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Aufgrund der von deutschen Gegnern an der Westfront gemachten Erfahrungen erfolgte der Austausch der Pickelhaube durch einen Stahlhelm. Der Stahlhelm schützte erheblich besser als der Lederhelm gegen die an erster Stelle der Verlustliste stehenden tödlichen Verwundungen durch Metall- und Gesteinssplitter im Bereich des Kopfes.
Zu Gunsten des Roten Kreuzes wurde am Sonntagnachmittag, dem 09.Januar, im "Stadt Hamburg" ein Wohltätigkeitskonzert veranstaltet. Das Konzert wurde von der Kapelle des II.Ersatzbataillons Infanterieregiment Nr.85 aus Neumünster unter Leitung des Dirigenten H.Ehrich ausgeführt. Das Ersatzbataillon befand sich seit dem 03.Januar auf dem Übungsplatz. Das Konzert war gut besucht und fand den Beifall der Zuhörer. Für Sonntag, den 16.Januar war ein Konzert einer Marinekapelle im selben Lokal angekündigt. Der in Kellinghusen beheimatete Tierarzt Hans Mannhardt, der im Pferdelazarett im Lockstedter Lager eingesetzt war,war am 10.Januar rückwirkend zum 01.Januar zum Veterinäroffizier befördert worden. Die Anzahl der im Pferdelazarett aufgenommenen Pferde betrug bis zu 200. Für die in der Nähe des Lazaretts untergebrachten Soldaten war der Anblick der Pferde erschreckend. Nahezu alle waren abgemagert, ein großer Teil schwer verwundet, wobei die Verwundungen durch Lanzenstiche und Granatsplitter zu den schlimmsten gehörten, viele dieser hierher gebrachten Tiere starben im Lazarett und wurden je nach Befund der Versorgung zugeführt. Der Geburtstag des Kaisers war auch in diesem Jahr ohne große Feierlichkeiten geblieben. Der Ort hatte Flaggenschmuck angelegt. In der Schule fanden Gedenkfeiern statt. An einem Feldgottesdienst nahm auch der Krieger-und Militärverein teil. So war, äußerlich still und ohne rauschende Festlichkeiten, des Kaisers Geburtstag begangen worden. Im Hamburger Courier war am 30.Januar zu lesen: "Im wissenschaftlichen Teil der letzten Sitzung des Naturwissenschaftlichen Vereins legte Professor Dr.Brick ein Exemplar der beim Lockstedter Lager als neu für die Flora Schleswig-Holsteins aufgefundene Gentiana ciliata vor, die Dr.Steinecke während seines dortigen Aufenthalts zu einer militärischen Übung gesammelt hatte und von seinem Universitätslehrer Dr.Abromeit in Königsberg als diese Art erkannt worden war. Dieser hübsche Enzian ist in Süd- und Mitteldeutschland auf Kalkbergen nicht selten, er erreichte nach unseren bisherigen Kenntnissen bei Hannover, Hildesheim, Braunschweig und Oschersleben die Nordgrenze seiner Verbreitung. Der neue bemerkenswerte Fund beim Lockstedter Lager rückte diese Grenze also wesentlich weiter nach Norden. Die Pflanze befand sich in einem kleinen nassen Hochmoor bei den Lagerbaracken vereinzelt zwischen zahlreichen Exemplaren der bei uns auf feuchten Wiesen und Mooren wachsenden Gentiana pneumonanthe in Gemeinschaft mit Moorsimse, Wollgras, Beinbrech, Sonnentau u.a. Die Urwüchsigkeit ist nicht zu bezweifeln." Seit dem 15.Februar waren von den hier noch verkehrenden Milchwagen, der aus dem Umland stammenden Meiereien, die Milchpreise erhöht worden. An den Milchwagen kostete die Vollmilch einheitlich 24 Pfennig, die Magermilch 11 Pfennig und die Buttermilch 12 Pfennig das Liter. Zwei Itzehoer Milchwagen nahmen je 2 Pfennig weniger und wollten auch bei diesem Preis bleiben. Ein Wagen des Herrn Schack vom Hotel Hohenzollern, war am späten Nachmittag aus unbekannter Ursache auf der Chaussee Mühlenbarbek - Lockstedter Lager zusammengebrochen und folglich liegengeblieben. Der Wagen konnte am gleichen Tag nicht mehr fortgeschafft werden und blieb deshalb nachts auf der Chaussee stehen. Am nächsten Morgen entdeckte der Knecht das Fehlen von 2 Sack Hafer - für die Wiederbeschaffung des Hafers oder die Benennung der Täter war eine gute Belohnung ausgesetzt worden. In das Zigarrengeschäft Schröder an der Nortorfer Chaussee wurde in der Mitte des Monats eingebrochen. Die Diebe erbeuteten Zigarren und Zigaretten im Wert von annähernd 600 Mark. Ein paar Tage später brannte die Pieper'sche Zigarrenbude aus. Bei der Brandursache wurde davon ausgegangen, daß nach einem Einbruch, zum Verdecken der Straftat, Feuer gelegt wurde, wobei eine große Menge anderer Waren verbrannten. Vom 25.02. bis 31.03. erfolgte eine ergänzende Ausbildung der Reserveoffiziersaspirantenanwärter der Reserve- und Landwehreinheiten in einem Kurs. Der Kurs hatte die beachtliche Größe von 14 Kompanien, die bei dem allgemeinen Gedränge im Lager sehr beengt untergebracht waren. Kursteilnehmer beschwerten sich bei ihren Angehörigen über den harten Dienst und die vielen Prüfungen, die abgelegt werden müßten. Man hätte den Aspiranten gesagt, daß Ende März zwei Prüfungen abzulegen wären, die Einfluß auf die spätere Beförderung und den Einsatz hätten. Der Polizeibericht der Itzehoer Polizei meldete, daß der Brothändler Paulsen aus Itzehoe am Abend des 29.Februar gegen 22:00 Uhr, als er mit seinem Fuhrwerk vom Lager nach Itzehoe zurückfuhr, auf der Chaussee zwischen Schmabek und Lübscher Brunnen von zwei unbekannten Personen überfallen und tätlich angegriffen wurde. Der Jüngere der beiden Wegelagerer wäre auf den Wagen gesprungen, hätte aber von Paulsen, der sich energisch zur Wehr gesetzt habe, einen kräftigen Faustschlag ins Gesicht bekommen, so daß er rücklings vom Wagen gestürzt wäre und es daraufhin lieber vorgezogen hätte, zusammen mit seinem Kumpanen, schleunigst die Flucht zu ergreifen. Die Täter hatten es augenscheinlich auf das Geld des Paulsen abgesehen. Mitte März wurde in unmittelbarer Nähe des Lagers von spielenden Kindern eine Frauenleiche gefunden. Bei der Toten handelte es sich um eine seit dem 02.Dezember 1915 verschwundene 75 Jährige Frau aus Itzehoe. Die geistig gestörte und orientierungslose Frau hatte sich seinerzeit unbemerkt von ihrem Aufenthaltsort in Itzehoe entfernt und war schließlich wohl am Fundort ums Leben gekommen. Der Pächter des Kasinos Karl Bech war im März als stellvertretender Schiedsmann für den Schiedsmannsbezirk Lockstedter Lager ernannt worden. Die Diebstähle in der Gegend wurden immer dreister. In der Nacht zum 25.März war in die Räucherkate des Schlachters eingebrochen worden. Der Dieb war nach Zertrümmerung eines Fensters in das Gebäude eingedrungen und hatte vier Speckseiten, zwei Schinken und zwanzig grobe Mettwürste gestohlen. Der Täter mußte mit der Örtlichkeit vertraut gewesen sein. Nach den am Tatort vorgefundenen Fußspuren ging man von zwei Personen als Tatbeteiligte aus. Seine Königliche Hoheit Großherzog von Oldenburg hatte dem stellvertretenden Lazarettinspektor Theodor Brand beim Reservelazarett Lockstedter Lager das Friedrich August Kreuz 2.Klasse verliehen. Konfirmiert wurden im April: Johannes Otto Passig, Hans Max Jörck, Friedrich Wilhelm Ludwig Bonk, Andreas Nicolay Hansen, Hans Mohr, Julius Hans Heinrich Voß, Adolf Christian Horst, Johannes Hinrich Sibbert, Erich Hermannn, Henri Jatho, Karl Fiedler, Rudolf Hasch, Klara Paula Kock, Anna Henriette Peters, Gertrud Soth, Catharina Margaretha Broszat, Marie Petersen und Minna Jeßel. In einer Nachtaktion waren aus dem Waldstück des Zimmermeisters Heinrich Buer, das südlich des Lockstedter Lagers lag, zwei Klafter Holz gestohlen. Das Fuhrwerk mit dem gestohlenen Holz soll nach dem Abbruch des Schießens zwischen 24:00 und 01:00 Uhr durch Lockstedter Lager gefahren sein. Dem Postboten Westphal aus Lockstedter Lager wurde am Vormittag des 10.April in einer kleinen Feier das Eiserne Kreuz II.Klasse verliehen. Am Nachmittag wurde der Obermatrose der Seewehr, Johann Canczorowski, in Kellinghusen auf dem Soldatenfriedhof beerdigt. Canczorowski war im Lazarett seinen Verwundungen erlegen. Das würdige Begräbnis wurde von der Militärischen Bruderschaft aus Kellinghusen gestaltet. Drei russische Kriegsgefangene, die in der Nähe von Nordoe umherirrten, wurden nachmittags vom Förster und unter Mithilfe der Jugendwehr aus Wilster, die gerade eine Übung in der dortigen Gegend abhielt,festgenommen. Eine Nachfrage im Lager und durch Befragung eines Übersetzers wurde festgestellt, daß die drei Russen am 04.April aus Lockstedter Lager entwichen waren, sie wurden von Wachsoldaten in Itzehoe abgeholt und wieder dem Gefangenenlager zugeführt. Der Hotelbesitzer Friedrich Steffen feierte im engsten Kreis seiner Familie und mit erreichbaren Freunden die Tatsache, daß er vor 25 Jahren das Hotel "Kaiserhof" eröffnet hatte. Steffen wollte sich nicht nachsagen lassen, daß er knauserig sei und hatte dafür gesorgt, daß seine Gäste reichlich mit Essen und Trinken versorgt waren. An das Diner schloß sich ein Kränzchen an, das bis in die frühen Morgenstunden des nächsten Tages dauerte. Auf dem Bahnhof war wegen der bevorstehenden Umstellung auf die Sommerzeit eine Bekanntmachungen angebracht worden, welche genaue Angaben über die Änderungen des Personenzugfahrplanes in der Nacht vom 30.April zum 01.Mai enthielt. Am 01.Mai 1916 wurde der bestehende Pachtvertrag für die Lohmühle zwischen dem Militärfiskus und Herrn Hans Sievers für weitere 5 Jahre verlängert. Die Pacht betrug 760 Mark, dazu kamen Feuerversicherung und andere Abgaben. In § 3 wurde bestimmt, daß der Pächter während des Kriegszustandes alle bebauungsfähigen Flächen landwirtschaftlich auszunutzen hätte und daß das Vieh des Pächters auf den Wiesen an der Au nur mit Genehmigung der Kommandantur grasen dürfe. In § 8 wurde darauf hingewiesen, daß die Wasserkraft des Teiches für den Betrieb der