflucht in Finnland aufmerksam geworden sei und daß bestimmte Personen zur Fahndung ausgeschrieben wären. Es sei notwendig die Anwesenheit der Finnen im Lockstedter Lager weiter zu verschleiern und die Bewegungsmöglichkeit der Finnländer zu beschränken. Daraufhin telefonierte Major Bayer am 29.März aus Berlin mit Hauptmann Bade und befahl ihm, dafür zu sorgen, daß kein Finne das Lager verlasse.

01.04.1915
Am heutigen Tag wäre Otto von Bismarck 100 Jahre alt geworden, für die Deutschen ein Grund zum Feiern, auch die Feldmeister profitierten davon. Die Lehrgangsführung veranstaltete einen Feierabend an der Lohmühle. Bei einem großen Lagerfeuer, Reden über Hindenburg und Soldatenliedern durften zwei Bier genossen werden. Nach der Feier war dienstfrei. Der Rest des Abends wurde von vielen in einem Cafe, einer Kantine oder Lokalität bei Bier und Gesang verbracht.

Mit gleichem Datum wurde den Finnen von ihrem Sold in Höhe von 1 Mark der Betrag von 20 Pfennig für die Kompaniekasse abgezogen. Aus dem gesammelten Betrag wurden Beihilfen zu Festen, zur Reiseunterstützung oder Urlaubsbeihilfe gewährt. Alle fünf Tage wurde das verbliebene Tagegeld ausbezahlt. Von ihrem Guthaben kauften sich die Männer Zucker, Pflanzenbutter oder Margarine, Tabak und ab und zu ein bis zwei Bier.

02.04.1915
Das Kriegsministerium hatte in den Augen des Major Bayer einer kümmerlichen Verlängerung des Kurses um zwei Wochen zugestimmt, es hatte auch noch zur Bedingung gemacht, daß dies nur für die derzeit ausgebildete militärische Führungsgruppe gelten würde. Alle anderen dürften nur die restlichen zwei Wochen ausgebildet werden.

06.04.1915
Am diesem Tag gab Major Bayer wieder einmal den Finnen die neue Lage bekannt. Sie würden am Ende des Kurses Zeugnisse bekommen und sie könnten dann tun und lassen was sie wollten. Er sagte, daß man den Freiwilligen in Deutschland Arbeitsplätze beschaffen wolle, sie könnten aber auch in das deutsche Heer eintreten. Major Bayer hatte in Hamburg und Berlin Büros eröffnet, die sich darum kümmerten, daß Finnen, die aus dem Kurs ausscheiden mußten in Deutschland einen Arbeitsplatz fanden. Der Jäger Harald Silander berichtete seinen Eltern in einem Brief, daß sich die Stimmung im Lager verschlechtert hätte. Major Bayer sei aus Berlin mit schlechten Nachrichten zurückgekommen, dementsprechend sei auch dessen Laune gewesen. Er wäre verärgert gewesen weil über die Verlängerung des Kurses immer noch nicht in seinem Sinne entschieden wäre. Bayer hätte gesagt, daß sich die Finnen auf eine Beendigung der Ausbildung einstellen sollten. Wegen der Einstellung des Majors hätten einige Jäger das Lager verlassen wollen, ihnen fehlte aber das Reisegeld. Bayer hätte vier Jägern je 15 Mark aus eigener Tasche gegeben, damit sie nach Berlin fahren konnten.

08.04.1915
Gegen 18:30 Uhr lief der Zug aus Altona in den Bahnhof Lockstedter Lager ein. Die neuen Pfadfinder fühlten sich allein gelassen als sie aus dem Zug stiegen, es war niemand da um sie abzuholen, sie folgten dem Strom der Soldaten, bis sie ein in eine merkwürdige Kluft gekleidetes Individuum sahen - ein Pfadfinder. Diesen Menschen sprachen sie an. Der Pfadfinder führte die Neuen direkt in die Mannschaftskantine, wo sie durch johlende Finnen empfangen wurden. Sie erkannten unter den bereits Anwesenden auch einige Bekannte aus der Schulzeit. Nach dem ungewohnten Essen wurden sie zu einer Stube gebracht, wo sie sich einrichten konnten. Nach kurzer Zeit erschien Runar Appelberg und gab ihnen eine Kurzeinweisung wie sie sich in der Kaserne und in ihrem Lager zu verhalten hätten. Er erklärte ihnen auch, daß sie jetzt unter deutschem Kommando stehen würden.

10.04.1915
Alle Aktivitäten die Pionierausbildung betreffend wurden gestoppt. Die Stimmung der Finnen war am Boden. Der Jäger Olof Lagus (1918 mit 25 Jahren als Jäger-Major gestorben) schrieb in sein Tagebuch: "Ich kann die gedrückte Stimmung nicht schildern, die uns alle erfaßte. Es war als wäre plötzlich alles zu Ende. Alle unsere liebsten Hoffnungen waren inhaltslos geworden. Nie bekamen wir Gelegenheit, etwas für unser Land und die Sache zu tun, um derentwillen wir unsere Zukunft und unsere heimatliche Stellung geopfert hatten. Major Bayer verstand nicht, welche Ironie in der Erlaubnis lag, die er uns gab, wir dürften tun was immer wir wünschten. Was sollten wir denn tun, wir, eine Hundertschaft "Landesverräter!?"

12.04.1915
Major Bayer hielt sich wieder zu Verhandlungen in Berlin auf und telefonierte am 14.04. mit Hauptmann Bade und teilte ihm mit, daß der Lehrgang bis 05.Mai verlängert worden wäre. In einem am 19.April im Lager eingegangenen Schreiben wurde die Verlängerung des Kurses bis 05.Mai offiziell bestätigt. Die Verlängerung fand auf alle Teilnehmer Anwendung. Hauptmann Bade meldete am gleichen Tag an Major Bayer, der noch in Berlin war, daß sich zwischenzeitlich sehr viele Freiwillige gemeldet hätten und die Zahl ständig weiter steigen würde. Er hielte es für dringend erforderlich, für die gestiegene Teilnehmerzahl die Unterkunftskapazität zu erhöhen.

Am 15.April traf Dr.Herman Gummerus im Lager zur Besichtigung ein. Er stellte fest, daß sich die Finnen in der Pfadfinderuniform nicht wohl fühlten. Er sagte zu den Kursteilnehmern, daß man in dieses Lager als einfacher Zivilist einträte, man im Laufe der Zeit umgekrempelt und an Körper und Seele im preußisch, soldatischen Stil geformt werden würde. Am nächsten Tag besichtigte er die Ausbildung der angehenden Feldmeister. Zuerst wurde Formalausbildung durchgeführt, danach ging es zur Gefechtsausbildung auf den Truppenübungsplatz. Sein Fazit schrieb er später in einem Buch nieder. Er schrieb, daß er das Gefühl habe, daß die jungen Finnen fühlten, daß ihr Traum endlich in Erfüllung gehe. Die Jünglinge, die jeden Tag exerzierten, im Holsteiner Wald schossen und in einem fremden Land in merkwürdigen "Pfadfinderkostümen" Schützengräben gruben, wurden 1918 in der Hauptstadt Helsingfors (Helsinki) als kommende Führer von Bataillonen und Kompanien empfangen.

15.04.1915
Der Jäger Bertel Paulig schrieb, daß Major Bayer im Lager wegen der Auflösungsgerüchte unbeliebt werde. Man verdächtige ihn ein doppeltes Spiel zu spielen, er sei hinterhältig. Trotz der militärischen Ausbildung würden die Freiwilligen nicht als Soldaten angesehen, mehr als zivile Gäste des Deutschen Reichs.

16.04.1915
Major Bayer wurde durch Oberstleutnant von Zimmermann im Voraus und mit der Bitte um Geheimhaltung unterrichtet, daß die Teilnehmerzahl auf 1.000 Mann erhöht worden wäre und die Kommandantur bereits Anweisung hätte einen weiteren Mannschaftsblock zu übergeben. Näheres würde Bayer beim nächsten Aufenthalt in Berlin erfahren.

24.04.1915
Im Kasernement wurde bekannt, daß der deutsche Generalstab vom Kriegsministerium den Auftrag bekommen hatte die zeitliche Verlängerung und fachliche Ausweitung der Feldmeister-Unterweisung auszuarbeiten und in zeitlichen Einklang zu bringen.

25.04.1915
Mit einer größeren Gruppe der Erstankömmlinge wurde ein Ausflug zur Amönenhöhe an der Stör gemacht. Der Fußmarsch ging durch die Feldmark und Oelixdorf durch den Wald an die Stör. Gemeinschaftlich wurde eine Stelle am Fluß ausgesucht, wo man in der Pionierausbildung "Überqueren von Gewässern" üben konnte. Nach getaner "Arbeit" kehrte die Truppe im Gasthaus Amönenhöhe ein.

Der Jäger Alfons Arlander berichtete nach Hause, Major Bayer werde im Lager nicht sehr freundlich betrachtet, während man die beiden Hauptleute der 1./Kompanie Knaths und Just beinahe vergöttere.

Kompanie Offizier der 2./Kompanie war seit kurzem Leutnant Alexander Haase.

26.04.1915
Der Dienst wurde anstrengender. Die Tage waren ausgefüllt mit Exerzieren und Pionierausbildung auf dem Bückener Feld beim ehemaligen Gut. Besonders unbeliebt war das Ausheben der Schützengräben, weil es in der ersten Zeit Blasen an den Händen gab und der Rücken derart schmerzte, daß man sich kaum bewegen konnte. Beide Kompanien machten am 27. einen Tagesausflug unter Leitung der Kompanieführer. Zuerst ging die Fahrt nach Kiel zu den Schleusen am Kaiser-Wilhelm-Kanal, danach fuhren alle nach Hamburg ins Theater, dort sahen sie den "Fliegenden Holländer".

27.04.1915
Die Gerüchte die im Lager umgingen hatten sich bestätigt. Major Bayer informierte aus Berlin den stellvertretenden Ausbildungsleiter Hauptmann Knaths, daß sich eine Verlängerung des Lehrganges abzeichne.

30.04.1915
Die in Gesprächen mit dem Kriegsministerium auf Anregung der finnischen Aktivisten und des Kursleiters beantragte Verlängerung des Pfadfinderkurses um weitere drei Monate wurde wohlwollend geprüft und es war eine Entscheidungen gefallen. Wetterhoff ließ es sich nicht nehmen nach LoLa zu fahren, um die Nachricht der Lehrgangsverlängerung persönlich zu überbringen. Er bestätigte auch, daß die Zahl der Teilnehmer auf 1.000 erhöht werden würde, so hätte der Chef des Generalstabes bereits am 16.04. entschieden. Weiter bemerkte er, daß aus dem Kurs einige Teilnehmer nach Finnland fahren müßten um dort mehr Freiwillige zu werben - es meldeten sich mehr Freiwillige als für diese Aufgabe benötigt wurden. Dann sagte er, die 170 im Lager Anwesenden müßten sich endlich klar darüber werden, daß sie eine privilegierte Stellung hätten wenn die Neuen ankämen und sie deren Ausbildung übernehmen würden.

02.05.1915
Der mit über 40 Jahren älteste Teilnehmer im Lager war ein Vertreter der "Altfinnen" ein guter Bekannter von Dr.Gummerus, dem er am 02.05. unter dem Decknamen Smedberg aus dem Lockstedter Lager schrieb, daß die Finnen mit ihrer Situation im Lager nicht zufrieden seien aber die meisten den Mut nicht sinken lassen würden.

Aufgrund der gefährlichen Situation in Finnland wurde die Werbung wegen zu vieler Opfer unter den Finnen eine Zeit lang eingestellt, dann neu organisiert und verstärkt betrieben.

05.05.1915
Seit diesem Datum konnten besonders "angepaßte" Feldmeister, die recht gut deutsch sprachen, Urlaub bekommen. Der Urlaub konnte je nach Reiseziel 3-5 Tage dauern. Er wurde von den Finnen meist genutzt um in die Städte, wo es größere finnische Gemeinschaften gab, zu fahren. Beliebte Reiseziele waren Berlin und Hamburg. Die Finnen murrten offen über die nicht zu verstehende Tatsache, daß sie die ganze Zeit wie Gefangene gehalten würden. Von deutscher Seite wurde vorgeschoben, daß ihr Aufenthalt geheimgehalten werden müßte. Die Pfadfinder waren überzeugt, daß gerade der Versuch ihre Anwesenheit zu vertuschen die Leute in der Gegend neugierig gemacht hätte und deutsche Soldaten sich in den Gaststätten über die Ausländer unterhielten, somit nichts mehr zu verheimlichen war. Selbst die russischen Kriegsgefangenen, die in einem eigenen Barackenlager beim Wasserturm untergebracht waren, dürften Bescheid gewußt haben. Wenn die Pfadfinder in Itzehoe oder anderen Orten auftauchten, hielt man sie zunächst für Dänen oder auch für Jäger von anderen Kolonialtruppen.

10.05.1915
Die Ausbildung im Lager war noch immer nicht nach den Vorstellungen der finnischen Aktivistenführer, sie wußten nicht wie und wo sie die vorzeitig nach Finnland zurückgekehrten Freiwilligen sinnvoll für ihre Ziele einsetzen sollten. Wetterhoff und Fabritius wollten auf einer Zusammenkunft mit den anderen finnischen Aktivisten klären ob unter den gegebenen Umständen die Rekrutierung von Freiwilligen nicht gestoppt werden sollte. Trotz dieser Bedenken reisten am 10.Mai die Finnen Sihvo, Jacobson, Oesch, Gulin, Kuhme und Kekoni nach Finnland um Freiwillige zu werben. Kekoni war für den Bereich Haparanda und Karungi vorgesehen. Er sollte die Bewegungen und Transporte zur der schwedischen Seite planen und überwachen.

13.05.1915
Major Bayer war wieder in Berlin. Er schrieb in sein Tagebuch, daß das Kompetenzgerangel in Berlin jede Aktivität lähme und weiter, daß drei Behörden sich mit der Ausbildung der Finnen befassen und jede auf ihre Kompetenz pochen würde.

15.05.1915
Die strenge Ausgangsbeschränkung der Finnen wurde gelockert. Die umliegenden Ortschaften durften besucht werden. Itzehoe sollte für viele eine besondere Erfahrung werden, sie waren überrascht über die vielen Bierlokale, in denen der Wirt selbst servierte, manchmal unterstützt von der Ehefrau oder den Töchtern. Die Freude auf die Ausflüge erzeugten ein Gefühl der Befreiung, denn die Finnen kamen sich in ihrem "gesperrten" Gebiet noch immer vor wie in einem stacheldrahtbewehrten Gefangenenlager.

16.05.1915
Die meisten Finnen durften aus dem Lager. Sie hatten Ausgang und nutzen diesen um nach Itzehoe oder anderen Orten in der Umgebung zu gehen. Ein Geheimtip war die Gaststätte "Peißener Pohl" hinter der Moltke Höhe, ein kleiner Fußmarsch von 6,5 Kilometern einfacher Weg. Pfadfinder die mit dem Zug nach Itzehoe unterwegs waren, wurden von einem Unteroffizier angesprochen, der ihnen sagte, es seien im Zug deutsche Fahrgäste, welche die Pfadfinder für Spione hielten und ihre Observation sofort nach Ankunft in Itzehoe bei der Polizei anzeigen wollten.

18.05.1915
Nach einer Entscheidung des Kriegsministeriums sollten die Finnen in preußische Musketier Uniformen, jedoch ohne Effekten, umgekleidet werden. Der militärische Drill wurde härter, marschieren, schießen, Gräben graben u.s.w. bestimmten den wöchentlichen Ablauf.

19.05.1915
An diesem Tag war das Pfadfinderdasein sehr anstrengend. Bald nach dem Frühstück ging es hinaus auf den Pionierübungsplatz. Abmarsch 08:00 Uhr. Den ganzen Tag wurden Schützengräben gegraben - bis zirka 15:00 Uhr. Die Gräben wurden nach den letzten Kriegserfahrungen ausgehoben, sie waren schmaler als sonst, was die Grabearbeiten erheblich erschwerte. Eine Maschinengewehrstellung wurde voll ausgebaut, dafür wurde viel Zeit aufgewandt. Abschließend begutachtete Hauptmann Just die Arbeit. Dann mußten die Pfadfinder auf Befehl des Hauptmann Just Sturmangriffe auf die besetzte Maschinengewehrstellung laufen. Eine erschreckende Erfahrung wurde gemacht, viele hätten den Angriff nicht überlebt. Es war sehr warm an diesem Tag und die Feldmeister waren froh, daß sie gegen 17:00 Uhr in die Kaserne einrücken durften. Wieder ein Tag, der die jungen Männer abgehärtet hatte. Nach der Putz- und Flickstunde ging es zum Abendessen. Zwischen 18:00 und 18:30 Uhr mußte mit dem Waffenreinigen begonnen werden. Das Gewehrreinigen wurde durch den Befehl zum Antreten unterbrochen. Major Bayer verkündete den Angetretenen, daß der Kurs mindestens bis August dauern würde, sie könnten sich also auf die Mittsommernachtsfeier vorbereiten. Man müsse sich jetzt darauf einstellen, daß das eingeführte Vorgesetzenverhältnis strenger überwacht werden würde. Die Ausbilder und die Neuankömmlinge dürften sich nicht auf der gleichen Stufe bewegen.

