|
Eines der drängenden Probleme war die Beschaffung von Heizmaterial, Holz und Kohlenmangel wurden diskutiert. Durch die Steinkohlenknappheit fielen auch immer wieder Zugverbindungen aus. Wie man den Mangel an Feuerungsmaterial jeglicher Art lindern könne wurde in vielen Beiträgen in Tageszeitungen veröffentlicht. Zwei Beispiele: "Wie streckt man Feuerung? Es dürfte wenig bekannt sein, daß die zur Heizung der Zimmeröfen dienenden Feuerungsmengen in ganz einfacher Weise sich strecken lassen und bis zum letzten Rest ausgenutzt werden können. Bei jeder Füllung eines Ofens oder beim Umrühren und Lockern der bereits brennenden Kohlen fallen kleine unverbrannte Teile durch das Rost in die Ascheschieblade. Der Inhalt dieser kleinen Aschekästen wird in den meisten Fällen als "Asche" weg geschüttet. Und doch enthält er noch zur Heizung brauchbare Stoffe. Man verfahre folgendermaßen. Sobald die untere Ascheschieblade des Ofens nahezu gefüllt ist, lasse man sie erkalten. Am besten geschieht das morgens früh. Dann gieße man Wasser hinzu und rühre den Inhalt zu einem gleichmäßigen dicken Brei. Diese Maße schütte man in kleinen Mengen, zurzeit etwa eine halbe Kohlenschaufel voll, auf die glühenden Kohlen im Ofen und sie wird mit merklicher Heizkraft noch einmal verbrennen. Solche Streckung des Feuerungsmaterials läßt sich in jedem Haushalt mit leichter Mühe herstellen und sie ist bei den hohen Kohlenpreisen doppelt wertvoll. Mit der Küchenherdbefeuerung kann natürlich ebenso verfahren werden." Wie man Kleinholz spart! Man mauere sich die Feuerstelle mit Briketts aus, balle einige Bogen Papier fest zusammen, schlage 2 Briketts in je drei Teile, lege sie darauf und brenne sie an. Unfehlbar brennt es. Ist der ganze Ofen voll Glut, kann zugeschraubt werden und man hat den ganzen Tag einen heißen Ofen und ein warmes Zimmer. Abends werden wieder 2-3 Briketts in Papier gewickelt und vorn auf die Glut gelegt, etwas anbrennen lassen. Früh hat man schönste Glut und braucht kein Kleinholz." Einen Überfall hätte sich der Jagdpächter des Übungsplatzes, Herr Schack, geleistet und dieser Vorfall dürfe nach Auffassung des betroffenen Vaters, auf keinen Fall der Öffentlichkeit vorenthalten werden: Ausgerüstet mit Gewehr und Spazierstock und von einem Freund begleitet, befand sich Herr Schack, am Nachmittag des 30.Dezember des vergangenen Jahres, auf der Jagd und traf mit meinem Sohn, welcher auf der Koppel meines Nachbarn mit Hilfe eines Frettchens einige Kaninchen gefangen hatte, zusammen. Sofort wurde mein Sohn von den beiden Herren gestellt und aufgefordert Rucksack und Kaninchen abzugeben und ihnen als Gefangener zu folgen. Da die Kaninchen nicht im Revier des Schack gefangen worden waren und Schack meinen Sohn kannte, wurde seiner Aufforderung von meinem Sohne nicht nachgekommen, sondern darauf Aufmerksam gemacht, daß, wenn Herrn Schack ein Unrecht bzw. ein Nachteil entstanden sei, er von dem Recht der Anzeige Gebrauch machen könne. Statt dessen wurde meinem Sohn der Rucksack mit Gewalt abgenommen und Schack schlug meinen Sohn mit dem Gewehrkolben ins Gesicht. Zu Boden geworfen, wurde er von dem Begleiter des Schack mit dem Spazierstock traktiert. Diese Untaten wurden mit den Worten: "Der Hund muß Prügel haben" begleitet. Nachdem die Züchtigung beendet, konnte mein Sohn mit geschwollenem Kopf und Gliedern nach Hause gehen. Der mit dem Gewehrkolben gegen das Gesicht meines Sohnes ausgeführte Schlag war derartig heftig gewesen, daß sofort ein Arzt aufgesucht werden mußte. Nun frage ich jeden vernünftig denkenden Menschen und frage auch Sie Herr Schack: "War es notwendig einen wehrlosen jungen Mann, welcher Ihnen nicht unbekannt ist, so zu behandeln? Stand Ihnen nicht der Weg zur Polizei offen? Auch dürfte Ihnen Herr Schack nicht unbekannt sein, daß mein Sohn Kriegsinvalide, also gewissermaßen als Krüppel Ihnen gegenüber stand. Diese Mißhandlung hätte auch den Tod meines Sohnes zur Folge haben können. War das Fangen der zu tausenden zählenden Kaninchen, selbst wenn dieselben in Ihrem Jagdrevier gefangen wären, ein so großes Verbrechen? Wissen Sie nicht Herr Schack, daß diese Nagetiere ganze Roggen-, Kohl- und Rübenfelder in einer Nacht abfressen und so die mit großer Mühe geleistete Arbeit des Landmannes vernichten? Nochmals frage ich: "Warum diese unmenschliche Behandlung? Ich klage Sie, Herr Schack, des versuchten Totschlags und des Raubes an, wo ist der Rucksack mit Inhalt, welcher meinem Sohn von Ihnen geraubt wurde? An die Polizeibehörde richte ich die Frage: "Erscheint es nicht angebracht, dem Herrn Schack den Jagdschein zu entziehen, damit für die Folge solche Untaten von Menschen, denen jedes menschliche Empfinden abzusprechen ist, verhütet werden. Hoffentlich wird die Staatsanwaltschaft das richtige Urteil finden, denn solch unwürdige Handlungen können meines Erachtens nicht mit ein paar Mark Geldstrafe gesühnt werden, sondern der Täter muß es am eigenen Körper spüren, wie unendlich wehe es tut, nachdem man 4 Jahre lang sein Leben für das Vaterland einsetzte von seinen Mitmenschen so behandelt zu werden. In das Verzeichnis derjenigen Orte, in denen erhöhte Kriegsteuerungszulagen zu zahlen waren, war auch das Lockstedter Lager im Januar eingereiht worden. Als Reparationsleistung sollte folgendes Vieh, aus Schleswig-Holstein an die Entente abgeliefert werden: 31 Hengste, 1.824 Mutterstuten, 2.161 schwarzbunte Rinder (Milchkühe), 5.000 rotbunte Rinder (Milchkühe) 3.800 Jungrinder (Bullen), 3.600 schwarzbunte Jungrinder und Bullen, 22 englische Schafböcke, 2.160 englische Mutterschafe, 10 Wilstermarsch Böcke, 100 Wilstermarsch Mutterschafe. Jedes 100.Rind mußte auf seinen Gesundheitszustand geprüft werden. Nach Berechnungen mußte jede 16. bis 17.Kuh abgegeben werden. Die belgischen Pferde werden, falls nicht genügend vorhanden sind, angekauft oder enteignet. Von der Reparationsleistung waren auch Bauern aus der Gegend um das Lockstedter Lager betroffen und vorsorglich vom Kreis auf die Möglichkeit der Enteignung hingewiesen worden. Nach langer Zeit wurde wieder einmal auf dem Übungsplatz mit militärischen Waffen geschossen. Am 22.Januar in der Zeit von 10:00 bis 14:00 Uhr fand ein Scharfschießen (vernichten von Munition) statt. Eine Sperrung der Rendsburger Chaussee war nicht erforderlich. Die Schlagbäume an allen in Frage kommenden Wegen wurden wie gewohnt 1 Stunde vor Beginn des Schießens geschlossen. Der Ball am Wasserturm wurde ebenfalls 1 Stunde vor Beginn des Schießens hochgezogen. In den umliegenden Gemeinden wurde zwischen den Arbeitgebern und den Landarbeitern die Zahlung von Teuerungszulagen an die Arbeiter vereinbart. Danach erhielten Freiarbeiter♦ die Stunde 1 Mark, Freiarbeiterinnen, Deputatarbeiter und deren Frauen und Töchter 60 Pfennig, als Melkzuschlag 50 Pfennig, Großknechte monatlich 55 Mark, Kleinknechte 40 Mark, Dienstjungen 25 Mark, Großmädchen 35 Mark und Kleinmädchen 25 Mark. ♦ Anmerkung: Freiarbeiter: Arbeiter, die ihren Lebensunterhalt außerhalb des Dorfes bestritten und für die Dauer der Arbeit beim Bauern wohnten, Entlohnung nur mit Bargeld. Deputatarbeiter: Arbeiter, der neben dem Lohn noch Naturalien (Deputat) erhielt. Zu einer Kundgebung für die Nordmark kam es im Februar anläßlich einer von der Beamtengewerkschaft (Beamtenkartell) im "Hohenzollern" veranstalteten Festlichkeit. Auf Wunsch eines Mitgliedes spielte die Musik: "Schleswig-Holstein meerumschlungen". Sofort erhoben sich sämtliche Gäste und sangen das Lied begeistert mit. Danach ergriff Herr Alws das Wort und gedachte in kurzen, markigen Worten der Not des Vaterlandes und der Not der Mitbürger in der Nordmark. Den Ausführungen des Redners pflichteten alle Anwesenden bei. Mit dem ebenfalls stehend gesungenen: "Deutschland, Deutschland über alles" fand diese eindrucksvolle vaterländische Kundgebung ihr Ende. Frau Ernestine A. wohnhaft hier in Lockstedter Lager war durch den rechtskräftigen Strafbefehl des Amtsgerichts Wilster vom 20.Dezember 1919 wegen Preiswuchers mit Fischen zu einer Geldstrafe von 150 Mark, ersatzweise 15 Tagen Gefängnis, verurteilt worden. Die Mitglieder der Ortsgruppe des Reichswirtschaftsverbandes deutscher derzeitiger und ehemaliger Berufssoldaten, e.V., hatten am Mittwoch, 11.Februar, im "Hohenzollern" eine Versammlung, in der einstimmig beschlossen wurde, daß die Mitglieder gegen die Auslieferung Deutscher Bürger an ausländische Mächte protestieren werden. Am 10.Februar traf hier die Maschinengewehrkompanie Württemberg aus Munsterlager ein, sie sollte dem Detachement Claasen beigegeben werden. Ehe dieser Vorgang in Gang gesetzt wurde erhielt die Einheit erneut den Marschbefehl zurück nach Munsterlager, dort wurde die Einheit im Mai aufgelöst. Etwa die Hälfte der Soldaten wurde als Soldatensiedler vom Landwirtschaftsministerium übernommen und zur Urbarmachung des Geländes nach Lockstedter Lager geschickt. Ende Februar jährte sich zum fünften Mal das Datum der Ausgabe der Brotkarte. Ein Gespräch in Hülsings