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In einer der letzten Sitzungen des Monats Januar behandelte die Petitionskommission des Reichstages folgende Eingabe der Genossenschaftsmeierei Itzehoe, die langanhaltende Streitigkeiten zu ihren Gunsten entschieden haben wollte: "....darauf hinwirken zu wollen, daß der Milch-, Butter-, Käse- und Brotverkauf in den Milchhallen auf dem Truppenübungsplatze Lockstedter Lager vom Kantinenbetriebe getrennt werde." Der Regierungskommissar, Major im Kriegsministerium Kortegarn gab dazu folgende Erklärung ab: "Für die Vergebung ist in diesem Falle der Kommandant des Truppenübungsplatzes Lockstedt zuständig. Ein Eingreifen von vorgesetzter Stelle kommt nur dann in Betracht, wenn sich dienstliche Unzuträglichkeiten ergeben oder ein Zuwiderhandeln gegen die Bestimmungen. Aufgrund eingehender Prüfung muß festgestellt werden, daß beides hier nicht vorliegt. - Das Generalkommando des IX.Armeekorps teilte unter dem 10.April 1909 mit: "Wenn in diesem Jahr die Milchlieferung nicht der Genossenschaftsmeierei, sondern der Meierei Mühlenbarbek übertragen worden ist, so geschah dies nach angestellten Erhebungen, weil letztere bei der Ausschreibung unter den gleichen Bedingungen billiger war und weil die dortige Genossenschaft in den Sommermonaten wiederholt den Bedarf an Milch trotz Anforderung nicht voll gedeckt hat." - Bezüglich der Umstände, die den Abschluß mit der in Konkurrenz stehenden Meierei Mühlenbarbek besonders vorteilhaft erscheinen lassen, hat die Kommandantur Lockstedt am 18.Juli 1910 gemeldet: "Die jetzige Lieferantin ist die Genossenschaftsmeierei Mühlenbarbek, eine musterhafte Meierei. Die Waren sind von gleicher Güte, wie die der Meierei in Itzehoe. Naturgemäß kann Mühlenbarbek besser liefern, wie Itzehoe, nämlich: a) Preiswürdigkeit (billiger als Itzehoe infolge geringerer Transportkosten): b) Entfernung vom Lager (Mühlenbarbek 3 Kilometer, Itzehoe 9 Kilometer); C) Entfernung der Produzenten von der Meierei (zu Mühlenbarbek gehört das gleich weit vom Lager gelegene Dorf Lohbarbek, wogegen in Itzehoe mindestens Dörfer im Umkreise von 20 Kilometer gehören); d) Schmackhaftigkeit der Milch (infolge Durchschüttelns der Itzehoer Milch auf dem langen Transportwege - teilweise 20+9=29 Kilometer - und des Zusammenmengens der Milch so vieler Dörfer verliert sie bedeutend an Güte, Geschmack und Haltbarkeit); e) Mühlenbarbek liefert infolge der Nähe am Lager nach Bedarf mehrmals am Tage, Itzehoe nur einmal." - Ferner dürfte folgende Meldung der Kommandantur vom 02.Oktober 1910 mitzuteilen sein: "Die Meierei Itzehoe ist vom Kantinenpächter auf meine Veranlassung aufgefordert, sich an der Milchlieferung usw. zu beteiligen, hat aber, seitdem sie die Buden nicht mehr im Lager stehen hat, weder eine Offerte, noch überhaupt eine Antwort geschickt." - Zu den weiteren Fragen bemerke ich: 1. Auch jetzt wird die Milch pasteurisiert; 2. der Milchverkauf findet in Milchhallen, abgesondert von Kantinen, statt; 3. der Brotverkauf ist hiermit verbunden geblieben. Die Entscheidung, welche der beiden Genossenschaften vorzuziehen sei, wird die örtliche Behörde am leichtesten und auch am meisten im Interesse der Mannschaften treffen können, es scheint daher ein Eingreifen von höherer Stelle nicht angebracht. - Darauf beschloß die Kommission über die Petition zur Tagesordnung überzugehen. Die endgültige Entscheidung fällt erst im Plenum, das allerdings fast durchweg den Kommissionsbeschlüssen beitritt.