26.05.1915
Der Vorfall, der sich am letzten Sonntag ereignete war den Finnen der ersten Kompanie peinlich. Drei Angehörige kamen mal wieder zu spät vom Urlaub zurück, ein vierter kam erst am Montag. Peinlich war die Geschichte deshalb, weil die finnischen Vorgesetzten dem Kompaniechef versprochen hatten, daß es keine Urlaubsübertretungen mehr geben würde. Die Sorge vor einer kollektiven Strafe war nicht begründet, Hauptmann Knaths war außerordentlich freundlich und sagte, daß er diesen Fehltritt noch einmal vergessen werde.

27.05.1915
Major Bayer war enttäuscht über den nachlassenden Zustrom an Freiwilligen. Er stellte ein weiteres Kader aus Finnen zusammen, die in Finnland für ihre Sache werben sollten. Die Truppe im Lager war auf 239 Mann angewachsen. Im Kurs wurden nun bezüglich der Ausbildung Unterschiede gemacht. Es mußten Ausbilder geschult, unterrichtet und geprüft werden. Im Unterrichtsraum wurde den "Ausbildern" das deutsche Militär-Reglement vorgelesen, das dann Wort für Wort von den finnischen "Ausbildern" gelernt werden mußte. Die sprachlichen Schwierigkeiten standen wie eine Wand zwischen Deutschen und Finnen. Es waren wertungsfrei gesehen einförmige und unergiebige Übungen. Jeder der deutschen Unteroffiziere unterrichtete (vorlesen) ein spezielles Thema. Viele der Unteroffiziere hatten es schwer mit dem Vorlesen, sie kamen mit dem Text nicht zurecht, weil sie zulange aus dem aktiven Dienst heraus und zum anderen nicht für die Ausbildung geschult worden waren. Als drittes wäre das alte Exerzier-Reglement zu nennen, welches durch die Kriegsereignisse überholt war. Hauptmann Knaths hörte sich einige Unterrichte an und gab Erklärungen dazu. Unteroffizier Höhk fand es nicht besonders gut, daß er von Hauptmann Knaths vor den Finnen zurechtgewiesen wurde, daß er nur das zu lehren hätte was im Reglement stehe, er hätte nicht die geringste Ahnung was in der Vorschrift stehen würde, was dazu führe, daß er bei den Pfadfindern falsche Vorstellungen wecke und außerdem sei seine vortragsweise nicht geeignet den Finnen die deutsche Sprache korrekt beizubringen.

28.05.1915
Unteroffizier Höhk hatte sich den Anpfiff so zu Herzen genommen, daß er Magenschmerzen bekommen hatte. Er erzählte, daß er die Hälfte der Nacht damit verbracht hätte, das Reglement zu lesen und er beichtete seinen Pfadfindern, daß er Lampenfieber habe, wenn er einen Unterricht halten müßte und entschuldigend fügte er hinzu, daß es in der deutschen Armee nun einmal einem Untergebenen nicht gestattet sei auf den Vorwurf eines Vorgesetzten etwas zu erwidern, im Reglement sei schließlich festgehalten: "Im Gliede darf der Mann nicht sprechen, wenn er nicht gefragt wird".

29.05.1915
Major Bayer erstellte einen Zwischenbericht, in dem er dem Kriegsministerium mitteilte, daß Finnen große Fortschritte machten. Fabritius verließ das Lager vorzeitig um sich in Stockholm der Aktivistenarbeit zu widmen. Die Finnen J.W.Snellman, Isak Alfthan und Ragnar Heikel fertigten Berichte über das Lagerleben aus finnischer Sicht an und sandten diese an Wetterhoff nach Berlin.

31.05.1915
Den Finnen war versprochen worden, daß just an diesem Tag in Berlin die Entscheidung über ihre Zukunft fallen sollte, aber aus Berlin kam keine Nachricht. Wütend wurde tagsüber exerziert und beim Revierreinigen wurde die ganze Enttäuschung auf das Reinigungsgerät übertragen, es wurde gründlicher und schweißtreibender geschrubbt als je zuvor.

03.06.1915
Der Unteroffizier vom Dienst weckte pünktlich um 05:30 Uhr mit einem nicht jugendfreien Gesang, der als Refrain den Text: "tausend nackte Weiber auf dem Männer-Pissoir" hatte. Nach dem Wecken ging der Unteroffizier durch die Stuben, um zu kontrollieren, daß alle aus dem Bett waren. Nach dem Waschen, Betten bauen und Frühstücken ging es um 08:00 Uhr zum Exerzierplatz beim Hungrigen Wolf zur Gefechtsausbildung. Vorpostendienst mit Beobachten und Melden stand auf dem Dienstplan.

Anfang Juni
Fritz Wetterhoff versuchte wieder einmal den deutschen Generalstab davon zu überzeugen, daß der Lehrgang unbefristet verlängert werden müßte. Er argumentierte, daß die Teilnehmer zu wenig auf Führungsaufgaben und taktische Entscheidungen vorbereitet würden. Finnland würden fähige militärische Führer und Offiziere fehlen.

06.06.1915
Ausgang für alle. Die Finnen verteilten sich wieder in der Gegend. Mehrere Finnen waren von ihrem ersten Besuch im "Peißener Pohl" so angetan, daß sie wieder dorthin spazierten. Die Gaststätte wurde als außerordentlich gemütlich eingestuft. Ein Grammophon spielte, es wurde getanzt, auch mit den beiden Töchtern des Wirtes, die 17 und 19 Jahre alt waren. Einige deutsche Offiziersanwärter hatten sich ebenfalls hier eingefunden. Im Durchschnitt verbrauchten die Finnen an diesem Nachmittag 50-60 Pfennig. Gedanken des J.O.Wegelius: "Hier serviert der Wirt oder die Wirtin, also spart man das Trinkgeld ... nun sitzen wir hier in einem kleinen Krug im Feindesland und trinken Bier für 20 Pfennig die Flasche, neben uns einige deutsche Soldaten und wir tanzen mit den Bauernmädchen, so etwas kann man sich zu Hause gar nicht vorstellen."

08.06.1915
Wecken war um 05:45 Uhr. Antreten zum Abmarsch zur Pionierausbildung an der Lohmühle um 07:30 Uhr. Auftrag war, eine Brücke von 30 Metern Länge und 4 Metern Breite in den Teich zu bauen. Der Auftrag war selbständig durchzuführen, der Steg mußte um 11:00 Uhr fertig sein. Einzig Hauptmann Just mischte sich ab und zu in den Brückenbau ein. Die Finnen arbeiteten gern unter Hauptmann Just, sie bescheinigten ihm viel Sachverstand und Einfühlungsvermögen, er verstände es die Finnen anzuspornen. Hauptmann Just ward beschrieben als außerordentlich befähigter Lehrer, er erkläre Dinge für alle verständlich, manchmal höre man ein wenig Ironie in seinem Vortrag. Just wäre ein wirklicher Gentleman. Knaths wurde beschrieben als großer Krieger, der sofort für König und Vaterland in den Krieg ziehen würde. Im Dienst wäre er streng, privat sehr sympathisch.

Zu den Hauptübungsplätzen der Finnen gehörte während ihrer allgemeinen Pionierausbildung der Lohmühlenteich, an dem Frau Sievers eine Gaststätte betrieb. Und Minna, die spätere Frau Faahs, die Tochter des Hauses, hatte oft genug Gelegenheit mit ihren Geschwistern die Finnen bei ihren Übungen zu beobachten. Und während die jungen Mädchen an einem Steg ihre Wäsche wuschen, flogen manch sehnsüchtige Blicke der jungen Pioniere hinüber. Einer von ihnen brach dann gegen jedes preußische Reglement das Eis des Schweigens, das zwischen ihnen und der deutschen Außenwelt lag. Als Minna Sievers - sie wurde wegen ihrer blonden Haare nachher (und auch heute noch) von den Finnen nur Gretchen genannt - dann einen Korb voll Wäsche ins Haus tragen wollte, sprang plötzlich einer der jungen Finnen aus dem Glied, nahm ihr den Korb ab und trug ihn ins Haus, lächelte,grüßte und kehrte zu seinem preußischen Feldwebel zurück. Der konnte zunächst gar nichts sagen. Das war ihm in seiner langjährigen Dienstzeit wohl überhaupt noch nicht vorgekommen. Der junge Finne aber ging fröhlich auf seinen Vorgesetzten zu, legte vorschriftsmäßig seine Hand an die Kopfbedeckung, schlug die Hacken zusammen und sagte mit liebenswürdigstem Lächeln: "Entschuldigung, ich kann nichts dafür".

Dieser erste Kontakt mit den deutschen Einwohnern gab den jungen Finnen Mut. Und wie es immer und überall beim Kommiß war und sein wird, die jungen Männer fanden nach anfänglichem Zögern sehr bald eine Möglichkeit, die wachhabenden Posten zu umgehen und sich einen eigenen Eingang und Ausgang zu schaffen. Wenn die Dunkelheit hereingebrochen war, wagten sich einzelne von ihnen durch ein Loch im Drahtverhau ins Gelände. Und wohin sollte es sie anders hinziehen, als zu dem Lohmühlenteich, zu Mutter Sievers. Als 1939 eine größere Abordnung der ehemaligen Jäger zur Einweihung des Ehrenmals nach Lockstedter Lager kam und einige von ihnen auch Frau Faahs und den Lohmühlenteich besuchten, wußten sie noch die Stelle zu zeigen, wo sie einst durchkrochen. "Da war das Katzenloch" sagte Oberstleutnant Willamo, "da sind wir hindurchgegangen". Und wenn sie dann sicher in der Stube saßen, wurden Decken vor die Fenster gehängt. Dann haben sie die Pfannkuchen gegessen, die Frau Sievers mit besonderer Liebe backen konnte und die zu ihrer Lieblingsspeise wurden. "Panukuka" nannten sie das holsteinische Leibgericht, ein Wort, das in die finnische Sprache einging. Nach dem Essen sangen sie ihre heimatlichen Lieder, von dem Land der tausend Seen, voller Sehnsucht und Heimweh. Wer von ihnen wußte, ob er es jemals wiedersehen würde...?

Ein Bekannter erzählte mir von seiner Mutter und Tante, deren Elternhaus die Lohmühle war. Nach diesem Ereignis hätten die finnischen Männer sehr schnell zu den Wirtsleuten ein freundschaftlich, vertrautes Verhältnis aufgebaut, das sich unterschiedlich äußerte. Weiter vertieft wurde es durch einen Zufall. Die Finnen waren im Garten der Lohmühle als in der Küche für die Familie Pfannkuchen gebacken wurden. Die Tochter Minna lud die drei Finnen zum Pfannkuchen essen ein, was diese dankend annahmen. Daraus sollte sich eine Sitte entwickeln, die mir so beschrieben wurde. Die drei Finnen kamen regelmäßig am Samstag oder Sonntag nach der Mittagszeit zur Lohmühle und gingen gleich in die Küche. Der Ranghöchste der drei Finnen setzte sich neben den Küchenherd, legte seinen Arm auf den Warmwasserbehälter und begann ein Gespräch, was gleichzeitig der Auftakt zum Pfannkuchen backen durch Minna war. Minna (Grete) rührte immer eine große Schüssel Teig an. Die Pfannkuchen, die nicht gleich verzehrt wurden, bekamen die Pfadfinder als Wegzehrung mit. Ein großer Vertrauensbeweis war, daß Finnen ihre Post lange Zeit an die Adresse von Minna (Gretchen) schicken ließen und auch bei ihr abholten.

10.06.1915
Es war heiß in dieser Woche, der 10. war wohl der heißeste Tag; Afrika in Schleswig-Holstein! 05:00 Uhr wecken. 07:30 Uhr Abmarsch zur Infanteriegefechtsausbildung, Grabenkampf wurde exerziert. Am Nachmittag standen auf dem Dienstplan "stehende Patrouillen" und Nahkampfübungen mit aufgepflanztem Bajonett. Gegen 17:00 Uhr einrücken in die Unterkunft.

11.06.1915
In der Nacht begann es zu regnen und zu unwettern. Der Dienstplan wurde umgestaltet, es wurde leichter Innendienst befohlen, es war lange Zeit für die Putz- und Flickstunde und das Revierreinigen angesetzt.

13.06.1915
Das Kriegsministerium ließ sich Zeit. Im Ministerium war auf die Anregung von Wetterhoff, die Ausbildung der Finnen zu verlängern noch keine Entscheidung gefallen. Wetterhoff war ins Lockstedter Lager eingeladen worden, um über seine Arbeit in Berlin zu berichten, er konnte aber nur sagen daß der Kriegsminister die Entscheidung immer noch verzögere.

18.06.1915
Den Finnen wurde eine neue Kantine zugewiesen weil ihre Kantine renoviert werden mußte. Als ob es einen Zusammenhang geben würde gab es beim ersten Frühstück in der anderen, kleineren Kantine eine Überraschung. Die Finnen stellten fest, daß sich die Zusammensetzung des Frühstücks geändert hatte. Brötchen und Butter waren durch Kommißbrot und Marmelade ersetzt worden. Jeder bekam von jetzt an alle sieben Tage ein Kommißbrot. Die Verpflegung war insgesamt schmaler geworden weil die Mittel gekürzt worden waren. Der ehemals zur Verfügung stehende Tagessatz wurde von 2,50 Mark auf 1,35 Mark reduziert, trotzdem konnte der Koch gute Mahlzeiten anbieten. Hauptmann Knaths sagte nicht ganz Ernst gemeint, daß die Verpflegung dürftiger und mehr soldatenmäßig werden würde.

19.06.1915
Beim letzten Besuch von Wetterhoff hatten Finnen ihn gebeten sich mit Nachdruck dafür einzusetzen, daß im Kurs mehr theoretischer Unterricht gegeben werde. Anscheinend hatte die Beschwerde geholfen, es wurde mehr unterrichtet, das tägliche Exerzieren war auf drei Stunden reduziert worden. In der Gefechtsausbildung wurde bei der Befehlsgebung auf taktische Entscheidungen geachtet. Die Feldmeister selbst waren der Meinung, daß sie bereits von der Änderung profitiert hätten, dies bekamen sie auch durch die Hauptleute bestätigt. Einer sagte, daß jeder die Fortschritte sehen könne, ein anderer sagte voller Überzeugung, daß hier die künftigen finnischen Generale ausgebildet würden. Die Pfadfinder der 1./Kompanie waren mit ihren Ausbildern zufrieden, das konnten die von der 2./Kompanie nicht behaupten. Die Unteroffiziere Harms und Claus benahmen sich wie Wildsäue und führten sich wie Könige auf, sie ließen die Untergebenen spüren daß sie die Vorgesetzten waren.

21.06.1915
Major Bayer mahnte eine Entscheidung beim Ministerium an und schrieb am 23.06. daß die Finnen-Sache noch keinen Schritt weiter sei.

24.06.1915
Am 23. hatten alle Finnen bis 24:00 Uhr Urlaub. Ihnen wurde Gelegenheit gegeben das Mittsommernachtsfest zu feiern. Die 1./ und 2./Kompanie feierten an der Lohmühle. Im Garten des Gasthauses waren geschmückte Tische aufgestellt, auf denen farbige Kerzen standen, am Flaggenmast wehte die schwarz-weiß-rote Fahne. Die 3./ und 4./Kompanie feierten im Soldatenheim "Johannus". Es gab keine Ausfälle, alle lagen um 24:00 Uhr im Bett.

26.06.1915
An der Lohmühle wurde mit den Feldmeistern wieder Pionierausbildung durchgeführt und die Ausbildung zum "Hilfsgruppenführer vom Wasserdienst" begonnen. Auf dem Dienstplan stand der Bau von Brücken und behelfsmäßigen Stegen. Beim ehemaligen Gut Bücken wurden spanische Reiter und Stacheldrahtsperren gebaut. Die Feldmeister waren früh aufgestanden und an die Lohmühle marschiert, dort begannen sie mit dem Brückenbau. Berge von geschältem Tannenholz wurden angefahren und am Ufer abgeladen. Den ganzen Tag rammten die Finnen Pfähle in den See. In der Lohmühle wurden derweil Frühstücksbrote für die Finnen zurecht gemacht - frisches selbst gebackenes Brot mit Mettwurst. Für jeden "Pionier" stand zur Frühstückspause im Gastraum der Wirtschaft ein Teller mit Broten bereit.

28.06.1915
Tagsüber wurden die Feldmeister unterrichtet, abends ging es hinaus auf den Übungsplatz beim Bückener Feld zu einer Nachtübung. Die Truppe war im Stellungskrieg. Der Feind lag 800 Meter entfernt in Schützengräben. Auftrag war, die eigene Stellung um 300 Meter nach vorn zu schieben und sich erneut einzugraben. Dazu wurde ein Spähtrupp befohlen mit dem Auftrag, die neuen Stellungen zu markieren. Die Annäherung an den Feind geschah lautlos, unbemerkt vom Feind und den eigenen Ausbildern. Nervöse feindliche Soldaten schossen Signalmunition in den Nachthimmel, um das Gefechtsfeld zu beleuchten, konnten jedoch keine Annäherung feststellen. Kurz nach Mitternacht war die Übung beendet. Nach dem Waffenreinigen ohne Appell war Bettruhe befohlen.