Rieselfeldanlage erforderlich sei und ein Ablassen des Teiches nur mit Genehmigung der Kommandantur geschehen dürfe. Auch auf die Tatsache, daß der Pächter das Befahren des Teiches mit Booten durch Militärpersonen zu gestatten habe, wurde hingewiesen. Ansonsten waren keine Veränderungen im Pachtvertragstext festzustellen. In der Stör wurde die Leiche eines der II.Ersatzabteilung Infanterieregiment Nr.85 angehörenden Soldaten geborgen. Der Soldat wurde seit dem O8.Mai vermißt. Die Führung war von einer Desertation ausgegangen und hatte den Soldaten zu Fahndung ausschreiben lassen. über die Todesursache wurden umfangreiche Vermutungen angestellt, wobei die Tatsache blieb, die Todesursache ist unbekannt. Vom Verband nordwestdeutscher Brauereien wurde in Umlauf gebracht und durch Aushang in den Gaststätten veröffentlicht, daß es trotz aller Bemühungen der Lobbyisten nicht möglich gewesen sei, für die Brauereien die entsprechenden Gersten- oder Malzmengen zu erhalten, die notwendig waren, um wenigstens 48 Prozent der Friedensproduktion decken zu können. Die Brauereiwirtschaft befürchtete, daß der Bierausstoß auf 30 Prozent zurückgehen könnte, dabei müsse noch in Betracht gezogen werden, daß 10 Prozent der Produktion zur Deckung des Heeresbedarfs abgegeben werden müßten. Die biertrinkende Zivilgesellschaft werde deswegen gebeten, den vorgegebenen Verhältnissen Rechnung zu tragen und an Wirte und Flaschenbierhändler keine größeren Anforderungen zu stellen als diese nach Lage der Dinge erfüllen könnten. Der Oberveterinär Gustav Thun war Mitte Mai zum Stabsveterinär befördert worden. Veterinär Mannhardt aus Kellinghusen zum Oberveterinär. Am 08.Juni wurde der erste finnische Soldat, der im Lager ausgebildet worden war, auf dem Kellinghusener Friedhof begraben. Während der Beerdigung waren einige Jäger und Angehörige der Militärischen Bruderschaft zugegen. Der Jäger Strøm war mit einem Transport aus dem Osten ins Reservelazarett gekommen. Bei Kämpfen an der Misse war er schwer verwundet worden. Zusätzlich geschwächt durch den langen Transport und die mangelnde Hygiene während desselben verstarb Strøm am 05.Juni an den Folgen von Blutvergiftung und Wundbrand. Wie vielerorts, so wurde auch in der Gemeinde Winseldorf zu Spenden für die Geldsammlung zur Linderung des Leids der deutschen Kriegs- und Zivilgefangenen aufgerufen. In der Gemeinde Winseldorf war das Ergebnis recht gut: rund 350 Mark kamen zusammen, davon in der Ortschaft Lockstedter Lager 301 Mark, in Winseldorf 49 Mark. Ende Juli wurde von oberster Stelle endlich Klarheit geschaffen. Die militärischen Ehrenbezeugungen vor dem Eisernen Kreuz betraf eine Verfügung des preußischen Kriegsministers, die den Mannschaften zur Kenntnis gebracht wurde. Danach hatten die militärischen Posten vor den Inhabern des Eisernen Kreuzes 2.Klasse mit "Gewehr über" stillzustehen, sofern das Kreuz selbst getragen wurde. War nur das Band angelegt, so wurde keine militärische Ehrenbezeugung erwiesen. Für die Ehrenbezeugung war es gleichgültig, ob das Eiserne Kreuz am schwarz-weißen oder am weiß-schwarzen Bande getragen wurde. In einem öffentlichen Aufruf wurde der Wunsch formuliert, daß die Bevölkerung die Militärbehörden und Sicherheitsorgane bei der Wiederergreifung flüchtiger Kriegsgefangener noch mehr unterstütze als bisher. Es wurde daher erneut darauf aufmerksam gemacht, daß Kriegsgefangene, die einem landwirtschaftlichen Arbeitskommando zugeteilt waren, an ihrer Kopfbedeckung eine jederzeit sichtbare Blechmarke tragen mußten, auf welcher der Name der Ortschaft eingestanzt war, in deren Gebiet sie sich frei bewegen durften. Wurden also Kriegsgefangene ohne eine solche Marke oder außerhalb der eingestanzten Gemarkung angetroffen, so waren sie als flüchtig anzusehen und der nächsten Militär- oder Polizeibehörde zu übergeben. War dies nicht durchführbar, dann war die nächstgelegene Behörde zu benachrichtigen. Um den sinkenden Stern des Kaisers ein wenig heller leuchten zu lassen, wurde eine so genannte Kriegspostkarte mit dem Bildnis des Kaisers und Königs und der Unterschrift: "Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche" aufgelegt. Der Verkauf verlief sehr schleppend und entsprach nicht den Erwartungen, daher wurde auf Aushängen an den "schwarzen Brettern" in den Blocks darauf hingewiesen, daß die Karten noch nicht völlig vergriffen waren. Der Absatz würde im Interesse des Roten Kreuzes liegen, dem die Überschüsse ungekürzt zu Gute kämen. Der Kauf sei daher empfohlen. Die besonders entsprechend ausgeführte Karte, die sich auch zur Einrahmung eigne, wäre auf dem hiesigen Postamt vorrätig und koste mit eingestempelter 5 Pfennig Marke nur 10 Pfennig. Am Abend des 04.Oktober veranstaltete der Frauenverein ein Wohltätigkeitskonzert, das von der Kapelle des sich zur Zeit im Lockstedter Lager aufhaltenden II.Ersatzbataillon des Infanterieregiments Nr.76 ausgeführt wurde. Das sehr umfangreiche und mannigfaltige Repertoire dauerte etwas mehr als drei Stunden. Aus Millöckers "Bettelstudent", Verdis "Aida" und von anderen bekannten Komponisten wurden Stücke dargeboten. Die erhebliche Steigerung der Bautätigkeit im Lockstedter Lager, vor allem durch Umbauten und "Putz- und Flickarbeiten" ermöglichte allen freien oder freiwerdenden Arbeitskräften des Baugewerbes eine Arbeitsmöglichkeit, die auch im Winter eine Beschäftigung garantierte, zu erlangen. In der letzten Dezemberwoche tobte ein Orkan von großer Heftigkeit über Norddeutschland. Die Sturmböen richteten im Lockstedter Lager nur geringen Schaden an. Der Oberleutnant, der diese Anzeige aufgab, hatte bestimmt keine anderen Sorgen!
1917Die gleiche Vereinigung veranstaltete am 06.Januar im Hotel Hohenzollern einen Unterhaltungsabend für die Kranken und Verwundeten des Reservelazaretts sowie die hier wohnenden Kriegerfrauen. Für diese Personengruppen war der Eintritt frei und so war es nicht verwunderlich, daß zahlreiche Besucher gekommen waren. Die vorgetragenen Stücke waren identisch mit denen des kürzlich in Kellinghusen gegebenen Wohltätigkeitsabends. Anfang Januar startete das Königliche Proviantamt in Itzehoe und Lockstedter Lager eine Anzeigenserie, daß jetzt größere Mengen Stroh benötigt und gekauft werden würden. Auf die Abgabe von Angeboten an die Itzehoer Dienststelle wurde besonders hingewiesen. Der langjährige Rechnungsführer des Lazaretts, F.Rusch, der seit Kriegsbeginn als Lazarettinspektor auf dem westlichen Kriegsschauplatz war, war zu Beginn des Januar mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet worden. Bei kaltem Wetter und düsterem Himmel übte die 3./Kompanie Granatwerferabteilung Feldartillerieregiment Nr.60 seit dem 05.Januar ein letztes Mal im schmutzigen Schnee des Lockstedter Lagers. Ihr Abmarsch zum Einsatz im Westen war festgelegt auf Freitag 12.01. Die hiesige Schule hat, um Kohlen zu sparen, den Unterricht bis zum 15. dieses Monats ausgesetzt. ähnliche Maßnahmen waren auch in vielen anderen Orten getroffen worden, Kohlen waren kaum zu haben. Die Vorratslager waren leer und ausverkauft. Seit dem 16. wurde die 238.Infanteriebrigade im Lockstedter Lager aufgestellt. Zur Brigade gehörten die Infanterieregimenter Nr.463, 464, 465, der Artilleriekommandeur mit unterstelltem Feldartillerieregiment Nr.62 und Fußartilleriebataillon Nr.53. Das Pionierbataillon Nr.238 mit den Kompanien 367 und 368. Die Minenwerferkompanie Nr.438 und die 2.Eskadron Dragonerregiment Nr.13 ergänzten den Verband. Die Aufstellung der Regimenter erfolgte durch Ersatztruppenteile des IX. und X.Armeekorps in verschiedenen Garnisonen der Provinz. Zu jedem Regiment gehörten 3 MG-Kompanien. Mit gleichem Datum begann die Zusammenführung der Einheiten im Lager. Das Infanterieregiment Nr.465 wurde aus den Ersatzbataillonen des X.Armeekorps Nr.77, Nr.78, Nr.79, Nr.91, Nr.92 und Nr.164 zusammengestellt. Großer Andrang herrschte jeden Mittwoch an der Kartoffelausgabestelle. Stundenlang standen die Empfänger bei der kalten Witterung wegen der paar Kartoffeln vor dem Gebäude, ehe sie an die Reihe kamen. Ein Ausweg aus dieser Situation wäre: entweder werden wieder zwei Ausgabetage angesetzt, wie dies früher der Fall war, oder die Gutscheine müßten nummeriert werden. So konnte es nicht weiter gehen. Der Stab der 238.Infanteriebrigade war bereits am 19.Januar komplett aufgestellt, bis zum Abend des gleichen Tages war das Infanterieregiment Nr.464 in Gesamtstärke in das Lager eingerückt. Die Gesamtstärke des Infanterieregiments Nr.464 war: 78 Offiziere, 3.133 Unteroffiziere und Mannschaften, dazu 251 Pferde. Schon zwei Tage später waren alle Einheiten der Brigade versammelt, die gemeinsame Ausbildung wurde bereits am nächsten Tag begonnen. Die Milchversorgung der Ortschaft wurde immer schwieriger. Die Meiereien waren meist nur jeden zweiten Tag in Betrieb, weil sie so wenig Milch angeliefert bekamen, daß ein täglicher Betrieb nicht lohnte. Die wenige Mager- und Buttermilch, welche die Milchwagen mit sich führten, reichte bei weitem nicht für alle Bezugsberechtigten und Milchbuden, ein großer Teil ging leer aus. Besonders der Winseldorfer Teil der Ansiedlung war übel dran. Die Bewohner waren gezwungen, den Milchwagen bis zur Nortorfer Chaussee entgegen zu gehen, um überhaupt Milch zu bekommen. Auch hier bestand Handlungsbedarf, eine andere Regelung des Milchverkaufs mußte eingeführt werden. Auf einem Schriftstück, das im Aushang bei der Wache im Kasten hing war zu lesen, daß nach einer Verfügung des