Nachdem die Feldartillerieregimenter Nr.9 und Nr.45 aus Itzehoe, Rendsburg und Bahrenfeld am 04.Februar ihr Rekrutenschießen abgehalten hatten, rückte die Infanterie bataillonsweise auf je 4 bis 8 Tage in die Baracken ein. Der Truppenübungsplatz war den ganzen Monat Februar hindurch von den einzelnen Truppenteilen des IX.Armeekorps zur Abhaltung von Scharfschießübungen in Anspruch genommen. Die einzelnen Batterien und Bataillone nutzten die Übungstage intensiv, die Schießübungen wurden oft bis in den Abend ausgedehnt. Bei einer vom Generalkommando des IX.Armeekorps befohlenen Aufklärungsübung wurden in der Zeit vom 06. bis zum 10.Februar einzelne Gemeinden des Kreises Steinburg durch Teile der Husarenregimenter Nr.15 und Nr.16, des Infanterieregiments Nr.85 sowie durch Signaltrupps und Funk(en)stationen belegt. Die Belegung der Ortschaften war nur schwach, da die Truppenverbände in geringer Stärke ausrückten und zum überwiegenden Teil nur auf dem Papier vorhanden waren. Eine Festlegung der Unterkunftsorte war von vorneherein nicht möglich, da die Unterbringung an den Übungstagen nach der inszenierten Kriegslage erfolgen mußte. Die genannten Teile waren angewiesen worden, soweit wie möglich, rechtzeitig Quartiermacher in die zu belegenden Orte zu entsenden. Die Unterbringung wurde mit Verpflegung für Mann und Pferd erbeten. Die Bezahlung der Verpflegung sowie des Futters erfolgte durch die Kassenverwaltungen der vorgenannten Truppenteile, falls sie nicht gleich an Ort und Stelle erfolgte. Im ersteren Falle waren die Truppen angewiesen, den Gemeinden Bescheinigungen über die erhaltene Verpflegung und Fourage auszustellen. Dieses Verfahren wurde ausnahmslos von vereinzelten Posten und Patrouillen angewandt. Fest zugesagt war die Einquartierung für den 09.Februar in Sarlhusen 1 Offizier, 15 Mann und 17 Pferde vom Husarenregiment Nr.16, in Hennstedt dieselbe Zahl vom gleichen Regiment und in Wrist 1/2 Feldsignalabteilung in Stärke von 1 Führer (Oberleutnant), 2 Leutnants, 8 Unteroffiziere, 15 Mannschaften und 6 Pferden, ferner 2 Funk(en)stationen in Stärke von 4 Offizieren (Leutnants), 8 Unteroffizieren und 20 Funkern, daneben noch 2 Unteroffiziere, 16 Mannschaften und 32 Pferde vom Feldartillerieregiment Nr.45. Der Leitungsstab der 18.Kavalleriebrigade war im Lockstedter Lager untergebracht. Die Aufklärungsübungen der 18.Kavalleriebrigade waren seit dem 07. um 00:00 Uhr um das Lockstedter Lager herum im Gange. Husarenabteilungen passierten häufig die Liegenschaften. Eine Funk(en)abteilung war auf dem Luisenberg bei Kellinghusen einquartiert, sie hatte ihre (Funk)Apparate auf dem Aussichtsturm zur Reichweitenvergrößerung aufgebaut. Die Funker hielten auch während der Nacht die Verbindungen aufrecht und tauschten Meldungen mit anderen Funk(en)abteilungen in der Gegend aus. Am 15.Februar herrschte in der Umgebung des Lagers erneut rege Geschäftigkeit durch eine für zwei Tage angesetzte Aufklärungsübung, an der eine Abteilung der Berliner Funk(en)station mit Teilen der Truppen vom IX.Armeekorps beteiligt war. Auf dem Kellinghusener Luisenberg Aussichtsturm war wieder eine Funkstation aufgebaut, eine weitere am Eingang der Stadt Kellinghusen; beide standen mit weiter weg gelegenen Stationen bei Mühlenbarbek und der Station am Wasserturm im Lager in Verbindung. Von Husaren wurden Telephonleitungen gelegt, die vom vordringenden "Feind" oft durchschnitten wurden. In der Übung waren zur Darstellung von eigener Truppe und Feind Teile von Infanterie und Kavallerie des Korps eingesetzt. Zahlreiche Kraftwagen, die Transportaufgaben ausführten, waren beteiligt. Die Übungen wurden am 16. beendet. Nachricht: "Neue Vervollkommnung der drahtlosen Telegraphie. Ein neuer Empfangsapparat, der besonders wegen seiner Einfachheit und leichten Transportierbarkeit schnell Verwendung finden dürfte, wurde ausprobiert, wobei die Resultate durchaus befriedigten. Der Apparat läßt sich an jedem beliebigen, genügend hohen Baum hissen und nimmt die elektrischen Wellen mit großer Deutlichkeit entgegen. Er kommt deshalb besonders zu militärischen Zwecken in Betracht." Anläßlich des Krönungs- und Ordensfestes erhielt Generalmajor z.D. von Dömming, Kommandant des Lockstedter Lagers, den Roten Adlerorden 2.Klasse mit Eichenlaub, erhielt der Obermusikmeister Wilhelm Treichel auf dem Übungsplatz die Nachricht, daß ihm auf A.K.O. der Titel Königlicher Musikdirektor verliehen worden war. Die Schießübungen häuften sich wieder und demzufolge wurden die über den Truppenübungsplatz führenden öffentlichen Wege, außer der Rendsburger Chaussee und Weg Dorf Lockstedt - Silzen, häufig gesperrt. Sollten trotz der angekündigten Sperrungszeit