29.06.1915
Wecken um 06:00 Uhr. Feldmarschmäßiger Abmarsch zu einer 48 Stunden-Übung um 07:15 Uhr. Ziel war Hennstedt, zirka 11 Kilometer von der Unterkunft entfernt. Gegen 08:45 Uhr wurde eine Marschpause eingelegt weil nur noch einige Kilometer zurückzulegen waren. Während der Marschpause machte sich Unteroffizier Höfelmeyer, genannt "Kleiderlaus" bei den Finnen unbeliebt, er ging seiner Lieblingsbeschäftigung dem Bekleidungsappell am falschen Ort nach. Weil Höfelmeyer sich unverschämt benommen hatte sollte ihm eine Lehre erteilt werden. Nach der Marschpause zogen die Finnen das Marschtempo kräftig an, die Unteroffiziere blieben hinter der Kolonne zurück, alles Schreien half nichts, der Abstand vergrößerte sich stetig. Unteroffizier Harms produzierte sich einmal an der Kolonnenspitze, drohte und schimpfte und bekam durch eine erneute Steigerung des Marschtempos die Quittung für sein Verhalten gegenüber den Fernmeldern. Hauptmann Bade, der bei der Kolonne war, machte jetzt den Unteroffizieren, die weit über 100 Meter hinter der Truppe zurückgeblieben waren, Beine. In Hennstedt angekommen wurde die Ausgangslage ausgegeben. Es sollte ein Regiment dargestellt werden. Die beiden Kompanien repräsentierten das II.Bataillon. Regimentskommandeur war Rune Appelberg, der gleich nach der Truppeneinteilung die Lage und den Auftrag bekanntgab. Die eigene Division war auf dem Marsch nach Süden und verfolgte den sich zurückziehenden Feind. Die Division war zur Ruhe übergegangen, das Regiment Appelberg als Vorhut sollte in und um Hennstedt unterziehen. Der südliche und westliche Teil war dem Regiment zugewiesen worden, in diesem Bereich mußten sie sich selbst Quartiere suchen. Bataillonskommandeur des II.Bataillons war Heimbürger. Dieser beauftragte den Offizier vom Truppendienst Quartier zu machen, den Alarmplatz zu bestimmen, Posten vor dem Bataillonsgefechtsstand zu postieren und deren Ablösung zur regeln. Eine Skizze der Verteidigungsstellungen mit Beobachtungs- und Waffenwirkungsbereich war zu erstellen und an den Offizier vom Ortsdienst, Jernström, zu schicken. Die Vorkehrungen für die Verteidigung waren so gut getroffen worden, daß ein Angriff des Feindes abgewiesen wurde. Während des Angriffs trafen viele Meldungen auf dem Regimentsgefechtsstand ein, überbracht von Meldern oder mittels Feldtelefon. Hauptmann Bade, der den Regimentsgefechtsstand überwachte, lobte die Arbeit von Appelberg. Randnotiz: Auf der Suche nach Quartieren wurde den Finnen von den Hausbewohnern gesagt wie viel Mann im Haus aufgenommen werden könnten, oft mit dem Zusatz nicht zu viele Offiziere zu schicken. Als die Finnen am nächsten Tag aus Hennstedt ausmarschierten, sahen sie russische Kriegsgefangene - was mögen diese wohl gedacht haben als sie die merkwürdig uniformierten Gestalten mit russischen Gewehren sahen. Auf dem Heimmarsch wartete eine große Überraschung auf die Truppe. Hinter Lockstedt empfing die Musikkapelle eines Marineinfanteriebataillons, das seinerzeit auf dem Truppenübungsplatz lag, die Marschierer. Die letzten 8 Kilometer ging es mit Musik - vorwärts ins Lager. Am Lagereingang ging ein Ruck durch die Männer, alle Müdigkeit war verflogen als die Truppe unter den Klängen des Torgauer Parademarsches an Hauptmann Bade vorbeimarschierte und in die Unterkunft einrückte.

30.06.1915
Major Bayer schickte aus Berlin ein Fernschreiben an seinen Stellvertreter, daß kein Lehrgangsteilnehmer in Urlaub gehen dürfe. Eine Entscheidung über weiteren Fortgang werde wohl bald fallen.

02.07.1915
Major Bayer depeschierte wieder aus Berlin: "Kurserweiterung ganz sicher. Genaue Anweisungen in den nächsten Tagen. Dies kann den Feldmeistern bekanntgegeben werden".

Wecken war 05:30 Uhr, anschließend Kaffee trinken und Kommißbrot dazu essen. Danach mußten die "Vorgesetzten" von 07:00-07:45 Uhr das Thema "Ein Feldmeister unterrichtet" unterrichten, andere Themen waren: Stubendienst, Ehrenbezeugung, Vorgesetzte u.s.w. Von 07:45 bis 08:00 Uhr fertigmachen zum Exerzieren. Exerziert wurde im Rahmen einer Stationsausbildung. Bewertet wurde die Leistung bei "Griffe und Wendungen" durch Unteroffizier Hadewig, den "Einzelmarsch" benotete Unteroffizier Schmidt und schließlich prüfte Unteroffizier Höhk die Leistung in der Gefechtsausbildung, Unterthema "Gangarten". Die Stationsausbildung endete gegen 10:00 Uhr. Danach ging es zum Exerzierfeld wo die Hauptleute Knaths, Just, Bade und Heldt erschienen und von "Gruppenführern" taktische Aufgaben lösen ließen, wobei besonders auf die Befehlsausgabe an die Gruppe geachtet wurde. (Die Prüflinge hatten "Eselsbrücken" für die verschiedenen Befehle auswendig gelernt.) Am Nachmittag war in Abänderung des Dienstplanes Turnen mit und ohne Gerät. Nach dem Turnen wurde der Dienst für eine Stunde unterbrochen. Kaffeepause von 15:30 bis 16:15 Uhr. Bis 18:00 Uhr hielten die Hauptleute Unterricht. Ab 18:00 Uhr Waffenreinigen mit anschliessendem Waffenappell.

04.07.1915
Major Bayer vertraute seinem Tagebuch an: "Ich bekomme ein Jäger-Bataillon 27". Er telegraphierte zu Hauptmann Knaths und ordnete an, daß die besten 40 "Vorgesetzten" sich darauf einstellen müßten, daß am Montag neue Freiwillige kämen, deren Ausbildung sie übernehmen müßten. Hauptmann Knaths erhielt den Auftrag noch einmal mit den "Auserwählten" darüber zu sprechen, wie sie sich zu verhalten hätten.

08.07.1915
An zwei aufeinander folgenden Tagen war Schießausbildung auf den Schießständen im Holsteiner Wald. Mit den russischen Gewehren konnte man kein Ziel treffen, dennoch waren die Ergebnisse einigermaßen.

10.07.1915
Nach zwei Tagen intensiven Schießens meinten die Offiziere der 1./Kompanie, daß sie ein Preisschießen durchführen könnten. Nach dem Mittagessen ging es hinaus zum Holsteiner Wald. Der erste Schuß fiel um 13:30 Uhr auf die 24er Ringscheibe. Jeder Schütze erhielt fünf Schuß. Die ersten beiden Schüsse waren liegend aufgelegt, die drei anderen liegend freihändig auf die 150 m entfernte Scheibe abzugeben. Der erste Preis ein silbernes Zigarettenetui ging an Kari, der 103 Ringe geschossen hatte. Zweiter Preis ein Etui mit der Gravur 10.07.1915 erhielt Lagus für 101 Ringe. Dritter Preis ein silberner Aschenbecher ging an Forsell und den vierten Preis bekam T.Sihvo. Die weitere Reihenfolge war: Henriksson, Isaksson, Oesch, Enquist und Wickström. Den Ehrenpreis der Offiziere bekam Forsell, der Unteroffizierspreis ging an T.Sihvo und der Preis für die beste Stube in Höhe von 5 Mark ging an Stube 16 Nach dem Schießen war Waffenreinigen mit Appell, anschließend Abendessen. Um 20:30 Uhr trafen sich alle in der Kantine zur Preisverleihung mit anschließendem kleinen Fest. Hauptmann Knaths hielt eine kleine Rede, zum erstenmal auf schwedisch, der Sprache, die er und Hauptmann Just jetzt intensiv lernten.

Juli 1915
Zwischen Major Bayer und Fritz Wetterhoff gab es Kompetenzgerangel. Beide hatten unterschiedliche Vorstellungen darüber, wie die theoretische und praktische Ausbildung der Finnen, die Vorbereitung auf den späteren Freiheitskampf betreffend, durchgeführt werden müßte.

13.07.1915
Alle Schneider und einige Schuster der Garnisonskammer Itzehoe kamen ins Lager, um gemeinsam mit den Schneidern der Lagerkammern die Körpermaße der Finnen zu nehmen, die "Feldmeister" sollten endlich andere, deutsche Heeresuniformen bekommen.

15.07.1915
Major Bayer war in Hamburg beim Generalkommando und erwartete Hauptmann Knaths, den er nach Hamburg befohlen hatte. Beide fuhren zur Kleiderkammer des Generalkommandos, übergaben die Maßlisten der Finnen und besprachen den Liefertermin der Uniformen. Major Bayer teilte Hauptmann Knaths mit, daß in drei Wochen mit einer größeren Anzahl von Freiwilligen zu rechnen sei und besprach eine Besichtigung des zukünftigen Ausbildungspersonals.

20.07.1915
Major Bayer war wieder in Berlin und notierte, daß seine Sache wieder stocke, der Kriegsminister hätte ihm auf seine Nachfrage gesagt, daß er den angesprochenen Vorgang erst Seiner Majestät zur Entscheidung vorlegen müsse ehe er weitere Maßnahmen veranlassen könne.

24.07.1915
Die zwischen Major Bayer und Hauptmann Knaths in Hamburg besprochene Besichtigung des "Rekruten­lehrpersonals" wurde durchgeführt. Alle Besichtigten bestanden die Prüfungen mit gutem Ergebnis, Offiziere und Ausbilder waren beeindruckt, an den Leistungen gab es nichts zu mäkeln.

Für Verstimmung sorgte die Ankunft eines estnischen Freiwilligen, der ohne Absprache mit und ohne Wissen von Stockholm von einem Mitarbeiter des Berliner Büros ins Lockstedter Lager geschickt worden war. Dies war für Major Bayer der berühmte Tropfen, der das Faß zum Überlaufen brachte. Major Bayer betrieb nun die Ablösung und Entmachtung von Wetterhoff.

Ein denkwürdiger Tag. Um 15:00 Uhr waren die preußischen Uniformen im Lager angekommen. Im Block der 2./Kompanie wurden die Uniformen zur Ausgabe bereitgelegt, kurz darauf wurden die Finnen in preußische Jägeruniformen ohne Bataillons-Abzeichen umgekleidet. Jeder neu eingekleidete Jäger wurde von seinem Chef gemustert. Sie waren stolz auf die neuen feldgrauen Uniformen, die zu ihrem Bedauern keine Nummer auf der Epaulette hatte, sie gehörten keinem Regiment an. Der Farbfleck der Uniform war das purpurrote Band an der Mütze und die preußische Kokarde. Die letzten Finnen waren gegen 21:00 Uhr eingekleidet, auch sie wollten sich in der neuen Montur zeigen und machten deshalb eine Runde durch das Lager. Abschließend gingen einige in eine Kantine auf ein Bier.

General von Falkenhayn vom Generalstab befahl die Verlängerung des Lehrganges und die Umorganisation zum Bataillon. Das Ministerium war mit den getroffenen Entscheidungen zwar nicht einverstanden revidierte aber die Entscheidung nicht. Ab dem 24.07. begann die Musketierzeit der Finnen. Für den folgenden Tag war ein allgemeiner, für die Finnen ein besonderer Feldgottesdienst in der Orleans Straße angesetzt.

25.07.1915
09:45 Uhr antreten. Abmarsch zum Feldgottesdienst 10:00 Uhr. Der Altar war festlich geschmückt, das Kreuz in Form des eisernen Kreuzes. Am Flaggenmast wehte die schwarz-weiß-rote Fahne. Mehrere Offiziersanwärter-Kompanien standen bereits auf dem Platz. Die Finnen schlossen sich an den Seiten zwei und drei eines Karrees an. Das Karree wurde geschlossen durch Kranke, die aus dem Lazarett kamen/gebracht wurden, um an der Meßfeier teilzunehmen. General von Bonin, der Lagerkommandant, kam mit dem Pastor, er begrüßte alle Anwesenden. Die Meßfeier begann mit dem Lied "Eine feste Burg ist unser Gott". Der Pastor hielt eine eindrucksvolle Predigt und verwies darauf, daß die Finnen jetzt den preußischen Soldaten gleichen würden und ihre Uniformen jetzt geweiht worden wären.

30.07.1915
Bayer weilte schon wieder in Berlin, er verbrachte die wenigste Zeit im Lockstedter Lager. Diesmal machte das Auswärtige Amt in Bezug auf den Kurs Schwierigkeiten. Kompetenzgerangel allenthalben. Unter dem 02.08. schrieb er in sein Tagebuch: "Die Sache ist immer noch nicht entschieden". Beim Generalstab bestand er erneut auf seiner Forderung, daß nur Offiziere, die sich auch vor Kriegsausbruch im aktiven Dienst befanden, als Kompanieführer zu den Jägern versetzt werden sollten.

August 1915
Major Bayer schickte Einar Viljo Tuompo (Tompe), einen der ersten Freiwilligen im Lager, inzwischen zum Zugführer befördert, zum Etappendienst in den Bereich Haparanda. Tuompo sollte den Etappendienst in seinem Abschnitt nach den Vorstellungen von Major Bayer organisieren. Tuompo kehrte zur 2./Jäger Bataillon 27 vor der Mobilmachung zurück.

15.08.1915
Beschluß des Kaisers. Die Teilnehmerstärke des Kurses könne auf 2.000 Mann erhöht werden, die Bildung von Unterstützungseinheiten sei voranzutreiben und der Kurs wäre in "Ausbildungs-Truppe-Lockstedt" umzubenennen.

17.08.1915
04:15 Uhr alarmmäßiges wecken, fertig machen zum Ausmarsch. Abmarsch der einzelnen Kompanien in einem Abstand von 15 Minuten in entgegengesetzter Richtung. Der Marsch ging vom Lager nach Winseldorf, über Kollmoor, Breitenburger Fähre, Kronsmoor, Wittenbergen, Kellinghusen, Oeschebüttel und Lockstedt zurück zum Lager.

24.08.1915
Major Bayer war ins Lager gekommen und bereitete die Finnen auf die Neuigkeiten vor, die er ihnen bekannt­zugeben hatte. Er sagte, daß in jedem Augenblick ein Telegramm kommen könne, daß die finnische Sache endlich entschieden worden sei und seine eben gemachten Aussagen bekräftigt werden würden. Er schloß seine Ansprache mit den Worten: "Seid trotzdem ständig in Bereitschaft, übt ernsthaft und lernt gut schießen". Dann fügte er hinzu, daß er Trommeln und Hörner beschaffen werde, dann würde die Stimmung bei den Übungen besser. Er unterbreitete den Anwesenden, daß die Ausbildung einer weiteren Intensivierung und Straffung unterworfen werden würde. Neben der gezielten Förderung von Führungspersonal werde auf den Ausbildungsgebieten: Anlage von Feldbefestigungen und Unterständen, Anlegen und Überwinden von Sperren und Überwinden von Gewässern, infanteristische Fertigkeiten der Geländekunde mit Beschreiben und Beurteilen, Beobachten und Melden, Fernmeldetätigkeiten, erlernen des reglementierten Fernsprechdienstes, Bau von Fernmeldeverbindungen und Fehlersuche mehr auf selbständiges Handeln geachtet. Im Unterricht würden die Themen Heerwesen und taktische Ausbildung eine zentrale Rolle spielen. Er teilte den Finnen mit, daß er gefragt worden wäre ob er die Führung der Ausbildungs-Truppe übernehmen würde, er hätte zugesagt.

26.08.1915
Der preußische Kriegsminister Wild von Hohenborn unterschrieb endlich das Schriftstück, das die Aufstellung der "Ausbildungs-Truppe-Lockstedt" befahl. Die Grundsätzliche Weisung Nr.1 für die Gliederung der Ausbildungs-Truppe-Lockstedt ging beim Ausbildungsleiter ein. Die Weisung umfaßte die Planung für die Aufstellung von einem Stab und 4 Kompanien innerhalb von kurzer Zeit. Die Weisung schrieb die Stärken der aufzustellenden Einheiten vor, insgesamt sollte Bataillonsstärke erreicht werden. Für die Übergangs­zeit waren deutsche Kompaniechefs und als Zugführer Finnen einzusetzen. Major Bayer erhielt die Befehlsbefugnis eines Bataillonskommandeurs und mußte als solcher selbst für den Zustrom der Freiwilligen sorgen. Neben Leutnant Koennecke kamen noch 3 Unteroffiziere zur Ausbildungs-Truppe. Die Musketier-Zeit hatte nun wirklich begonnen.

27.08.1915
Major Bayer wurde mit dem Befehl vom 26.08. auch die disziplinare Gewalt über die Finnen übertragen. Undisziplinierte Finnen wurden einem befristen Arbeitsdienst in der Industrie überstellt. Aus diesem Arbeitsdienst ging im Dezember 1916 das finnische Arbeitskommando (Strafkompanie) im Artilleriedepot in Hamburg-Bahrenfeld hervor. Im Bahrenfelder Lager wurden 224 Finnen diszipliniert, von denen ein Teil im August 1917 entlassen wurde.