Kriegsministeriums vom 16.Januar, am 15.Februar neue Bestimmungen über die Adressierung von Feldpostsendungen jeder Art in Kraft treten sollten. In den Aufschriften war dann jede Angabe über Kriegsschauplätze, Zugehörigkeit zur Armee, Armeegruppen oder Armeeabteilungen, Armeekorps, Divisionen, und Brigaden verboten. Sie durften nur die Bezeichnung des Truppenteils bis zum Regiment aufwärts enthalten. Bei Truppenteilen, die keinem Regimentsverband angehörten, (selbständige Bataillone, höhere Stäbe usw.), war der dienstlichen Bezeichnung der Formation der Zusatz "Deutsche Feldpoststation Nr..." zuzufügen. Bei Angehörigen der Stäbe von Armeekorps sowie Divisionen und Brigaden mußte die Feldpostnummer in der Adresse wegbleiben. Die Übermittlung der neuen Feldpostadresse an die Angehörigen hatte durch den Soldaten selbst zu erfolgen. Am 25.Januar hatte ein unbekannter Dieb im Abendzug auf der Strecke Lockstedter Lager - Itzehoe aus einem Abteil dritter Klasse ein Paket mit 300 Hamburger Fremdenblättern, die für Itzehoe bestimmt waren, gestohlen. Vermutlich war der Dieb in Edendorf ausgestiegen, da in Itzehoe keine Person, die ein Paket trug gesehen wurde. Trotz des Krieges wurde am 27.Januar eine Kaiserparade auf dem Übungsplatz durchgeführt. Gegen 10:00 Uhr war für das Infanterieregiment Nr.464 antreten zur Parade. Die Marschstrecke war wie folgt vorgegeben: Die Regimentskolonne formiert sich entlang der Gravelotte Straße in Richtung Schießplatz. Der Marsch führt vorbei am Walderseestein, folgte dem Weg in Richtung Ridderser Weg, nach Erreichen desselben rechts schwenken Richtung Wasserturm. Mit Erreichen der Nortorfer Chaussee Übergang in die geschlossene Ordnung zur Parade in Richtung Hauptwache. Abnahme der Parade an der Einmündung der Podbielski Allee. Einmarsch in das Lager bei der Hauptwache, danach übernehmen die Kompanieoffiziere die Einheiten. Entlang der Nortorfer Chaussee waren die Häuser beflaggt, es waren viele Zivilisten gekommen um die Parade anzuschauen. Ende Januar war überall ein Aushang der Eisenbahnverwaltung zu sehen, der eine Warnung enthielt: "Es ist wiederholt amtlich bekannt gemacht, daß der Weg über den Güterbahnhof für den allgemeinen Verkehr gesperrt ist. Wie mitgeteilt wird, wird der Weg dennoch oft benutzt. Der Verkehr auf der Ladestraße kann indessen schon wegen der Unfallgefahr nicht allgemein freigegeben werden. Nur wer auf dem Güterbahnhof etwas zu tun hat, darf den Güterbahnhof betreten. Wer zum Personenbahnhof will, muß die allgemeinen Verkehrswege wählen. Übertretungen werden von jetzt an unnachsichtig zur Anzeige gebracht." Seit dem 01.Februar waren in der Kommandantur zwei junge Frauen aus Hamburg eingesetzt. Sie waren vom Schreibmaschinenkorps im Hilfsdienst abgeordnet worden, um in der Schreibstube zwei Soldaten, die an die Front mußten, zu ersetzen. Sie unterhielten sich einmal im Cafe Schütt mit Soldaten über die vielfältigen Tätigkeiten des Hilfsdienstes, dabei erwähnten sie, daß sie eine gemeinsame Bekannte hätten, die würde, vom Hilfsdienst eingesetzt, in der Luftschiff Fabrik der Firma "Schütte-Lanz" als Fotografin arbeiten. Sie wäre eigentlich nur durch Beziehung dorthin gekommen, ursprünglich wäre sie vorgesehen gewesen um auf einem Feldflugplatz in Belgien oder Deutschland Dienst zu tun. Die Sonntagszüge zwischen Itzehoe ab 23:50 Uhr, Wrist an 00:31 Uhr und Wrist ab 00:53 Uhr, Itzehoe an 01:37 Uhr fielen von Sonntag, dem 04.Februar, ab wegen Kohlemangel fort. Die grimmige Kälte in der ersten Woche des Februar steigerte sich von Tag zu Tag. In der Nacht zum 05.02. sank das Thermometer auf 19° unter Null, man will sogar 21° beobachtet haben. Bei klarem Wetter und Ostwind war an einen Umschlag der Witterung nicht zu denken. Die Kälte herrschte in ganz Mitteleuropa gleichmäßig. Am Rhein und in der Mitteldeutschen Gebirgsgegend sowie in Königsberg wurden 26° Kälte gemessen. Die hiesige Schule war, um Kohlen zu sparen, bis auf weiteres geschlossen worden. Der Wiederbeginn des Unterrichts sollte im "Stör-Boten" oder am Aushang an der Schule amtlich bekannt gemacht werden. Die Schüler wurden in der "schulfreien" Periode mit vermehrten Hausaufgaben beschäftigt, welche im Schulgebäude von Zeit zu Zeit nachgesehen wurden. Am 14.Februar begann die Reihe der Kompaniebesichtigungen der Infanteriebrigade Nr.238. Anwesend war Großadmiral Prinz Heinrich von Preußen, der zu dieser Besichtigung extra aus Kiel gekommen war. Die Fischereinutzung von 15 Teichen und der Rantzau im Bereich des Truppenübungsplatzes sollte ab dem 01.April für die Dauer von 10 Jahren neu verpachtet werden. Die Pachtbedingungen lagen im Geschäftszimmer der Garnisonsverwaltung zur Einsicht aus, wo auch die ernst gemeinten Gebote abgegeben werden mußten. Am Vormittag des 26.Februar fand die Trauerparade für den verstorbenen Generalmajor Hugo von Bonin statt, im Anschluß an die Feier wurde die Leiche zum Gut Weselow in Pommern überführt. Von Bonin war geboren am 17.Dezember 1854 auf genanntem Gut in Pommern, erhielt am 12.Februar 1876 das Leutnantspatent bei dem Garde Füsilier Regiment in Berlin, wurde am 12.Januar 1886 zum Oberleutnant und am 18.November 1890 zum Hauptmann befördert. Vom Garde Füsilier Regiment wurde er zu den Marburger Jägern und von dort zum Infanterieregiment Nr.76 (2.hanseatisches) nach Hamburg versetzt, am 24.März 1909 Kommandeur des Grenadierregiments König Friedrich Wilhelm der Erste (2.ostpreußisches Nr.3) in Königsberg ernannt. Am 02.Mai 1912 verließ er diesen Posten, um als Kommandant auf dem Truppenübungsplatz Lockstedt eingesetzt zu werden. Der Verstorbene war Inhaber des Roten Adler Ordens 3.Klasse, des Preußischen Kronenordens 2.Klasse und des Eisernen Kreuzes. Die zwei Tage dauernde Besichtigung der Bataillone der 238.Infanteriebrigade begann, um die Trauerparade nicht zu stören erst gegen Mittag und dauerte jeweils bis in den späten Abend. Wichtig war bei der Besichtigung nicht mehr der Parademarsch und die Formale Ausbildung, jetzt ging es um infanteristisches Verhalten, Schießen, Beobachten und Melden und Schanzen. Zum 01.März hatte die 238.Infanteriebrigade die volle Mobilität erreicht. Die Besichtigung der Regimenter der Infanteriebrigade wurde auf den 05. und 06.März gelegt. Erstmals fand die Besichtigung im Rahmen einer 36 Stunden Übung statt. Der Regimentsbesichtigung folgte die Brigadebesichtigung, nach deren Abschluß wurde der Verband am 11.März kriegsbereit gemeldet. Von den ins Reservelazarett eingelieferten Verwundeten starben im März mehrere an den Folgen ihrer Verletzungen. Die Toten wurden alle mit militärischen Ehren auf dem Friedhof in Kellinghusen beerdigt, wo die Militärischen Bruderschaften für den angemessenen Rahmen sorgten. Schon im März suchte das Pferdelazarett in der Gegend um das Lager nach Weiden für die zu kurierenden Pferde. Das Militär versprach eine angemessene Bezahlung. Am Sonntag, dem 18.März, wurden in der Kirche zu Kellinghusen von Pastor Möller konfirmiert: Erna Jakob, Frieda Haase, Anna Hülsing, Magda Hasch, Selma Dietrich, Carl Schmidt, Walter Mohr, Johannes Sievers, Rudolf Dietrich, Johannes Hansen, Heinrich Langbehn, Wilhelm Langbehn, Theodor Holtorf, Erich Lange, Hermann Boie, Willy Suwe und Heinrich Tüxen. Vaterländischer Abend. "Am Mittwoch, den 11.April, wird in "Stadt Hamburg" ein Vaterländischer Abend stattfinden. Das reichhaltige Programm wird hier sicher allgemein Beifall finden. Herr Pastor Schroeter (Breitenberg) wird einen großen, hochinteressanten Lichtbildervortrag halten "Die Ratten kommen aus den Löchern". In Lichtbild und Wort wird erzählt von den großen Heldentaten unserer Flotte, von der Churchill spottend sagte, er werde schon die Ratten aus ihren Löchern holen. Nun, die Ratten sind aus ihren Löchern gekommen, anders als die Engländer dachten und sehr zur Blamage des stolzen Albion und zur Freude eines jeden Deutschen. Dieser Lichtbildervortrag, der schon wiederholt anderswo mit großem Erfolge vorgeführt wurde, wird zweifellos auch hier mit großem Beifall aufgenommen werden. Dazu werden patriotische Aufführungen ernsten und heiteren Inhalts, die von der Vereinigung konfirmierter Mädchen des Kompastorats aufgeführt werden. Das ganze wird wirkungsvoll umrahmt werden durch Gesangsvorträge des trefflichen Frauenchors. Da die Nachfrage nach Karten für den Abend voraussichtlich sehr groß sein wird, ist es zu empfehlen, sich rechtzeitig in den Besitz von Eintrittskarten zu setzen. Karten zum Preise von 50 Pfennig, deren Reinertrag der Kriegsblindenstiftung zu Gute kommen soll, werden schon in den nächsten Tagen durch junge Mädchen zum Verkauf angeboten werden." Das stellvertretende Generalkommando des IX.Armeekorps verlegte im April, für die Dauer des Krieges, von Altona nach Hamburg. Für das Generalkommando waren die Räume des "Elite Hotels" gemietet worden. In den frühen Morgenstunden des 11.April war in den Unterkünften des Infanterieregiments Nr.463 wecken und Vorbereiten zum Abmarsch. Nach dem kargen Frühstück erfolgte das Verlassen der Stuben, erstes Antreten mit Morgenappell und Einteilung der Dienste. Reinigen der Unterkunft, Abmarsch zum Bahnhof und einsteigen in die bereitstehenden Züge. Gegen 10:00 Uhr verließ der erste Zug den Bahnhof und rollte in Richtung der Westfront. Ein weiterer Sonderzug wurde für das Infanterieregiment Nr.464 bereitgestellt. Die Soldaten begannen, sobald das Infanterieregiment Nr.463 den Bahnhof verlassen hatte, mit der Verladung von Gerät und Material, dazu