die Schlagbäume offen sein, so mußte der Platz ohne Verzögerung passiert werden, damit sich bei Beginn des Schießens niemand mehr auf dem gefährdeten Teil des Schießplatzes befand. Die Winterschießübungen, die von einzelnen Truppen des IX.Armeekorps abgehalten wurden, hatten nicht die für sie gewünschte Witterung gehabt, eigentlich sollte der Soldat im verschneiten Gelände im Schätzen der Entfernungen im Tarnen und Täuschen im Winter und im Gefechtsschießen ausgebildet werden, bei mangelnder Schneedecke war dies allerdings schwierig auszubilden. Vom 15.März an waren 2 gemischte Reserveoffiziersaspiranten Kompanien des IX.Armeekorps im Lager untergebracht worden, womit, wie behauptet wurde, die Winterbelegung ihr Ende erreicht hatte. Die Haupttruppenübungen, die gleich nach Ostern begannen, waren die Gewähr dafür, daß die Reserveoffiziersaspiranten auf reguläre Einheiten als Übungskompanien Zugriff hatten. Die im Lager liegenden Gaststätten hatten zur Steigerung des Umsatzes beim Kreis Steinburg eine Verlängerung der Polizeistunde beantragt. Auf der letzten Sitzung im März wurde beschlossen dem Antrag stattzugeben. Für diejenigen Gastwirtschaften, welche zu den Gemeinden Winseldorf und Lohbarbek gehörten und nördlich der Chaussee Itzehoe - Kellinghusen lagen, war die Polizeistunde in der Zeit vom 01.April bis 01.Oktober auf 23:00 Uhr abends an den Wochentagen und 24:00 Uhr abends an den Sonntagen festgesetzt worden. Ausnahmen für einzelne Tage konnten vom jeweils kurzfristig vom Amtsvorsteher gewährt werden. Das I.Bataillon des Infanterieregiments Nr.163 machte sich am 17.03. kurz nach Mitternacht auf den zirka 30 Kilometer langen Marsch zum Lockstedter Lager, das sie nach mehreren Gefechtseinlagen und Pausen gegen Mittag erreichten. Der Schwerpunkt der Schießübungen im IX.Armeekorps lag auf der Durchführung von Gruppengefechtsschießen und Schießen im Zug- und Kompanierahmen. Der Aufenthalt auf dem Übungsplatz dauerte für die 163er bis zum 24.April. Teile des Bataillons wurden, wenn es Ausbildungsübereinstimmungen gab, auch als Übungstruppe für die Reserveoffiziersaspiranten abgestellt. Zur Abhaltung von vorbereitenden Gruppengefechtsschießen und Bataillonsübungen traf das Infanterieregiment Nr.85 am 30.März ein. Die Truppe mußte gleich 2 Kompanien an die Reserveoffiziersaspiranten abgeben, entlastete dadurch die 163er. Die Reserveoffiziersaspiranten hatten vor dem Einrücken des Infanterieregiments Nr.85 von diesem den Plan der Übungsvorhaben erhalten, der als Anhalt für die Aspiranten diente. Diese sollten die Übungskompanien nach den Vorgaben ausbilden, so daß keine unterschiedliche Behandlung während des Übungsplatzaufenthaltes innerhalb des Infanterieregiments erkennbar wurde. Das 1.Reserve Infanterieregiment aus Truppen des IX.Armeekorps war am 21.April aufgestellt und ausgerüstet worden. Es galt keine Zeit zu verlieren, und so war gleich das erste Wochenende komplett verplant. Samstag, (22.), vormittags I.Bataillon formale Ausbildung, II.Bataillon Waffenausbildung, nachmittags tauschten beide Bataillone die Ausbildungsplätze. Sonntag - Unterrichte, Montag im Gelände - Drill in geöffneter Ordnung und Gangarten, nicht beliebt waren kriechen und schleichen. Dienstag - Schulschießen und Marschübungen, dann folgten Gefechtsschießen und kombinierte Übungen. Bis zum 02.Mai dauerten die intensiven Übungen, die vorwiegend im Gelände durchgeführt wurden. Jeden Morgen war eine dreiviertel Stunde Leibesertüchtigung zu überstehen. Noch während das 1.Reserve Infanterieregiment ausgerüstet wurde, traf mit einigen Sonderzügen das Infanterieregiment Nr.75 auf dem Bahnhof ein. Unter Vorantritt der Kapellen marschierten die Bataillone aus Bremen und Stade in das Lager ein. Die Führung hatte keine Zeit zu verlieren und hatte für den gleichen Tag bereits ein Nachtschießen für das I.Bataillon angesetzt. Das Regiment blieb nur bis zum 28.April auf dem Übungsplatz. Als die Reservisten des 1.Reserve Infanterieregiments abgeschleust wurden, erreichte die 34.Infanteriebrigade, bestehend aus den Regimentern Nr.89 und Nr.90 