28.08.1915
Das deutsche Offizierskorps und die deutschen Ausbilder des Pfadfinderkurses feierten im Hotel Kaiserhof die Tatsache, daß die Finnen seit einem halben Jahr im Lager waren. Die Finnen feierten am gleichen Tag im "Hohenzollern" und in der "Lohmühle" bei dunklem Bier und ähnlichem.

Magda, die jüngste Tochter des Lohmühlenwirtes, elf Jahre alt, hatte sich in der Nähe des Wirtshauses eine schöne Laube gebaut mit Bank und Tisch. Auf dem Tisch stand eine Granatenhülse als Vase. Eines Tages lag ein Zettel unter der Vase, Magda dachte der sei für sie bestimmt. Auf dem Zettel stand:
Ringsum ist es still geworden,
Liebchen - laß mich bei Dir sein -.
Glaube meine ersten Worte,
Ganz mein Herz will ich Dir weihn!

Ganz aufgeregt lief Magda zu ihren Schwestern und zeigte den vermeintlichen Liebesbrief. Die zweitälteste Schwester forderte den Brief, er sei für sie: "Mein finnischer Freund hat ihn mir geschrieben". Magda konnte noch nicht verstehen, daß sie nicht gemeint war.

31.08.1915
Major Bayer überbrachte die Nachricht, daß aus dem Feldmeisterlehrgang ein Jäger Bataillon gebildet würde, das sich aber hinter der Bezeichnung Ausbildungs-Truppe-Lockstedt verberge. Alle Pfadfinderschilder wären sofort abzunehmen. Die Einheit würde jetzt im Dienstbetrieb unter der Bezeichnung "Ausbildungs-Truppe-Lockstedt" (ATL) geführt. Das finnische Büro in Berlin und das Etappenbüro in Stockholm wurden angewiesen, die bereits als Pfadfinder ausgebildeten Finnen, 143 Mann, aufzufordern wieder ins Lager zurückkommen, damit ihre militärische Führerausbildung vervollständigt werde.

01.09.1915
Der Pfadfinderkurs hieß seit dem 01.09. "Ausbildungs-Truppe-Lockstedt", ein Schild mit der gleichen Aufschrift war am Eingang zur Unterkunft angebracht worden. Mit gleichem Datum begann die Umgliederung in Stab, zwei Jägerkompanien, eine Maschinengewehrkompanie und eine Pionierkompanie. In diesem Monat erreichten 88 neue Rekruten das Lager, die in einem Ausbildungszug zusammengefaßt und von Finnen ausgebildet wurden. Aus den bestehenden Kompanien wurde das Stammpersonal für die aufzustellenden Teileinheiten genommen, gewachsene Kameradschaften auseinandergerissen. Jeder Kompanie wurden 4 Feldtelefonausstattungen und 20 Fahrräder zugewiesen.

Als die Maschinengewehrkompanie aufgestellt wurde, waren in der Ausstattung 9 Zugpferde eingeplant. Der MGK wurde ein renovierungsbedürftiger Stall zugewiesen. Zum Stallmeister Birger Lemberg befohlen. Zu seinen Aufgaben gehörte an erster Stelle die Herrichtung und Führung des Stalles, danach kam die Ausbildung der neuen Freiwilligen, der Fahrer und des Stallpersonals. Nach einer umfangreichen Grundreinigung sollten die Wände und die Decke mit Kalk geweißelt werden. Weil unter Zeitdruck gearbeitet werden mußte, begann der Dienst morgens um 06:00 Uhr und endete abends gegen 20:00 Uhr. Das Stallpersonal war bis zum Abschluß der Arbeiten von allen anderen Diensten freigestellt. Da die Wände mit Brandkalk gestrichen wurden, waren auch durch die Kalkbrühe verursachte Brandblasen zu behandeln.

Die "Sektion Politik" verfügte, daß Wetterhoff keine Maßnahmen mehr ergreifen durfte, ohne sie vorher dem stellvertretenden Generalstab gemeldet zu haben.

02.09.1915
Eine durchzusetzende Anweisung des deutschen Generalstabes sorgte unter den Finnen im Lager für erhebliche Unruhe. Die Anweisung besagte, daß sich die Freiwilligen verpflichten mußten, daß sie mit allen Kräften und an allen Orten dem deutschen Reich dienen würden. Jeder Jäger unterstehe den deutschen Reichs- und Militärgesetzen sowie den Bestimmungen über die Gebräuche im Krieg. Die deutsche Heeresverwaltung übernähme keinerlei Verpflichtung die Jäger später einzubürgern oder dauernd zu unterstützen, sobald sie durch die Verwendung im deutschen Heer Invaliden würden. Auch die Angehörigen könnten keine Ansprüche an das Reich stellen, falls jemand Invalide werde oder stürbe. Die Finnen waren überzeugt, daß sie nicht wie versprochen für den Freiheitskampf in der Heimat sondern als Jäger an der Front für Deutschland eingesetzt werden würden.

Um 09:30 Uhr war antreten der beiden vorhandenen Kompanien auf dem Antreteplatz. Major Bayer wurde zum letzten mal der "Feldmeister-Lehrgang" gemeldet. Im Anschluß an den Meldevorgang sagte er, daß er die Bataillonsgründung auf den 02.September, den 45.Jahrestag der Schlacht bei Sedan festgesetzt hätte und er nun einige Beförderungen vornehmen würde. Befördert wurden: zum Zugführer Cornu und Ståhlberg; zum Gruppenführer: Lesch, Haserbadjan, Halske, Ziliacus, A.Berg, Jacobson, Ekholm, Silander und Karlson, dann wurden 9 Hilfsgruppenführer befördert: Weckström, Wickström, Forsell, Heikel, Fichte, Sihvo, v.Prütz, Heimberger und Lagus. Gleichzeitig gab der Major die Dienstgradabzeichen bekannt. Der Hilfsgruppenführer stehe im Rang dem Gefreiten gleich und sei gekennzeichnet durch einen schmalen schwarz-weißen Rand auf den Epauletten. Der Gruppenführer stehe im Rang eines Unteroffiziers und trage einen breiten schwarz-weißen Rand auf der Epaulette. Der Zugführer habe den Rang eines Vize-Feldwebels und sei gekennzeichnet durch einen breiten und einen schmalen Rand auf der Epaulette.

06.09.1915
Die Formulare für die Verpflichtungserklärung waren angekommen und mußten von den Jägern unterschrieben werden. Oberleutnant Braun hat die Jäger zeitlich gestaffelt in den Leseraum der 2./Kompanie befohlen und jedem dort das Formular zur Unterschrift vorgelegt. Es gab keinen Jäger, der nicht unterschrieb, denn das hätte die sofortige Entfernung aus dem Lager zur Folge gehabt.

08.09.1915
Für das in der letzten Woche durchgeführte Sportfest wurden die Preise verteilt. Alle Kompanien hatten an den Wettbewerben: Staffellauf, Schießen, Tauziehen, Handgranatenweitwurf, 500 m Lauf, Hindernislauf und 35 Kilometer Eilmarsch teilgenommen. Die Preise wurden gleichmäßig von den Kompanien errungen. Besonders gut war die 1./Kompanie beim 35 Kilometer Marsch. Ihre Jäger belegten Platz 1-8, ausgenommen Platz 3, die Gewinnerzeit lag unter 4 Stunden. Dafür waren die Füße mit großen Wasserblasen gepolstert. Selbst Hauptmann Bade äußerte sich zufrieden und meinte, die Leistungen wären ziemlich gut gewesen.

10.09.1915
Es wurde eng in den Unterkünften. Auf den Stuben mußte zusammengerückt werden. Jede Stube wurde mit 40 Mann belegt, vorher waren es 25 Soldaten. Gleichzeitig wurden von den Kompanieführungen die Stuben­ältesten und deren Stellvertreter befohlen.

Die kürzlich Beförderten beschwerten sich bei Oberleutnant Braun über die unklare Regelung bei Gruß und Anrede gegenüber den deutschen Ausbildern. Es wurde gefragt, ob ein deutscher Unteroffizier einen finnischen Zugführer grüßen müßte. Der Befehl des Kriegsministeriums sagte aus, daß die alten Stammunteroffiziere weiterhin die Vorgesetzten aller Finnen wären, das aber wäre gegen das deutsche Reglement. Wenn sie als Jäger alle Pflichten eines deutschen Jägers hätten, dann wollten sie auch alle Rechte wie diese haben. Major Bayer hatte gesagt, er könne die Aufregung nicht verstehen, es wäre doch keine Herabstufung wenn sie einen deutschen Unteroffizier grüßen würden. Wörtlich sagte er: "Die Unteroffiziere sind ja nicht ihre Vorgesetzten, aber Sie müssen doch grüßen, denn keiner weiß ja, was ihr seid". Die Dienstgrade konnten die Reaktion des Majors nicht verstehen und sprachen sich ab, daß sie im Dienstgrad niedrigere nicht grüßen würden.

11.09.1915
Wieder eine Veränderung und Verschlechterung der Verhältnisse. Die den Jägern zur Einnahme der Mahlzeiten zugewiesene Kantine stand den Soldaten nicht mehr zur Verfügung. Das Essen hatten die Soldaten in der Küche zu empfangen, sie mußten es in Behältnissen auf die Stube tragen und dort einnehmen. In wechselnder Folge beauftragte Jäger holten den Morgen- und Nachmittagskaffee in großen Kannen aus der Küche und verteilten diesen an die Gruppen.

14.09.1915
Die Besoldungsverordnung war umgestellt worden, hatten die Jäger bis vor kurzem pro Tag 1 Mark minus 20 Pfennig für die Kompaniekasse bekommen, so wurden jetzt folgende Beträge gezahlt: Jäger = 3.30 Mark, Gefreiter = 3.80 Mark, Gruppenführer = 11.20 Mark und Zugführer = 19.00 Mark an jedem zehnten Tag. Damit erfolgte die soldmäßige Gleichstellung der Jäger mit den deutschen Soldaten. Außerdem erging der Befehl an die Ausbildungs-Truppe, daß das Ordonanzsystem abzuschaffen sei. Jetzt mußten alle ihre Stuben selbst reinigen und die Betten machen. Ab 12:00 Uhr fand eine erneute Impfung der Jäger im Lazarett statt. Es war die abschließende Immunisierung gegen Cholera und Typhus, sie waren "feldverwendungsfähig".

15.09.1915
Major Bayer war mit der Freiwilligen Werbung in Finnland nicht zufrieden, er setzte den Aufbau einer finnischen Kommandantur (Etappe) für Jägerarbeit in Stockholm durch. Als ersten Kommandanten schlug Major Bayer den Kompaniechef der Pionierkompanie Hauptmann Karl Heldt vor, der den Posten auch bekam. Neben diesen Aktivitäten richtete Major Bayer in Hamburg, Sassnitz und anderen Orten weitere Etappenbüros ein. Von den Jägern wurden Wolff, Willmann, Söderberg und Reinbach als Werber nach Finnland geschickt.

18.09.1915
Major Bayer konnte nicht zufrieden gestellt werden. In der letzten Zeit war nur eine kleine Zahl an Finnen gekommen. Er wollte persönlich sämtliche Büros besuchen um mit den Leitern die Sache zu erörtern. Die Zahl der Freiwilligen im Lager war inzwischen auf 396 angewachsen. Seit Monatsbeginn waren nur 40 neue Bewerber angekommen.

23.09.1915
In der MGK hatte die Routine Einzug gehalten. Der Stallmeister Lemberg pries zwei seiner Pferde, Mize und Annie, zwei schwere Kaltblüter, ob deren Gutmütigkeit. Die MG-Gruppen mußten lernen mit den Maschinengewehren im Gespann zu fahren. Vor dem Fahren war jedesmal das "lästige" Exerzieren zu absolvieren. Die Jäger wußten was sie auf die deutschen Kommandos zu machen hatten. Auf das Kommando: "Fahrer und Gewehrführer fertigmachen", wurde alles abgelegt oder verstaut. Danach kamen die Kommandos: "Still­gestanden" und "Aufgesessen". Bei "Aufgesessen" schwangen sich Fahrer und Gewehrführer auf den Wagen. Dann gaben die Fahrer die Kommandos "Schritt, Trab oder Galopp" an die Zugpferde, womit sich der Wagen in Bewegung setzte. Einige Soldaten der MGK beschwerten sich über den eintönigen Dienst und ihren Oberleutnant, bei dem hatten sie das Gefühl, daß er sie als minderwertige Menschen ansehe. Die "Stallburschen" wiederum fühlten sich in der MGK als Außenseiter, die von den anderen Kameraden gemieden wurden. Am meisten beschwerte sie das Verhalten von deutschen Unterführern, mit denen es häufig Auseinandersetzungen gab. Die Finnen waren in diesen Auseinandersetzungen immer die Benachteiligten, ihnen wurde als Maßregelung oft der Ausgang gestrichen.

27.09.1915
Der Zulauf an Bewerbern war größer geworden. Die Monatsstatistik wies 60 neue Ankömmlinge aus. Die in diesem Monat Angeworbenen kamen vorwiegend aus Hamburg, Kiel und Flensburg. Die meisten waren Seeleute, die ihre Schiffe verlassen hatten, um der Sache zu dienen. Gute Arbeit verrichtete Heismann in Hamburg und Flensburg und Mäkinen agitierte erfolgreich in Kiel. Einige der angesprochenen Seeleute lehnten den Anwerbeversuch ab, nachdem sie erfahren hatten auf was sie sich einlassen würden.

Zu allen Kompanien wurden zusätzliche deutsche Offiziere und Unteroffiziere versetzt. Zur 1./Kompanie kam Oberleutnant Ulrich von Coler, Träger des eisernen Kreuzes I. und II.Klasse. Er war fronterfahren und konnte sehr viel zur aktualisierunsbedürftigen Ausbildung beisteuern. Die Soldaten der verschiedenen Kompanien, die er unterrichtete, hörten ihm andächtig und gebannt zu und auf die vielen an ihn gestellten Fragen, blieb er keine Antwort schuldig.

01.10.1915
Auf der karelischen Landenge wurden bis Januar 1916 mehrfach Spionage- und Sabotagetrupps der Jäger von den finnischen Aktivisten und auf Drängen des Major Bayer eingesetzt. Sie sollten die Aktivitäten der Russen beobachten und nach Stockholm melden. Finnische Sabotagetruppe verübten Sprenstoffanschläge auf der Landenge, in Rußland und in anderen Ländern.

Die Zahl der im Lager angekommenen Freiwilligen betrug in diesem Monat 168 junge Männer, die wiederum in zwei Ausbildungszüge aufgeteilt wurden.

Major Bayer forcierte die Ausbildung weiter. Er bestand darauf, daß die Jäger umfassender als deutsche Soldaten ausgebildet werden. Derzeitiger Schwerpunkt war das Entfernungsschätzen und das Messen von Entfernungen unter Zuhilfenahme des Fernglases.

03.10.1915
Oberst von Zimmermann vom Generalstab kam mit dem Abendzug aus Altona um 19:26 Uhr auf dem Bahnhof Lockstedter Lager an, er wurde von Major Bayer abgeholt. Oberst von Zimmermann hatte seine Inspektion der Truppe schon vor einiger Zeit angekündigt. Auf Befehl des Major Bayer wurde der Dienst bis 22:00 Uhr verlängert, alle finnischen Soldaten mußten sich wegen des Besuches bereithalten. Die Beförderten im Unterhaltungszimmer I, die Jäger der Klasse A im Unterhaltungszimmer II und die Rekruten mußten auf den Stuben bleiben. Zuerst wurden die Dienstgrade besucht. Oberst von Zimmermann begrüßte die Anwesenden mit: "Guten Abend Jäger", die darauf "Guten Abend, Herr Oberst" antworteten. Oberst von Zimmermann ging auf die Soldaten zu, begrüßte jeden Einzelnen und fragte nach Namen und Herkunft. In seiner anschließenden Rede sagte er zu den Anwesenden, daß er sich glücklich schätze mitgeholfen zu haben, daß ihre Ausbildung nun in die richtigen Bahnen gelenkt worden wäre. Als nächste suchte der Inspizierende die Jäger der Klasse A auf, ließ sich Zeit und sprach mit ihnen längere Zeit über verschiedene Anliegen. Den Rekruten widmete er eine Stunde an diesem Abend und sagte später zu den deutschen Ausbildern, daß er mit der auf den Stuben herrschenden Enge nicht zufrieden sei.

04.10.1915
An diesem Tag sollten die Soldaten Oberst von Zimmermann zeigen was sie bereits gelernt hatten. Bei miserablen Wetterbedingungen ging es hinaus auf den Übungsplatz, dort war bei leichtem Nieselregen und durchdringender Kälte antreten. Es wurde ein Scheingefecht zwischen einer Jägerkompanie und der Maschinengewehrkompanie inszeniert. Der Oberst war sehr angetan von dem was er gesehen hatte - den Offizieren der Truppe war ein Stein vom Herzen gefallen. Am Nachmittag lud der Oberst alle Jäger zum Besichtigungskaffee ein. Jeder bekam eine Tasse Kaffee und ein Stück Butterkuchen.