gehörten auch 18 Maschinengewehre und 24 Granatwerfer. Das Infanterieregiment Nr.464 war am 12.April abmarschbereit und wurde ab Mittag des gleichen Tages an die Front transportiert. Der organisatorische Ablauf, vom Wecken bis zum Einsteigen in die Waggons, verlief nach dem gleichen Schema wie am Vortag bei den 463ern. "Die Durchführung der Verordnung des stellvertretenden Generalkommandos des IX.Armeekorps vom 02.November 1916 betreffend den Verkehr mit der Ortschaft Lockstedter Lager, erfordert eine strengere Kontrolle bei dem reisenden Publikum als bisher. Zu diesem Zweck hat die Patrouille für die Ortschaft einschließlich Bahnhof Lockstedter Lager folgende Instruktion erhalten: 15 Minuten vor Ankunft eines jeden Zuges im Lockstedter Lager hat die Patrouille auf dem Bahnhof zu sein, um an der Sperre bei den Zivilpersonen die Paßkontrolle auszuüben und die Urlaubsscheine (Fahrschein oder Fahrausweis) der Unteroffiziere und Mannschaften zu revidieren. Zivilpersonen und Soldaten ohne die vorgeschriebenen Ausweispapiere sind von der Fahrt auszuschließen und zunächst in den Dienstraum des Bahnhofsvorstandes zu weisen, um dort später - nachdem der Bahnhof vom reisenden Publikum geräumt ist - ihre Personalien (bei Zivilpersonen Vor- und Zuname, Stand, Alter, Wohnort, in Städten auch Straße und Hausnummer) feststellen zu können. Die Feststellung der Personalien hat an Hand sonstiger Ausweispapiere (Militärpapiere, Briefe pp.) zu erfolgen. Hat die betreffende Person überhaupt keine Ausweispapiere bei sich, so ist sie auf alle Fälle der Kommandantur zuzuführen. Es sind alle abfahrenden und ankommenden Zivilpersonen, Unteroffiziere und Mannschaften, welche die Sperre passieren wollen,zu revidieren. Auch Offiziere in Zivil müssen sich ausweisen können, wenn sie die Bahnhofssperre passieren." Erstmals wurde in der Bevölkerung bekannt, welche enorme "Opferwilligkeit" die Schuljugend an den Tag legte. Als Beispiel diente die hiesige zweiklassige Schule. Diese hatte seit Ausbruch des Krieges den an der Front befindlichen Gemeindemitgliedern Liebesgaben geschickt, oder solche im örtlichen Reservelazarett verteilt. Die für die Aktionen aufgewandte Summe hatte den Betrag von 1.500 Mark überschritten. Die Summe war nur durch "freiwillige" Sammlungen von den Schulkindern aufgebracht worden. Durch eine langanhaltende Trockenheit im Juni kam ein Heidebrand zum Ausbruch, der mehrere Tage wütete und auf ein fiskalisches Waldstück übersprang und dabei etliche Bäume vernichtete. Infolge der Trockenheit und waren die Löscharbeiten mit Schwierigkeiten verbunden, in Jauchetanks transportierten Bauern Wasser für die Löscharbeiten. Mitte Juni war die Heuernte voll im Gange und teilweise schon geborgen. Das Wetter konnte hierfür nicht günstiger sein; die Arbeiten wurden rasch erledigt weil alle Familienmitglieder mithelfen mußten, das Heu konnte in tadellosem Zustand geborgen werden. Des einen Freud, des anderen Leid, die Kleingärtner wünschten sich sehnlichst Regen, besonders die Kartoffeln hätten eine gründliche Durchfeuchtung sehr nötig gehabt. Die Wettervorhersage prophezeite für die Monatsmitte Gewitter und reichlich Regen. Für ein wenig Abwechslung sorgte das Trompeterkorps der Ersatzabteilung Feldartillerieregiment Nr.9. Sie gaben am Nachmittag und am Abend ein reichhaltiges Konzert im "Stadt Hamburg". Der Saal konnte die Besucher nicht fassen, einige mußten leider vor der Tür bleiben. Nachdem die Heuernte fast abgeschlossen war, bewarb sich das Proviantamt um größere Heumengen. Den Lieferanten wurden marktübliche Preise zugesichert. Das trockene Heu wurde direkt ab Wiese gekauft und eingelagert. Von ihrem Schicksal schnell ereilt wurden vier russische Kriegsgefangene, die von ihrer Arbeitsstätte entwichen waren. Nach einigen Tagen wurden sie bereits wieder gefaßt und dem Lagerkommando übergeben. Die 3./Ersatz Maschinengewehrkompanie war zu einem Granatwerfer Kurs im Lager. Ein Teilnehmer schrieb: "Wir haben kolossal viel Dienst, sind ständig unterwegs. Mehrfach hatten wir Schießübung von abends 21:30 bis morgens 08:00 Uhr. Es wird viel marschiert und immer müssen wir uns eingraben." Das I.Ersatzbataillon des Infanterieregiments Nr.75 führte mehrere Granatwerfer Lehrgänge durch. Der erste begann am 07.Juli, der letzte am 15.Juli und endete mit dem Rückmarsch nach Bremen am 22.Juli. Aufregung herrschte am 13.Juli als ein Flugzeug von Westen kommend den Ort und das Lager überflog. Nach mehreren Schleifen um den Wasserturm und das Barackenlager flog es wieder nach Westen ab. Obwohl während des Überfluges auf den Bahnen geschossen wurde, wurde das Flugzeug nicht bekämpft, dies ist verwunderlich, weil keine Hoheitsabzeichen zu erkennen waren. Flugzeugerkennung wurde noch nicht unterrichtet. Mitte Juli war das I.Ersatz Landwehrbataillon des Infanterieregiments "Herzog von Holstein" (Holsteinisches) Nr.85 auf dem Übungsplatz und führte einen 14tägigen Granatwerfer Kurs, der Aufenthalt wurde aber auch zum Schulen der infanteristischen Fähigkeiten genutzt. Das Landwehrbataillon war auf Sylt zum Schutz der Insel stationiert. Ausgezeichnet wurden auf dem westlichen Kriegsschauplatz der Kantinenwirt Hans Gäthge und der Tischlermeister Hinrich Schährmann aus Lockstedter Lager mit dem Eisernen Kreuz. Beide waren seit Beginn des Krieges zusammen bei dem Infanterieregiment Nr.85. Ein kleiner Junge, der hier und in der Gegend verschiedene Diebstähle ausgeführt hatte, wurde festgenommen, als er den Ort für seine Diebestour wechseln wollte. Als er mit einem Zuge von Lockstedter Lager abfahren wollte, konnte er festgenommen werden. Er hat die hiesigen Diebstähle eingeräumt. Einer seiner letzten war der im Gefangenenaufenthaltsort Lohbarbek. Es wurden auch drei Rubelscheine und 120 Mark deutsches Geld bei ihm gefunden. Vor einiger Zeit hatte er in der Schützenhalle in Kellinghusen sein Quartier aufgeschlagen, wurde dort überrascht, konnte aber trotz einsetzender Verfolgung, wobei er durch die Stör schwamm entkommen. August 1917: "Der Kaiser hat bestimmt, daß die Feldmütze der Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften aller Waffengattungen künftig einen Besatz - ohne Vorstöße - von feldgrauem (grüngrauem) Abzeichentuch und einen Vorstoß um den Deckel von gleichem Tuch erhält. Auch die Feldmützen der Sanitätsoffiziere, Veterinäroffiziere und der Beamten der Heeresverwaltung werden diese Feldmützen zu tragen haben. Die Mützenverdeckbänder fallen weg; sie sind zu den Feldmützen bisheriger Probe aufzutragen. Neubeschaffungen finden nicht mehr statt. An den Schirmmützen tritt keine Änderung auf." Dem Gefreiten Ernst Hautau aus dem Ort wurde das Eiserne Kreuz 2.Klasse verliehen, das er sich auf dem westlichen Kriegsschauplatz durch eine mutige Tat verdient hatte. Das Reservelazarett hatte bei der Kartoffelernte eine Kartoffel (Sorte Kaiserkrone) im Gewicht von 1.104 Gramm und Spediteur H.Sibbert eine Rosenkartoffel von 1.067 Gramm geerntet, von 500 Gramm und darüber mehrere. Bäckermeister Johannes Schütt, war Anfang September als stellvertretender Gemeindevorsteher der Landgemeinde Winseldorf bestätigt worden. Wie bereits für den 17.August, hatte der Kommandierende General für den 28.September Leiter und Führer der Jugendkompanien zu einer Schlußbesichtigung der Nahkampfmittelschule im Lockstedter Lager hinzugezogen. Dieser Einladung waren nicht weniger als 120 Männer aus allen Teilen des Korpsbezirks gefolgt, an ihrer Spitze mehrere Bezirksleiter persönlich, so für Schleswig-Holstein Oberstleutnant Carls. Als Vertreter des stellvertretenden Generalkommandos hatte Hauptmann Kolter die Begrüßung und Führung übernommen. Nach Eintreffen der Teilnehmer am 27. abends und ihrer Unterbringung in den Offiziersbaracken des Lagers traf man sich in der Offiziersspeiseanstalt zu einer Kriegssuppe und hörte darauf zwei Vorträge über die Vorführungen des nächsten Tages. Diese begannen mit schulmäßigem Handgranatenwerfen und gipfelten in einem planmäßig durchgeführten Angriff eines Stoßtrupps mit scharfen Nahkampfmitteln auf eine ausgebaute Grabenstellung. Anschließend wurde den Teilnehmern die neu angelegte Hindernisbahn gezeigt, die von einer der Lehrkompanien genommen werden mußte. Alle Leiter und Führer schieden mit dem Bewußtsein, für die Jugendkompanien viel neuen Übungsstoff gewonnen zu haben. Insbesondere sollte das für den Nahkampf so überaus wichtige Handgranatenwerfen, durch dessen Einübung mit den auszubildenden Truppen viel Zeit verloren ging, in den Jugendkompanien gut vorbereitet werden. Solche Veranstaltungen boten außerdem den Vorteil, die vom Generalkommando gewünschte engere Fühlung zwischen Jugendkompanien und Truppen herzustellen. Hans Thießen, Sohn des Schuhmachermeisters Thießen, erhielt im Oktober bei der Kaiserparade in Rumänien das Eiserne Kreuz, das der Kaiser ihm selbst überreichte. Er wurde gleichzeitig zum Gefreiten befördert. Thießen rettete seinen Hauptmann aus der Gefangenschaft. Am Freitag, dem 12. und Dienstag, dem 26.Oktober, wurde auf dem Übungsplatz mit scharfen Nahkampfmitteln geübt. Die Stellungen und das Zielgebiet waren in der Südostecke des Truppenübungsplatzes ausgebaut. Bei diesen Übungen war auch das in unmittelbarer Nähe liegende Gelände außerhalb der Platzgrenze von 10:30 bis 11:00 Uhr vormittags gefährdet und damit das Betreten verboten. Die über diese Gelände führenden Wege wurden durch Posten während der angegebenen Zeit gesperrt. Bei einem Einbruchsdiebstahl wurden hier nachts