Hotel: "Wer hätte am 25.Februar 1915, als die Brotkarte eingeführt wurde, gedacht oder auch nur zu denken gewagt, daß wir auch noch ihren 5.Geburtstag "feiern" würden. Damals habe ich geglaubt, sie werde schon im Sommer 1915 wieder verschwinden und sie sei nur ein Hilfsmittel, um uns das Durchhalten bis zur nächsten Ernte zu ermöglichen. Es kam aber auch hier wie so oft im Leben anders, als gedacht. Ob der 5.Geburtstag der Brotkarte der letzte sein wird? Wer kann die Frage zu diesem Zeitpunkt beantworten? Jeder wünscht sie wird bald eingezogen, ja alle hoffen es! Aber auch wenn sie nicht mehr ausgegeben wird, bleibt die Brotkarte ein kulturhistorisches Dokument, das späteren Generationen nicht nur von den Kriegsnöten, sondern auch von der Organisation der Ernährung erzählen wird." In den Elternbeirat der Schule des Lockstedter Lagers wurden gewählt: der Arbeiter Johannes Göttsche, Zigarrenmacher Bernhard Petersen, Briefträger Carl Carstensen, Feldwebel Otto Drews und Frau Minna Sievers. Mitte März hatte der örtliche Aktionsausschuß zu einer öffentlichen Versammlung ins "Stadt Hamburg" eingeladen, die stark besucht war. Auf der Tagesordnung stand: "Der Generalstreik". In der Versammlung wurde bekanntgegeben, daß der örtliche Aktionsausschuß seine Tätigkeit wieder aufgenommen hatte. Am Tag der Versammlung war Kontakt mit den Ausschüssen in Itzehoe, Altona, Neumünster und Bad Bramstedt hergestellt worden. Danach hieß es, Itzehoe stehe fest und sicher zur alten Regierung, ebenso wie die Truppen der Reichswehr und ihre Offiziere im Standort Itzehoe. Sollten die Truppen versuchen zur neuen Regierung überzulaufen, so wäre dort die Einwohnerwehr, die einschreiten könnte. Das Lockstedter Lager wäre vom Ausschuß gründlich auf Waffen und Munition durchsucht worden, die zum Schaden oder Nutzen einsetzbar wären. Es wurde nichts vorgefunden, nur unbrauchbare auseinandergenommene Gewehre und dergleichen. Im Ort wurde ein unbekannter Offizier gesehen. Es wurde sofort Haftbefehl erlassen und der Offizier vernommen. Der Offizier gehört der Abwicklungsstelle für Heimkehrer an und steht auf dem Standpunkt der alten Regierung. Am 14.März war ein Soldatentrupp, zirka 40 Mann von hier nach Hamburg abmarschiert, diese gelangten aber nur bis nach Pinneberg. Der Trupp käme zurück. Es wurde ein Entschluß verlesen, den der Aktionsausschuß in Anbetracht der Lage gefaßt hatte. Die Entschließung lautete: "Durch den zweitägigen Generalstreik hat die Einwohnerschaft gezeigt, daß sie einmütig hinter der verfassungsmäßigen Regierung steht. Damit ist unser Ziel erreicht. Der Ausschuß empfiehlt daher die Aufhebung des Generalstreiks ab heute Abend für alle Betriebe, mit Ausnahme der Eisenbahner, welche den Anordnungen ihrer Zentralleitung Folge zu leisten haben. Der Aktionsausschuß spricht die Zuversicht aus, daß im Falle irgend einer Beunruhigung unseres Ortes, auf einen erneuten Aufruf wiederum die gesamte Einwohnerschaft diesem unbedingt Folge leisten werde. Gleichzeitig wurde beschlossen, um die Sicherheit des Ortes zu gewährleisten, eine Einwohnerwehr ins Leben zu rufen. Mitglieder der Einwohnerwehr können nur eingeschriebene Mitglieder der demokratischen Partei, der mehrheitssozialistischen und der Unabhängigen sozialistischen Partei werden. Der Aktionsausschuß tagt weiter". Hier trafen am 25.März Truppen in Stärke von 1.200 Mann ein. Es waren Teile der Brigade Löwenfeld und der Marinebrigade, welche an den Kämpfen in Kiel beteiligt waren und sich über den Kanal zurückgezogen hatten, hier sollten sie zu einem neuen Marinedetachement formiert werden. Berliner Nachrichten zufolge sollten auch die Marinebrigade Erhardt und das Baltikumdetachement Roßbach aus Döberitz hierher kommen. Der Kreis Steinburg war vom Reichswehrministerium informiert worden, daß es beabsichtigt sei den Weg in Richtung Springhoe wieder für den öffentlichen Verkehr freizugeben, falls der Kreis an der Durchgangsstraße Interesse bekunden sollte, so wäre eine einmalige Zahlung von 1.000 Mark als Beteiligung an den Instandsetzungskosten zu leisten. Der Kreistag hatte daraufhin beschlossen sich an der Instandsetzung und Unterhaltung des wieder freigegebenen Weges Lockstedter Lager - Springhoe zu beteiligen und einen Betrag von 1.000 Mark zu überweisen. Ende März war beim Reichsinnenminister Dr.Köster die Nachricht eingetroffen, daß die im Lockstedter Lager befindlichen Reichswehrtruppen bis zum 10.April entlassen seien. Nach diesem Zeitpunkt würden sie vom Staat weder Löhnung noch Beköstigung erhalten. Es wurde im Brief ausdrücklich betont, daß eine anderweitige militärische Verwendung dieser Truppen nicht mehr in Frage käme. Ein Teil der aus Döberitz zum Lockstedter Lager abtransportierten Baltikumtruppen war von Beamten und Arbeitern der Eisenbahndirektion Altona nicht durchgelassen worden, man hatte sie aufgefordert nach Döberitz zurückzukehren. Für den Soldaten Paul J. war es kein Aprilscherz, als er an diesem Tag von der Polizei wegen vermeintlichen Diebstahls verhaftet wurde. Bei der Festnahme kam es zu Handgreiflichkeiten mit seinem Vorgesetzten, der bei der Festsetzung zugegen war. Im September 1923 wurde J. wegen Gehoramsverweigerung in Verbindung mit Widerstand und tätlichem Angriff gegen einen Vorgesetzten vom Itzehoer Schöffengericht zu 6 Monate Gefängnis verurteilt, wovon bereits 6 Wochen durch die Untersuchungshaft verbüßt waren. Im Lager lagen vier Batterien; zwei Batterien der 9er aus Güstrow kommend und zwei Batterien von der 3.Marinebrigade waren aus Kiel gekommen, sie lagen seit ihrer Ankunft in Alarmbereitschaft. Von dieser Brigade, die regierungstreu war, wurden noch mehr Truppen erwartet und noch ein Bataillon von der Brigade Löwenfeld. Die hier versammelten Truppen sollten umgehend ins Ruhrgebiet verlegt werden, verblieben aber vorläufig noch im Lager. Ferner lag im Lager noch eine Kompanie der Eisernen Division aus Döberitz, sie war seinerzeit mit großem "Tam Tam" und Musik eingerückt. Es wurden aus Berlin zusätzliche 600 Mann erwartet und 1.800 Mann aus Kiel, von welchen Truppengattungen war unbestimmt. Man nahm als gesichert an, daß auch diese Truppen ins Ruhrgebiet verlegt werden sollten. Im Lager herrschte reges militärisches Leben, zum größten Teil setzten sich die hier liegenden Truppen aus Baltenkämpfern zusammen. Funkstationen, die seit ihrer Feldverwendungsfähigkeit immer im freien Gelände aufgestellt wurden, sollten jetzt nach den Kriegserfahrungen möglichst an getarnten Stellen in Wäldern aufgebaut werden. Die für das Lockstedter Lager geplante ortsfeste Kurzwellenstation wurde deshalb aus der Infrastrukturplanung herausgenommen, man favorisierte eine derartige Anlage in den Wäldern im Dreieck um Öschebüttel - Hollenbek- Lockstedt. Die im Lockstedter Lazarett beschäftigte Krankenschwester Luise Ernst wurde bei der Explosion einer Karbidlampe in ihrem Zimmer so schwer am Kopf verletzt, daß sie an den Folgen der Verletzungen verstarb. In Berichten sozialdemokratisch gesonnener Zeitungen vom 28.März hieß es, daß die Löwenfeld Truppen noch immer hier im Lager seien, weiter, daß sie eigenmächtig aufträten und Sachen aus dem Lager, wie Teile von Betten und Kleidungsstücken, verkauften. Auch sollte ein Transport Truppen von der Berliner Marinebrigade Erhardt im Lager eingetroffen sein und weitere Truppenabteilungen, die zum Kapp-Lüttwitz Anhang gerechnet wurden, sollten folgen. Die sozialdemokratische Presse forderte in ihrem Artikel die sofortige Entwaffnung dieser Truppen, wenn nötig mit Gewalt. Die "Schleswig-Holsteinische Volks-Zeitung" schrieb dazu, daß eine Kommission, aus Sozialdemokraten, Unabhängigen und Demokraten bestehend, von Kiel aus nach Berlin gefahren sei, um auf die Gefahr, die vom Lockstedter Lager her drohe, aufmerksam zu machen. Das Eiserne Kreuz I erhielt, nachträglich für Taten auf dem westlichen Kriegsschauplatz, der Unteroffizier der Reserve Heinrich Nölting, Sohn des an der Garnisonsverwaltung arbeitenden Heinrich Nölting. Wegen einer ernsthaften Erkrankung mußte der Oberbahnvorsteher Quadenfeld aus Neumünster zum 01.September in den Ruhestand treten; bis dahin war er beurlaubt. Er siedelte bereits im April in das Lockstedter Lager über, wo er einige Jahre am Bahnhof Dienst getan hatte. Der Abtransport der Brigade Erhardt aus Döberitz zum Lockstedter Lager sollte, wenn die Unstimmigkeiten mit den Beamten und Arbeitern des Eisenbahnbezirks Altona behoben seien, sofort wieder aufgenommen werden. Die Brigade war wie vor dem Kapp-Putsch mehr als 4.000 Mann stark. Die Freiwilligen, die sich ihr für eine bestimmte Zeit angeschlossen hatten, waren zum Zeitpunkt dieser Meldung alle wieder entlassen worden. In den letzten Tagen schwirrten wieder die wildesten Gerüchte über die im Lager anwesenden Truppen umher. Es lagen hier zur Zeit nur das Detachement Claassen (Löwenfeld) und das Vorkommando der Brigade Erhardt. Weitere Erhardt Truppen waren entgegen den Gerüchten noch nicht angekommen. Es hatte sich