das Lager und richtete sich für den Aufenthalt ein. Geplant waren Exerzitien vom Gruppen- bis zum Regimentsrahmen. Die Brigadeübung war der Abschluß des Aufenthaltes und begann am 22.Mai. Der Armeeinspekteur Prinz Friedrich Leopold hielt eine Besichtigung der 34.Infanteriebrigade am 25. ab, damit schlossen die Übungen der Regimenter Nr.89 und Nr.90 im Lagergelände. In seinem Roman "Ein Namenloser" berichtete der Schriftsteller Gustav Sack, der 1911/1912 ein Dienstjahr beim Füsilierregiment Nr.90 in Rostock ableistete, über seinen Aufenthalt im Lockstedter Lager. Hier eine Wiedergabe, die nur das Lager betrifft. Die Eisenbahndirektion Altona machte bekannt, daß es auf der Strecke Wrist - Itzehoe keine erste Wagenklasse mehr geben würde. Fahrkarten für die erste Klasse würden in Edendorf, Lockstedter Lager und Kellinghusen nicht mehr ausgegeben. Am 24.Mai waren in den zwei Klassenräumen der evangelisch-lutherischen Volksschule Lockstedter Lager 2 Klassenräume benutzt. Es wurden zwei Klassen unterrichtet. In der untersten gemischten Klasse waren 33 Knaben und 34 Mädchen, in der zweiten gemischten Klasse waren 38 Knaben und 19 Mädchen. Unter den Schülern waren keine blinden oder taubstummen Schüler, keines der Kinder hatte einen längeren Schulweg als 2,5 Kilometer. Es waren 124 in der Familie deutsch sprechende Kinder, wovon 123 evangelisch waren und ein Kind katholisch. Der konfessionelle Charakter der Schule war evangelisch-lutherisch. An der Schule waren zwei Stellen für evangelische Lehrer. Die Handarbeitslehrerin, eine Hilfskraft, war für dieses Fach nicht geprüft. Der erste Lehrer hatte ein Jahresgrundgehalt von 1.400 Mark, dazu eine Alterszulage von jährlich 200 Mark, weil länger als vier Jahre im Schuldienst. Der Wert der freien Wohnung wurde mit 330 Mark angesetzt, daraus ergibt sich ein Gesamteinkommen von 1.930 Mark. Der zweite Lehrer bekam 1.330 Mark, keine Alterszulage, der Wohnungswert für ihn betrug 220 Mark. Ergab ein Jahresgrundgehalt von 1.550 Mark. Nach vier Tagemärschen trafen die Husarenregimenter Nr.15 und Nr.16 am 19.Mai im Lager zur Abhaltung von Brigademanövern ein. Einen Tag später wurde das 2.Reserve Infanterieregiment aus alten Mannschaften des IX.Armeekorps zusammengestellt, die 1.134 Mann starke Truppe übte bis 04.Juni. Der Ausbildungsplan war vom 1.Reserve Regiment übernommen worden. Für lediglich acht Tage hatte das Infanterieregiment Nr.76 aus Hamburg per Bahn auf den Schießplatz verlegt, um vom 27.Mai bis zum 03.Juni Schießübungen abzuhalten, eine längere Übung des Regimentes folgte im August. Als die 76er die Heimfahrt antraten, war gerade der Armeeinspekteur Prinz Friedrich Leopold von Preußen zur Besichtigung des 2.Reserve Infanterieregiments und des Husarenregiments Nr.15 eingetroffen. Das 2.Reserve Infanterieregiment beendete seine Übungen am folgenden Tag und wurde aufgelöst. Wieder einmal wurde es eng im Lager. Die Infanterieregimenter Nr.84 und 86 rückten am 08.Juni ein. Die Regimenter hatten externe Spezialisten zur Unterstützung angefordert. Von den Pionieren aus Harburg war eine Gruppe gekommen, die den Infanteristen im Gelände Unterricht im Herstellen und Gebrauch von Sprengladungen erteilte. Auf der einen Station wurden geballte Ladungen mit Übungshandgranaten zusammengestellt. Dazu wurden um eine Stielhandgranate Handgranatenköpfe mit Draht fest umwickelt. Mit der geballten Ladung sollten Hindernisse aus dem Weg geräumt werden. Eine andere Station zeigte wie eine gestreckte Ladung hergestellt wurde. Nach dem Unterricht ging es dann auf die Frankenberg Heide zum Gewöhnungssprengen. Im südlichen Teil der Frankenberg Heide wurden an den folgenden Tagen mit den Pionieren Hindernisse gebaut und im Gelände aufgestellt. Am Tage der Besichtigung sollten die Infanteristen das Gelernte in der Gefechtsübung zeigen und die Hindernisse sprengen. Mit dem 10.Juni wurde auf dem hiesigen Bahnhof eine amtliche Güterbestellung eingerichtet. Die amtliche An- und Abfuhr der Eil- und Frachtgüter erfolgte vom genannten Zeitpunkt an durch den im Lager ansässigen bahnamtlichen