drei Treibriemen aus einer Schmiede gestohlen. Von dem Täter fand man keine Spur. Freud und Leid sind nahe beieinander. Das Eiserne Kreuz erster Klasse erhielt der Gefreite Max Schlichting aus Lockstedter Lager. Er konnte sich dieser Auszeichnung nur wenige Tage erfreuen, denn er fiel bald darauf in den schweren Kämpfen am Hardtmannsweiler Kopf. Zum dritten Male fanden sich auf Veranlassung des Kommandierenden Generals am 25. und 26.Oktober Leiter und Führer der militärischen Vorbereitung der Jugend zur Schlußbesichtigung der Nahkampfmittelschule im Lockstedter Lager ein. Trotz des schlechten Wetters waren aus dem Korpsbezirks über 60 Männer gekommen, von denen sich der persönlich erschienene Oberleiter der militärischen Vorbereitung im IX.Armeekorps Generalmajor Stadthagen eingehend über Stand und Wünsche ihrer Jugendkompanien berichten ließ. Die Besichtigung, mit der diese Art von Veranstaltungen ihren Abschluß fand, gab ein aufschlußreiches Bild vom furchtbaren Ernst der Kämpfe an der Front und mahnte dringend die Verantwortlichen, die Jugendlichen mit allen Kräften und Mitteln gut auf ihren möglichen Einsatz vorzubereiten. Der Vizefeldwebel Mertschat aus Lockstedter Lager, Flugzeugführer im Einsatz an der Westfront, erhielt neben anderen Auszeichnungen im November, wegen besonderer Leistungen, das Eiserne Kreuz I.Klasse verliehen. Ende November wurde wieder in der Südostecke des Truppenübungsplatzes mit scharfen Nahkampfmitteln geübt. Es handelte sich diesmal um eine etwas größere Übung, in die auch mehrere Stoßtruppunternehmungen eingebaut waren. Bei diesen Übungen war wie immer auch das Gelände außerhalb der Platzgrenze von 10:30 bis 11:00 Uhr vormittags gefährdet. Die über diese Gelände führenden Wege wurden durch Posten während der angegebenen Zeit gesperrt. Die Ersatzabteilung des Feldartillerieregiments Nr.9 veranstaltete im November im Stadt "Hamburg" zwei Konzerte, sie waren wieder die Auflockerung des tristen Kriegsalltags, für nahezu drei Stunden konnten die Gedanken abgelenkt werden, dafür spendete das Publikum den Musikern reichlich Beifall. Mit dem Pour le Merite wurde im Dezember Generalmajor von Below ausgezeichnet, er war Kommandeur der hier und in der Umgebung im letzten Jahr von Januar bis April einquartierten Infanteriebrigade Nr.238. Der Vaterländische Frauenverein verteilte als Weihnachtsgabe an bedürftige Kinder 60 Paar Pantoffeln. Daneben erhielten 70 bedürftige Familien Geldspenden. An Silvester bewirtete der Verein im Hotel "Stadt Hamburg" Soldaten. Nachmittags wurde Kaffee und Kuchen gereicht, darauf fanden Filmvorführungen statt und abends gab es für die Feldgrauen ein warmes Essen. Die Mannschaftsdienstgrade hatten zu Weihnachten keine Geschenke bekommen. Junge Mädchen aus dem Ort unterstützten den Frauenverein bei der Bewirtung. Nach ein paar gemütlichen Stunden bei Bier und Zigarren verabschiedeten sich Soldaten. Der Verein dankte allen Menschen, die durch Spenden und persönliche Hilfeleistung zum Gelingen der Veranstaltung beigetragen hatten. 1918![]() Diese Zeichnung soll am Eingang zum Lager angebracht gewesen sein, sie war aus einer Zeitung herausgeschnitten worden. Welche Absicht mit dem Anbringen der Karrikatur verfolgt wurde, darüber kann nur gemutmaßt werden. ![]() Arg gehaust hatten Diebe Anfang Februar. An acht Stellen im Ort hatten sie Ställe aufgebrochen. Aus zwei Ställen wurden Hühner gestohlen in den sechs anderen Fällen Kaninchen. In einem Falle fielen den Dieben vier Kaninchen in die Hände, die nach Angaben des Geschädigten je 8 Pfund wogen. Außerdem wurde ein Treibriemen gestohlen. Am ersten Sonntagabend des Februar gab die Kapelle des Landsturm Ersatzbataillons "Hersfeld", ein Konzert. Ein umfangreiches Programm war für die Darbietung zusammengestellt worden. Militärkonzerte wurden bedauerlicherweise nur noch wenige im Ort veranstaltet, das war unter Umständen auch der Grund dafür, daß dieses Konzert gut besucht war. In diesem Monat fand am 22.Februar in der Südostecke des Truppenübungsplatzes (an der Mühlenbarbeker Grenze) zum zweitenmal eine Übung mit scharfen Nahkampfmitteln statt. Da die angrenzenden Wege durch die vorherrschende Winddrift erheblich gefährdet waren, wurden diese in der Zeit des Handgranatenwerfens von 10:30 bis 11:00 Uhr durch Posten gesperrt. Zur Erbauung der Bevölkerung und der Soldaten, sowie zur Aufbesserung der Kapellenkasse veranstaltete das Trompeterkorps der II.Ersatzabteilung Feldartillerieregiment Nr.9 im Hotel "Stadt Hamburg" ein Streichkonzert. Geboten wurden unter anderem je ein virtuoses Geigen-, Violincello- und Xylophonsolo. Der Musikmeister, Herr Busch, hatte sich Anfang Dezember 1917 mit seiner Truppe bereits hier vorgestellt und nach Meinung der damaligen Besucher gut eingeführt, auch diesmal leitete er das Konzert wieder persönlich. Das gegebene Streichkonzert war ein Genuß, auch vor dem Hintergrund, daß Streichkonzerte im Saal immer angenehmer wirken als Blaskonzerte, besonderes wenn die Letzteren zu wuchtig sind. Die Konfirmanden dieses Jahres aus dem Lockstedter Lager waren: Amanda Bolln, Martha Mehrens, Helene Stoltmann, Auguste Jessel, Catharine Karstensen, Maria Tünen, Hans Werner Pabst, Friedrich Nölting, Otto Voß, Rudolf Haberbier, Otto Schröder, Hinrich Horst, Hermann Passig. Am 19.April, 3. und 17.Mai wurde in der Südostecke des Truppenübungsplatzes wieder mit scharfen Nahkampfmitteln geübt. Dabei war während der Übungszeit von 10:30 bis 11:00 Uhr das beschriebene Gelände erheblich gefährdet. Posten sperrten die Wege über dieses Gelände. Trotz mehrmaligen gründlichen Absuchens des Übungswerkes durch Angehörige der Nahkampfmittelschule nach der Vorführung des Angriffs mit scharfen Nahkampfmitteln konnte es vorkommen, daß vereinzelt scharfe Handgranaten (z.B. leicht verschüttet) auf dem Übungsplatz liegen blieben. Es war vielfach festgestellt worden, daß das Übungswerk von Zivilisten betreten wurde. Besonders an Sonn- und Feiertagen trafen sich aus der Umgebung des Lagers und Mühlenbarbek halbwüchsige Jungen dort, um in dem Unterstand und dem angedeuteten Schützengraben ihren Unfug zu treiben. Obwohl immer wieder darauf hingewiesen wurde, daß das Betreten des Übungswerks und die Überquerung des Truppenübungsplatzes außerhalb der öffentlichen Wege streng verboten war. Unteroffizier Hans Böge. Sohn des Kantinenwirts August Böge, vor einiger Zeit auf dem westlichen Kriegsschauplatz verwundet, wurde mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet. Ein Flugschüler der Lübecker Fliegerschule mußte am 17.April hier eine Notlandung durchführen, die auf einer Koppel südlich des Lagers gekonnt ausgeführt wurde. Die Landung war notwendig geworden, weil der Treibstoffverbrauch falsch berechnet oder der Tank ungenügend gefüllt worden war. Nach einem zweistündigen Aufenthalt, während dessen man aus Itzehoe Treibstoff heranschaffte, konnte das Flugzeug wieder in Richtung Lübeck starten. Eine schärfere Überwachung der Bahnhöfe fand seit acht Tagen durch die örtlichen Gendarmeriewachtmeister statt. Diese Beamten hatten die Anweisung erhalten, die auf dem Bahnhof aus anderen Orten eintreffenden Personen zu beobachten und diesen das mitgeführte Hamstergut, meist Lebensmittel, abzunehmen. Ganz besonders soll auf die unberechtigte Mitnahme von Hühnereiern aus dem Bereich der umliegenden Ortschaften verhütet werden. Am Freitag und Samstag der dritten Aprilwoche trat ein empfindlicher Kälterückschlag verbunden mit einem Schneefallphänomen ein, der Schnee taute zirka zwei Meter über dem Boden und erreichte die Erde als Regen. Nachts wurden teilweise Nachtfröste festgestellt. Die wetterfühligen Bauern hatten verkündet, daß das Wetter wieder etwas milder würde und eine weitere merkliche Erwärmung zu erwarten wäre. Zum Wochenende träten vermehrt atmosphärische Störungen auf und es wären Sturm und Niederschlägen zu erwarten. Am 19.März und am 15.Mai hatte als militärischer Redner für die vaterländische Unterrichtung der Kanonier Wurr der II.Ersatzabteilung des Feldartillerieregiments Nr.9 im Soldatenheim Vorträge gehalten über das Thema "Wirkungen und Aussichten des U-Boot Krieges". Die beiden Vorträge wurden mit großer Sachlichkeit vorgetragen und fanden bei allen Zuhörern ungeteilten Beifall; insbesondere bei den Verwundeten und kranken Militärs hinterließen die Vorträge einen tiefen Eindruck. Im Juni wurde der Baumaterialienhändler Hans Eggers als Schiedsmannsstellvertreter für den Schiedsmannsbezirk Winseldorf verpflichtet worden. Der Frauenverein der Ortsgruppe Lockstedter Lager veranstaltete am Samstag, den 22.Juni, 20:00 Uhr abends, im "Landhause" einen Wohltätigkeitsabend, wozu jedermann eingeladen war. Das Gartenkonzert wurde von dem seinerzeit sehr beliebten Quartett Westermann ausgeführt. Das vom Westermannschen Quartett ausgeführte Konzert war wieder ein voller Erfolg. Außer allerhand anderen interessanten Darbietungen gab Fitty Ripke mit seiner Truppe auf der Festwiese eine besondere Vorführung mit Zaubertricks und Gesangseinlagen. Vom Landrat des Kreises Steinburg war die ständige Überwachung der Bahnhöfe angeordnet worden, um die Ausfuhr von Kartoffeln zu verhindern. Reisende wurden angehalten und ihr Gepäck einer Prüfung unterzogen. Jede noch so geringe Menge an Frühkartoffeln, die gehamstert werden sollte, war zu beschlagnahmen. Mitte Juli erachtete der Kommandant, daß das Maß der Unbotmäßigkeit kurz vor dem überlaufen sei, darum entschied er. Das Betreten des Truppenübungsplatzes