nun, besonders bei der Arbeiterschaft, eine gewisse Unruhe breitgemacht und man befürchtete ein erneutes Vorgehen der Löwenfelder gegen die Regierung. Gegenüber einer Arbeiterdelegation hatten sich aber die Führer der genannten Truppen mehrfach als verfassungstreu bezeichnet und man konnte nur vermuten, daß selbst, wenn sie es nicht waren, ein neuer Staatsstreich von vorne herein zwecklos und deshalb außerordentlich dumm wäre. In Zeitungen außerhalb von Schleswig-Holstein wurde berichtet, die Löwenfelder hätten Waffen und Munition vom hiesigen Garnisonskommando verlangt und auch erhalten. Demgegenüber war vom Kommando zu erfahren, daß ihnen keinerlei Waffen und Munition ausgehändigt worden waren, nur auf Ersuchen der vorgesetzten Kommandobehörde sei ihnen einiges Nachrichtenmaterial übergeben worden. Ob das Detachement Claassen hier im Lager aufgelöst oder anderswo verwandt werden sollte, darüber war bis in die erste Woche des April noch keine Entscheidung gefallen. Von der Kommandantur des Lagers war an die hier untergebrachten Truppen die Warnung ergangen, keine aus Heeresbeständen stammenden Gegenstände zu verkaufen, andernfalls die Täter mit strengster Bestrafung zu rechnen hätten. Besonders in letzter Zeit bedrängten immer wieder Militärpersonen aus dem Lager, vielfach in aufdringlichster Weise, in der Umgebung wohnende Zivilpersonen um ihnen Bekleidungsstücke oder Ausrüstungsstücke des Militärs zu verkaufen. Gegen solche Personen würde ab sofort von eingeschritten und in jedem Fall deren Festnahme bewirkt. Altwarenhändler, welche militärische Stücke ankauften und den Umständen nach annehmen mußten, daß diese vom Verkäufer unrechtmäßig erworben wurden, machten sich der Hehlerei strafbar. Ein Kellinghusener Bürger hatte von einem Soldaten aus dem Lager ein Pferd gegen Waren und Geld eingetauscht. Der Soldat wurde bei seiner Rückkehr zur Unterkunft festgenommen, weil er bei dem Diebstahl beobachtet worden war, der Kellinghusener mußte das Pferd wieder zurückgegeben, hatte aber Ware und Geld verloren. Es war in diesen Tagen schon häufiger vorgekommen, daß Soldaten aus dem Lager versuchten Pferde zu verkaufen, vor dem Ankauf solcher Pferde warnte die Polizei und die Kommandantur. Nach einem Telegramm, das am 07.April in der Kommandantur einging, sollten die im Lager untergebrachten Truppen zwecks Auflösung der Formationen ins Munsterlager verlegt werden. Der Reichswehrminister Dr.Geßler äußerte sich in dieser Hinsicht wie folgt: "Die Marineoffiziere, die sich wirklich vergangen haben, werden vom Reichsgericht abgeurteilt werden. Der Wirrwar sei gegenwärtig überhaupt sehr groß. Auch in Altenburg haben Mannschaften ihre Offiziere gefangen gesetzt. Das Reichsmilitärgericht habe die sofortige Freilassung angeordnet, aber die Mannschaften kehren sich nicht daran und lassen die Offiziere nicht frei. Ähnlich stehe es mit der Entwaffnung der Brigade Erhardt. Sie soll ins Lockstedter Lager gebracht werden, weil man sie dort leichter auflösen kann, da sie in Döberitz fortwährend Zuzug aus Berlin bekommen könne. Aber die Eisenbahner des Altonaer Bezirks haben sich geweigert, die Truppen zu befördern. Dr.Geßler hat nun den Befehl erteilt, daß die Marinebrigade nach einem isolierten Truppenübungsplatz abtransportiert wird. Er ist entschlossen, wenn die Auflösung nicht freiwillig erfolgen sollte, sie in kürzester Frist mit Gewalt durchzuführen. Es muß die Probe gemacht werden, ob wir nicht in der Lage sind, solche Truppen auch gegen ihren Willen aufzulösen. Die Brigade Erhardt hat noch bis zum 10.April Anspruch auf ihre Gebühren; von da an nicht mehr, aber das Entlassen von mehreren Tausenden solcher Soldaten ins wirtschaftliche Nichts, bedeutet natürlich auch eine soziale Gefahr. Viele Arbeiter werden mit diesen Leuten nicht zusammenarbeiten wollen." Von den Truppen der Erhardtschen Division, die angeblich hierher ins Lager kommen sollten, wurden folgende Ausschreitungen gemeldet. "Die Marinedivision befand sich, immer noch bewaffnet, in Döberitz. Die Etappenkommandantur Döberitz hatte sich aus eigenen Mitteln eine schwarz-rot-goldene Fahne gekauft und auf dem Gebäude der Etappenkommandantur gehißt. In der Nacht zum Sonntag wurde diese Fahne von der Marinebrigade vom Dach geholt und fortgeschleppt. Ferner hatten die Kameraden der Etappenkommandantur Döberitz an den Fenstern des Gebäudes ein Werbeplakat des republikanischen Führerbundes angebracht. Darauf erschienen am 1.Ostertag etwa 80 Mann der Erhardtbrigade und verlangten die sofortige Entfernung des Plakats, andernfalls sie das Gebäude stürmen würden. Sie entfernten dann selbst das Plakat. Am Abend brachten die Kameraden der Kommandantur erneut am Fenster ein Plakat an, was zur Folge hatte, daß die Scheiben eingeworfen und sie selbst mit Handgranaten und Ausräuchern bedroht wurden, falls das Plakat noch einmal erscheine." Zu den um Ostern stattgefundenen Verhandlungen über die Anwesenheit von Truppen der Brigaden Löwenfeld und Erhardt im Lager wurde vom Magistrat der Stadt Itzehoe das Folgende geschrieben: "Am Sonnabendabend fand eine Versammlung der U.S.P.D. statt, zu der Bürgermeister Rohde und Stadtrat Heide spät abends herbeigeholt wurden, um Stellung zu nehmen zu Vorwürfen, die dem Magistrat gemacht wurden. So sollte der Magistrat seine Zustimmung gegeben haben, daß die "Baltikumtruppen" ins Lockstedter Lager gekommen seien; der Magistrat trüge Schuld an deren Anwesenheit und der Bedrohung Itzehoes. Diese Mitteilung komme von einem Sergeanten Hinz aus dem Lockstedter Lager. Stadtrat Heide, wie Bürgermeister Rohde teilten mit, was dem Magistrat bekannt sei über die Anwesenheit der Truppen. Sie bezeichneten die Behauptungen des Sergeanten als glatt erfunden. Im Verlaufe der Versammlung wurde dann gefordert, die Itzehoer Arbeiterschaft zu bewaffnen und gegebenenfalls die Truppen im Lager zu entwaffnen. Stadtrat Heide und Bürgermeister Rohde rieten davon ab. Nachdem von einigen Rednern immer wieder in den grellsten Farben die Gefahr gemalt worden war, welche die Truppen für Itzehoe bedeuten, wurde eine Kommission, bestehend aus sechs Köpfen, gewählt, die gemeinsam mit dem Magistrat die nötigen Schritte tun sollte. Am Sonntag Vormittag fand dann eine Magistratssitzung statt, in der die beiden an der Versammlung beteiligten Magistratsmitglieder Bericht erstatteten. Man war einmütig der Ansicht, daß eine einseitige Bewaffnung der Arbeiterschaft zur Entwaffnung der Truppen nicht in Frage käme, daß vielmehr nur ein Ausbau der Einwohnerwehr zu betreiben sei. Am Montagmorgen begaben sich dann Bürgermeister Rohde, die Stadträte Heesch und Heide, von der Abteilung Major Pistorius und Offiziersstellvertreter Müller nach dem Lockstedter Lager, um mit dem Detachement Claassen Fühlung aufzunehmen. Dem Kapitän Claassen und den Offizieren des Stabes wurden die Besorgnisse der Itzehoer Bevölkerung vorgetragen. Die Offiziere erklärten darauf, die Truppe in ihrem jetzigen Bestand ist Regierungstruppe. Sie erhält Befehle direkt vom Reichswehrminister. Ihre Auflösung ist beschlossen. Sie wird ordnungsgemäß vor sich gehen. Ein Zeitpunkt dafür steht noch nicht fest. Der betreffende Befehl der Regierung über den Zeitpunkt wird erwartet. Die Herren verbürgten sich dafür, daß die Auflösung reibungslos von statten ginge und Belästigungen der Stadt und der Umgebung nicht eintreten würden. Wenn einzelne Elemente sich etwas zu schulden kommen ließen oder unverantwortliche Reden führten, so könne man das der Truppe nicht zur Last legen. Nach diesen Feststellungen hat der Magistrat einstweilen keine Veranlassung, in der Angelegenheit etwas zu tun." Aus den Bekleidungskammern des Dulags waren in der zweiten Woche des April größere Mengen Zivilanzüge und Schuhzeug durch Einbruchdiebstähle entwendet worden. Allein am 12.April wurden 25 Paar Schnürschuhe, 1 Paar Stiefel, 10 Mäntel und 14 Hosen gestohlen worden. Ermittelt wurde gegen 2 ehemalige Soldaten, die gestohlene Bekleidungsstücke zum Kauf angeboten hatten. Die Truppen, die nach dem Kapp-Lüttwitz Putsch im Lockstedter Lager zur Demobilisation zusammengezogen worden waren, wurden am 14. und 15.April abtransportiert. Es waren Teile der Eisernen Division, der Marinebrigade Löwenfeld und Reste anderer Formationen. Ihr Ziel war das Munsterlager wo sie ab dem 20.April demobilisiert und entlassen wurden. Hier im Lager waren lediglich 1 Offizier und 24 Mann Bewachung zurückgeblieben. Die Gedenkstätte, für die im hiesigen Lazarett verstorbenen und auf dem Friedhof in Kellinghusen beerdigten Soldaten, war im April endlich fertiggestellt. Lange Zeit konnte der eigenartige Schmuck des Steins und der Halbkugel an den Ecken wegen Mangel an Material nicht beschafft werden. Auch als dann dieser Zierrat - eine Verbindung von Kreuz und Schwert - angebracht war, wirkte das Denkmal recht schlicht, da ihm noch eine Umrandung fehlte. Hohe Koniferen bildeten den Hintergrund, Blumenrabatten zierten die äußere Abgrenzung. Durch den Abtransport der zu entlassenen