Rollfuhrunternehmer H.Sibbert. Am gleichen Tag nahmen die Infanterieregimenter Nr.84 und 86 die Schieß- und Bataillonsübungen auf, denen sich später das Regiments- und Brigadeexerzieren bis zum 28.Juni anschlossen. Am Platz wurde eine Reserveoffizierskompanie des IX.Armeekorps formiert, die Reserveoffiziere, die zur Beförderung heranstanden hatten mehrere Übungen zu absolvieren. Bis zum 08.Juli dauerte die Kasernierung hier. Nach einer ausgedehnten Besichtigung der 18.Kavalleriebrigade am 10.Juni, der auch der Armeeinspekteur Prinz Friedrich Leopold beiwohnte, die überfrachtet war mit Gefechtsaufgaben und Querbewegungen vor dem markierten Feind, schlossen die Husarenregimenter Nr.15 und Nr.16 ihre Übungen ab und kehrten in drei Tagemärschen in die Garnisonen zurück. Während die 18.Kavalleriebrigade abzog, floß die 18.Feldartilleriebrigade mit den Regimentern Nr.9 und 45 in das Lager ein. Die Artilleriebrigade führte ihre Exerzier- und Schießübungen im Lagergelände vom 14.Juni bis 04.Juli durch. Mit einem Lob der Führung beendeten die Infanterieregimenter Nr.84 und Nr.86 die umfangreichen und kritischen Besichtigungen die sich über drei Tage erstreckten. Nach dem Rückmarsch, vom am letzten Tag des Aufenthaltes stattfindenden Parademarsch, in die Lagerunterkünfte, wurden diese sofort zur Übergabe vorbereitet, das Lager innerhalb kurzer Zeit übergeben und verlassen.
Die Firma Korfhage und Söhne aus Melle im Hannoverschen lieferte im Jahre 1911 aufgrund einer Bestellung des IX. Armeekorps in Hamburg eine Turmuhr an dasselbe. Die Uhr war für das Lockstedter Lager bestimmt. Die Garnisonsbauinspektion ließ durch Bausoldaten den Turm, der die Uhr aufnahm, in der Gravelotte Straße bauen. (Die Uhr stand in der Verlängerung der Helgolandstraße auf einer Insel in der Finnischen Allee, seit 2003 an der Breiten Straße/Marktplatz (neu) wieder aufgebaut. Die Bilder zeigen den Turm, links gegen 1920, rechts wie er 1911 und 2003 erstellt wurde.) Der Pachtvertrag, die Lohmühle und Ländereien betreffend, wurde am 28.06.1911 zwischen dem Militärfiskus und dem Pächter, Herrn Hans Sievers, erneut abgeschlossen. Als neuer Passus stand im Vertrag, daß die Garnisonsverwaltung in einem Wagenschuppen 3 für die Rieselfelder benötigte Abfuhrwagen unterstellen werde. Daneben wurde dem Pächter untersagt, Wasser aus den Fischteichen oberhalb des Rethteiches abzulassen oder deren Spundbretter zu entfernen. Am letzten Tag des Juni traf das Infanterieregiment Nr.31 zum Regiments- und Brigadeexerzieren mit dem später (02.07.) eintreffenden Infanterieregiment Nr.85 im Lager ein. Neben den obligatorischen Einzel- und Gruppengefechtsschießen war Schwerpunkt der Infanteriegefechtsausbildung, Angriff und Verteidigung im Zugrahmen, die Einnahme und das Aufrollen von Sappen (Lauf- oder Annäherungsgräben), wobei häufig die Annäherung und der Sturmlauf mit aufgepflanztem Seitengewehr geübt wurde. Die Gefechtsaufgabe für die Brigadebesichtigung beinhaltete neben den Postendiensten die Annäherung an den Feind und dessen Bekämpfung (Schießbahn) durch zusammengefaßtes Feuer. Am 17.Juli war der Aufenthalt der beiden Regimenter abgeschlossen. Die 18.Feldartilleriebrigade schloß ihre jährlichen Schießübungen am 06.Juli ab, die Artillerieregimenter Nr.9 und 45 rückten in die Garnisonsorte ab. Während der Übungszeit waren Teile der Munitionskolonnen zum Transport von Fourage und Brot von Itzehoe zum Lager eingesetzt. Am 07. wurde die Reserve Feldartillerieabteilung des IX.Armeekorps formiert, welche die artilleristischen Übungen, mit den vom Feldartillerieregiment Nr.9 gestellten Waffen und Gerät bis zum 18.Juli vornahm. In den Kantinen und in den Gaststätten trafen sich viele Artilleriereservisten um die Freizeit zu überbrücken. Während die Reservisten das Ende des Aufenthaltes herbeisehnten, hatten die Angehörigen der Reserveoffizierskompanie des Armeekorps das Bergfest schon fast wieder vergessen und bereiteten sich langsam auf den Abmarsch vor. Die achtwöchige Übung und wurde am 08.Juli beendet, die Reserveoffizierskompanie aufgelöst. Die Fliegenplage war