06.10.1915
Das Ersatz Bataillon Feldartillerieregiment Nr.45 wurde vom Kommandeur des IX.Armeekorps, General von Roehl, besichtigt. In diesem Zusammenhang nahm er die Gelegenheit war, die ihm unterstellte Ausbildungs-Truppe-Lockstedt zu besichtigen. Für ihn wurde ein kleines Gefecht veranstaltet, das von Oberleutnant von Coler geleitet wurde. Der General war sehr zufrieden. In einer kleinen Ansprache sagte er, daß er allen Anwesenden viel Glück und Erfolg für die finnische Sache wünsche. Die Rede waren Streicheleinheiten für alle Offiziere und besonders für die Bayersche Seele. Mißmutig wurde Major Bayer später allerdings als wieder die Sprache auf das leidige Thema "Gruß und Anrede" gegenüber deutschen Unteroffizieren kam. Da Major Bayer abermals keine Entscheidung traf, beschlossen die "Dienstgrade" erneut, daß sie sich nicht an den Befehl, die im Dienstgrad niedrigeren oder gleichrangigen deutschen Unteroffiziere zu grüßen, halten werden.

10.10.1915
Die Grundsatz-Weisung Nr.2, die am gleichen Tag eingegangen war, schrieb die Aufstellung und personelle Stärke von 2 weiteren Jägerkompanien vor.

15.10.1915
Die meisten finnischen Soldaten mußten am Deutsch-Unterricht teilnehmen. Major Bayer hatte seinen Adjutanten Oberleutnant Braun mit dieser Aufgabe betraut. Bayer hatte verfügt, daß alle Finnen, die schlecht oder gar kein deutsch sprachen an diesem Unterricht teilnehmen mußten. Daneben hatte er verfügt, daß Urlaub nur noch deutsch sprechenden Jägern gewährt werden dürfe und schließlich hatte er verboten, daß Finnen, wenn sie in Uniform unterwegs waren, schwedisch oder finnisch miteinander sprachen. Der Gedanke Bayers war, wenn die Befreiung Finnlands fehlschlug, mußten die Finnen in Deutschland Arbeit finden und es war einfacher für sie, wenn sie die Landessprache sprachen. Mit allen Mitteln wurde jetzt versucht die Finnen deutsch zu lehren, dazu wurden in der Folgezeit mehrere Befehle geschrieben. Als Anreiz dienten auch Geldprämien, die bei guten Fortschritten vergeben wurden. Wer in die nächsthöhere militärische Ausbildungsklasse versetzt werden wollte, der mußte eine Prüfung in deutscher Sprache ablegen. In den Kompanien sollte jeden Tag mindestens 1 Stunde die deutsche Sprache unterrichtet werden. Die Durchführung der Anweisung war dem Kommandeur oder seinem Vertreter von den Kompanien wöchentlich zu melden. Major Bayer hatte während seiner Zeit als Kommandeur deutsche Reglements in finnische Reglements übersetzen, drucken und sie den Soldaten aushändigen lassen.

Ende Oktober
In diesem Monat sah es richtig schwarz aus, was den Zustrom von Freiwilligen anging. Es mußten in Finnland neue Schleichwege erkundet werden. Die Etappen in Schweden machten jedoch Hoffnung, daß sich die Situation bald wieder bessern würde.

06.11.1915
Die stärkemäßige Aufstellung der 3./Kompanie war abgeschlossen, alle Dienstposten besetzt. Kompaniechef Oberleutnant Ulrich von Coler. Die Frage eines möglichen Einsatzes wurde unter den Soldaten lebhaft erörtert. Major Bayer gab den Jägern zu verstehen, daß sie möglicherweise aus Sicherheitsgründen eine Zeit lang die holsteinische Westküste im Bereich von Wesselburen oder Husum bewachen müßten.

1./ bis 3./Kompanie hatten jede eine personelle Stärke von 158 Mann erreicht und waren damit voll aufgefüllt. Der Maschinengewehrkompanie fehlten noch viele Soldaten.

12.11.1915
Major Bayer machte eine Dienstreise nach Stockholm. Er war seit längerem unzufrieden mit der Art und Weise, wie das Komitee aus seiner Sicht den Freiheitskampf organisierte. Er unterbreitete den in der Etappe in Stockholm anwesenden Finnen seine Vorstellungen wie der Freiheitskampf mit deutscher Gründlichkeit organisiert werden müsse. Anwesend waren Dr.Gummerus, Prof.Erich, Adolf Freiherr von Bonsdorff, Konni Zilliacus, Reguel Wolff, Castrén, Almar Fabritius und J.W.Snellman. Außerdem waren im Raum die deutschen Soldaten Hauptmann Karl Heldt und Leutnant Schues.

20.11.1915
Die finnischen Dienstgrade waren niedergeschlagen und unfroh, der Freiwilligennachschub klappte nicht, sie mußten mit ihren Gruppen immer wieder die gleichen Ausbildungsthemen durcharbeiten, es fehlte die Abwechslung.

23.11.1915
Die Gruppenführer der Einheiten wurden in ihren Kompanien über eine ab 01.12. geltende Regelung unterrichtet. Die Gruppenführer bekamen eine "Korporalschaft". Sie sollten in acht Wochen 12 ihnen anvertraute Rekruten ausbilden. Nach den acht Wochen würden die Rekruten besichtigt werden, wenn diese die Prüfung bestehen würden, kämen die Rekruten in die Klasse A, was gleichbedeutend mit dem Dienstgrad Jäger wäre. Die Einführung fußte auf dem vorausgegangenen Versuch, den die Gruppenführer Lesch und Jacobson erfolgreich durchgeführt hatten.

25.11.1915
Fritz Wetterhoff hatte bei einem Besuch in Kiel den Prinzen Heinrich von Preußen getroffen und ihm über den Feldmeisterlehrgang im Lockstedter Lager berichtet. Prinz Heinrich versprach die Truppe zu inspizieren. Das Versprechen löste er am 25.November ein. Dem Prinzen wurde der Leistungsstand der Jäger vorgeführt. Im Lager anwesende deutsche Ersatzkompanien wurden zur Feinddarstellung eingesetzt. Das Gefecht fand westlich des Lagers statt, dauerte 3 Stunden und beinhaltete den Bau und Überwinden von künstlichen Hindernissen, durchkämmen nach und säubern von Feind in Waldstücken, persönliches tarnen und täuschen des Feindes. Der Prinz äußerte sich sehr zufrieden über das was er gesehen hatte. In den Tagen nach der Besichtigung sollen 30 ausgebildete Finnen nach Schweden und Finnland abgeschleust worden sein.

30.11.1915
Die Zahl der ankommenden Freiwilligen riß nicht ab. Die Statistik für den Monat November wies 252 Neuankömmlinge aus, die im Lager aufgenommen und in die Ausbildung eingegliedert worden waren. Unter den Freiwilligen befanden sich auch Männer, die nicht eingesetzt werden konnten. Kopfschütteln rief die Ankunft von zwei Männern hervor. Der eine litt an einer Lungenkrankheit, der andere hatte einen Beinbruch. Lange wurde diskutiert und die Frage gestellt, wer solche Leute anwerbe und wie es sein könne, daß solche Männer durch die Etappe kämen, selbst wenn es in den Etappen keine ärztliche Begutachtung gäbe. Die Einheiten im Lager würden belastet, sie müßten die Männer im Lager behalten und verpflegen, bis sie dem deutschen Arbeitsmarkt zugeführt werden konnten. Hauptmann Heldt in der Etappe Stockholm wurde telegraphisch aufgefordert strengere Maßstäbe an die Auswahl zu legen. Insgesamt wurden während des Aufenthaltes im Lockstedter Lager 512 Finnen in den zivilen Arbeitsdienst über geführt.

01.12.1915
Major Bayer, Fritz Wetterhoff und Dr.Gummerus wurden aufgrund von Gerüchten, die sich auf dem "Obergefreitendienstweg" verbreitet hatten beim deutschen Generalstab vorstellig. Es bewahrheitete sich, daß der Generalstab das finnische Büro in Berlin als dem deutschen Heer unterstellt betrachtete. Major Bayer forderte in diesem Zusammenhang für sich, daß die finnischen Aktivisten ohne sein Wissen keine Verhandlungen mehr mit dem Generalstab führen dürften. Wetterhoff war entmachtet worden, er wurde dem Kommandeur der ATL unterstellt.

07.12.1915
Major Bayer war in der letzten Zeit zweimal telegraphisch nach Berlin beordert worden, um mit dem Generalstab über die Ausbildungs-Truppe zu sprechen. Die Truppe war auf 700 Mann angewachsen. In Finnland wurden zur Gestaltung des Pfadfinder-Weihnachtsfestes unter gleich Gesinnten 1.000 Mark gesammelt.

10.12.1915
Die Soldaten hatten ein Gefühl, das sie nicht nur optisch nicht trog, die Verpflegung war wieder schlechter geworden war. Auf Nachfragen wurde öffentlich, daß nur noch 84 Pfennig pro Tag und Soldat für die Mahlzeiten zur Verfügung standen.

16.12.1915
Die Ausbildungs-Truppe wuchs immer weiter, es waren nun schon 800 Finnen im Lager. Major Bayer unterrichtete eine ausgesuchte Anzahl von Beförderten in Taktik. Es waren die Männer, die er für fähig hielt, einmal die militärische Führung in Finnland übernehmen zu können. Zu seinen Unterrichten mußten auch die ihm unterstellten deutschen Reserve-Offiziere antreten. An diesem Tag schrieb er an seine Schwester: "Bitte schicke mir 50 kleine Reiser mit Silber, wie man sie den Päckchen beifügt, und 60 gleiche Bücher zu 20 Pfennig, hübscher Text, nicht zu schwer geschrieben. - Morgen fahre ich zurück zu meinen 800 Kindern, weil diese mir viel Arbeit machen".

20.12.1915
Die Aufstellung der 4./Kompanie war abgeschlossen. Kompaniechef Hauptmann Eduard Ausfeldt.

Die Kompaniechefs waren vollauf zufrieden mit der Rekrutenausbildung und beschlossen daher die erste Besichtigung noch vor Weihnachten durchzuführen. Das Datum würde kurzfristig festgelegt werden.

21.12.1915
Major Bayer hatte 7.000 Mark von verschiedenen Sponsoren und finnischen Gemeinschaften aus dem norddeutschen Bereich für die Bescherung der Jäger bekommen. Er schrieb seiner Schwester, daß er bald eine Musikkapelle mit einer Stärke von 25 Mann aufstellen wolle.

22.12.1915
Zilliacus wurde von der 1./ zur 4./Kompanie versetzt. Die Soldaten, die er zur Ausbildung übernommen hatte, wurden an einen Gruppenführer übergeben, dessen Rekruten vor kurzem besichtigt worden waren.

Eine Weihnachtskommission fuhr nach Hamburg um Geschenke zu kaufen. Major Bayer hatte das erhaltene Geld an die Kommission der Ausbildungs-Truppe übergeben. Geld für die Geschenke wurde auch aus den Kompaniekassen beigesteuert. Für jeden Finnen im Lager konnte ein Geschenk im Wert von 2 Mark gekauft werden. Die älteren Zugführer und der Kompaniefeldwebel Dolge bestimmten in Hamburg was gekauft werden sollte, die mitgereisten jüngeren Gruppenführer waren die Transporteure.

Von Bonsdorff war nach Stockholm in Urlaub gefahren, im dortigen Büro traf er seinen jüngeren Bruder Gabriel, der auf dem Weg zum Lockstedter Lager war.

23.12.1915
Es waren wieder 50 Rekruten im Lager angekommen, es war genau die Zahl die angekündigt worden war. Das Komitee "Julklapp" kehrte mit einer Ladung an Geschenken aus Hamburg zurück

24.12.1915
Zeitig am Morgen begannen die Weihnachtskommissionen in den Kompanien die Feiern vorzubereiten. Gefeiert werden sollte in den jeweiligen Unterhaltungszimmern. Als erstes wurde der Tannenbaum geschmückt, dann wurde eine Anzahl Tische ins Zimmer gebracht auf denen die Geschenke, mit Namensschild, aufgebaut wurden. Die Feier begann pünktlich um 18:00 Uhr. Es war ein feierlicher Abend, es wurden patriotische Lieder gesungen, der Abend klang aus mit dem "Finnenlied".

Die Jägerfahne

28.12.1915
Major Bayer fuhr zur Berichterstattung und Klärung von dienstlichen Angelegenheiten nach Hamburg zum Generalkommando. Gemeinsam mit dem Musikdirektor der Militärmusik wollte er nach der Besprechung Musikinstrumente einkaufen.

31.12.1915
260 neue Rekruten kamen im Dezember auf verschiedenen Wegen ins Lager. Der Silvesterabend verlief ähnlich dem Weihnachtsabend, getragene Feierlichkeit. Pünktlich um 24:00 Uhr wurde in der Kaserne, vermutlich bei den Offizieren, ein kleines Feuerwerk abgebrannt, ab 00:30 Uhr war Bettruhe befohlen.

03.01.1916
Die Stärke der Ausbildungs-Truppe erreichte 1.000 Mann, davon waren 880 Jäger.

10.01.1916
Es wurden mehrere Jäger zu höheren Dienstgraden befördert. Taucher war zum Zugführer befördert worden. Die nächste Beförderungswelle sollte am 20.Januar sein.

11.01.1916
Die im Dezember eingekauften Musikinstrumente waren angekommen. In den letzten 14 Tagen konnten sich Soldaten für das Musikkorps melden. Die Auswahl der Bewerber fand an den beiden folgenden Tagen statt. Der Musikdirektor des IX.Armeekorps suchte die musikalischsten Bewerber aus. Ein Finne, der in der Heimat Musik studiert hatte, sollte das Korps ausbilden.

13.01.1916
Der 1.000. Rekrut, der im Lager angekommen war, hieß Peter Alexander Slady. Er bekam von Major Bayer ein eigenhändig signiertes Buch über seine Erlebnisse in Südwest-Afrika. Der Titel: "Der Krieg in Südwest-Afrika".

15.01.1916
Die Finnin Ruth Baronin Munck, die einen Wirkungskreis als Krankenschwester in der Nähe der finnischen Freiwilligen im Lager oder aber in einem Kriegslazarett, das für die Betreuung der Jäger zuständig war, suchte, war mit einem Empfehlungsschreiben des Berliner Büros auf dem Weg ins Lockstedter Lager zu Major Bayer. Frau Munk hatte sich im Dezember 1915 im Stockholmer Büro gemeldet und war am 05.Januar 1916 nach Berlin weitergeleitet worden. Sie hatte im Berliner Büro um Unterstützung bei ihrem Bemühen nachgesucht, sie wollte unbedingt als Krankenschwester bei den Jägern Dienst für ihr Vaterland tun. Am Abend des 15. kam sie auf dem Bahnhof Altona in Hamburg an, wo sie von den Mitgliedern des Hamburger Büros Doktor Westphal und Ingenieur Nyström sowie deren Frauen abgeholt worden war.

16.01.1916   zum Text Berichte aus dem Reservelazarett
Frau Munck fuhr gleich am Morgen mit dem Zug zum Lockstedter Lager. Sie wurde auf dem Bahnhof von einem, ihr aus dem Berliner Büro bekannten Jäger abgeholt und zu Major Bayer gebracht. Endlich war sie in dem "Mysteriösen Lockstedter Lager" von dem man in Finnland und Stockholm hinter der vorgehaltenen Hand sprach. Sie sollte jetzt den Kommandeur kennenlernen, von dem sie sich ebenfalls Unterstützung für ihr Vorhaben erhoffte. Die vielen "Feldgrauen" waren ungewohnt. Major Bayer erwartete bereits Frau Munck. Nachdem Frau Munck ihr Anliegen vorgetragen hatte, meinte Major Bayer beiläufig ob Frau Munck "blutdürstig" sei oder ob sie Blut sehen wolle. Sie wußte sogleich, daß sie hier keine Hilfe erhalten würde. Die gewährte Audienz war sehr kurz. Major Bayer führte die Baronin durch das Lager und lud sie anschließend zum Essen im Hotel Kaiserhof ein. Frau Munck schrieb später, sie habe das Gefühl gehabt, daß es Major Bayer unangenehm war, daß man sie in seiner Begleitung sah. Er hätte einige im Lokal anwesende Offiziere aufgefordert, daß sie das Gespräch, das er mit Frau Munck geführt hätte, als nicht stattgefunden betrachten sollten. Die von Major Bayer angeregte Konversation bestand mehr aus einem Verhör als aus einem Gespräch. Zitat Frau Munck: "Ich war hierhergekommen um für meine Landsleute als Krankenschwester zu arbeiten und nicht um innerstaatliche Angelegenheiten mit dem Major zu diskutieren. Ich hatte den Eindruck, daß er mich nicht verstanden hatte". Nach dem Essen führte Major Bayer Frau Munck in den Musiksaal, wo die von ihm gegründete Jägerkapelle übte. Er meinte, Frau Munck hätte jetzt Gelegenheit ihre Landsleute zu grüßen.

Eintrag im Gästebuch der Gemeinde Hohenlockstedt vom 09.09.2001
"In Erinnerung an eine große Frau. Kappaherratah Ruth Munck, bei der ich die schönste Zeit meines Lebens verbringen durfte in Sempaniemi und die dem 27.Jägerbataillon eng verbunden war und in vorderster Front als Mitbegründerin des Lotta Svärd für die finnische Freiheit auch ihr Leben aufs Spiel setzte".
Unterschrift: Juno Lidowici, Kampen auf Sylt.

16.01.1916
Die Jäger W.Ström, L.J.Gulin und E.R.Forsmann fuhren auf Anweisung von Major Bayer nach Stockholm zur Unterstützung des Rekrutierungsbüros, das Hauptmann Heldt leitete. J.W.Snellman, Isak Alfthan, E.Malmberg und R.Heikel wurden, über Stockholm als Zwischenstation, zum Aufbau eines militärischen Nachrichtendienstes nach Finnland geschickt.