Soldaten nach Munster war Platz geschaffen worden für Flüchtlingsfamilien. Etwa 1.000 Familien rund 3.000 Personen, die aus den abzutretenden Gebieten stammten sollten bis Anfang Mai hier untergebracht werden. Anfang Mai wurde die Busverbindung Wrist - Kellinghusen - Lockstedter Lager - Itzehoe infolge der besseren Zugverbindung, folglich zu geringe Auslastung, eingestellt. Die Gesellschaft bediente ab sofort eine neue Strecke, südlich der Stör, über die Moordörfer. Mitte Mai kamen 500 Soldaten des 3.Kurländischen Infanterieregiments unter Führung der Hauptleute Kiewitz, Freiherr von Schleinitz und Graf von Schwerin♦ aus Munsterlager hierher. Es waren Teile des Baltikumkämpferregiments, dem man für seinen Einsatz im Samland eigenes Land zum Aufbau einer Landwirtschaft versprochen hatte, aufgrund der dortigen Entwicklung, aber die Zusage nicht einhalten konnte. ♦ Anmerkung: Es handelt sich nicht um den gleichen Offizier, der 1916 Führer der Ausbildungstruppe Lockstedt war. Am 22.Mai gegen 12:30 Uhr lief der japanische Dampfer "Scotland Maru" mit etwa 1.050 Heimkehrern an Bord in Brunsbüttel ein. Zum Empfang der Heimgekehrten hatte sich der Reichsminister des Auswärtigen Dr.Köster persönlich hier eingefunden, der nach dem Einlaufen des Dampfers in einer längeren Rede die Heimgekehrten, die zur Zeit fast sechs Jahre in Gefangenschaft in Sibirien verbracht hatten, begrüßte. Im Auftrag des Reichswehrministers begrüßte Oberst Bauer, Leiter der Heimkehrerstelle im Reichswehrministerium, die Heimgekehrten. Der Empfang der Soldaten durch die Einwohnerschaft gestaltete sich wieder sehr herzlich. Der Dampfer hatte am 01.April Wladiwostok verlassen und hatte, nachdem er in Schanghai noch etwa 20 Mann, die aus der russischen Gefangenschaft geflohen waren, aufgenommen hatte, in Port Said drei Tage wegen Maschinenschadens festgelegen. Die übrige Reise war gut verlaufen. Nach ziemlich schwieriger Entladung des Dampfers setzten die Heimkehrer um 16:30 Uhr die Fahrt mit der Bahn zum Lockstedter Lager fort. Die letzten Tsingtau Kämpfer waren mit dem Dampfer "Nanhof Maru" am 22.Mai in Hamburg eingetroffen und zur Entlassungsabwicklung ins Lockstedter Lager transportiert worden. Hier wurden sie mit den üblichen Ehrungen empfangen. Bei dem Transport war der Befehlshaber von Tsingtau, Admiral Meyer-Waldeck dabei mit seinen Kämpfern und den drüben interniert gewesenen Zivilpersonen, Frauen und Kindern, insgesamt ungefähr 750 Personen. Drei Tage später waren diese Heimkehrer fast alle wieder weitergefahren. Eine Arbeiterin aus Itzehoe, die bei einem hiesigen Betrieb arbeitete, wurde überführt ihr wenige Tage altes Kind in der Damentoilette des Lockstedter Bahnhofs ausgesetzt zu haben. Die Allgemeine Ortskrankenkasse für den Kreis Steinburg mit Sitz in Glückstadt, ließ folgende Notiz veröffentlichen: "Die Kassenärztliche Vereinigung für den Kreis Steinburg hat der Kasse mitgeteilt, daß ab 25.Mai, mittags 12:00 Uhr der vertragslose Zustand eintritt. Die Ärzte wollen ab diesem Zeitpunkt die Kassenmitglieder nur noch als Privatpatienten gegen sofortige Bezahlung behandeln......." An jedem 2. Mittwoch hielt die Ortsgruppe Lockstedter Lager des Reichswirtschaftsverbandes deutscher derzeitiger und ehemaliger Berufssoldaten e.V. ihre Mitgliederversammlung im Vereinslokal "Hotel Hohenzollern" (Besitzer Kamerad Schack) ab. So tagte auch am 09.Juni die Versammlung. Es wurde beschlossen, voraussichtlich am 23.Juni im Vereinslokal einen groß angelegten Sommernachtsball mit allen dazu gehörenden Belustigungen und Überraschungen für die Gäste zu veranstalten. Es wurde jedem Kameraden, der dem Verein noch nicht beigetreten war empfohlen, die durch die Mitgliedschaft angebotenen Unterstützungen und Vorzüge wahrzunehmen und dem Verein beizutreten. Den Zwecken des Verbandes dienten insbesondere folgende Mittel: Die Verbands- und Unterrichtszeitung sowie Verbandsbücherei, die Veranstaltung von Vorträgen und Unterrichtskursen, Veranstaltung von Wettbewerben, Gründung von Erholungsheimen für Mitglieder und deren Angehörige, Gewährung von Rat und Rechtsschutz, Fürsorge und Unterstützungskassen (Gewährung von Sterbegeld, Wochenbeihilfen, Beihilfen bei Krankheiten zur Entsendung von Angehörigen in Erholungsheime) Vermittlung von Darlehen mit mäßigen Rückzahlungsbedingungen, Versicherungsberatung und sonstige Vorzüge. Am 15.Juni gegen 22:00 Uhr wurden aus einer Stallung hier im Ort 2 besattelte Pferde gestohlen. Während die Besitzer in einer benachbarten Wirtschaft saßen, müssen die Pferde weggekommen sein. Nach einer Fahndung der Polizei, die bis spät in die Nacht dauerte, konnten die Diebe in einer Wirtschaft in Kellinghusen festgenommen werden. Allerdings waren die Pferde schon verkauft, konnten jedoch den rechtmäßigen Besitzern wieder zugeführt werden. Zwei Tage später wurden zwei Pferde im Lager bei einer Siedlungsabteilung gestohlen. In Wrist wurde versucht die beiden Pferde zu verkaufen, was jedoch nicht glückte, die Diebe wurden verhaftet. Verhaftet wurde ein Unteroffizier einer Marineeinheit in Elmshorn, weil er zwei seinem Truppenteil gestohlene Pferde an den Mann zu bringen versuchte. Die Pferde wurden beschlagnahmt und dem Truppenteil, welcher zur Zeit im Lager lag wieder zugeführt. Ein Gefangenentransport aus Sibirien in Stärke von 1.100 Mann traf 18.Juni im Durchgangslager Lockstedt ein, wo die Entlassung erfolgte. Alle Heimkehrer waren bereits am 22.Juni in ihre Heimatorte entlassen. Danksagung angeschlagen an der Eingangstür zum "Hohenzollern": "Vor unserer Abreise möchte ich nicht verfehlen, den Damen vom Volksbund im Namen meiner Freunde für die herzliche Begrüßung in der Heimat meinen wärmsten Dank auszusprechen. Durch diese Begrüßung haben die Damen uns gezeigt, daß man die Heimkehrer achtet. Die Heimkehrer danken mit einem dreifachen Hurrah! Hurrah! Hurrah!" Im Juni erging die Aufforderung an die Bevölkerung für den kommenden Winter Feuerungsmaterial zu beschaffen. Es wurde jedem Haushalt geraten, das Heizmaterial jetzt zu bunkern. Bislang wären in dieser Hinsicht nur geringe Aktivitäten festzustellen. Die Versorgungslage wurde von der Behörde als noch gut eingestuft. In Fachkreisen rechnete man aber bereits mit einer nochmaligen Erhöhung der Kohlenpreise, so daß sich aus diesem Grunde die sofortige Inanspruchnahme der dem Haushalt zustehenden Brennstoffe empfehle. In einem im Lager ausgetragenen Schlagballspiel siegte der Turnverein "Gut Heil" aus Itzehoe gegen die Mannschaft des Dulags mit 55:38. Am 23.Juni wurde vom Wirtschaftsverband deutscher derzeitiger und ehemaliger Berufssoldaten ein groß angelegtes Gartenkonzert mit Tombola, Ferkelverschießen und anschließendem Sommernachtsball im Hotel "Hohenzollern" durchgeführt. Die Beteiligung an diesem Fest war groß. Die Musikkapelle des Dulags bot eine hervorragende Leistung, wie von allen Besuchern lobend anerkannt wurde. Beinahe alle Gäste versuchten sich durch drei gute Schüsse in den Besitz des Ferkels setzen. Nach dem Schießen fand die Verlosung der Tombola statt. Bei dieser wurden beinahe alle Teilnehmer glückliche Gewinner. Der daran anschließende Sommernachtsball hielt die Gäste noch lange zusammen. Es wurde der allgemeine Wunsch laut, in der nächsten Zeit ein ähnliches Fest stattfinden zu lassen. Der schon vor einer Woche erwartete Gefangenentransport trafen am 04.Juli im Lager ein. Der amerikanische Dampfer "Antigan" brachte 869 Heimkehrer heim, 390 Deutsche, 169 Österreicher und 130 Ungarn. Die Gefangenen hatten in Sibirien jahrelang auf die Heimkehr gehofft. Auf den Schleusen in Brunsbüttel hatte sich eine große Menschenmenge eingefunden, welche die heimkehrenden Soldaten mit lauten Hurrah- und Willkommensrufen empfing. Nach dem Festmachen des großen imposanten Dampfers (übrigens war es der ehemalige deutsche Dampfer "Neckar" der Hamburg Amerika Linie) hielt der Bürgermeister eine Begrüßungsansprache an die Heimkehrenden, die in ein dreifaches Hoch auf das deutsche Vaterland ausklang. Nach dem Festmachen des Dampfers an der Kaimauer wurde sofort mit dem Entladen begonnen. Manch frohes Wiedersehen eines Heimgekehrten mit seinen Angehörigen konnte beobachtet werden, denn es waren aus allen Teilen Deutschlands Angehörige anwesend. Die Heimkehrer waren mit dem Dampfer "Mount Vernon" in Wladiwostok abgefahren, der dann aber in Amerika ins Dock gehen mußte. Nach einer mehrtägigen Internierung in Norfolk wurden diese Heimkehrer dann weiter befördert, während noch 3.000 Heimkehrer, größtenteils Tschechoslowaken dort auf Weiterbeförderung harren. Nach dem Verlasen des Dampfers wurden die Heimkehrer in das Lockstedter Lager befördert, wo die Entlassung erfolgte. Bei der Ankunft im Lager wurde ihnen noch einmal ein großer Empfang bereitet. Anfang Juli fand im Kasino die Monatsversammlung des Orts Beamtenkartells von Lockstedter Lager und Umgegend statt. Der Vorsitzende Lehrer Hassold konnte der Versammlung die Mitteilung machen, daß bei der Festsetzung der Ortsgruppen