wieder wie in jedem Jahr, besonders im Hochsommer, für Mensch und Tier gleich lästig, es sollte, so hieß die Latrinenparole, ein gutes Mittel geben die Fliegengeister zu beseitigen, ohne von den so genannten Fliegenfängern Gebrauch machen zu müssen, die obendrein noch nach landläufiger Meinung die größte Tierquälerei bedeuteten. Man sollte ein Quentchen Extract ligni quassiae, das in jeder Apotheke vorrätig war, in einer Kanne heißem Wasser, nebst etwas Zucker oder Honig auflösen, davon auf Teller schütten und diese in die Zimmer setzen. Jede Fliege, die von dieser Flüssigkeit naschen würde fiele sofort um und stürbe. Gegen Ende des Juli wurde es leerer im Lager. Die Infanterieregimenter Nr.31 und 85 schlossen ihre Übungen ab und kehrten in die Garnison zurück. Nach eingehender Besichtigung beendete die Reserve Feldartillerieabteilung des IX.Armeekorps ihre Übungen. Die Truppe wurde am 18. aufgelöst. Am 20. traf das Infanterieregiment Nr.162 ein, zunächst zum Regimentsexerzieren, dem sich die Brigadeübungen mit dem am 25.Juli eintreffenden Infanterieregiment Nr.163 anschlossen. Zu den Brigadeübungen, zu denen auch das Jägerbataillon Nr.9 hinzugezogen wurde, fanden ihren Abschluß am 04.August. Probleme die das Militär mit der Maul- und Klauenseuche hatte. Bei den für 1911 geplanten Übungen auf den Truppenübungsplätzen und im Gelände bzw. auch bei Manövern hatte die Maul- und Klauenseuche zu einer Neuerung geführt. Die Kavallerieregimenter legten gewöhnlich den Weg vom Garnisonsort bis zum Übungsort in mehrtägigen Landmärschen zurück. Da jedoch infolge der Maul- und Klauenseuche, die noch in vielen Orten herrschte, die Gefahr bestand, daß die Seuche verschleppt und die Militärpferde infiziert werden könnten, war von der Militärbehörde angeordnet worden, die Landmärsche ausfallen zu lassen und die Kavallerieregimenter mit der Eisenbahn zu befördern. Auch der Marsch in die Manövergelände fiel, wenn die als Marschquartiere in Aussicht genommenen Ortschaften mit Maul- und Klauenseuche behaftet waren, aus und die Kavallerie legte den Weg bis zum ersten Quartier mit der Eisenbahn zurück. Im Manöver selbst, wo Eisenbahntransporte wegen Zeitmangels und wegen der verhältnismäßig kurzen Wege meist nicht möglich war, mußten die mit Pferden ausgerüsteten Truppen Biwak im Gelände beziehen, sofern in einem der geplanten Quartiere die Maul- und Klauenseuche grassierte. Nach umfangreichen Besichtigungen beendete die 81.Infanteriebrigade, welche die Infanterieregimenter Nr.162 und 163 umfaßte ihre Brigadeübungen, zu denen auch das Jägerbataillon Nr.9 hinzugezogen worden war. Am 09.August trafen die Infanterieregimenter Nr.75 und 76 zu einer Brigadeübung, die am 21.August ihren Abschluß fand, ein. Einer Zeitungsmeldung zufolge hatte der Kaiser den Wunsch geäußert, daß an dem Kaisermanöver bei Altona am 26.August möglichst viele Flieger teilnehmen möchten. Es hatten sich bis zum 12.August vier Aviatiker gemeldet, die sich beteiligen würden. Sie nähmen als freiwillige zivile Flieger teil. Demnach war es nicht ausgeschlossen, im Gegenteil wahrscheinlich, daß an den Kaisermanövern auch das Offiziersfliegerkorps mit eigenen Fluggeräten teilnehmen würde. Es sollte das erste Mal sein, daß Flugzeuge in deutschen Manövern zur Verwendung kommen. Mitte August herrschte große Aufregung im Barackenlager, das unfaßbare war geschehen. Einer großen Anzahl von Offizieren wurden aus den Offiziersbaracken ihre Offiziers Armeeferngläser, darunter Busch- und Görzgläser im Werte von über 1.000 Mark gestohlen. Von den Dieben hat man nie eine Spur gefunden. Am 16.August beendete die dem X.Armeekorps angehörende 20.Feldartilleriebrigade ihre Schießübungen und die Feldartillerieregimenter Nr.10 und 46 kehrten in die Provinz Hannover zurück. Das Feldartillerieregiment Nr.46 verlegte im Landmarsch nach Celle. Die Feldartillerieregimenter Nr.9 und Nr.45, die bereits ihre Schießübungen im Juni erledigt hatten, begannen das vorgeschriebene Brigadeexerzieren. Dieses schlossen sie am 23.August ab. Beim diesjährigen Kaiserpreisschießen siegte die 8.Kompanie