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Knopf (Referent im Bundesministerium der Verteidigung)


D E R "T Ü R K E"



Eine überwiegend ernsthafte Untersuchung "Ein mittelmäßiger Türke bringt mehr Lob als eine hundertprozentige Ausbildung"   (Leutnantsweisheit)

Was ist ein "Türke?


Ein Türke ist eine sorgsam vorbereitete, in allen Einzelheiten vorweg geprobte Gefechtsübung oder Übung anderer Art. Der Wert für die Ausbildung der Truppe ist niedrig, oft gleich Null. Türken sind wohl aber wichtige Hilfsmittel für den Aufbau einer Karriere. Höheren Vorgesetzten dienen sie als Beruhigungsmittel, die ihnen einen hohen Ausbildungsstand der Truppe suggerieren und sie somit vom lästigen Zwang zum Tätigwerden befreien. In den dienst­lichen Verlautbarungen der Bundeswehr wird der Türke nicht erwähnt. Für diesen Umstand werden von den Militär Soziologen zwei unterschied­liche Gründe angeführt:

1. Der Türke ist in der Bundeswehr so selbstverständlich, daß sich eine weitere Erwähnung und Förderung erübrigt.

2. Der Türke widerspricht eklatant dem Demokratieverständnis in Deutschland. Während hier, in der Demokratie, die Honoratioren      den Bürgern etwas vorgaukeln, wird beim Türken genau umgekehrt verfahren. Aus diesem Grund sollen die Väter der Inneren
     Führung von der Erwähnung des Türken nachdrücklich abgeraten haben.


Der "Türke" in der militärgeschichtlichen Literatur


In der militärgeschichtlichen Literatur wird der Türke an zahl­reichen, Stellen ausführlich beschrieben und gewertet.

In Publikationen der Bundeswehr taucht er so gut wie nicht auf (Gründe siehe oben).

Zwei Beispiele aus der älteren Literatur mögen genügen:

Aus Transfeldt - v. Brand "Wert und Brauchtum des Soldaten", Nr.352:

"Woher die Bezeichnung "Türke" stammt, steht nicht fest. Nach dem "Soldaten-Freund" (64, (1896), 234) ist sie wahrscheinlich mit Bezug auf den wilden, ungeregelten Angriff der einstigen türkischen Janitscharen entstanden. Vielleicht (?) rührt sie von der türkischen Begräbnisstätte her, die sich bis zum Jahre 1866 auf der Tempelhofer Feldmark, dem späteren Grundstück der Franzer-Kaserne, befand. Das umliegende Gelände wurde in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit Vorliebe zur Einübung von Gefechten für die Besichtigung benutzt. Da das Türkengrab dabei eine gewisse Rolle spielte, so mag die Bezeichnung "Türke" für eingeübte Besichti­gungsgefechte in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen sein.

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Der genannte Generalleutnant v.Kotze war von 1856 bis 1861 Bataillons-Kommandeur im Alexander-Regiment, dessen Übungen auf dem Tempelhofer Felde stattfanden. Die Kriegsmarine hat den Ausdruck Türke in der Bedeutung eines eingeübten "Besichtigungszaubers" übernommen.

Auch in der Schweiz heißt merkwürdigerweise eine größere Gefechts-Übung "Türk". Man spricht dort von Regiments- und Bataillonstürk und bildet dazu sogar das Zeitwort "türken". Ist die Übung miß­lungen, so sagt man: "De Türk is verreckt". Man überträgt den Aus­druck auf andere Dinge, z. B. "Er het si wele verlobe, aber da Türk isch em verreckt".

Aus "Militärische Briefe" von Kraft Prinz von Hohenlohe-Ingelfingen, General der Infanterie a la suite der Armee, Generaladjutant Seiner Majestät des Kaisers und Königs (Berlin 1884):

"Man erlaubte den Bataillons-Kommandeuren, die ihre Truppe vorstell­ten, am Schluß des Exerzierens Gefechtsbewegungen zu machen, welche sie sich selbst ausgedacht hatten, und mit denen sie sich vom Reglement entfernten. Das regte das Nachdenken der Stabsoffiziere an, und sie zeigten manches Neue und Gute.