in der neuen Besoldungsordnung für Schleswig-Holstein die Ortsgruppe "E" in Wegfall käme und es wären beste Aussichten vorhanden, daß auch die Gruppe "D" fallen würde. Vom Provinzialkartell in Kiel würden in allernächster Zeit den Ortskartellen Fragebögen zugestellt werden. Das Provinzialkartell werde die zurückgegebenen Fragebögen in Form eines Mantelgesetzes dem Finanzministerium übermitteln. Die Ermittlungen aus diesem Mantelantrag sollen dazu dienen, die einzelnen Orte bestimmten Ortsgruppen zuweisen. Das Schlagballspiel des Turnvereins "Gut Heil" gegen die Sportabteilung des Dulags endete im Juli mit 43:38 für die Mannschaft des Lagers. Auf dem völlig aufgeweichten Boden war es sehr schlecht zu spielen. In der Vorstandssitzung der Militärischen Brüderschaft von Lockstedter Lager und Umgegend, am 13.Juli wurde zur Angelegenheit der Gedenksteinsetzung Stellung genommen. Es war nämlich geplant, einen Platz an der spitzen Ecke Bahnhofstraße - Nortorfer Chaussee zur Errichtung eines Ehrenmals für die im Kriege Gefallenen aus dem Ortsbereich Lockstedter Lager zu erwerben. Man hatte auch erwartet, daß der Norddeutsche Männer- und Jünglingsbund, auf diesem Platz, der zum Soldatenheim gehörte, den fürs Vaterland Gefallenen eine "Heimstätte" gestattet hätte. Das Gesuch des Vorstandes der Militärischen Bruderschaft wurde aber abschlägig beschieden. Diese Maßnahme erregt um so mehr Befremden, als doch das Soldatenheim aus gesammelten freiwilligen Spenden errichtet worden war. Der Vorstand der Militärischen Bruderschaft versuchte noch einmal, den Norddeutschen Männer- und Jünglingsbund zur Schenkung oder Verkauf des genannten Platzes zu überreden. Weshalb werden die Tresors der Banken und Sparkassen nicht benutzt, die im nahen Kellinghusen genügend zur Verfügung stehen? In Zukunft wird der Kantinenpächter Brinkmann aus Lockstedter Lager wohl seine ausländischen und inländischen Wertpapiere besser verstauen. In einer der letzten Nächte wurde bei dem Brinkmann ein Einbruchsdiebstahl ausgeführt und aus dem Schreibtisch ungefähr 6.000 Mark bares Geld entwendet, 20 Dollarscheine, 10 1 und 2 Dollarscheine, ein französisches Fünffrancstück, 10 halbe holländische Guldenstücke, 10 halbe Dollars in Silber, 2 10 Dollarscheine, 1 schwedisches Kronenstück, 10 englische Schillings und für 35 Mark Nickelstücke. Eine nette Hamsterware, die leider in unrechte Hände geraten ist." Das Schlagballwettspiel der 1.Mannschaft des Turnvereins "Gut Heil" gegen die Sportabteilung des Dulags Lockstedt endete mit einem ganz überlegenen Sieg des Turnvereins. Das Ergebnis war 93:42. Am Sonntag, dem 18.Juli feierte die Liedertafel "Hoffnung" ihr 25 Jähriges Bestehen. Eine große Anzahl von Vereinen aus dem Kreis hatten sich zu der Feier eingefunden. Nach dem Umzug durch den geschmückten Ort begab sich der Festzug zum Garten des Kasinos, wo die einzelnen Vereine ihr Programm mit schönen Gesangseinlagen vortrugen. Eindrucksvoll wirkte das von allen Vereinen gemeinsam gesungene Potpourri. Leider setzte gegen Abend Regen ein, der die im Freien stattfindende Feier störte. Einen gemütlichen Abschluß fand der Festtag durch die Bälle in zwei Lokalen. Während des Krieges haben sich junge Frauen aus dem Ort in den Dienst der guten Sache gestellt und haben die Verwundeten im hiesigen Lazarett durch Liebesgaben, Gesang und Tanz zu erheitern versucht. Als dann nach Beendigung des Krieges die Kriegsgefangenen heimkehrten und der Volksbund zur Begrüßung der Kriegs- und Zivilgefangenen seine Tätigkeit begann und auf dessen Veranlassung junge Damen zur Begrüßung und Erheiterung der Gefangenentransporte, auch von außerhalb zum Lockstedter Lager kamen, konnte die böse Welt sich ihres Urteils nicht enthalten, welches dahin ging, daß die jungen Frauen eigentlich wegen ihres Vergnügens und um eventuell mit Heimkehrern zu flirten, hier waren. Daß die jungen Frauen aber bei vielen Heimkehrern die gewünschte Wirkung erzielten, zeigten eingegangene Dankschreiben. Der Inhalt einer aus Wien abgeschickten Karte lautet: "Geehrtes Fräulein! Ein Ankömmling mit der "Cape Town Maru", der in Brunsbüttel von Ihren Tänzen und Gesang entzückt war, dankt Ihnen sowie den anderen Damen für alles Liebreizende. Ihren Namen hörte ich dort von anderen Damen rufen, kenne Sie aber nicht, wie Sie mich nicht kennen. Seien Sie jedenfalls überzeugt, daß in mir ein deutsches Herz schlägt und mir die Eindrücke die ich bei der Ankunft dort nach fünfjähriger Gefangenschaft gewonnen, unauslöschlich sind. Es grüßt Sie unbekannterweise Ludwig Bartmann, Wien IX, Müllnergasse 16 (Deutsch-Österreich)." In der Bevölkerung herrschte vielfach die Ansicht, daß die derzeit gültige Fleischkarte die letzte sei. Dies war ein Trugschluß. Da die Fleischkarte durch Bundesratsverordnung eingeführt wurde, konnte sie nur durch deren Mitwirkung aufgehoben werden. Ob der in vielen Orten herrschende Zwang, bei einem bestimmten Schlachter kaufen zu müssen, bestehen bleiben würde, war fraglich, denn in Hamburg konnte man bereits ebenso wie das Brot auch das Fleisch gegen Karte überall kaufen. Welche Ersparnisse durch den allmählichen Wegfall der Lebensmittelkarten erzielt werden konnten, geht daraus hervor, daß z.B. allein für Berlin die Ausgabe einer Fleischkarte nach dem damaligen Stand der Materialpreise und Löhne rund 800.000 Mark betrug. Am 27.Juli gegen 13:00 Uhr stand der aus Holz erbaute Getreideschuppen des Gastwirts Homfeld in Winseldorf in Flammen. Die herbeigeeilten Feuerwehren aus Lockstedter Lager, Schlotfeld und Lohbarbek mußten ihre Löscharbeiten darauf beschränken, das benachbarte Wohngebäude vor dem Feuer zu retten. Das gelang schließlich auch wegen des günstigen Windes. Ein Kalb und mehrere Schweine, die beim Ausbruch des Feuers im Schuppen waren, konnten gerettet werden. Ebenfalls Glück, daß noch keine Erntevorräte eingebracht worden waren. Die Brandursache war auf das Spielen eines Kindes mit Streichhölzern zurückzuführen. Der jüngste Sohn des Besitzers, ein Kind von 4 Jahren, hatte einen Strohhaufen im Schuppen angezündet. Innerhalb einer Stunde war das Gebäude bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Auf der am 01.August tagenden Monatsversammlung des Beamtenkartells vom Lockstedter Lager und Umgegend teilte der Vorsitzende Lehrer Hassold der Versammlung mit, daß auf die Eingabe betreffend die Eingruppierung des Lockstedter Lagers in die Gruppe für teuerste Orte, nun vom Regierungspräsidenten die Antwort eingegangen sei, daß Umgruppierungen von Orten in höhere Teuerungsgruppen nicht mehr stattfänden. Nach einer Verfügung des Reichsschatzministers dürften aber nur solche Orte unberücksichtigt bleiben, die ihre Eingabe erst nach dem Inkrafttreten der neuen Besoldungsordnung vom 30.04.1920 abgegeben haben. Es wurde beschlossen, am 04.September ein Sommerfest im Hotel "Kaiserhof" zu veranstalten. Die Fleischkarte wurde mit Wirkung vom 23.August aufgehoben und durch eine Kundenliste ersetzt, da die Fleischkarte ihren Zweck, den Fleischverbrauch zu überwachen, immer mehr verloren hatte. Dem Ausschuß für Kinder Landverschickung in Altona waren von der übergeordneten Militärbehörde, hier im Lager, Räumlichkeiten zur Unterbringung von Ferienkindern überlassen worden. Leider waren die Verhandlungen erst während der Ferien begonnen und zum Abschluß gebracht worden. Für die erste Gruppe, die mehr als 100 Kinder umfaßte, waren im Monat September die Räumlichkeiten bereitgestellt worden. Die Schule im Lager wollte den 50.Gedenktag der Schlacht bei Sedan wie vor dem Kriege feiern. Das war 1870 die Entscheidung im deutsch französischen Krieg. Damals durften die Deutschen alles hoffen, heute mußten sie mit viel Schwerem rechnen. Einen solchen Weg von der Höhe bis zur Tiefe hatte noch keine andere große Nation in einem halben Jahrhundert erlebt. Aber immer noch gilt das alte Wort: "Wenn auch der Erdball einst zersplittern mag, den Furchtlosen tragen noch seine Trümmer." Auf die Anfrage mehrerer Schulen bezüglich der Sedansfeier erließ der Kultusminister folgende Verfügung: "Jede Schulfeier am Sedantage hat zu unterbleiben. Am 1. wie am 2.September ist der regelmäßige Unterricht durchzuführen." Auf dem Wege von Lockstedter Lager nach Winseldorf wurde ein junges Mädchen aus Winseldorf von einem Mann überfallen, der es zu vergewaltigen versuchte. Um das Mädchen am Schreien zu hindern, versuchte er ihm den Mund mit Brombeerblättern zu verstopfen. Als das Mädchen sich jedoch energisch zu Wehr setzte und außerdem Passanten sich näherten, machte sich der Unhold schleunigst aus dem Staub. Der Täter konnte trotz einer guten Personenbeschreibung nicht ermittelt werden. Der Hausknecht Hugo J. aus Lockstedter Lager hatte nach seinem Geständnis dem Gastwirt Schack Kartoffeln und Hafer gestohlen. Gegen ihn wurde eine Gefängnisstrafe von drei Tagen verhängt. Der einmalige Beitrag der Fernsprechteilnehmer für die neu angeschlossenen Telefone von 1.000 Mark für den Hauptanschluß und von 200 Mark für den