17.01.1916
Wetterhoff verbreitete das Gerücht, daß Major Bayer beim Kriegsministerium beantragt hätte, das Bataillon nach Flandern in den Kriegseinsatz zu verlegen. Major Bayer unterrichtete die deutschen Ausbilder, Kompaniechefs und finnischen Zugführer, das Gerücht entbehre jeder Grundlage, es wäre nicht wahr. Er wolle alle seine Beziehungen einsetzen, damit das Bataillon an die Ostfront käme, wenn es schon in den Einsatz sollte.

18.01.1916
15 geistig und physisch nicht tragbare Rekruten mußten aus dem laufenden Dienstbetrieb entfernt werden. Das Büro von Bayer in Hamburg führte die Personen ziviler Arbeit zu.

20.01.1916
Frau Munck äußerte beim Berliner Büro den Wunsch am Nationalfeiertag dem Runeberg-Tag im Lockstedter Lager bei den Finnen sein zu dürfen. In einem Brief wurde die Bitte an Major Bayer weitergeleitet, dieser lehnte das Ansinnen strikt ab. Als Begründung gab er an, er wisse nicht wo er sie hinstellen solle, sie könne sich nicht unter den hier ständig anwesenden Generälen und hohen Offizieren frei bewegen und er könne sie nicht mit den Jägern antreten lassen. Frau Munck wollte an diesem Tag in der Nähe ihrer Landsleute sein, es ging ihr nur um die Genehmigung sich im Lager aufhalten zu dürfen.

25.01.1916
Fritz Wetterhoff, Kani Zilliacus und Reguel Wolff besuchten die Ausbildungs-Truppe-Lockstedt. Sie besichtigten die Übungen der Truppe, die immer noch mit russischen Beutegewehren exerzierte. Kommandiert wurde die Truppe von finnischen Vorgesetzten, die wiederum von deutschen Ausbildern beaufsichtigt wurden. Die drei Observatoren berichteten nach Stockholm, daß die Stimmung im Lager gut sei und man einige Abenteurer und Banditenelemente aus dem Kurs entfernt habe. Am Nachmittag spielte die von Major Bayer gegründete "Militärkapelle" zum erstenmal öffentlich. Nach Meinung von Major Bayer spielten sie schon ganz gut.

27.01.1916
Kaiser Wilhelm II. hatte Geburtstag. Anstelle von Feierlichkeiten begann der Vormittag mit sportlicher Ertüchtigung in Form eines Sportfestes. Alle Facetten des militärischen Sportwettkampfs gab es zu sehen. Die Soldaten maßen sich in: Staffellauf, Laufen über unterschiedliche Distanzen, Handgranatenweitwurf, Tauziehen, obligatorischer Eilmarsch über 35 Kilometer und Schießen im Holsteiner Wald mit der neuen Grundübung "Schnellfeuer hinter der Brustwehr". Am Nachmittag Parademarsch üben, mehrfach die Gravelotte Straße hinauf und hinab. An der Spitze der Truppe - die "Militärkapelle". Die gestraffte Formalausbildung geschah auch im Hinblick auf den Nationalfeiertag am 05.Februar, dem Runeberg-Tag. Zum Abschluß marschierte die Ausbildungs-Truppe an Major Bayer vorbei, es waren beinahe 1.000 Mann die defilierten.

31.01.1916
Bis zum Ende des Monats stieg die Zahl der Rekruten um weitere 234 Männer. Die Vorbereitungen den Runeberg-Tag betreffend kamen zügig voran. Bei Major Bayer ging der Bericht von Hauptmann Heldt ein, daß Wetterhoff während einer Reise in Sassnitz so unvorsichtig über die Etappenarbeit gesprochen hätte, daß jemand von der dänischen Presse dies mitbekommen und die Indiskretion veröffentlicht hätte. Diese Meldung nahm Major Bayer erneut zum Anlaß sich über Wetterhoff zu beschweren und dessen Demontage weiter zu beschleunigen.

01.02.1916
Beförderungen wurden ausgesprochen. Die meisten der als gut eingeschätzten Jäger Klasse A wurden nach Erfüllung der zeitlichen Voraussetzungen zu Gefreiten befördert, einige Gefreite zu Gruppenführern.

Die 4./Kompanie hatte aus Platzmangel für Dienstgrade das Unterrichtszimmer als Stube zur Verfügung gestellt. Diesem Beispiel folgte die 1./Kompanie am 01.Februar. Im Unterrichtszimmer wurden 14 Jäger untergebracht. Heikel, Heimbürger, Sihvo I., Lagus, Fichte, Forsell, A.Berg, Kari, Ahlroth, Helsingius I. und R.Berg. Außerdem Hilfsgruppenführer Hedengren und Mårtenson. Nummer 14 war ein 40 Jahre alter Jäger, (Magister der Philosophie), der sich mit seinem 17jährigen Sohn, der in der Pionier Kompanie war, Anfang Januar im Lager als Rekruten gemeldet hatte. Alle Gruppen- und Zugführer setzten sich dafür ein, daß der derzeit älteste Jäger, der wegen seines Entschlusses herzukommen, von allen sehr geachtet wurde, eine Ausbildung zum Zahlmeister erhalten sollte. Wie der Platzmangel in den anderen Kompanien gemindert wurde ist noch nicht bekannt.

Die Zapfenstreichzeiten hatten sich in den Kompanien geändert. Alle Jäger (mit einer Ausnahme) mußten um 21:00 Uhr im Bett liegen. Für Gruppenführer gewährte eine Kompanie Ausgang bis 23:00 Uhr, während eine andere den Zapfenstreich für die Gruppenführer auf 23:00 Uhr legte. Die Zugführer hatten Ausgang bis 24:00 Uhr, der Hauptzugführer hatte Ausgang bis zum Wecken.

05.02.1916
Der Runeberg-Tag war nur für die Finnen ein Feiertag, diesmal war es auch ein Tag der Präsentation. Zuerst hatte sich General von Roehl, Kommandeur IX.Armeekorps, angesagt. Als dieser absagen mußte, meldeten sich zwei andere Generäle mit Obristen-Gefolge an, um die Truppe zu besichtigen. Eine Besichtigung war immer aus Gefechtsvorführungen, Sport, Schießen und anschließendem Vorbeimarsch zusammengesetzt. An dem Gefecht, das vorgeführt wurde, nahm die ganze Ausbildungs-Truppe teil, es wurde von Zugführer Jernström geleitet und stellte im Ergebnis alle zufrieden. Nach dem Einrücken in die Unterkünfte gegen 16:00 Uhr fiel das obligatorische Putzen und Flicken aus, dafür war Antreten für alle auf dem Antreteplatz. Major Bayer beförderte wieder einige Soldaten. Dann gab er bekannt, daß er neue Dienstgrade einführen und gleich Soldaten dazu ernennen werde. Die Zugführer Ståhlberg und Appelberg wurden zum Oberzugführer und der Oberzugführer Torsten Eirik Jernström zum Hauptzugführer befördert. Es gab keine Erklärung, welchem deutschen Dienstgrad die beiden Dienstgrade entsprachen. Gekennzeichnet waren die Oberzugführer durch verschiedenfarbige breite Streifen auf der Schulterklappe. Der Hauptzugführer trug zwei gekreuzte Bänder auf der Epaulette. (Und wieder wurde die Frage gestellt, warum den Jägern nicht das Tragen der deutschen Dienstgradabzeichen zugestanden wurde.) Bis zum Zapfenstreich hatte die Truppe Ausgang. Die Stabsdienstsoldaten feierten mit Punsch im Gebäude der 3./Kompanie. Die Gruppenführer hatten sich im Unteroffiziersheim versammelt, dort wurde mit "Schweden-Punsch" gefeiert. Es gab reichlich Flüssigkeit. Bei der Lohmühle schließlich hatten sich viele Jäger um ein Lagerfeuer geschart und feierten - ihr Getränk war Bier. Major Bayer besuchte die einzelnen Orte und sprach mit den Soldaten. Überall erwähnte er, daß die Exzellenzen sich bewundernd und positiv über die gesehenen Leistungen geäußert hätten.
♦ Anmerkung:
Der Dienstgrad Hauptzugführer entsprach dem eines Bataillonskommandeurs, Jernström wurde aber als Assistent des Bataillonskommandeurs bezeichnet. Oberzugführer entsprach dem Dienstgrad Hauptmann, der OZ war Assistent des Kompaniechefs.

10.02.1916
Die Versorgung mit Lebensmitteln hatte sich deutlich verschlechtert, was allenthalben am Essen zu merken war. Aus dieser Zeit muß der gute Ruf des im großen Kochkessel oder der Gulaschkanone gekochten Erbseneintopfes stammen. Im Erbseneintopf schwamm mehr Fleisch und Speck als die Köche für andere Eintöpfe zur Verfügung hatten. Erbseneintopf avancierte zu einem besonderen Gericht. Die Soldaten benannten bestimmte Mahlzeiten mit Bezeichnungen wie sie auf einer Speisekarte üblich sind. Es gab drei Stufen von wenig gemochten Suppen. An letzter Stelle stand die als "Drahtverhau" bezeichnete Suppe, die aus getrocknetem Suppengemüse und einer Speisewürze zubereitet war. Das Gemüse schmeckte wie "Stacheldraht". Einen mittleren Platz belegte der Eintopf "Kälberzähne". Eine Grünkernsuppe, die zwar gesund gewesen sein mag aber "der Hunger ließ uns alles essen". Den Spitzenplatz belegte "Der blaue Heinrich". Gekocht auf undefinierter Grundlage mit reisbreiartiger Einlage. Diese drei Bezeichnungen blieben bei den Jägern im Sprachgebrauch, solange sie unter deutschem Kommando standen.

16.02.1916
Wieder waren die Gruppenführer mit ihrer Gruppe (Korporalschaft) auf dem Übungsgelände unterwegs. In Form einer Stationsbesichtigung wurden die Gruppen geprüft. Nachdem zum dritten mal eine Besichtigung durchgeführt worden war, stellten die Gruppenführer im Gleichklang fest, daß es nervenaufreibend sein konnte, eine Gruppe bis zur Besichtigung zu führen. Die unterschiedlichen Charaktere unter einen Hut zu bekommen wäre nicht immer leicht.

17.02.1916
Im Lager kamen an diesem Tag 22 neue Freiwillige an. Es war zu merken, der gleichmäßige Zustrom stockte wieder. Die russischen Grenzbeamten hatten den eisigen Vorhang dichter zugezogen. Der Weg über Kemi und Haparanda war beschwerlicher geworden. Unter den Angekommenen waren drei Pastoren, welche die Jägeruniform anzogen. Es gab an der Uniform keinen Hinweis, daß sie Geistliche waren.

18.02.1916
Der von Major Bayer befohlene Unterricht wurde regelmäßig nur von den Hauptleuten der Truppe gehalten. Major Bayer selbst wollte an jedem Freitag in Taktik unterweisen, er hielt sich so gut wie nie an seine eigene Anweisung. Heute war ein Ausnahmetag, er erteilte Taktik Unterricht. Montags unterrichtete Hauptmann Knaths die Jäger, am 15. hatte er allgemeine Waffenlehre gelehrt. Hauptmann Just als verantwortlicher Pionier unterrichtete jeden Mittwoch ein Pionierthema. Am 17.02. hatte er das Thema "Befestigungslehre" bearbeitet. Es paßte nicht richtig zusammen, irgendwann sollten die Jäger als Offiziere die eigene Truppe führen, aber sie hatten noch wenig Ahnung von Taktik.

19.02.1916
Die Unterkünfte waren äußerst eng belegt, die Stärke der Ausbildungs-Truppe hatte inzwischen 1.257 Mann erreicht und es waren weitere 40 neue Rekruten angekündigt.

20.02.1916
Der "Gruß und Anrede" - Wirrwarr ging weiter und eskalierte. Ein deutscher Sanitätsunteroffizier, der von den Jägern allgemein als "Grünfink" bezeichnet wurde, fühlte sich dienstgradmäßig mißachtet. Ein Jäger im Rang eines Gruppenführers, im Drillichanzug, ging am "Grünfinken" vorbei ohne ihn zu grüßen. Der "Grünfink" schrie sofort: "Wollen sie mich nicht grüßen?" Der Jäger verzog nur eine verächtliche Mine, die den "Grünfinken" nur noch wütender machte. "Machen Sie nicht so eine lächerliche Mine, wie heißen Sie und in welcher Kompanie sind Sie? Weg mit ihnen!" Am nächsten Morgen bei der Parole sagte Kompaniefeldwebel Dolge zu seinen Soldaten, daß sich ein deutscher Unteroffizier bei ihm beschwert habe weil er von einem Gruppenführer nicht gegrüßt worden sei, der Deutsche hätte gefordert, daß der Betreffende bestraft werden müßte. Der Kompaniefeldwebel gab die Anweisung, alle Gruppenführer und im Dienstgrad darüber stehende träfen sich nach der Parole im Unterhaltungsraum der 4./Kompanie. Das Ergebnis der Zusammenkunft war, daß die Jäger im Rang gleiche deutsche Unteroffiziere nicht grüßen würden.

21.02.1916
Wie gewöhnlich war um 05:30 Uhr wecken. Nach den üblichen Verrichtungen war antreten für alle Kompanien. Nach der Parole Abmarsch zur kompanieweisen Infanterie Gefechtsausbildung. 3./ und 4./Kompanie marschierten in Richtung Mühlenbarbek, die 2./ ging nach Schlotfeld und die 1./Kompanie zum Gebiet um den Hungrigen Wolf. Die Kompanien wurden im Zugrahmen in ergänzender Ausbildung gedrillt. Alle Züge übten Patrouillentätigkeit und Vorpostendienst im Wechsel. Der 1.Zug der 1./Kompanie marschierte direkt zur Grenze des Truppenübungsplatzes bei Hohenaspe und geriet dabei in das sumpfige Gebiet des Tütmoores, das nur an der Oberfläche gefroren war. Der 2.Zug sollte das Gelände um das ehemalige Dorf Ridders zur Ausbildung nutzen. Bei klarem, kalten Wetter wurden die Gruppen des 1.Zuges in Patrouillen eingeteilt, deren Aufklärungsziel das ehemalige Dorf Ridders war. Gegen 12:30 Uhr hatten die Züge ihre Aufträge ausgeführt und waren auf dem Weg zur Unterkunft. In den Schlagschatten lag noch Rauhreif, der Untergrund war hart gefroren. 14:30 bis 15:30 Uhr Formalausbildung, "Griffe klopfen". Nach der Kaffeepause hieß es einrücken in den Unterrichtsraum. Unterrichtsthema war die "Handgranate", Aufbau, Verwendung, Handhabung und als Ergänzung dazu der Umgang mit Blindgängern.

23.02.1916
Während des Taktik Unterrichts sprach Major Bayer mit den Dienstgraden wieder einmal über die derzeitige Lage der Ausbildungs-Truppe und die zu erwartenden Entscheidungen des Kriegsministeriums. Er sagte, daß er eine Verlegung der Truppe zum Einsatz im Kurland in Richtung Riga befürworten würde. Er führte den Anwesenden klar vor Augen, daß ein Einsatz sich anders als der Etappendienst darstellen würde. "Sie werden keine Zeit haben weitere Freiwillige auszubilden. Sie werden kämpfen müssen, bluten und sterben, es wird keine Duchschnittsgefechte geben. Mit der Zeit werden Sie Erfahrungen sammeln und in ihre Entscheidungen einfließen lassen". Der Ausdruck in den Gesichtern der Angesprochenen war sehr ernst geworden. Während Major Bayer diese Worte sprach, waren 36 neue Rekruten angekommen.

24.02.1916
Es meldeten sich 30 Rekruten, die gerade mit dem Zug angekommen waren. Unter den 66 Rekruten, welche sich an den beiden letzten Tagen gemeldet hatten, befanden sich wieder mehrere untaugliche Männer. Einer war fast blind, einer litt unter chronischem Asthma, einer hatte Syphyllis und einer hatte einen so genannten "Puckel". Damit war wieder der Disput bezüglich der Qualität der Werber entbrannt und wurde das Fehlen von Ärzten in den Etappen kritisiert.

25.02.1916
Zum Jahrestag des Kursbeginns überreichten die Jäger Major Bayer eine Zeitschrift mit dem Namen: "Pfadfindarium, Blitzlichter aus einer kameralosen Zeit". In dieses Heft hatten sie gesammelte Karikaturen eingefügt und Begebenheiten aus dem vergangenen "Pfadfinder-Jahr" niedergeschrieben.

26.02.1916
Herrliches Winterwetter, große Schneeflocken fielen aus den Wolken und blieben auf den Tannen am Schießstand im Holsteiner Wald liegen. Die Korporalschaften mußten noch einige Grundübungen schießen. Es war kalt wenn man sich nicht bewegte und so wurde mehr auf Tempo als auf Sorgfalt gedrungen. Die schießende Truppe war gegen Mittag wieder im Lager. Am Nachmittag ließ Hauptmann Knaths "seine alten Soldaten" in den Unterhaltungsraum einrücken. Er sprach zu ihnen über die gemeinsam verbrachte Zeit und teilte mit, daß er für einige Wochen nach Berlin müsse, um dort im "Büro" zu arbeiten. Er würde dort Hauptmann Höcker ablösen, der für die Zeit seiner Abwesenheit ihr Kompaniechef sein würde.