Wer dabei Etwas hervorbrachte, was noch nicht dagewesen war, galt, wenn es auch nicht gerade als unbedingt praktisch anerkannt wurde, wenigstens für einen selbstdenkenden Mann. Dies führte bald zu Aus­schreitungen. Ein Jeder wollte Etwas erfinden, machte bis zu seiner eigenen Bataillons-Vorstellung ein Geheimnis aus seiner Erfindung, und grübelte nach derselben das ganze Jahr, wie er im nächsten Jah­re etwas noch unerhörteres zeigen könnte. Da sah man oft die wunder­lichsten Dinge, von denen der chronische auf dem Exerzierplatze, viel­leicht mitten auf einer Höhe, durch einzelne Leute markierte Fluß noch das mindest Wunderliche war."


Heute gebräuchliche Arten des "Türkens"

Der Türke als ein militärsoziologisches Phänomen hat sich mit der Gesellschaft und der Struktur der Armee gewandelt. Neuere Untersuchungen haben die Existenz von drei Spielarten erbracht:

1. Der "gemeine" Türke (NATO-Begriff: "simple turk - exercise")

Wesentliches Kennzeichen des "gemeinen" Türken ist, daß ausschließlich Besucher betürkt werden. Der vorführende Kommandeur ist der höchste anwesende Militär. "Gemeine" Türken können heute erfolgreich aufgeführt werden, wenn die Truppe sich Besuchern präsentiert, die keinen mili­tärischen Sachverstand besitzen. Wenngleich es dieser Besuchergruppe an Fachwissen über eine moderne Armee mangelt, so müssen dennoch zwei Untergruppen beachtet werden:

Betürkte ohne Sachkenntnis, ungedient:
Angehörige dieser Gruppe messen die Armee primär am Verbrauch von Steuergeldern und suchen überall nach der Verschwendungssucht der Militärs.

Betürkte ohne Sachkenntnis, gedient:
Sie besitzen keine Sachkenntnis, leben jedoch in dem Glauben, Fach­leute zu sein. Diese Diskrepanz hat zwei verschiedene Gründe: Ent­weder der Betreffende war vor langer Zeit Offizier, dann ist sein Wissen veraltet oder er war in der Bundeswehr Wehrpflichtiger, dann beinhalten Erfahrungen Wache schieben, Ärger mit dem Spieß.

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Konzeption

Die Lage für den "gemeinen" Türken muß einfach sein, besonders wenn Gediente unter den Besuchern sind. Sie würden eine schwierige Lage nicht für schwierig, sondern für falsch und unrealistisch halten.

Je nach politischer Einstellung der Besuchergruppe können a.B. fol­gende Schwerpunkte herausgestellt werden (Vorsicht, Geistliche sind schwer einzuordnen):

Einsatzwille der Wehrpflichtigen und Härte, der Ausbildung.
Motto: Der deutsche Soldat ist besser, als gewisse - Presse- Organe es wahrhaben wollen.

Die Armee ist lediglich ein Dienstleistungsbetrieb mit speziellen Aufgaben.
Motto: Der Weiterbildung des Soldaten für einen späteren Zivilberuf wird größte Bedeutung beigemessen (Hilfsschule der Nation)

Rahmenbedingungen

Abholung, Unterkunft und Bewirtung der Besucher müssen generalstabsmäßig vorbereitet und abgewickelt werden. Besonders Pressevertreter, die das chaotische Durcheinander ihrer Redaktionen gewöhnt sind, werden dadurch beeindruckt. Auch wenn es der Truppe schwerfällt, soll­ten Bewirtungskosten übernommen werden; die Spesen der Besucher sind heilig. Besondere Bedeutung kommt der Ausschilderung zum Vorführungs­ort zu. Auch Besuche die sonst im Urlaub oder von Berufs wegen (z.B. Journalisten) das entlegenste Dorf in Ostfriesland finden, verlassen sich bei Truppenbesuchen blind auf die militärisch-perfekte Organi­sation. Ausgangspunkt für die Ausschilderung sollte im Regelfall das nächstgelegene Autobahnkreuz sein. Besser noch als Schilder sind Ein­weisungsposten. Sie machen dem Besucher die Wichtigkeit seiner Person deutlich und vermitteln darüber hinaus einen Eindruck von der perso­nellen Stärke der Streitkräfte. Wie viele Soldaten müssen erst unter Waffen stehen, wenn schon so viele die Straßen säumen!