vom Infanterieregiment Nr.84. (Im Vorjahr 3.Kompanie der 90er). Notiz: "Am Sonntag, dem 07.09. gegen Nachmittag war dem Hufner Fölster eine Hose und eine Weste von der Wäscheleine im Garten gestohlen worden. Des Diebstahls verdächtig waren zwei so genannte Monarchen, die sich zu der betreffenden Zeit in der Nähe des Fölsterschen Geweses aufgehalten hatten und einen Sack mit Hühnern mit sich führten." Wie in den vergangenen Jahren, so hielt die Marineführung auch in diesem Jahre mit den an Bord der "König Wilhelm" befindlichen Schiffsjungen auf dem hiesigen Truppenübungsplatz eine 14 Tage dauernde Übung ab. Das Lager wurde am 09.September bezogen und am 23.September wieder verlassen. Dazwischen lag angestrengtes und ungewohntes Exerzieren. Häufig sah man die einzelnen Sektionen im Bereich des Leszczynski Steines den Parademarsch üben. Dort wurde auch die formale Besichtigung abgenommen. Das dem Fuhrmann H.Sibbert gehörende Stallgebäude war in der Nacht zum 12.September bis auf die Grundmauern abgebrannt. Die darin aufbewahrte Ernte und der Fuhrwagen boten dem Feuer reichlich Nahrung. Die Feuerwehren konnten das wie Zunder brennende Gebäude trotz großen Einsatzes nicht retten. Zwei Tage später wurde wegen der drohenden Ausbreitung der Schweinepest der Ort, soweit er zur Gemeinde Winseldorf gehörte, für den Verkehr mit Schweinen gesperrt. Diese räumlich begrenzte Maßnahme war unverständlich, da die Schweinepest nicht an den Gemeindegrenzen halt macht. Durch das Töten der Tiere im zu Winseldorf gehörenden Teil des Lockstedter Lagers wurde ein Übergreifen auf den Teil der Gemeinde Lohbarbek verhindert. Nach langer Zeit machte der Geflügel- und Kaninchenzuchtverein für Lockstedter Lager und Umgegend wieder von sich reden. Er beschloß in der am 03.September beim Mitglied W.Beck in Lohbarbek stattgefundenen Versammlung eine Ausstellung mit anschließendem Ball. Die Ausstellung fand am 12.November in Hülsings Hotel und der Ball am gleichen Tage im "Landhaus" statt. In der ersten Woche des November verließen die Kompanien der Schießschule Spandau, in dem sie seit dem 06.Oktober geübt hatten, das Lager. Damit war das Ende der Sommerbelegung endgültig erreicht. Weil die Truppenübungen in diesem Jahr vor dem Kaisermanöver zum Abschluß gelangen mußten, lag die Belegungsstärke des Lagers bei 6.000 Mann, mehrfach auch darüber. Die massierte Konzentration von Menschen und Pferden erforderte ein großes Maß an Koordination um die tägliche Versorgung mit Einzel- und Mengenverbrauchsgütern sicherzustellen. Lebensmittel für die Truppenküchen mußten beim Hilfsproviantamt abgeholt werden, Heu, Stroh und Tierfutter wurden bei den Scheunen an der Lagerstraße zu Blockzeiten ausgegeben. Ab November war nur noch ein Wachkommando in Stärke von 150 Mann im Lager zurückgeblieben, welches sich aus allen Truppenteilen des ganzen Armeekorps zusammensetzte. Die vor einigen Jahren eingeführten Winterschießübungen sollten erst im Januar des nächsten Jahres wieder ihren Anfang nehmen. 1912Der Militärverein für Lockstedter Lager und Umgegend hielt am 07.Januar eine überaus zahlreich besuchte Versammlung ab, es waren über 40 Mitglieder anwesend. Eine reichhaltige Tagesordnung stand zur Beratung. Nach der Aufnahme neuer Mitglieder wurde die Kassenlage vorgetragen, die eine Übersicht über die günstige Finanzlage des Vereins ergab. Nach Ausgleich der Einnahmen und Ausgaben blieb ein Gesamtvermögen von 2.756,60 Mark übrig. Der Wohltätigkeitsfonds betrug 776,98 Mark. Bei den geschäftlichen Mitteilungen gab der Vorsitzende den Aufruf zur Sammlung von Briefen und Kriegstagebüchern aus dem Krieg von 1870/71 bekannt. Daran anschließend trug er in längeren Ausführungen die Ziele des deutschen Kriegerbundes vor, darunter die ins Auge gefaßte Kriegerversicherungs- und Fürsorgekasse. In der sich anschließenden Aussprache stimmte die Mehrzahl der anwesenden Kameraden der Einrichtung zu. Für die Winterschießübungen der verschiedenen Truppenteile auf dem Terrain des Übungsplatzes, hatte das Wetter ideale Bedingungen geschaffen. Es lag eine gleichmäßige etwa 15 