sei ab sofort bei 150 Mark Geldstrafe oder entsprechender Haft verboten, auch dann dürfe der Platz nicht betreten werden, wenn nicht geschossen werde. Tafeln an den Eingängen zum Truppenübungsplatz machten das Verbot sichtbar. Nur die öffentlichen Wege, die über den Platz führten, dürften benutzt werden, wer diese verließe, mache sich strafbar. Zwei Tage nach Bekanntgabe des Verbots wurde eine Frau aus Kellinghusen beim Bickbeerpflücken angetroffen und festgenommen. Sie behauptete auf der Wache, von einem Bewohner des Lagers den Auftrag zum Bickbeerpflücken erhalten zu haben. Daraufhin beantragte die Kommandantur beim zuständigen Amtsgericht, die Frau wie auch deren Auftraggeber so scharf zu bestrafen, daß die Strafe allgemein abschreckend wirke. Die Kapelle des Landsturm Ersatzbataillons "Hersfeld" gab ein Gartenkonzert im Garten des "Hotel Hohenzollern", zu dem sich trotz des schönen Wetters nicht sehr viele Besucher eingefunden hatten. An dem Programm der Kapelle und der Aufführung soll es nicht gelegen haben. Auf dem Truppenübungsplatz wurden zwei Jungen aus Hohenaspe angetroffen, die im Auftrage eines Hohenasper Einwohners Beeren pflücken sollten. Die Jungen und auch der Auftraggeber wurden von der Kommandantur bei der Polizei zur Bestrafung angezeigt. Jedes Betreten des Platzes und verlassen der öffentlichen Wege war ohne besondere Erlaubnis der Kommandantur streng verboten. Der Norddeutsche Frauenverein Lockstedter Lager und Umgegend wiederholte am 06.August im Hotel Kaiserhof, das am 22.Juni stattgefundene Sommerfest. Leider regnete es an diesem Tag lang und anhaltend. Trotz alledem ließen sich die Gäste nicht zurückhalten und die Räume wurden so überfüllt, daß manche keinen Platz fanden. Von den Darbietungen müsse zunächst die schöne Musik erwähnt werden, ausgeführt von den Musikern des Landsturm Infanterie Ersatzbataillons IX./47, unter Leitung des Sanitätsunteroffiziers Burghardt. Fitty Ripke war wieder einmal der, um den sich das Fest drehte. Mit seinen gewandten Zauberkünsten verstand er es die Gäste meisterhaft zu fesseln. Auch die übrigen Mitwirkenden, Fräulein Anni Eggert aus Itzehoe als Tänzerin, Frau Kayser aus Hamburg als Vortragskünstlerin, Fräulein Haken aus Hamburg als Sängerin und Landsturmmann Grünfeld vom Arbeitskommando Lockstedter Lager als Vortragskünstler ernteten großen Beifall. Nach Schluß der Darbietungen wurde dann mancher durch die stattfindende Tombola mit einem Gewinn überrascht. Am 16. und 30.August fanden in der Südostecke des Platzes Übungen mit scharfen Nahkampfmitteln statt. Wie immer waren die möglichen Zugänge zu diesem Gebiet durch Posten gesperrt. Den jeweils 24 Teilnehmern des Lehrganges wurde die Möglichkeit gegeben zwei Stielhandgranaten vorzubereiten und dann aus dem angedeuteten Schützengraben in Richtung Wurftrichter zu werfen. Die Waffenwirkung selbst konnten die Werfer in der Stellung nicht sehen, diese wurde ihnen in einer früheren Demonstration vor Augen geführt. Der Knecht Wilhelm Dengler, war nach dem richterlichen Sprachgebrauch "zur Ausübung der verbotswidrigen Fischerei ausgerüstet". Er wurde vom Pächter der Fischerei an der Rantzau auf frischer Tat ertappt und angehalten. Die spätere Anklage lautete auf Diebstahl, das Gericht stellte jedoch fest, daß nur eine Vorbereitungshandlung vorlag, also Angelschnur mit Köder und Schwimmer beim Antreffen des Knechtes nicht im Wasser lagen, weshalb auf Freispruch erkannt wurde. Im Mai 1917 hatte der Bäckermeister Schütt verbotswidrig 62 Brote an Soldaten abgegeben ohne von ihnen die Abgabe von Brotmarken zu fordern. Er hatte damit gegen die betreffende Verordnung des Bundesrates und des Kreisausschusses verstoßen. Gegen ihn wurde am 23.August 1918 auf eine Geldstrafe von 50 Mark erkannt, der mitangeklagte Bäckermeister Hahn wurde jedoch freigesprochen. Der Schütze H.Hülsing, Sohn des Hotelbesitzers Hülsing, erhielt auf dem westlichen Kriegsschauplatz das Eiserne Kreuz 2.Klasse und dem Militär-Unterbeamten J.Greve, bei der Garnisonsverwaltung im Lager tätig, wurde das Verdienstkreuz für Kriegshilfe verliehen. Mitten in der Woche, am 10.September, ab 19:30 Uhr, veranstaltete die Kapelle des II.Ersatzbataillons Infanterieregiment Nr.84, unter der Leitung des Kapellmeisters Karl Höpner ein Konzert im Hotel "Stadt Hamburg". Der Anfang war absichtlich auf etwas später gelegt, da die Einwohner teilweise nachmittags durch den Besuch im Reservelazarett verhindert waren. Die Besucher des Konzerts hofften, daß Höpner, ein bewährter Kapellmeister, ein gutes Konzert bieten würde. Da längere Zeit kein Konzert veranstaltet wurde und auch ein solches in absehbarer Zeit nicht zu erwarten war, kam der zahlreich erwartete Besuch auch tatsächlich. Nach langer Zeit fand auf dem Übungsplatz ein Übungsschießen der Artillerie statt. Die Schießübungen dauerten bis einschließlich 27.September. Es waren keine Nachtschießen im Schießbahnbelegungsplan vorgesehen. Die Feuerstellungen waren auf der Schießbahn IV/III südlich vom Lohfiert. Aus diesem Grunde waren die über den Truppenübungsplatz führenden Wege und die Rendsburger Chaussee von 08:00 Uhr morgens bis 14:00 Uhr mittags für den gesamten Verkehr gesperrt. Bis zum 05.November hatte der in Kiel ausgebrochene Matrosenaufstand mit der Bildung von Soldatenräten noch keine Auswirkungen auf das Lockstedter Lager. Erst am folgenden Tag, dem 06.November zirkulierten allerlei Gerüchte über Vorgänge im Lockstedter Lager, die dadurch verstärkt wurden, daß auf der Strecke Itzehoe - Wrist keine Züge mehr verkehrten. Was war im Lager am 05.November vorgefallen? An diesem Abend, nach dem Zapfenstreich zogen unzufriedene Mannschaften eines im Lager untergebrachten Truppenteils vor die Kommandantur. Die Soldaten machten ihren Führern gegenüber Forderungen geltend, ähnlich denjenigen, die den Matrosen in Kiel bewilligt worden waren. Im weiteren Verlauf des Abends schlossen sich den Unzufriedenen der größte Teil ihres eigenen Truppenteils und auch Unteroffiziere und Mannschaften anderer im Lager untergebrachter Truppenteile an. Die Demonstration verlief ohne blutige Zusammenstöße. Auch zu Tätlichkeiten kleinerer Art war es nicht gekommen. Die Unzufriedenen verhandelten jetzt unter sich, um ihre Forderungen genau zu formulieren. Diese waren bisher nicht präzise formuliert. Alle in der Gegend kursierenden Gerüchte über das Vorhandensein einer Strafkompanie im Lager trafen nicht zu. Eine solche Kompanie lag nicht im Lager. Ein Augenzeuge berichtete später: Der Zug am Dienstagabend kam erst um 22:30 Uhr statt 21:30 Uhr im Lockstedter Lager an. Die Lagerstraßen waren ruhig. In den Baracken herrschte reges Leben. Offiziere verhandelten mit Soldaten. Ein Hauptmann wollte den Soldaten möglichst die gestellten Forderungen gewähren. Gegen Mitternacht kommen viele Soldaten zusammen, die gehört hatten, daß der Kommandant Wandsbeker Husaren zu Hilfe gerufen hätte. Darauf wurden Maschinengewehre postiert und Handgranaten zurecht gelegt. Der Bahnhof wurde besetzt. Am nächsten Morgen war alles im Lager ruhig. Offiziere waren nicht zu sehen. Sämtlicher Arbeitsdienst ruhte. Am Nachmittag marschierten Teile verschiedener Truppengattungen zum Bahnhof nach Wrist, die waren nach Altona und Rendsburg zurückbeordert worden. Im Lager türmte sich ein weiteres Problem auf. In der Totenhalle lagen verstorbene deutsche Soldaten und russische Kriegsgefangene. Es kümmerte sich niemand von der ehemaligen Lagerverwaltung um das Problem. Es ist zu vermuten, daß der Soldatenrat, nachdem der Versuch die Toten in Kellinghusen beizusetzen gescheitert war, beschloß auf dem Gelände des Übungsplatzes einen Soldatenfriedhof zu errichten. In die engere Wahl kam das mit niederem Gestrüpp und Kraut bewachsene Gelände in der Nähe des Waldersee-Steines. In den ersten acht Tagen wurden beerdigt: Landsturmmann Karl Steinmetz, 1.Landsturmersatzbataillons IX/47, geboren 23.03.1881 - gestorben 01.11.1918. Vizefeldwebel Böttner, geboren 31.08.1883 - gestorben 04.11.1918. Russische Staatsangehörige: Kriegsgefangener Unteroffizier Jwandtschukow gestorben 04.11.1918 Kriegsgefangener Gemeiner Peter Zarmakin gestorben 05.11.1918 Kriegsgefangener F.D.Ezenko gestorben 08.11.1918 (Grabstein) Diese Begräbnisstätte wurde auch für später verstorbene Soldaten und Zivilisten genutzt. Zwei Tage nach der Bildung eines Soldatenrats im Lager war eine Abordnung des Soldatenrats in Kellinghusen. Die kleine Truppe war nur dort hingeschickt, um eventuelle Ausschreitungen königstreuer Soldaten zu verhindern. Im Lager kam am Morgen des gleichen Tages eine Abordnung aus Itzehoe an, die mit dem Soldatenrat verhandelte. Am Nachmittag kam eine Abordnung der Kieler Matrosen im Lager an, um den im Lager anwesenden Offizieren das Ehrenwort abzunehmen, daß sie sich neutral verhalten würden. Im Lager war alles ruhig. Auf Veranlassung des Soldatenrats sollten am Abend einige Lichtlaternen brennen. Sollte irgend jemand sich in der Nacht zu Unruhen oder Plünderungen hinreißen lassen, so würde derselbe standrechtlich erschossen. Die öffentliche Volksversammlung in Kellinghusen am 12.November, war vom Soldatenrat des Lagers einberufen worden, alle Bevölkerungsschichten zeigten ein starkes Interesse an der Veranstaltung. Leutnant der Reserve Hinrichsen, einer der Führer des Soldatenrats Lockstedter Lager, sprach über die Zwecke und Ziele des Soldatenrats und über die Zwecke, Ziele und Bewegung der Soldatenräte im Deutschen Reich. Der Redner sprach sich am Anfang