2. Der "befohlene" Türke (NATO-Begriff; "ordered turk - exercise")

Der "befohlene" Türke unterscheidet sieh vom "gemeinen" nur in einem, jedoch wesentlichen Aspekt: Die Besuchergruppe wird von einem höheren Vorgesetzten begleitet. Er hat diesen Türken befohlen. Je höher dieser Vorgesetzte ist, um so größer ist die Zahl der zwangsläufig erschei­nenden Zwischenvorgesetzten. Der vorführende Kommandeur ist somit nicht der höchste anwesende Militär. Die Besuchergruppe zerfällt in betürkte und zuschauende Vorgesetzte. Letztere wissen, daß hier ein Türke läuft. Weil sie selbst schon viele Türken geleitet haben, wahrscheinlich wegen gutgebauter Türken überhaupt in ihre jetzige Stellung kamen, schrau­ben sie die Erwartungen sehr hoch. Der "befohlene" Türke stellt daher wesentlich höhere Anforderungen an die Truppe als der "gemeine" Türke.

Konzeption

Die Konzeption für den "befohlenen" Türken beruht auf zwei, sich ergänzenden Prinzipien:

1. Tadellose Betreuung der Besucher und der Vorgesetzten (siehe oben).

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2. Vollkommene Ausrichtung der Vorführung auf die Erwartungen und Marotten des höchsten anwesenden Vorgesetzten.      Gegenteilige Auffassungen von Zwischenvorgesetzten können ignoriert werden. Bei "befohlenen" Türken gilt das Prinzip des
     Befehlsnotstandes; es wird von den Zwischenvorgesetzten anerkannt.

Ausnahme:
Besteht die "Besuchergruppe überwiegend aus Presse­vertretern, ist die Übung, deren Erwartungen; anzupassen. Alle Vorgesetzten werden diese flexible Haltung der Truppe richtig würdigen.

Eine Ausrichtung des Türken auf den jeweils betürkten Vorgesetzten setzt genaue Kenntnis von dessen Vorlieben, Abneigungen und Marotten voraus. Die Erkundung und Auswertung dieser relevanten Vorgesetzten-Eigenschaften ist echte Stabsarbeit. Als Informations­quellen kommen in Frage:

- Adjutanten (Jahrgangskameraden ansetzen!)
- Sekretärinnen, Vorzimmer-Damen (Vorsicht, meist sehr loyal!)

Kommandeur-Briefe/Reiseberichte: Das weit verbreitete Bedürf­nis hoher Militärs, sich schriftstellerisch zu betätigen, gibt den Untergebenen tiefe Einblicke in deren Psyche.

Die festgestellten Vorgesetzten-Eigenschaften sind den am Türken mitwirkenden Soldaten einzuhämmern. Bei Truppen, die sich, häufig "befohlenen" Türken stellen müssen (Lehrbrigaden, Gebirgsjägerbrigade), ist es angeraten, Merkzettel für die Unterführer zu erstellen, um Verwechslungen auszuschließen. Jeder "befohlene" Tür­ke sollte seinen Höhepunkt in einem neuen Gag finden, der selbst türkenerprobte Vorgesetzte in Staunen versetzt (z.B. windgetrie­bene, von Pionieren gebaute Stiefelputzmaschine, zahme, weiße Gams, u.ä.). Die Ausarbeitung dieser Gags ist des Schweißes der Edlen wert. Brauchbare Methoden der Gagfindung sind: Brainstorming der Generalstabsoffiziere, Seminar der bekannten Kompanieclowns, regelmäßige Auswertung der TV-Serie "Rudis Tagesschau o.a.

Rahmenbedingungen

Wie beim echten Türken, jedoch ist zusätzlich zu beachten: Der Betreuung von Generals-Fahrern, besonders wenn im Zivil-Status, Piloten und sonstigem Hilfspersonal kommt enorme Bedeutung zu. Je höher der Vorgesetzte, um so mehr neigt er sein Ohr dem Volk zu. "Das Volk ist für ihn vor allem sein Fahrer, Pilot oder, Bewacher. Volkesstimme ist Gottesstimme.