29.02.1916
Die Truppe war jetzt 1.350 Mann stark. Die Kompaniefeldwebel hatten erreicht, daß wesentlich mehr Innendienst gemacht wurde. Unruhe regte sich wegen der ärztlichen Versorgung. Die Ausbildungs-Truppe betreute sanitätsdienstlich ein herrschsüchtiger, militärisch nicht angehauchter Zivilarzt, der nicht einmal einen Reserve-Status hatte. Ihm unterstellt war ein Assistenzarzt, der sich ihm und anderen gegenüber nicht durchsetzen konnte und den die Truppe als nervösen jungen Mann mit bleichem Aussehen beschrieb. Beide Ärzte akzeptierten den Sanitätsgruppenführer und Doktor der Medizin, Sahlmann (Salminen), in keinster Weise, obwohl dieser Arzt sich in medizinischer Hinsicht um alle Dinge kümmerte. Die beiden anderen Ärzte waren schon aufgrund der Sprachbarriere nicht in der Lage Diagnosen zu verfassen. Keine der von Hauptzugführer Jernström in der Vergangenheit gestellten Forderungen nach Einsetzung des finnischen Arztes fand Unterstützung durch Major Bayer oder Hauptmann Knaths. Das einzige was man dem Arzt zugestehen wollte war, daß er auf dem linken Unterarm der Uniform das deutsche Sanitäts-Tätigkeitsabzeichen tragen dürfe. Als der Kompaniefeldwebel Sahlmann das Zeichen überreichte, bemerkte dieser, daß er das Abzeichen nicht tragen werde.

01.03.1916
Die Gesamtzahl der Freiwilligen, die sich im Monat Februar im Lager meldeten stimmte mit der vom Komitee im Januar angekündigten Zahl von 289 überein.

08.03.1916
Freiherr von Bonsdorff, Professor Erich und Direktor Samuel Sario vom Stockholmer Komitee waren im Lager und überzeugten sich von der Stimmung der Jäger. Als sie abreisten, waren sie sich sicher, die Jäger wollten endlich aus der Kaserne heraus und Pulverdampf riechen, sie hätten genug vom Drill auf dem Barackengelände und Übungsplatz.

17.03.1916
Endlich wurde die seit langem gestellte Forderung des Komitees nach Aufstellung eines Artilleriezuges und Ausbildung von Artilleristen erfüllt. Am 17.03. begann die Aufstellung eines Artillerie Zuges mit der Zuführung von zwei russischen 10,5 cm Feldhaubitzen. Die Kompanien mußten wieder Personal in den Artillerie Zug versetzen. Von der 1./Kompanie wurden neben Hilfsgruppenführern und Gruppenführern auch die Zugführer Lesch und J.O.Wegelius versetzt. Am 17.03. war die Kriegsstärke von 1.502 Mann erreicht.

Kompaniechef der Maschinengewehr Kompanie wurde Oberleutnant R.Stahel.

März 1916
Die Jäger machten einen Orientierungsmarsch mit voller Ausrüstung vom Lockstedter Lager über Peißen, Looft, Pöschendorf, Schenefeld, Wapelfeld und Hohenwestedt zurück ins Lager. Der Rundkurs hatte eine Länge von 47 Kilometern und endete, unterbrochen von drei Pausen, nach acht Stunden auf der Waldersee Höhe. Von dort marschierten die Soldaten in geschlossener Formation durch das Lager zur Unterkunft.

Der finnische Schriftsteller Eirik Mikael Hornborg war als Freiwilliger ins Lager gekommen und nahm später nach bestandener Prüfung und Beförderung an der Ausbildung zum Gruppenführer teil.

25.03.1916
Im Lager wurde die Maschinengewehr Kompanie alarmiert. Ein englisches Flugzeug sollte sich im Norden des Lagers gezeigt haben, dies galt es abzuwehren wenn es einfliegen sollte. Die Jäger sahen die Maschine nicht, konnten sie also nicht abwehren. Die Alarmierung der MGK war gleichzeitig der Alarm für die Truppe, die zu einer 12-Stunden-Übung ausrückte. Major Bayer hatte darauf gedrungen, daß alle 1.500 Mann mit ins Feld ziehen.

31.03.1916
Die Zahl der eintreffenden Freiwilligen war im März leicht rückläufig, was wieder auf die intensivere Küstenüberwachung der finnischen Ostseeküste durch die russischen Besatzungstruppen zurückzuführen war.

04.04.1916
Eine neue Generation von Gruppenführern wurde ausgebildet, eine Art der Unteroffiziervorauswahl. Die Zugführer Jacobson, Sihvo I. und Weckström waren für die Ausbildung verantwortlich. Ihnen zur Seite standen die Gruppenführer A.Berg, Lagus, Kari, Ahlroth und Heimbürger. Zwischen der Orleans Straße und Gravelotte Straße hinter der Baracke 45 wurde ein Teil der Ausbildung unter Aufsicht von Oberleutnant Braun und Feldwebelleutnant Wilhelmsen durchgeführt.

Das Essen war wieder eine Stufe schlechter geworden. Es gab jetzt in der Woche mindestens einen fleischlosen Tag. Oft gab es Schellfisch und Kartoffel, was als nicht ausreichend sättigend angesehen wurde angesichts der harten und kräftezehrenden Ausbildung.

10.04.1916
Major Bayer hatte Fräulein Saara Rampanen telegraphisch ins Lockstedter Lager eingeladen und ihr eröffnet, er werde sich beim Kriegsministerium dafür einsetzen, daß sie in einem Frontlazarett arbeiten könne. Fräulein Rampanen war Krankenschwester und seit 1911 in Deutschland tätig. Sie hatte während eines Treffens am 25.02. im Hamburger Hotel Atlantic gegenüber Major Bayer den Wunsch geäußert, als Krankenschwester für die Finnen im Lager tätig sein zu dürfen. Da sich ihr Wunsch aufgrund der Hemmnisse, die ihr durch die deutschen Behörden in den Weg gelegt worden waren nicht erfüllen ließ, ging sie zurück nach Dresden. Im Sommer nahm Saara Rampanen von dort aus Kontakt zu Frau Ruth Baronin Munck in Berlin auf, wo diese sich intensiv um ihren Einsatz an der Front beim Jägerbataillon Nr.27 kümmerte. Nach vielen Diskussionen mit der Abteilung des Roten Kreuzes beim Kriegsministerium, durften die beiden Frauen nach Mitau fahren um dort als Krankenschwestern im Kriegslazarett 55 zu arbeiteten. (Frau Munck heiratete den deutschen Offizier und Bataillons Kommandeur des Jägerbataillon Nr.27 Eduard Ausfeldt.)

15.04.1916
Wecken um 05:00 Uhr. 06:30 Uhr Abmarsch in Richtung Hungriger Wolf zum Schützengraben ausheben. Rückmarsch so, daß die Truppe um 12:00 Uhr im Lager war. Nächster Ausbildungsort war der Schießstand im Holsteiner Wald von 14:30 bis 17:00 Uhr. Auf Bahn 6 II vorbereitende Zielübungen. Auf Bahn 6 I wurde die Übung "Schießen hinter der Brustwehr" auf die in 300 Meter Entfernung aufgebaute 24er Ringscheibe durchgeführt. Die Ergebnisse waren wie immer mittelprächtig. Der neu zuversetzte Feldwebelleutnant Krana, war nicht zufrieden mit den Schießergebnissen und beschuldigte die Soldaten, daß sie sich keine Mühe geben würden. Er nahm sich eine Waffe und verkündete, er würde eine Lehrvorführung geben wie man ziele und schieße. Seine Trefferergebnisse waren noch schlechter als die des Durchschnitts der schießenden Abteilung. Beim ihm war es aber keine Unfähigkeit wie bei den Finnen, sondern bei ihm war das Gewehr total dejustiert - also - das Gewehr hatte Schuld.

16.04.1916
Bei der Kommandeursparole sagte Major Bayer, es zeichne sich ab, daß die Truppe zum 01.05. mobilisiert werde und nach weiteren vier Wochen in den Einsatz abmarschieren würde. Vorgesehen sei ein Einsatz an der Ostfront unter dem Kommando von Hindenburg. Er hätte Meßtischblätter von dem in Frage kommenden Gebiet in ausreichender Zahl besorgt, jede Stube würde eine Karte bekommen. Major Bayer meldete, weil keine Einsprüche gekommen waren nach Berlin, daß er das Bataillon für einsatzbereit halte und am 15.Mai ausmarschieren könnte.

20.04.1916
Ostern war bald. Nachdem nun damit zu rechnen war, daß es in Kürze an die Front gehen würde, hatten viele der Jäger Urlaub beantragt. Den meisten wurde Urlaub vom 21.04. bis 27.04. gewährt. Viele trafen sich in Hamburg in einer von den Jägern ausgebuchten Pension und genossen die Möglichkeiten, welche die Großstadt zu bieten hatte.

01.05.1916
Die Uhren wurden eine Stunde nach vorn gestellt, mit dem 01.Mai begann die Sommerzeit.

Wieder machte sich allgemeine Niedergeschlagenheit breit. Major Bayer hatte schon erneut einen anderen Termin für den Abmarsch genannt. Er hatte in den Stuben der Jäger einen Aufruf deponieren lassen. Der Aufruf in drei Sprachen beinhaltete Hinweise auf die Terminänderung des Abmarsches aus dem Lager.

Es war seit mehreren Tagen sehr heiß. Die Routine tötete jede Initiative. Vor dem Unterricht erst einmal eine Stunde exerzieren bis die Zunge aus dem Mund hing, dann einem langweiligen Unterricht beiwohnen - "wenn doch der Hauptmann unterrichten würde, der hatte immer interessante Themen und politische Informationen". Die Gedanken der Jäger gingen an diesem Tag in die Heimat, dort würden sie heute den "Studentemössens Dag" feiern aber hier mußte exerziert werden. Mehrere Kameraden hatten sich am Abend zu einer kleinen Feier verabredet. Man traf sich im Soldatenheim zum Festmahl, das bestand aus Salzkartoffeln, zwei hart gekochten Eiern, anschließend ein paar Datteln und ein Humpen Bier. Je nach Temperament ließ man die Feier ruhig angehen. Während sich die Mehrzahl der Feiernden unauffällig verhielt und pünktlich im Bett lag, verhielten sich andere widrig und hatten über den Zapfen gewichst (den Zapfenstreich überschritten). Gegen Mitternacht kam diese Minderheit gröhlend und johlend in die Blocks und weckte alle auf. Am nächsten Abend war "lauter Gesang" aus den Blocks zu hören.

03.05.1916
Um 06:00 Uhr mußten alle zu einem Dienstgrad beförderten, auf Befehl des Major Bayer, auf dem Antreteplatz antreten. Er gab den Angetretenen bekannt, daß endlich der Mobilmachungsbefehl für die Ausbildungs-Truppe-Lockstedt bei gleichzeitiger Umbenennung in "Königlich Preußisches Jägerbataillon Nr.27"♦ ♦ im Lager eingegangen war. Den Jägern wurde bekanntgegeben, daß sie ab jetzt die Nummer "27" auf den Epauletten tragen durften. Die Bekanntgabe der Befehle wurde mit dreifachem Hurra zur Kenntnis genommen. Die Bewaffnung und Ausrüstung wurde in den folgenden Tagen ganz auf deutsche Ausrüstung umgestellt, es war das Modernste was auf dem Militärmarkt war. Major Bayer war der Bataillonskommandeur, er führte das um eine Maschinengewehrkompanie, eine Pionierkompanie und einen Feldhaubitzen Zug verstärkte Bataillon, Hauptmann Knaths führte die vier Jägerkompanien. Es begann das Aus­sortieren von Kranken und nicht voll ausgebildeten Jägern in die im Lager verbleibende Ersatz Truppe Lockstedt, sowie Zusammenstellung eines Spezialtrupps der sogenannten Meeretappe (1916-1918) die, eingesetzt von der Zentrale in Stockholm, von Umea aus mit dem 15 PS Motorboot "Lola" Transporte von Personen/Waffen/Gerät von und nach Finnland durchführte. Der Trupp bestand aus Jussi Sihvo, Oiva Willamo und Konrad Laaksonen aus der Maschinengewehrkompanie. Sabotagetrupps wurden nach Berlin kommandiert und dort in Sprengtechniken ausgebildet. Ihr Auftrag war, nach Abschluß des Lehrganges, über Schweden nach Finnland einzusickern um Schiffe und andere Objekte zu sprengen. Außerdem wurden Jäger zu Funkern ausgebildet. Erster Einsatz des Jägers A.R.Stenholm als Funker im Oktober 1917. Der Transport von Stenholm und Funkgerät erfolgte mit dem Nachfolgeboot der "Lola" der "Merrimac" von Umea nach Finnland.

♦  Der Bootsname hatte nichts mit dem Lockstedter Lager zu tun. Als Jussi Sihvo und Oiva Willamo das Boot in Umea kauften, trug es bereits diesen Namen.

15.05.1916
Major Bayer kommandierte Eirik Hornborg nach Berlin um an der von Major Bayer initiierten "Jägerzeitung" mitzuarbeiten. Der jüngere Bruder von Eirik, Harald, ebenfalls als Jäger im Lager, hatte die Prüfung zum Gruppenführer bestanden. Eirik übergab seine Gruppe an Harald zur weiteren Ausbildung und fuhr nach Berlin.

17.05.1916
Gunnar Heinrichs wurde zum Hauptquartier nach Kurland versetzt. Seinen Ausstand gab er für die Zug- und Gruppenführer der 4./Kompanie im Hotel Kaiserhof. Es gab Bier und Branntwein, sie waren alle fröhlich und vergaßen die Zeit. Obwohl für sie wegen der Feier der Zapfenstreich auf 23:00 Uhr verlängert worden war schafften sie es erst um 23:30 Uhr aufzubrechen. Mit ihrem leichten bis mittleren Rausch mußten sie über den Stacheldrahtzaun klettern. Sie waren aber immerhin so rücksichtsvoll, daß niemand aufgeweckt wurde.

18.05.1916
Major Bayer fuhr mit 5 Jägern ins Hauptquartier-Ost von Hindenburgs Armee nach Kowno. Bayer wollte die finnischen Soldaten den höchsten deutschen Heerführern vorstellen. Die mitreisenden Soldaten waren die Zugführer Friedel Jacobsen 1./Kompanie, Armas Nissilä 3./Kompanie, Gunnar Heinrichs 4./Kompanie, sowie die Jäger Ilmari Sihvo 1./Kompanie und Karl Rydman 3./Kompanie. Erst am 21.05. konnten Ludendorff und Hindenburg die Jäger empfangen.

23.05.1916
Ein 21 Mann starkes Quartier-Vorkommando verließ das Lockstedter Lager in Richtung Kurland.

Um 07:00 Uhr mußten alle in feldmarschmäßiger Ausrüstung und mit voll gepacktem Tornister antreten. Es war ein kleiner Marsch von 20 Kilometern zu absolvieren. Die ersten Kilometer waren für viele beschwerlich, die letzten 10 Kilometer gingen dagegen ganz flott. Am Ende des Marsches war sammeln bei der Waldersee-Höhe. Als die letzten Marschierer eingetroffen waren, traten die Soldaten im Karree an. Baron Adolf von Bonsdorff war gekommen um sich von den Jägern zu verabschieden. Er hielt seine Rede in finnisch, schwedisch und deutsch. Abschließend sangen alle das finnische Nationallied. Dann ging es zum Paradeplatz, wo eine Parade und Musterung abgenommen wurde. Den Abschluß bildete der zackige Parademarsch mit Musik an Hauptmann Knaths, dem derzeitigen Bataillonsführer, vorbei. Am Straßenrand standen finnische Mädchen, Frauen und Männer, aber auch deutsche Bevölkerung war reichlich gekommen, um den Jägern zuzuwinken.

26.05.1916
Hauptmann Just und 22 Pioniere folgten dem Quartier-Vorkommando nach Mitau um die Unterkünfte instandzusetzen. Kommentar: "Jetzt brauche ich nicht mehr Unteroffizier vom Dienst zu sein der morgens dafür zu sorgen hat, daß alle Kaffee haben, ob alle aus den Betten aufgestanden sind und am Abend im Bett liegen und das Licht gelöscht ist". "Und ich brauche keinen Revierdienst mehr zu machen und zu warten bis es dem UvD angenehm ist das Revier zu kontrollieren".

Der neue Kompaniechef der Maschinengewehrkompanie, Oberleutnant Rainer Stahel, vom Ersatztruppenteil des 1.Lothringisches Infanterie-Regiment Nr.130, war im Lager angekommen und konnte sich gleich auf die Verlegung in den Osten vorbereiten. Oberleutnant Stahel hatte bereits an der Westfront seine Feuertaufe bekommen.

27.05.1916
Im Hotel "Zum Hohenzollern" fand ein Abschiedsfest statt. Anwesend waren der Kompaniechef der MGK Oberleutnant Lemke, die Oberleutnante Eller und Hüssen mit ihren Frauen. Eingefunden hatten sich auch die Zugführer. Ebenfalls anwesend waren: Jernström, Appelberg, Savorius und Dr.Sahlmann. Weitere Gäste waren Frau Dr.Lindberg, Ruth Baronin Munck, die Fräulein Sederholm, Mandelin und Bengström. Es wurden Reden gehalten, kurze und lange, auch nachdenkliche. Oberleutnant Lemke würdigte in seiner Rede den Mut der Ruth Munck, sich der großen Herausforderung eines Kriegseinsatzes mit allen erdenklichen Situationen zu stellen.