seiner Rede dafür aus, daß sich an seinen Vortrag eine Diskussion anschließen möge. Leutnant Hinrichsen trat vor allen Dingen den Mißverständnissen und Gerüchten, speziell über den Lockstedter Soldatenrat, entgegen. In einer für jedermann verständlichen Weise schilderte er die wirklichen Vorgänge, die sich im Lockstedter Lager abgespielt haben. Die Krawalle hätten dort gleich nach den Kieler Vorgängen angefangen und wären von der 3.Ersatz Maschinengewehrkompanie aus Flensburg ausgelöst worden. Es wurden Bedingungen seitens der Maschinengewehrschützen gestellt, die auch von den Offizieren angenommen wurden. Durch Einmischung eines Majors, der mit der Reitpeitsche auf die Machinengewehrschützen einschlug, spitzte sich die Lage der Offiziere zu. In einer ganz kurzen Zeit waren aber von Soldaten auf Befehl des Kommandanten 16 Maschinengewehre mit 60.000 Patronen für den Einsatz vorbereitet worden. Der Kommandant hatte auch schon den Befehl zum Feuern an die königstreuen Soldaten und Offiziere gegeben. Der Befehl wurde in letzter Minute rückgängig gemacht, da das Generalkommando ein Blutvergießen verhindern wollte. Leutnant Hinrichsen selbst wurde bei der Zusammensetzung des Soldatenrats mit in den engeren Kreis des Rats gewählt. Unfähige Mitglieder des Rates, die in den Soldatenrat gekommen waren weil sie im Arrest saßen, wurden ausgeschlossen. Der Rat bestand aus 26 Mann unter dem Vorsitz eines Vizefeldwebels, der über eine kampfbereite Truppe von 3.000 Mann verfügen könne. Der Vorsitzende hatte die unbedingte Gewalt. Königstreue Soldaten aus Heide, die zur Unterstützung der königstreuen im Lager angefordert worden waren, kamen nur bis Edendorf, dort wurde auf Anordnung des Soldatenrates der Bahnverkehr blockiert. Hinrichsen wurde kurz darauf im Auftrag des Rates mit einem im Lager stehenden Flugzeug nach Kiel geflogen, dort verhandelte er mit Reichswehrminister Noske und Popp. Bei diesen Gesprächen war bereits die große Gefahr der Zersplitterung zu erkennen. Die unabhängigen Sozialisten und die Sozialisten der Mehrheitspartei waren sich nicht einig, jedoch kam kurz vor dem Scheitern der Gespräche ein Kompromiß zwischen beiden Parteien zustande. Damit war ein großer Erfolg erzielt. Innerhalb einiger Tage war der Militarismus erledigt der das Volk wie Hinrichsen anführte, belogen und betrogen hatte. An der Volksseele sei am schwersten gesündigt worden. Dann kam Hinrichsen auf unsere Vertreter im Ausland zu sprechen. Durch deren schlechte Vertretung hätte die Regierung erreicht, daß die Deutschen im Ausland keine Freunde hätten. Einige Beispiele würden zeigen, wie scheußlich unsere Vertreter im Ausland gewirtschaftet haben. Von der letzten größten Gefahr, der Zersplitterung der Kräfte, wäre das Land befreit, weil die unabhängigen Sozialisten und die Sozialisten der Mehrheitspartei sich vereinigt hätten. Jetzt hieße es nur noch: "Ordnung oder wir gehen zugrunde". Wenn der ganze Ernährungsmechanismus stocke, dann würden Millionen Menschen verhungern. Der ganze Apparat der Verwaltungsbehörden müsse ungehindert weiter arbeiten. - Dann wurden die Waffenstillstandsbedingungen gestreift. Da nun die Blockade aufgehoben worden war und die Alliierten für eventuelle Lebensmittelzufuhr sorgen wollten, milderten sie somit die Bedingungen. Die Blockade hatte der Engländer nur gewollt, um die aufgestapelten Lebensmittel und Rohstoffe aus Australien und anderen Ländern selbst zu holen und zu verkaufen. Unsere Handelsschiffe sollten deshalb nicht fahren. Erst wenn die Engländer diese wichtigen Produkte geholt hätten, dann sollten auch unsere Handelsschiffe wieder ausfahren. Wir müßten dann aber von England kaufen. Insofern wäre es von großer Wichtigkeit gewesen, daß der Punkt der Blockade in den Waffenstillstandsbedingungen wesentlich geändert wurde. Eine schwere Bedingung war aber geblieben, nämlich daß unsere Kriegsgefangenen in Feindesland bleiben sollten, während die Gefangenen der Alliierten sofort zurück gegeben werden mußten. Was die Abgabe von 5.000 Kanonen, 30.000 Maschinengewehren usw. betraf, so sagte der Referent kurz: "Weg mit dem Dreck! Wir brauchen diese Sachen ja nicht mehr; denn wir wollen ja keinen Krieg mehr führen." Zum Schluß schilderte der Referent noch, wie viele Soldaten gerade jetzt wieder nach Hause wollten. Das ginge aber nicht, alles müsse seinen ordnungsgemäßen Gang nehmen. In Hamburg wären zirka 30.000 Soldaten, die ihre Truppenteile verlassen hätten, ohne Unterkunft seien und verpflegt werden müßten. Das ginge aber nicht, dabei könne die Ordnung nicht aufrecht erhalten werden und dies sei unbedingt notwendig. Mit der Ermahnung zur Aufrechterhaltung der Ordnung schloß der Redner seiner von den Anwesenden mit Interesse verfolgten Ausführungen. Tierarzt Hein sowie Leutnant Hinrichsen schlossen die Versammlung. 1.200 Matrosen sollen in den nächsten Tagen im Lockstedter Lager untergebracht werden. Die Kriegsgefangenen unter der neuen Gewalt. "Auch in der hiesigen Gegend arbeiten viele Kriegsgefangene. Es dürfte daher von Interesse sein, wie jetzt deren Stellung ist. Der Berliner Aktionsausschuß des Arbeiter- und Soldatenrats erläßt folgende Bekanntmachung: Die Kriegsgefangenen verbleiben an ihrer Arbeitsstelle; sie erhalten von heute ab die Löhnung des freien deutschen Arbeiters; sie sind wie bisher zur Arbeit verpflichtet. Wer nicht arbeitet, hat keinen Anspruch auf Verpflegung; der Arbeitgeber ist wie bisher verpflichtet, die geschlossenen Verträge einzuhalten. Die Wachmannschaften der Kriegsgefangenen bleiben bewaffnet und haben mit den gleichen Mitteln wie bisher die Ordnung unter den Kriegsgefangenen aufrecht zu erhalten; nach Arbeitsschluß verbleiben die Kriegsgefangenen in ihren Unterkunftsräumen." Mitte November landete ein Militärflugzeug, ein Doppeldecker vom neuesten Typ, mit zwei Insassen, darunter der aus Kellinghusen stammende Fliegerleutnant Hans Elsner, aus Hannover kommend, nach einigen gewagten Kurven auf dem Platz beim Wasserturm. Elsner hatte die Flugstrecke in 1 1/2 Stunden zurückgelegt. Die Landung auf dem Platz war notwendig geworden, weil sich die Sichtverhältnisse rapide verschlechtert hatten. Am nächsten Tag startete die Besatzung nach Kiel, das nach 17 Minuten erreicht wurde. Der Soldatenrat Lockstedter Lager veranstaltete am Buß- und Bettag eine eindrucksvolle Kundgebung zu Ehren der gefallenen Revolutionshelden. Eine große Menschenmenge aus der näheren und weiteren Umgebung war zusammen gekommen,um dem merkwürdigen Schauspiel beizuwohnen. Um 15:00 Uhr nachmittags fand im überfüllten Saale des Hotels "Stadt Hamburg" eine Gedenkfeier statt, die von dem Vorsitzenden Evers mit einer längeren Ansprache eröffnet wurde. Der Redner führte aus: "Die Anfänge der Freiheitsbestrebungen des Volkes reichen zurück bis in die Jahre der preußisch deutschen Erhebung zur Zeit Napoleons I. Neben der nationalen Selbstbestimmung erwachte damals auch ein mächtiger Drang zur Freiheit in dem unterjochten Volk. Aber die politischen Dunkelmänner der darauf folgenden Zeitspanne waren unablässig bemüht, das herrlich begonnene Werk wieder zu zerstören. Die Revolution von 1848 brachte nur eine unvollkommene Befreiung aus der mit reaktionärer Gesinnungslosigkeit durchmischten Regierungsstümperei der Duodezfürsten. Die sehnsüchtigen Träume von Glück und Freiheit blühten selbst unter der Knute der Militärdespote. In den mit den Waffen errungenen Früchten des Weltkrieges brachte die Eroberungssucht der Militärgewalt uns die Erfüllung unserer schwärmerischen Hoffnungen zu geben. Doch ihr Geschenk war mit dem Blute von Millionen bezahlt und darum konnte es nicht reinlich und nicht reinigend wirken. Es sollte anders kommen. Statt des Sieges auf dem Schlachtfelde errangen wir einen Sieg, viel billiger und vollständiger, als der Triumph über unsere Feinde hätte werden können. Den Riesenzahlen von 1.650.000 Toten, die der Weltkrieg gefordert und von 4.000.000 Verwundeten und Verstümmelten, die zur Ausübung ihres Berufes vielfach untauglich und damit für die ökonomische Seite des Staatsaufbaues wertlos geworden sind, stehen noch nicht einmal 1.000 Opfer der Revolution gegenüber. Die Sturmzeichen standen schon lange am Himmel, man wußte sie nur nicht zu deuten. Im Alten Deutschland sah man nicht das große Pulverfaß, das nur der Zündschnur bedurfte, um in die Luft zu fliegen. Diese Zündschnur wurde in Kiel gelegt und mit einer alle Erwartungen übertreffenden Schnelligkeit lief der Funke durch die Sprengtonne, bis sie krachend auseinandersprang." Am Schluß seiner eindrucksvollen Ansprache forderte der Redner die Versammlung auf sich zu Ehren der gefallenen Freiheitshelden von den Sitzen zu erheben. Als weiterer Redner sprach darauf der Landsturmmann Katten vom Soldatenrat und führte aus, der gemeinsame Feind der Arbeiter und Soldaten sei der reglementäre Zwang, der aus dem Menschen eine Maschine machen wolle. Diese Vergewaltigung könne der freie Geist nicht dulden. Darum sei die machtvolle Volkserhebung im Grunde ein Kampf um sittliche Güter. Nicht die Ordnung an sich solle bekämpft werden, sondern bloß die niedrigen Elemente, die sie als Leibesdeckung benutzten, um sich unangreifbar zu machen für die Rache des Volkes. Man wolle eine Ordnung, aufrichten, in der die Begriffe "befehlen" und "gehorchen" nicht mehr seien und an deren Stelle die Worte einsetzen "verstehen" und "vertrauen". Und vor allen Dingen solle man nicht vergessen, Takt zu halten, wenn die Stimmen des Volkes, das bei