Nebenanschluß waren am 01.Oktober fällig. In der Genossenschaftsmeierei Peißen war ein Einbruchsdiebstahl verübt worden. Dem Dieb war ein Faß Butter, enthaltend 63 Pfund, mehrere kleinere Kruken mit 5-10 Pfund Inhalt, insgesamt etwa 100 Pfund Butter im Gesamtwert von 1.500 Mark als Beute in die Hände gefallen. Verdächtigt wurden wieder die Siedler im Lockstedter Lager. Das Soldatenheim, bisher Eigentum des Norddeutschen Männer- und Jünglingsbundes, wurde am 01.September von dem Roten Kreuz erworben. Über die künftige Verwendung des Soldatenheims wurde öffentlich nichts bekanntgegeben. Kurze Zeit nachdem das Soldatenheim vom Roten Kreuz erworben worden war, stellte die Institution der Gemeinde die Spitze Ecke Nortorfer Chaussee-Bahnhofstraße für die Errichtung eines Ehrenmals kostenlos zur Verfügung. Nachdem die Platzfrage geregelt war, konnte mit den Vorarbeiten zum Bau des Ehrenmals begonnen werden. Beim Vernichten von noch vorhandenem Pulvervorrat durch Angestellte der Reichstreuhand ereignete sich am 15.September in unmittelbarer Nähe des Munitions-Geländes des ehemaligen Artilleriedepots ein folgenschwerer Unglücksfall, der leicht größeren Umfang hätte annehmen können. Beim Verbrennen von Pulver durch Angestellte der Reichstreuhand wurde auf noch heiße Brandstellen Pulver geschüttet, wodurch eine frühzeitige Explosion erfolgte. Dabei wurde der Depotarbeiter Johannes Sievers, der in unmittelbarer Nähe des Verpuffungsherdes stand und so massive Verbrennungen erlitt, daß der Tod auf der Stelle eintrat, getötet. Der Aufsichtsführende Leiter der Arbeit erlitt ebenfalls erhebliche Brandverletzungen. In geringer Entfernung befanden sich noch 1800 Kilogramm Pulver, die wie durch ein Wunder von der Explosion verschont blieben, sonst wären noch mehr Menschenleben zu beklagen gewesen. Auch in den Munitionshäusern lagerte noch Munition. Der Tote hinterließ Frau und drei unversorgte Kinder. Ob Unkenntnis oder Fahrlässigkeit oder den Leiter der Arbeit überhaupt die Schuld trifft, hat das Gericht zu entscheiden. Berliner Zeitungen wollten von neuen Waffenfunden im Lockstedter Lager Kenntnis erhalten haben. Wie sich herausstellte, war an diesen Gerüchten nichts Wahres. Diese können von arbeitsunlustigen oder davongelaufenen Siedlern herrühren, wie es verschiedentlich schon vorgekommen sein soll. Im Lager herrschte völlige Ruhe. Truppen waren hier nicht mehr, da der Platz für militärische Zwecke vollständig eingegangen war. Folgende Stellen waren hier noch: Kommandantur der Abwicklungsstelle, Reichsvermögensstelle, Hilfsreichsverpflegungsamt, Reichstreuhandgesellschaft, Soldatensiedlerverband Holstein. Im Juni wurde darauf aufmerksam gemacht, daß der Abtransport der russischen Kriegsgefangenen gemäß des geschlossenen Austauschvertrages mit der Sowjetregierung eingesetzt habe. Die russischen Kriegsgefangenen, die sich noch in Schleswig-Holstein befänden, wären restlos in der Zeit vom 20.09. bis 25.09. dem Lager Springhirsch zuzuführen, um von dort aus gesammelt in die Heimat abtransportiert zu werden. Kriegsgefangene, die sich später melden würden, hätten keinen Anspruch mehr auf kostenlose Rückführung in die Heimat. Aus Kreisen der Bevölkerung des Ortes verlautete, daß die rheinischen Union Briketts, die wegen ihrer Beschaffenheit von den Leuten sehr geschätzt wurden und die außerdem noch erheblich billiger waren, als die übrigen Briketterzeugnisse, nach Schleswig-Holstein nicht mehr geliefert würden und durch mitteldeutsche und andere Briketts ersetzt werden sollten. Der Verdruß wegen dieser Maßnahme war übergreifend, weil bei der herrschenden Teuerung niemand auf die rheinischen Briketts verzichten wollte. Am 06.Oktober gab der beliebte Bühnenkünstler und Psychologe Willi Krüger genannt "Die schwarze Maske", vor dicht besetztem Saal seinen ersten großen Experimentalvortrag. Leider mußten wie gewöhnlich an seinen Abenden 1 bis 200 Menschen nach Hause gehen, die keinen Platz bekamen. Es war gelungen, diesen beliebten und bekannten Künstler für kurze Zeit für das Lockstedter Lager zu gewinnen. Er hatte sich bereit erklärt, an fünf Abenden seine Vorstellung darzubieten. Was der Herr vorführte - man konnte mit recht sagen: "Man steht vor einem Rätsel; wie solche Sachen möglich sind, ist uns ganz unerklärlich." - Die Karten für die Spieltage waren morgens von 10:00 Uhr ab im Hotel "Zum Hohenzollern" im Vorverkauf zu haben. "Von auswärts wird unser Ort in der letzten Zeit überschwemmt von Reisenden, die alle möglichen Sachen anbieten. Schon wiederholt ließen wir die Ermahnung und Bitte am Orte selbst einzukaufen und hiesige Handwerker zu beschäftigen, wodurch auch Erwerbslose hier und da eingestellt werden können. Ein Reisender bot in unserem Geschäftszimmer eine photographische Vergrößerung an. Der Mann schien uns hier der "Richtige" zu sein und wir gingen zum Schein auf eine Bestellung ein. Nun hatte der gute Mann noch mehr Erzeugnisse anzubieten, allerdings Erzeugnisse von ganz anderen Gebieten. Blechschalen, Rasiermesser, Seifen, Gewürze, Stoffe, Papierwaren, bedruckte Kuverts, Rechnungen, Packpapiere und dergl. Von allen Sachen hatte er Muster. Aus dem Bestellbuch des Reiseonkels mußten wir allerdings leider entnehmen, daß einige hiesige Firmen allerhand bestellt hatten. Wir zogen unseren fingierten Auftrag über die photographische Vergrößerung zurück, da der Reisende zum Schaden aller Kaufleute und einiger Handwerker hier tätig war. Auf unser Verlangen, seinen Gewerbeschein zu zeigen, verduftete er sich eilig. Ein derart vielseitiger Reisender ist allerdings außergewöhnlich. Es kommen allerdings auch viele Reisende, die sich mit Artikeln aus ein oder zwei Branchen begnügen; aber auch von diesen sollten die Einwohner nicht kaufen. Eine jede Hausfrau, ein jeder Hausherr, jede Geschäftsfirma sollte soviel Pflichtgefühl haben und versuchen, erst im Ort zu kaufen und erst wenn nichts zu haben ist, sich an auswärtige Firmen wenden, aber niemals von diesen vielseitigen Reiseonkels etwas abnehmen." Auf Veranlassung der Deutschnationalen Volkspartei, Ortsgruppe Kellinghusen, sprach vor vollbesetztem Hause in "Hülsings Hotel" der Schriftleiter der Hamburger Warte, Herr Holtz. Der Redner, der durch seine Leitartikel in der Hamburger Warte weite Kreise interessiert hatte, wußte auch hier in seinem zweistündigen Vortrag seine Zuhörer zu fesseln. Nach kurzem Willkommensgruß an die aus Sibirien zurückgekehrten Heimkehrer, die ihre Heimat ganz anders vorgefunden haben, als sie diese verlassen hatten, schilderte Redner die große Not unseres Vaterlandes. Hart ins Gericht ging Redner mit den Programmen der Sozialdemokraten und der U.S.P. Die Zustände in Rußland liefern den Beweis für die Unhaltbarkeit des Bolschewismus. Aber auch das Verhalten des Bürgertums geißelte Redner mit aller Schärfe. Nicht nur während und auch nach der Revolution, sondern auch schon seit Jahrzehnten habe das Bürgertum Gleichgültigkeit und Feigheit an den Tag gelegt. Mit einer Mahnung, jeder möge auf seinem Posten seine volle Pflicht und Schuldigkeit tun schloß der Redner seine von allen Anwesenden mit größtem Beifall aufgenommene Rede. Der Tierarzt Hein aus Kellinghusen schloß die Versammlung mit einem Hoch auf das Vaterland. Gegen Ende Oktober fand eine Versammlung ehemaliger Dulag Angestellter in Kellinghusen im "Overndorfer Hof" statt, zu welcher die "Reichsvereinigung ehemaliger Angestellter der Durchgangslager Deutschlands (Sitz Hamburg) sämtliche ehemaligen Dulag Angestellten dringend aufforderte, zu erscheinen. Vom 01.November ab wurde die Zuckerration wieder auf 750 Gramm monatlich für den Kopf der Bevölkerung festgesetzt. Nach einer Mitteilung des Berliner Vereins für Luftschiffahrt war der 600 Kubikmeter Kugelfreiballon "Hauptmann Gruner" (schwarze Buchstaben auf gelbem Stoff) nach einer Fahrt Bitterfeld-Lockstedter Lager nach einer dort versuchten Landung abends 19:00 Uhr einschließlich Korb und Instrumenten unbemannt entflogen. Man ging von der Möglichkeit aus, daß er auf den dänischen Inseln, in Schweden oder schließlich gar auf der Nordsee niedergegangen war. Im Hotel "Hohenzollern" sollten vom 01.November an regelmäßig Sonnabends und Sonntags Lichtspielvorführungen stattfinden, was von den Einwohnern vom Lockstedter Lager und der Umgebung begrüßt wurde. Am ersten Samstag war die Eröffnungsvorstellung. Die im Ort als hochgradig nervös bekannte, von ihrem Ehemann getrennt und in Scheidung lebende Frau Alma Laukühn, beging am 12.November einen Anschlag auf ihren Ehemann, den Fotografen Laukühn, indem sie ein altes verrostetes Türschloß im Gewicht von etwa 4 Pfund von ihrer Wohnung, aus einer Höhe von 10 bis 12 Meter, nach ihm schleuderte. Nur durch Glück war Laukühn dem Anschlag entgangen; das Wurfgeschoß fiel nur einige Handbreit hinter ihm zu Boden. Da Strafanzeige erstattet wurde, mußte sich die Frau wegen dieses hinterrücks ausgeführten Anschlages vor Gericht verantworten. Am 20.November war das Lichtspieltheater "Hohenzollern" im Saale