28.05.1916
Immer noch waren die Tage mit Paraden und Exerzieren ausgefüllt. Für den 28. hatte sich eine Filmmannschaft angemeldet, die eine Gefechtsübung der Jäger auf Zelluloid bannen wollte. Der Tag war kalt, feucht und insgesamt ungemütlich. Nach einigen veränderten Einstellungen war die Übung gefilmt, die Jäger konnten zur Putz- und Flickstunde einrücken.

30.05.1916
Auf dem Bahnhof Lockstedter Lager wurden zwei Militärzüge, die aus Personen-, Viehtransport- und Plattenwagen zusammengesetzt waren, an den Verladerampen abgestellt. Mit der Bereitstellung der Züge konnte das Material des Königlich Preußischen Jäger Bataillons 27 verladen und gesichert werden. In Itzehoe stand auf einem Abstellgleis des Bahnhofs der Zug, der zum Transport der vier Jägerkompanien vorgesehen war.

31.05.1916
Heute war der Tag des Abmarsches und des Abschiednehmens. Die Maschinengewehr Kompanie und der Train mußten sehr früh aufstehen, ihr Militärzug dampfte um 07:02 Uhr aus der Station. Als sie zum Bahnhof marschierten, waren nur wenige Zivilisten auf den Beinen. Um 10:30 Uhr mußten alle vier Jägerkompanien abmarschbereit in der Kaserne angetreten sein. Pünktlich um 11:00 Uhr war Abmarsch zum Bahnhof. Unter "klingendem Spiel" der Regimentsmusik verließen die mobilisierten Jäger das Lockstedter Lager. Zum Einsatz an der Ostfront, in der Gegend um Mitau, rollte der Zug mit zwei Lokomotiven und zusätzlichen Waggons um 12:17 Uhr aus dem Bahnhof Lockstedter Lager. Kurz nach 16:00 Uhr setzte sich dann auch der Zug mit den Pionieren und den Artilleristen in Bewegung. 4 kriegsstarke Jägerkompanien, 1 Maschinengewehrkompanie, 1 Pionierkompanie, 1 Haubitzenzug, 199 Pferde und der nötige Fuhrpark waren abtransportiert worden. Mit in den Krieg zogen fünf bayerische Offiziere. Hauptmann Ulrich von Coler, Oberleutnant R.Stahel und die Leutnante Huyssen, Albert Mellis und Sievers. Die Gesamtstärke der abmarschierenden Truppe betrug: 39 deutsche Offiziere, 53 deutsche Unteroffiziere und 111 deutsche Mannschaften. Die Finnen waren mit einer Stärke von 27 Zugführern, 39 Gruppenführern und 1.134 Jägern vertreten. Der dienstgradhöchste Finne war Hauptzugführer Torsten Erik Jernström.

Der Ausmarsch aus dem Lockstedter Lager erhielt einen menschlichen Touch. Major Bayer hatte den in der näheren Umgebung lebenden Finnen gestattet persönlich von ihren Landsleuten Abschied zu nehmen. Beim Auszug des Jäger-Bataillons aus dem Lager hatte die zivile Bevölkerung geflaggt und säumte die Straßen von der Lagerwache bis zum Bahnhof.

01.06.1916
Zum Führer der Ersatz Truppe, die weiterhin als Ausbildungs-Truppe-Lockstedt bezeichnet wurde, war Hauptmann Bade bestimmt worden.

03.06.1916
Kurz nachdem das Jäger-Bataillon Nr.27 in Libau angekommen war, wurde es vom Prinz Heinrich von Preußen besucht.

10.06.1916
Auf dem Friedhof in Kellinghusen wurde der Jäger Thure Ström beerdigt. Das letzte Geleit gaben ihm die Kapelle des See Ersatzbataillons, eine Abordnung des Ersatzbataillons Nr.85 und die Mitglieder des Kriegervereins aus Kellinghusen. Ström war am 25.Mai mit Leibschmerzen in das Reservelazarett eingeliefert worden. Die Ärzte konnten das Krankheitsbild nicht genau diagnostizieren, der Gesundheitszustand verschlechterte sich, Ström starb am 07.Juni im Lockstedter Lager.

10.07.1916
Zwischen dem Kommandeur Major Bayer und Führer der Ausbildungs-Truppe Hauptmann Bade türmten sich seit einiger Zeit schwerwiegende Differenzen auf. Hauptmann Bade wollte nach Meinung von Major Bayer aus der Ausbildungs-Truppe-Lockstedt ein zweites Jägerbataillon aufbauen, er weigere sich die zwischenzeitlich ausgebildeten Finnen an die Ostfront zu schicken. Major Bayer beantragte die Versetzung von Hauptmann Bade, die innerhalb von Tagen verfügt wurde.

12.07.1916
Das erste eiserne Kreuz im Jägerbataillon Nr.27 erhielt Erik Wasenius für die Rettung eines Munitionslagers.

15.07.1916
Hauptmann Bade wurde mit sofortiger Wirkung zu seinem alten Regiment an die Ostfront nach Stochow versetzt. Major Bayer legte in der gleichen Zeit in einem schriftlichen Befehl die Neuordnung des Berliner Büros fest. Die Dienststelle Wetterhoff wurde dem neuen Führer der Ausbildungs-Truppe-Lockstedt, dem Major Graf von Schwerin-Mildenitz unterstellt. Bis zur Übernahme der Geschäfte durch ihn führte der schwedische Leutnant Hallström das Büro. Die Jägerzeitung wurde von Major Graf von Schwerin, als dieser Leiter des Berliner Büros geworden war, als wenig nützlich eingestuft und das Erscheinen nach der dritten Ausgabe eingestellt. Eirik Hornburg erhielt seine Kommandierung zum Etappenbüro in Sassnitz.

Erneute Besichtigung der Ausbildungs-Truppe-Lockstedt durch Prinz Heinrich von Preußen. Ein im Lager anwesendes Seebataillon wurde zur Feinddarstellung eingesetzt.

20.07.1916
Der Gruppenführer Holm erhielt als zweiter Jäger ein eisernes Kreuz. Er befreite in einem Husarenstreich den Jäger Sandvik aus den Händen einer russischen Patrouille, die Sandvik gefangen genommen hatte.

04.08.1916
Sieben eiserne Kreuze wurden verliehen an: 1./Kompanie Zugführer Jacobson, 2./Kompanie Gruppenführer Tienen (Tiainen), 3./Kompanie Gruppenführer Grönberg, 4./Kompanie Jäger Bergström (der älteste Jäger im Bataillon), MG-Kompanie Zugführer Oesch, Pi-Kompanie Gruppenführer Forsman und aus dem Feldhaubitzenzug Gruppenführer Malmberg.

10.08.1916
Bei der Ausbildungs-Truppe-Lockstedt traf Leutnant Tüngel ein. Tüngel war wegen seines zwischenmenschlichen Verhaltens und Verstößen gegen die Pflichten der Sorge für Untergebene von Major Bayer nach Shile befohlen und sofort zur Ausbildungs-Truppe ins Lockstedter Lager kommandiert worden. Dies waren nicht die einzigen Mängel die Tüngel angelastet wurden. Unter den Finnen wurde er als Feigling angesehen, weil er mehrfach gekniffen hatte, wenn es darum ging eine Patrouille zu führen. Bei einer Gelegenheit warf er dem Hauptzugführer Jernström vor, er hätte sich doch anstelle eines Offiziers als Patrouillenführer melden können. Am 04.09. wurde Leutnant Tüngel aus der Ausbildungs-Truppe-Lockstedt an die Westfront versetzt.

Eine Kostprobe von Tüngels Taktgefühl. Es ging um die Meldung zum eisernen Kreuz am 21.07.1916 Nachdem bekannt geworden war, daß Zugführer Jacobson fürs eiserne Kreuz vorgeschlagen worden war, ging Leutnant Tüngel zum Zugführer Weckström und sagte: "Na, wollen Sie nicht auch ein eisernes Kreuz haben?" Weckström antwortete: "Wieso denn?" Worauf Tüngel sagte: "Melden Sie sich nur bei Leutnant Dietrich, er verteilt welche, und das meine steht auch zur Verfügung. Liegt irgendwo auf dem Tisch".

18.08.1916
20 Mann von der Ausbildungs-Truppe wurden nach Tittelmünde in Marsch gesetzt. Der Zufluß an Freiwilligen war stark abgeebt. Derzeit waren nur noch weitere 70 Mann im Lager. Major Bayer forderte, daß die Freiwilligenwerbung verstärkt werde.

07.09.1916
Weitere eiserne Kreuze wurden verliehen: EK II an Leutnant Nordwald und Zugführer Ahlroth, weiter an Vize Feldwebel Scheer 1./Kp, Zugführer Grandell 2./Kp, Gruppenführer Juvonen 4./Kp, Zugführer Solin und Hanell aus der Pi-Kp und vom Feldhaubitzen Zug Hilfsgruppenführer Jarl Lundquist und Jäger Vuori.

13.09.1916
Eirik Hornborg war von Sassnitz aus für kurze Zeit ins Lockstedter Lager zurückgekommen. Nach vier Tagen Aufenthalt fuhr er an die Front mit einer Versetzung zur 2./Kompanie in der Tasche.

20.09.1916
Major Bayer gab für die Ausbildungs-Truppe-Lockstedt Weisungen, das Verhalten von Urlaubern betreffend, heraus. Die Disziplin im Lager hätte nachgelassen. Es wäre Material im Wert von 4.500 Mark verloren gegangen. Dienstlich befohlene Termine würden nicht eingehalten, Finnen kehrten nicht rechtzeitig aus dem Urlaub zurück, Dienstpost würde nicht befördert, man ließe sie liegen, weil man meine, sie sei nicht wichtig. Ein Gewehr wäre in einem Zug stehengeblieben. Am meisten regte sich Major Bayer jedoch über das Verhalten einiger im Urlaub befindlicher Jäger auf. Sie würden in Schweden prahlen, Finnen seien die Helden und die Deutschen weniger leistungsfähig. Auch daß sich Finnen im Cafe Schütt lautstark über die Lage der Truppe ausließen wollte er nicht mehr akzeptieren.

06.01.1917
Major Bayer wurde zum Generalstab kommandiert, Hauptmann Knaths übernahm die Führung des Königlich Preußischen Jägerbataillon Nr.27. Hauptmann Knaths hatte keine glückliche Hand um das Bataillon zu führen.

25.03.1917
Eirik Hornburg verließ das Jägerbataillon Nr.27. Er reiste über Berlin und Stockholm zurück nach Finnland, wo er an der konstituierenden Sitzung des neu gebildeten finnischen Landtages am 04.04. teilnahm.

Sommer 1917
Die Zeit des Majors Graf von Schwerin als Führer der Ausbildungs-Truppe-Lockstedt endete im Sommer 1917. Als das Jägerbataillon Nr.27 langsam auf die Heimfahrt vorbereitet wurde, brauchte man im Lockstedter Lager einen energischeren und weitblickenderen Mann, der nicht wie Schwerin im wesentlichen vom Schreibtisch aus regierte und nur selten im Lager erschien. Nachfolger wurde Hauptmann Höcker, der lange Zeit im Berliner Büro Dienst getan hatte.

29.09.1917
Hauptmann Eduard Ausfeld wurde neuer Kommandeur des Königlich Preußischen Jägerbataillon Nr.27

27.01.1918
General Mannerheim telegraphierte zum Generalstab nach Berlin und bat um die Entsendung von 30 Jäger-Offizieren und 70 Jäger-Unteroffizieren des an der Ostfront eingesetzten Jägerbataillons 27 nach Stockholm, man solle nicht die Verlegung des Jägerbataillons abwarten.

05.02.1918
Gemäß Befehl des Kriegsministeriums vom gleichen Tag war das Königlich Preußische Jägerbataillon Nr.27 und die Ausbildungs-Truppe-Lockstedt am 13.02.1918 aufzulösen.

Februar 1918
Seit die Jäger in Libau waren, fand in der Dreifaltigkeitskirche einmal im Monat ein Gottesdienst für die Finnen statt. Die drei Pastoren im Bataillon, Antilla, Groundström und Marttinen zelebrierten die Messe. Selbst bei diesen Verrichtungen trugen sie kein Messgewand sondern ihre verschlissenen Jägeruniformen, wie sonst beim normalen Soldatendienst.

09.02.1918
Die angeforderten 100 Jäger, reduziert auf 85, wurden als Vorauskommando unter Führung von Major Harald Öhquist in Marsch gesetzt und erreichten am 18.02.1918 Vasa mit den Schiffen "Mira" und "Poseidon" in Begleitung des Eisbrechers "Sampo". Die zusätzliche Ladung der Dampfers bestand aus 40.000 Gewehren, 70 Maschinengewehren, 4 Kanonen und einer großen Menge Munition.

13.02.1918
Nach der Auflösung des Jäger Bataillons 27 übernahm der Bevollmächtigte der finnischen Regierung Oberstleutnant Wilhelm Thesleff das Bataillon. Die am 11.02. durch Oberstleutnant Thesleff ausgesprochenen Beförderungen wurden mit gleichem Tag wirksam. Thesleff beförderte 1130 Jäger. Davon waren 403 Jäger zu Offizieren und 720 Jäger zu Unteroffizieren ernannt worden. Die durch die finnische Regierung angeordnete Beförderung fand nicht die ungeteilte Zustimmung des Generals Mannerheim.

14.02.1918
Das Fährschiff "Arcturus" transportierte das Hauptkontingent der Finnischen Jäger von Libau aus (14.02.1918) nach Vaasa, das am 25.02.1918 erreicht wurde. Mit 854 Jägern an Bord tauchte die Plimsoll-Marke an der Bordwand bedenklich tief ein. Am gleichen Tag lief der Frachter "Castor" mit den letzten 96 Soldaten in Vaasa ein. An Bord der "Arcturus" und "Castor" waren die restlichen Jäger der Ausbildungs-Truppe des Jägerbataillons 27 aus dem Lockstedter Lager. Mit dem Verlassen des Lockstedter Lagers in Richtung Finnland war auch das Kapitel der Ausbildungs-Truppe-Lockstedt abgeschlossen.

Nicht alle finnischen Jäger kehrten nach Finnland zurück. Etwa 400 blieben aus den verschiedensten Gründen in Deutschland. Die meisten zum Zeitpunkt der Fahrt des Bataillons nach Finnland kranken oder rekonvaleszierenden Jäger meldeten sich später wieder in Finnland zum Dienst. Vier finnische Jäger starben im Lockstedter Lager und wurden in Kellinghusen begraben.

Insgesamt waren 1.897 Mann im Lockstedter Lager ausgebildet worden. Die Truppe setzte sich nach Angaben des finnischen Traditionsverbandes wie folgt zusammen. Es kamen vom Österbotten 784 Mann, Nyland 282 Mann, Karelien 234 Mann, Satakunta 168 Mann, Tavastland/Häme 138 Mann, Savo 135 Mann, Stammland Finnland 98 Mann, Alandinseln 13, Lappland 2 Mann, im Ausland geborene Finnen 9 und weiter 34 Mann, die nicht zugeordnet werden konnten. Von diesen Freiwilligen hatten 52 einen akademischen Abschluß, 270 Abitur, 19 Gymnasiasten, 81 die wegen der Freiheitsbewegung das Gymnasium abbrachen, 163 Mittelschüler, 946 Volks- oder Mittelschulbesucher, 366 hatten teilweise oder keine Volksschule besucht. Auch hier kann über 69 Freiwillige keine Angabe gemacht werden.



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Mein Versuch zu erklären, warum die finnische Ausbildungs-Truppe in "Königlich Preußisches Jägerbataillon Nr.27" umbenannt wurde ist, in erster Linie sollte die Anwesenheit der Finnen verschleiert und der Eindruck erweckt werden, daß im Lockstedter Lager eine neue preußische Einheit, zum Infanterieregiment Nr.27 gehörend, aufgestellt würde. Ausschlaggebend dürfte aber gewesen sein, daß Major Bayer auch nach der Abberufung aus Brüssel bis zur Versetzung von der Ostfront etatmäßig zum "Königlich Preußisches Infanterie Regiment Prinz Louis-Ferdinand v.Preußen (2.Magdeburgisches) Nr.27", mit Garnison in Halberstadt, gehörte und sich auch dazugehörig fühlte. Daraus ist zu schließen, daß er auf seinen Epauletten immer die Nr.27 getragen hat, was lag also näher als den Vorschlag zu unterbreiten, die Formation Jägerbataillon Nr.27 zu benennen im Hinblick darauf, daß neu aufgestellte Formationen nach Personen (Erhardt, Löwenfeld) oder Orten (Hersfeld, Augsburg, Trier) bezeichnet wurden. Ob eine Initiative in dieser Richtung von Major Bayer ausgegangen war, ist nicht belegt oder überliefert.

Das Jägerabzeichen konnte nicht verkehrt am Uniformrock befestigt werden. Die Zahlen sehen, auch wenn das Jägerabzeichen gedreht wird, immer gleich aus.

Die Tapferkeitsmedaille wurde Erich Hellwig verliehen. (Dienstgrad und Anlaß der Verleihung konnte noch nicht recherchiert werden.)






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