der Neugestaltung der Staatsordnung entscheidend seinen Willen kundtut, zusammenfließen zu einer gewaltigen Melodie. Denn erst der Takt macht das Lied und im Takt liegt die Macht. - An den Festakt schloß sich, geführt von den Mitgliedern des Arbeiterrats ein Umzug durch den Ort an. Dem Zug voran schritt eine Musikkapelle, die man noch im letzten Moment herbeigeholt hatte. Zahlreiche rote und nationale Fahnen gaben dem Bild ein lebhaftes freudiges Gepräge. Während des Umzuges kreiste mehrfach ein Flugzeug über der Menge und gab den staunenden Zuschauern auch einige artistische Einlagen zum Besten. Als sich die Sonne schon zum Untergang neigte, machte die Menge vor dem Wachgebäude Halt, um dort das hissen der Flaggen mitanzusehen. Von einem Fenster des Gebäudes herab richtete der 2.Vorsitzende des Soldatenrats, Tesch, mit schallender Stimme markige Worte an die Versammlung. Die Jahre der Sorge seien wie ein Traum vorübergezogen. Durch immer neue Versprechungen und Hinhaltungen habe der Staat es fertig gebracht, die ahnungslose Regung des Volksgewissens wieder einzuschläfern. Aber je größer die Opfer gewesen seien, die uns auferlegt wurden, je mehr der seelische Untergrund für die kommenden Dinge vorbereitet worden sei, umso rascher, unblutiger und vollkommener habe sich der Umsturz vollziehen können. Jetzt hätten wir es erlebt, wie die Machthaber, die mit der Leitung unserer Geschicke betraut waren, von jenen Flammen verzehrt wurden, die sie selbst angezündet hatten. Während er den für den Freiheitsgedanken in den Tod gegangenen Kameraden einen letzten Gruß weihte und die Salven durch die dämmerige Stille des Vorwinterabends rollten, wurden an den Fenstern die Reichs- und die Revolutionsfahne gehißt. Mit der Aufforderung des Vorsitzenden Evers an die Menge ruhig auseinanderzugehen und mit besonderer Mahnung an die Jugend nicht durch übel angebrachte Tanzlust den feierlichen Ernst des Tages zu entwürdigen, fand das Fest seinen Abschluß. 25.11.1918 - ein denkwürdiges Datum für das "Kaiserliche Postamt"! Morgens gegen 10:00 Uhr marschierte ein Arbeitskommando, das vom Soldatenrat zusammengestellt worden war in Richtung Postamt. Dort legten sie an der Frontseite die mitgebrachten Sprossenleitern an und entfernten mit Hammer und Meißel das Wort "Kaiserlich", der offene Verputz wurde mit einer fetten Branntkalkbrühe geweißelt. Bisher in den November war die Strecke Itzehoe - Wrist von dem Ausfallen von Zügen verschont geblieben. Gegen Ende des Monats fielen zwei Zugpaare aus, die ersten Nachmittags- und die beiden letzten Abendzüge, das bedeutete, das Reisende, die früher zeitigen Anschluß in Wrist oder Itzehoe hatten die Züge um 14:20 und 20:55 nach Wrist sowie 15:45 und 21:22 nach Itzehoe nicht mehr nutzen konnten, sie mußten auf frühere Zugverbindungen ausweichen. Aus dem Lockstedter Lager wurden auf das Grundstück der Kellinghusener Lagerhaus- und Viehhof Gesellschaft 250 ausrangierte Militärpferde getrieben, es waren die ersten, die öffentlich zum Verkauf kamen. Die Preise lagen bei 400 - 800 Mark pro Pferd. Am 27.November wurden die Bewohner des Lagers aufgefordert den in zwei Tagen heimkehrenden Soldaten einen herzlichen Empfang zu bereiten. Angekündigt wurde die Ankunft des Artillerieregiments Nr.17 und weiterer Teile der 17.Reservedivision. Als Willkommensgruß an die heimkehrenden Krieger sollte jedes Haus flaggen. Ab dem 29. würden mit jedem Zug Soldaten von der ehemaligen Front im Lager ankommen. Das Lockstedter Lager hatte sich auf die Heimkehrer vorbereitet, galt es doch dem aus dem Felde heimkehrenden Reserve Artillerieregiment Nr.17 einen festlichen Empfang zu bereiten. Die Straße zum Lager prangte im Flaggenschmuck und in Höhe des Kommandantendienstgebäudes war eine Ehrenpforte errichtet, deren Masten dicht mit Tannengrün umwickelt waren. Der Bahnhof bot bereits in den frühen Morgenstunden ein Bild militärischen Treibens - fast wie in vergangenen Zeiten - aber auch zahlreiche, teils extra angereiste Zivilisten standen aufgereiht in mehreren Reihen hintereinander an den Straßen, in der Hoffnung einen alten Kameraden oder gar Verwandten wieder zu sehen. An den Seiten der Ladestraße waren die Geschütze aufgestellt, deren wiederholt abgefeuerten Böllerschüsse Ausdruck von der Wiedersehensfreude der heimgekehrten Krieger geben sollten. Eine eigens im Lager zusammengestellte und die aus Itzehoe herbeigeholte Musikkapelle der Neuner spielten während der Ankunft und während des Marsches ins Lager bekannte Lieder. Hier und dort sah man an der Rampe Holzfeuer aufflackern, diese mochten die Soldaten wohl an die rauhe Vergangenheit erinnern, andererseits waren die Blumen, welche die jungen Frauen des Ortes den Soldaten am Bahnhof überreichten, ein offensichtlicher Beweis dafür, mit welchem Dank diejenigen, die für das Reich gekämpft hatten, aufgenommen wurden. Als Merkwürdigkeit mag erwähnt sein, daß das Regiment, das an diesem Tag, an seinen ehemals kurzzeitigen Standort heimkehrte auch seinerzeit das erste war, das nach Kriegsausbruch von hier aus ins Feld gerückt war. Außer den Soldaten der 17.Reservedivision waren in diesen Tagen im Bereiche des IX.Armeekorps keine geschlossenen Truppenverbände zu erwarten. Der Soldatenrat des Lagers bat um großzügige Spenden für die heimkehrenden Truppen. Alles wäre willkommen, seien es Blumen, Obst, Kuchen, Geld oder andere Dinge. Die Spenden würden in der Garnisonsverwaltung entgegengenommen. Vier Tage nach der Ankunft des Reserve Artillerieregiments Nr.17 begann der Pferdeverkauf. Vom 2. bis 5.Dezember wurden 600 nicht mehr truppendiensttaugliche, aber arbeitsverwendungsfähige Pferde verkauft. Die Versteigerung begann jeweils vormittags 09:30 Uhr im Lager. Der Verkauf erfolgte nur gegen Barzahlung oder Zahlung durch Kriegsanleihenscheine. Trensen und andere Utensilien waren von den Käufern mitzubringen; Händler waren als Käufer ausgeschlossen. Das Papier Notgeld des Kreises Steinburg war Anfang Dezember erschienen. Die "Itzehoer Nachrichten" schrieben darüber: "Vor uns liegt ein fünfzig Mark Schein dieser Gattung. Der Schein ist in rotbrauner Farbe gehalten und trägt auf seiner Vorderseite, außer Wertbezeichnung, Nummer und Einlösungsvermerk, als Umrahmung des Ganzen in Initialen die Inschrift: "Not bricht Eisen, aber keine Männer, diese harren aus auf ihrem Posten, ihre Pflicht zu tun nach Mannesrecht und Mannesgewissen. Menschen sind wir, trotz Krieg und Tod und Hunger und Pestilenz. Menschen müssen wir bleiben, es gilt unserer Kinder Zukunft." Zur Seite erblickt man ein Täubchen mit dem Ölzweig im Schnabel. Die Rückseite des Scheins enthält oben und unten in viermaliger Wiederholung die Zahl 50 und die Mitte zeigt in ganzer Seitenbreite die Worte: Kreis Steinburg. Entwurf und Zeichnung ist vom Kunstmaler Wenzel Hablick in Itzehoe. Das Ganze des Scheins ist außerordentlich originell und zudem hat es sicher den Vorzug, so leicht nicht nachgemacht werden zu können." Der Soldatenrat des Lagers hatte gleich zu Beginn seiner Aufstellung beschlossen, daß am Rathaus in Kellinghusen eine verstärkte Wache aufgestellt werde. Die Wache in Stärke von -/-/1/12 bezog ein Wachlokal im Rathaus, die Ablösung geschah jeden Mittag um 12:00 Uhr in hergebrachter militärischer Form. Die Wachen hatten den Auftrag scharf zu kontrollieren wer das Rathaus besuchte, jeder mußte den Grund seines Besuches angeben. Obwohl sich zwischenzeitlich in Kellinghusen ein Arbeiter- und Soldatenrat gebildet hatte wurden die Wachen aus dem Lager nicht zurückgezogen. Am Nikolaustag wurden Abgesandte des Arbeiter- und Soldatenrats aus Kellinghusen bei dem Arbeiter- und Soldatenrat des Lagers vorstellig um die Zurückziehung der Wachen vor dem Rathaus in Kellinghusen zu veranlassen. Ihr erster Besuch war erfolglos, den Kellinghusenern wurde jedoch die Prüfung der Angelegenheit versichert.
Ein Bäckermeister aus Wilster hatte bei einer im Lager abgehaltenen Pferdeauktion vier Pferde erworben und diese an einer Gastwirtschaft eingestellt. Während seines Gaststättenaufenthalts wurde ihm eines derselben gestohlen. Am 15.Dezember traf das I.Seebataillon geschlossen im Lockstedter Lager ein. Es fanden mit dem Soldatenrat Verhandlungen statt, von deren Ergebnis es abhing, ob die Entlassung der Truppe dort oder in Kiel stattfinden sollte. Die Mehrheit des Soldatenrates war gegen eine Demobilisierung des Seebataillons im Lager und beschaffte ausreichenden Eisenbahntransportraum um das Seebataillon nach Kiel zu transportieren. Der Zug fuhr am 17.Dezember in Richtung Kiel ab. Ab dem 23.Dezember wurden 25 Militärpferde beim Stall 21 verkauft. Der Verkauf begann vormittags 09:00 Uhr. Nur Inhaber von Pferdekarten wurden zum Verkauf zugelassen. Kriegsteilnehmer, die sich ausweisen und Pferdebedarf nachweisen konnten, wurden bevorzugt. Die Pferde waren bereits nach einer halben Stunde versteigert. Entlassene Unteroffiziere und Mannschaften mußten bekanntlich häufig noch die Uniform weiter tragen, da nicht jedem ein bürgerlicher Anzug mitgegeben werden konnte. Um diese Entlassenen von denen zu unterscheiden, die sich noch im Heeresdienst befanden, war angeordnet worden, daß alle Unteroffiziere und Mannschaften, die aus dem Heeresdienst entlassen worden waren und die ihnen als Entlassungsanzug mitgegebenen Uniformen trugen, von Jacke, Bluse sowie Mantel die Schulterklappen zu entfernen hatten. Unteroffiziere und Mannschaften welche noch im Heeresdienst waren, trugen wieder Schulterklappen und Koppel. |