des Hotels wieder vorbereitet. Auf dem Programm stand ein allerliebster Modescherz "Fräulein Colibri" in 2 Akten mit Maria Zelenka in der Hauptrolle. Danach gelangte das fünfaktige Drama "Der letzte Zeuge" zur Vorführung; die Hauptrolle dieses äußerst fesselnden Dramas lag in den Händen des bedeutenden und berühmten Schauspielers Albert Bassermann. Dem Lagerdirektor des Dulags für heimkehrende Kriegsgefangene im Lockstedter Lager, Major a.D. Hedicke, früher im Feldartillerieregiment Nr.9, war der Charakter als Oberstleutnant verliehen worden. Das Kultusministerium verbot das Tragen des Hakenkreuzes in der Schule, da sich herausstellte, das dadurch das gute Einvernehmen zwischen den Schülern erheblich gestört wurde. Annähernd 3.000 Flüchtlinge aus den abgetretenen Provinzen Posen und Westpreußen haben hier durch Vermittlung des Roten Kreuzes eine vorläufige Heimat gefunden. Für die bunt zusammengewürfelte Gesellschaft wurde vom Roten Kreuz nach allen Kräften gesorgt. Das frühere Soldatenheim, jetzt Eigentum des Roten Kreuzes, war als Asyl für Altersschwache und Gebrechliche eingerichtet. Aus dem früheren Lazarett war ein modernes Krankenhaus mit eigenem Arzt - auch zur Benutzung für die Bewohner der Umgebung des Lockstedter Lagers - geworden. Die 250 Kinder der Flüchtlinge wurden in einer für sie außer der Gemeindeschule eingerichteten Schule von drei Lehrkräften unterrichtet. Die Flüchtlinge sollten, sofern sich in Deutschland geeignete Plätze finden, an solche durch das Rote Kreuz vermittelt werden. Seit Beginn des Dezember war die Demontage der restlichen, ursprünglich für Kriegsgefangene errichteten Baracken im Gange. Es waren derer noch zwölf auf dem Gelände des Mannschaftsparks verblieben, die anderen waren von Siedlersoldaten demontiert und in den Dorfschaften als Behelfswohnheime neu aufgebaut worden. Die einzelnen Materialien sollten sortiert gelagert und für eine Auktion vorbereitet werden. Im Lockstedter Lager befanden sich Mitte Dezember 3.500 Flüchtlinge. Viele von ihnen waren Auslanddeutsche, aus Rußland ausgewiesen und ein weiterer Teil Grenzland Vertriebene aus den an Polen abgetretenen Gebieten. Die Lage dieser Menschen, welche aus Heim und Hof, meistens ohne jedes Gepäck vertrieben wurden, war überaus traurig. Das Rote Kreuz versuchte, soweit die Mittel reichen, die Leute einzukleiden, ihnen Unterstützungen zu gewähren und sie ins Erwerbsleben zu überführen. Bei den 3.500 Flüchtlingen befanden sich rund 1.000 Kinder, für welche das Rote Kreuz Schule und Kindergarten eingerichtet hatte. Es möchte diesen Kindern nun zu Weihnachten ein deutsches Weihnachtsgeschenk bieten und natürlich jedem eine kleine Gabe zukommen lassen. In Anbetracht aber der kolossalen Anforderungen, die an die Mittel des Roten Kreuzes gestellt wurden, war es fraglich, ob für diesen Zweck Mittel vorhanden wären. Deshalb bat das Roten Kreuzes die Bevölkerung: Gaben aller Art, Kleider, Wäsche, Spielsachen, auch Kuchen und Süßigkeiten, aber nach Möglichkeit kein Geld für die Weihnachtsbescherung der Kinder zu spenden. Die Sendungen wolle man einfach richten an "Das Rote Kreuz Lockstedter Lager". Auf dem vom Pächter des Offizierskasinos, Herrn E.Rachow, veranstalteten Wohltätigkeitskonzert zum Aufbau des Ehrenmals für die im Weltkrieg 1914-1918 Gefallenen aus Lockstedter Lager und Lohbarbek wurde den Besuchern ein selten schöner Musikgenuß geboten. Ausgeführt wurde das Konzert vom Itzehoer Salonorchester unter Leitung des Herrn Urlaub. Reicher Beifall belohnte die künstlerischen Darbietungen des Orchesters. Bedauerlich, daß die Veranstaltung nur schwach besucht war, zumal der Überschuß zur Errichtung des Ehrenmals bestimmt war. Mit militärischen Ehren bestattet wurde am 06.Dezember das langjährige Mitglied der Militärischen Brüderschaft von Lockstedter Lager und Umgegend H.Hölting. Als Kriegsteilnehmer wurden ihm zu Ehren von einer Gruppe am Grabe Gewehrsalven abgegeben. Nach der Beerdigung marschierte der Verein unter den Klängen "Ich hatt' einen Kameraden" zu Kühlkes Gasthof, wo unter Präsentieren und den Klängen des Präsentiermarsches die Auflösung der Trauergemeinde erfolgte. Eine Schießübung der III.Artillerieabteilung des Artillerieregiments Nr.2 aus Itzehoe fand auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz statt. Gefährdetes Gelände wurde von 08:00 Uhr morgens bis nachmittags 16:00 Uhr durch militärische Posten abgesperrt. Der hiesige Frauenverein beschloß in seiner Sitzung für das am Ort zu errichtende Ehrenmal den Betrag von 500 Mark zu spenden. Für 1.000 Mark Liebesgaben sandte der Kellinghusener Vaterländische Frauenverein an die Flüchtlinge im Lockstedter Lager. Der Kommissar des Roten Kreuzes im Lockstedter Lager hatte an den Provinzialverband Vaterländischer Frauenvereine die dringende Bitte gerichtet, Spenden für die im Lockstedter Lager untergebrachten, aus Rußland geflüchteten und vertriebenen Deutschen zu geben. Diese Leute, die zum größten Teil der ärmeren Bevölkerung angehörten und deren Zahl groß war, erreichten das Lager in einem äußerst trostlosen Zustand. Vor allen Dingen fehlte es ihnen an den notwendigsten Kleidungsstücken, besonders den vielen Frauen und Kindern unter ihnen. Vor allen Dingen mangelte es an Unterwäsche für Frauen, Kinderkleidung und Kinderwäsche. Wenn auch dem Vaterländischen Frauenverein größere Mittel nicht zur Verfügung standen, so hatte derselbe dennoch, weil es eine Hauptaufgabe der Vaterländischen Frauenvereine war, bei Notfällen zu helfen, um mehreren Flüchtlingen eine Weihnachtsfreude zu bereiten, in hiesigen Geschäften verschiedene Sachen im Gesamtwert von 1.000 Mark gekauft und der Oberschwester im Soldatenheim Lockstedter Lager überwiesen. Hier fand in den Räumen des Kasinos eine Weihnachtsfeier der hiesigen Schule mit der Gemeinde statt. Außer einigen von kleinen Kinder dargebotenen Deklamationen wurden vier umfangreiche Spiele aufgeführt. Den größten Beifall erntete das von kleinen Kindern dargebotene Christkind und Engelspiel und das von größeren Kindern aufgeführte Weihnachtsmärchen "Hänsel und Gretel". Ergreifend wirkte das Bild: "Hänsel und Gretel, die gelauscht haben, daß die Eltern über ihr Schicksal beschlossen, knieten weinend nieder." Während die Bühne von einem bengalischen Rot überflutet wird, sang der Schülerchor die ergreifende "Hymne an die Macht" von Beethoven. Herr Lehrer Hassold schloß die äußerst eindrucksvolle Feier mit einer ergreifenden Deklamation auf "Stille Nacht." Reicher Beifall lohnte die Weihnachtsfeier. Eine solche Veranstaltung verdient Nachahmung. 1921Die Schule für die Flüchtlingskinder im Lager sollte eine Aufwertung erfahren, nachdem von der Regierung zu den drei bereits anwesenden Lehrkräften, die bis zu diesem Zeitpunkt vom Roten Kreuz angestellt waren, noch drei Lehrer für diese Schule eingestellt wurden. Die Schule wurde somit eine staatliche Einrichtung. Sie existierte aber unter sehr schwierigen Verhältnissen, wenn man bedenkt, daß annähernd 800 Kinder in 6 für den Unterricht notdürftig hergestellten Räumen unterrichtet werden sollten. Dazu mangelte es noch an Schulbänken, Lehrmitteln und den notwendigen Schulbüchern. Für die aus den Grenzländern Vertriebenen wurde, zur Förderung der deutschen Sprache, eine gesonderte einklassige Schule errichtet. Daneben ordinierte die lutherische Kirche den Kandidaten auf das Predigtamt, Friedrich Hansen, und schickte ihn zur Dienstleistung in das Lager, wo er den zirka 3.000 Flüchtlingen geistigen Beistand gewähren sollte. Das Ortskartell des deutschen Beamtenbundes in Lockstedter Lager hatte zum 06.Januar eine Generalversammlung einberufen. Der bisherige Vorstand, bestehend aus: Lehrer Hassold, 1.Vorsitzender, Verwaltungsinspektor Lotzing, 1.Schriftführer und Landjäger Schneekloth, Kassierer, wurden einstimmig von der Versammlung wiedergewählt. Eine grenzenlose Erregung bemächtigte sich der Mitglieder, als das Ergebnis der Gehaltsverhandlungen zwischen Eisenbahnern und der Regierung zur Diskussion gebracht wurde, wobei sich herausstellte, daß die Land- und Kleinstadtbeamten wieder einmal leer ausgingen. Aufregung im Lockstedter Lager und in der Umgebung! Das große, im Norden vom Lager belegene Waldstück, der große Schierenwald, sollte vor einiger Zeit "verkauft" werden. Als Helfershelfer bei der Transaktion wurde ein Kellinghusener verhaftet, der als Neumünsteraner Holzhändler, als Vertreter einer Berliner Teuhandgesellschaft auftrat, oder so ähnlich. Ein zweiter Schieber, ein Siedler aus dem Lager, spielte einen Oberstleutnant Bauer vom Kriegsministerium in Berlin. Dieser und sein Komplize hatten den Kaufpreis für das Objekt auf 2 Millionen Mark festgesetzt und der Verkauf wäre wohl zustande gekommen, wenn die Verkäufer die notariellen Kosten des Objekts getragen hätten. Die in Neumünster ansässigen Käufer sollen bereits 1 Million Mark Anzahlung bei sich gehabt haben. Der ganze Schwindel wurde aber erst Mitte Januar aufgedeckt. Eine kleine Gruppe von ungefähr 25 