Bei sehr hohen Vorgesetzten pflegen vermehrt deren Ehefrauen mit­zureisen. Ehefrauen sind baldmöglichst von ihren Männern zu tren­nen und separat zu betreuen. Das negative Urteil von Frau X., ausgelöst durch die vom Regen verdorbene Frisur, ist verheerender als die falsche Meldung an Herrn X. Deshalb sollten Kosten hier keine Rolle spielen.

3. Der "echte" Türke (NATO-Begriff: "real turk - exercise")

Die hohe Kunst der Türkenbauerei ist der "echte" Türke. "Echte" Türken sind die eigentlichen Karrieremacher. Ein "echter" Türke liegt vor, wenn ein Vorgesetzter arglos Dienstaufsicht ausübt und ihm dabei etwas vorgegaukelt wird, oder, wenn ein unmittelbarer Vorgesetzter arglistig eine gezielte Prüfung vorhat und die Truppe dies erkennt und sein Vorhaben durch entsprechende Vorbereitungen unterläuft. Dauernd mit "echten" Türken zu arbeiten, ist genauso anstrengend, wie dauernd gute Ausbildung bzw. Arbeit zu machen.

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"Echte" Türken, sind nur gewinnbringend und kräftesparend, wenn sie zeitlich richtig plaziert werden. Da die Karriere von Beur­teilungen abhängt, diese terminlich (Gott sei Dank) fixiert sind, Vorgesetzte selten früher als ein Vierteljahr vor dem Termin mit der Beurteilungsarbeit beginnen, gibt es im Zweijahrsrhythmus echte "Türkenquartale". Die Berechnung ergibt sich, für die Dienstgradgruppen unterschiedlich aus der ZDv. 20/6. Berechnungsbeispiel für Stabsoffiziere: Beurteilungstermin 30.September in Jahren mit ungerader Endzahl, Vorlagetermin ca. 8 Wochen davor, ergibt: "Türkenquartal" für Stabsoffiziere Mai bis Juli in Jahren mit ungerader Endzahl.

Konzeption

Während beim "gemeinen" Türken die Übertreibung unverfänglich ist, da bei den Besuchern kein Sachverstand vorliegt, beim "befohlenen" Türken Übertreibung in Form von Perfektion und Gags erwartet wird, muß der "echte" Türke den perfekten Alltag darstellen. Hierin liegt die Schwierigkeit. Keine noch so nebensächliche Kleinigkeit darf den "echten" Türken offenlegen. Auch hier ist die genaue Kenntnis des betürkten Vorgesetzten notwendig. Da diese Vorführung aber pri­mär der eigenen Karriere dient, kann Team-Arbeit nur bedingt zu den notwendigen Kenntnissen führen. Konkurrenten hören mit. "Echte" Türken setzen persönliche Eigenarbeit voraus. Erkundungen sind mit der entsprechenden Vorsicht einzuholen. Für die Anlage von "echten" Türken ist besonders die Frage relevant, ob der betürkte Vorgesetzte Fachkenntnisse besitzt oder auf Blendwerk reagiert. Es empfiehlt sich möglichst lange vor dem "Türkenquartal" ein "Testtürke". Hier­bei wird der betreffende Vorgesetzte unbarmherzig mit Fachfragen konfrontiert. Die Reaktion ist vielleicht barsch, aber das Ergeb­nis eindeutig. Im "Türkenquartal" kann dann entsprechend verfahren werden. Die meisten höheren Vorgesetzten verfügen aus verständ­lichen Gründen nicht über detaillierte Fachkenntnisse. Ihre Über­prüfung der Truppe wird sie daher - wie schon zu Kaisers Zeiten -auf folgende zwei Punkte konzentrieren: Meldung und Anzug des Soldaten.

Schlußbemerkung

Die vorliegende Untersuchung will als Bestandsaufnahme und Anregung verstanden werden. Sie hat deutlich gemacht, daß Türken ("turk-exercises") nach festen, überlieferten Regeln ablaufen und zur Tradition der Bundeswehr gehören. Das Fehlen einer einschlägigen ZDv wird in der Truppe als Mangel empfunden.

von RG ü. Kommandantur

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