Personen beiderlei Geschlechts, zog von Itzehoe kommend, entlang der Nortorfer Straße, durch den Ort. Ein großes rotes Banner wurde dem Aufmarsch vorangetragen. Die kommunistische Propaganda galt dem Flüchtlingslager, denn hier hoffte man großen Anhang zu gewinnen, um dann eine etwaige Demonstration veranstalten zu können. Aber weit gefehlt! Überall wurden sie mit Hohn und Gelächter begrüßt. Das dicke Ende kam nach geraumer Zeit, einige Heimkehrer, die wohl zur Genüge Bekanntschaft mit den russischen Bolschewisten gemacht hatten, bemächtigten sich der Fahne und rissen sie in Fetzen. Im Lager wurden zwei Pferde, ein Fuchswallach und ein brauner Doppelpony mit kurzem Schweif, ein einspänniger Wagen, sowie ein Pferdegeschirr, Eigentum des Roten Kreuzes gestohlen. Im Februar wurden für die bevorstehende Wahl die Wahllokale und deren Aufsicht bestimmt. Für diesen Ort war Hülsings Hotel das Wahllokal. Als Wahlleiter fungierten: 1.Amtsvorsteher und Garnisonsverwaltungsdirektor Stange und 2.Amtsvorsteher stellvertretender Garnisonsverwaltungsinspektor Serguhn beide aus Lockstedter Lager. Im Lichtspieltheater (Kino) des Herrn Schack, im Saal des Hotel Hohenzollern, war in dieser Woche wegen einer Wohltätigkeitsveranstaltung nur am Samstag eine Filmvorführung. Es kamen folgende Filme zur Vorführung. "Das Bild der Geliebten", ein großes Filmdrama in vier Akten, in der Hauptrolle die seinerzeit beliebte Kinoschauspielerin Maria Telenka, sowie das dreiaktige Filmlustspiel "Der falsche Demetrius". Man hörte in der vergangenen Zeit wieder reichlich Klagen über Diebstähle, die von Schülern begangen worden waren. Einer der frechsten Diebe dürfte wohl ein 14 Jähriger Junge gewesen sein, der trotz mehrfacher Festnahme, jeweils auf frischer Tat betroffen, bei seinen Diebstählen immer neue Gelegenheiten für Anschlußvergehen ausspionierte. Durch eine gehörige Tracht Prügel an Ort und Stelle des Diebstahls durch die Bestohlenen ließ sich der verwahrloste Junge nicht einschüchtern oder beeimdrucken. Der einzige Schutz der Bevölkerung wurde darin gesehen, den Jungen in einer Erziehungsanstalt unterzubringen. Die Pferdediebe, die im Lager Anfang Februar zwei Pferde, einen Wagen und das notwendige Geschirr gestohlen hatten, waren aufgrund eines anonymen Hinweises von der Polizei festgenommen worden. In Quickborn bei Hamburg erfolgte die Festnahme, es waren zwei Personen, die den Diebstahl ausgeführt hatten. Bei den Festgenommenen handelte es sich um einen gebürtigen Brokstedter, sowie einen Landwirt aus der näheren Umgebung Kellinghusens. Pferde und Fuhrwerk, einschließlich des gestohlenen Geschirrs, konnten bei einem Käufer in Barmstedt sichergestellt und dem Eigentümer Herrn Sievers wieder zugeführt werden. Drei Tage hielt sich ein Referent des Landwirtschaftsministeriums, unter den Soldatensiedlern im Bereich des Lockstedter Lagers auf. Bei einer Besprechung mit den Vorständen der 8 Genossenschaften brachte er seine große Zufriedenheit über das bisher Geleistete zum Ausdruck. Er legte den Versammlungen den Entwurf des Siedlungsvertrages vor. Er sagte, es sei nun Aufgabe der Siedlungsgemeinschaft, den Vertrag mit Leben zu erfüllen, wozu die Gemeinschaft offensichtlich auf dem besten Wege sei. Die Hauptschwierigkeiten seien überwunden, die schlimmsten Schmutzarbeiten getan, die unvermeidlichen Kinderkrankheiten hätten die Soldatensiedler glücklich hinter sich gelassen und vor allem den Winter in den dürftigen Notbaracken überstanden, trotzdem es dort oft derart hineinregnete, daß Gefahr bestand, daß eines Tages alle mit Kind und Kegel flüchteten. Jetzt sei es Zeit, die Genossenschaften grundlegend zu gestalten durch die Aufnahme der umliegenden Bauern. Er begrüßte auch den neu eingerichteten Siedlerrat. Besonders der Reichsarbeitsminister würde sich freuen, wie sehr man auf dem Lockstedter Siedlungsplatz, der immer noch Eigentum des Reiches sei, den Geist des Reichssiedlungs- und des Betriebsrätegesetzes, die in seinem Ministerium entstanden wären, umgesetzt hätte. Sei doch das Wort einer Siedlungsbehörde hier geradezu beflügelt worden: "Im Rahmen dieser Gesetze finden hier alle Vorschläge und Pläne automatisch ihre beste Erledigung." Der Referent verabschiedete sich am letzten Tag seines Besuches mit dem Versprechen auch seine Fähigkeiten in den Dienst des Siedlungswerkes zu stellen. Die Arbeitslosigkeit war unverhältnismäßig hoch im Kreis Steinburg. Viele Arbeiter wanderten ab ins Ruhrgebiet, um in den Bergwerken zu arbeiten. Die Störwerft in stellt einige Schlosser und Tischler aus dem Lockstedter Lager ein, dafür wurden fast gleichzeitig Arbeiter bei der Kellinghusener Holzpantoffelfabrik und dem Lederwerk entlassen. Aus dem Büro des Roten Kreuzes war eine Schreibmaschine (Marke Adler) im Wert von über 4.000 Mark gestohlen worden. Im Hotel Hohenzollern hatte die DNVP eine Wahlveranstaltung durchgeführt. Der Geschäftsführer der DNVP Wittmer referierte über das Thema: Deutsche Not und deutsche Zukunft. Die Begrüßung und die einleitenden Worte wurden durch den Tierarzt Hein ausgeführt. Auf Veranlassung des Eisboßelverbandes für den Kreis Steinburg tagte Mitte Februar unter Vorsitz des Herrn van Alften, eine Versammlung in der die Gründung eines Boßelvereins beschlossen wurde. Der Verein sollte die Boßelbrüder der Dörfer Peißen, Lockstedt, Lockstedter Lager, Mühlenbarbek, Lohbarbek Winseldorf und Schlotfeld umfassen. Ein erster Übungstag war angesetzt für Sonntag, den 20.Februar, nachmittags 14:00 Uhr auf dem alten Geschützpark im Lager. Anschließend könnte, wenn die Mehrheit der Teilnehmer zustimmen würde, die endgültige Gründung erfolgen. 20.Februar 1921 Wahlergebnis Lockstedter Lager Deutsch Nationale Volkspartei - 210 Stimmen, Deutsche Volkspartei - 225 Stimmen, Zentrumspartei - 44 Stimmen, (L) Schleswig-Hosteinische Landespartei - 3 Stimmen, Mehrheitssozialdemokraten - 338 Stimmen, Unabhängige Sozialdemokraten - 0 Stimmen, Kommunisten - 93 Stimmen. Das Durchgangslager Lockstedt war mit Wirkung vom 28.Februar aufgelöst worden. Neben dem Roten Kreuz befand sich jetzt nur noch die Dulag Abwicklungsstelle mit wenigem Personal auf dem Lagergebiet. Bei der Wahl am 20.Februar soll es im Lager zu großen Unregelmäßigkeiten gekommen sein. Für 1.700 Wähler, größtenteils Flüchtlinge, war nur ein Wahllokal mit nur einer Wahlkabine eingerichtet. In der Wahlzelle sollen sich nicht ein, wie die Vorschrift besagte, sondern zur gleichen Zeit bis zu 10 Wähler aufgehalten haben. Wahlunterlagen, (Briefumschläge und Stimmzettel) wären auf der Straße verteilt und dort auch die Stimmzettel in die Umschläge eingesteckt worden. Es wäre deshalb nicht verwunderlich, daß so viele "gegnerische" Stimmen abgegeben wurden. Jedenfalls hätten hilfsbereite Personen von denen es ja dort so viele gäbe, bei der Entscheidung mitgeholfen. Im Lichtspieltheater im Hohenzollern wurde der Abenteurerfilm "Die Jagd nach dem Tode" in 5 Akten aufgeführt. Der mit spannenden Szenen geladene Film konnte wegen seiner Länge nicht auf einmal vorgeführt werden, der in zwei Teile aufgespaltene Film wurde an zwei Wochenenden hintereinander vorgeführt. - Ein dreiaktiges Lustspiel "Wie Adi Filmschauspielerin wurde" sorgte zwischendurch für genügend Heiterkeit. Die Bäckerei von Hahn und Schütt wurde im März an Herrn Kleppel und einen weiteren Herrn aus dem Lockstedter Lager verkauft. Der Empfangsausschuß Lockstedter Lager für die zu entlassenden deutschen Kriegs- und Zivilgefangenen hatte seine Auflösung zum 31.März beschlossen. Insgesamt waren 43.713 heimkehrende Gefangene durch das Lager gegangen. Von dem vorhandenen Kassenbestand in Höhe von 19.000 Mark wurde ein Drittel an das städtische Wohlfahrtsamt in Itzehoe überwiesen mit der Maßgabe, die Gelder für in Not geratene ehemalige Kriegs- und Zivilgefangene und deren Angehörige zu verwenden. Zwei Drittel wurden dem Kreis Steinburger Zweigverein vom Roten Kreuz übergeben mit der Bestimmung, sie für in Not geratene deutsche Auslandsflüchtlinge zu verwenden. Im Februar vergangenen Jahres wurden im Lockstedter Lager mehrere Hundert Anzüge gestohlen, ohne daß man der Täter habhaft werden konnte. Jetzt war es der Polizei gelungen, einen größeren Teil der Anzüge wieder herbeizuschaffen und zwar waren diese in Buchholzermoor in Säcken verpackt vergraben. Es wurden 12 Personen ermittelt, die sich des Diebstahls beziehungsweise der Hehlerei schuldig gemacht hatten. Sie wohnten in Burg, Hochdonn, Itzehoe und Segeberg. Der Wert der gestohlenen Anzüge belief sich auf ungefähr 100.000 Mark.
Am 31.März verließen die letzten Soldaten, die für die Abwicklungskommandantur des früheren IX.Armeekorps tätig waren das Lager. Die Verfügungsgewalt über das Flüchtlingslager ging auf das Land Schleswig-Holstein über. Das ehemalige Kommandantenhaus wurde für längere Zeit als Heim zur Unterbringung von erhohlungsbedürftigen Kinder aus den größeren Städten Schleswig-Holsteins und Hamburgs genutzt. Die Trägerschaft hatte das Rote Kreuz. 31.März 1921 |