Zentimeter starke Schneedecke auf dem Gelände. Der Wetterdienst hatte vor Beginn der Exerzitien prognostiziert, daß das winterliche Wetter noch eine Zeit lang anhalten werde und wie bestellt begann es am 03.Februar anhaltend zu schneien. Der Schneefall hielt bis gegen Mitternacht an. Dann, in der zweiten Nachthälfte setzte klirrendes Frostwetter ein. Die Schneedecke behinderte den Verkehr, die Züge hatten erhebliche Verspätungen. Durch den Schneefall war auf der Kieler Landstraße eine herrliche Schlitterbahn entstanden, die am Morgen gleich von den Kindern (und auch Erwachsenen) im Vorbeigehen mal eben ausprobiert wurde, das Thermometer zeigte an minus 16 Grad an. Der Winter meinte es in diesem Jahr wirklich gut, die Tage, an denen Grade unter Null herrschten, wurden immer zahlreicher. Die größte Kälte wurde am 05.Februar morgens gemessen, als das Thermometer auf 27 Grad unter Null gefallen war. Eine solche Kälte war eine Seltenheit, sie hatten den Höhepunkt aber überschritten und begann langsam abzunehmen, am 07. waren es nur noch Minus 25 Grad. Nachdem das I. und II.Bataillon und die Maschinengewehrabteilung des Infanterieregiments Nr.31 ihre vorgegebenen Aufgaben für das winterliche Schulschießen im Lagergelände schon gelöst hatten, rückte das III.Bataillon am 17.Februar in das Lager ein, um die gleichen Übungen wie die Nachbarbataillone zu schießen. Eine Woche nach den 31ern nahm das Infanterieregiment Nr.76 bataillonsweise die gleichen Schießübung wie die 31er auf. Die Offiziersaspiranten des Beurlaubtenstandes der Infanterie wurden in diesem Jahre vom 11.März an, für vier Wochen zu einem besonderen Ausbildungskursus zusammengezogen. Leiter dieses Kursus, der aufgrund der großen Zahl von Aspiranten in zwei Kompanien eingeteilt wurde, war Major zur Megede vom Infanterieregiment von Manstein (Schleswigsches) Nr.84. Den Aspiranten wurden kurzfristig Übungskompanien zur Verfügung gestellt. Der Monat März brachte nach Aufzeichnungen der örtlichen Regenstation 111,5 mm Niederschlag. Es regnete an 22 Tagen. An 2 Tagen war den Regenschauern Hagel beigemischt. Ein Gewittertag brachte neben Regen auch Graupel. Graupel wird oft als Hagel bezeichnet, unterscheidet sich jedoch durchaus von diesem. Graupel bestehen aus graupen- bis erbsengroßen leichten rundlichen Körnern, die völlig undurchsichtig sind und das Aussehen kleiner Schneebälle haben. Hagel dagegen besteht aus erbsen- bis hühnereigroßen Stücken mattdurchsichtigen Eises, die meistens einen undurchsichtigen Kern einschließen. Die Offiziersaspiranten des Beurlaubtenstandes der Infanterie hatten unter Major Megede ihren Kursus am 04.April beendet, die beiden Kompanien waren aufgelöst worden. Während des Kursus war viel Theorie zu lernen und sofort mit der Übungstruppe in die Praxis umzusetzen. Auflockerung in die Ausbildung brachten die Pflichtreitstunden, die von allen Aspiranten zu absolvieren waren. Die beiden in Bremen beheimateten Bataillone des Infanterieregiments Nr.75 wurde mit der Bahn nur bis nach Wrist transportiert, von dort machten sie einen gefechtsmäßigen Übungsmarsch zum Lager. Die Maschinengewehrabteilung dieses Regiments wurde bis zum Bahnhof Kellinghusen verfrachtet und über die dortige Rampe entladen. Nach Abschluß der Übungen im Lager, mußten die Einheiten im Kriegsmarsch die gleichen Bahnstationen wieder erreichen. Die Einheiten wurden am 03.Mai wieder in die Garnison Bremen transportiert. Am 14.April wurde das erste von zwei kriegsstarken Reserve Infanterieregimentern aufgestellt. Bis zum 27. übten 1.954 Mann Unteroffiziere und Mannschaften der Reserve und der Landwehr aus dem Bereich des IX.Armeekorps unter der Führung von Oberstleutnant von Zehmen vom Infanterieregiment Nr.31. Die Angehörigen der Landwehr stammten wie üblich aus den jüngsten Jahrgängen, die der Reserve wurden den ältesten Jahrgängen entnommen. Bei diesem Regiment machte eine Anzahl von Landwehrmännern die letzte Pflichtübung. Die Aufstellung von Reserveeinheiten war jedesmal eine Herausforderung an die Leistungsfähigkeit der Garnisonsverwaltung und Kommandantur. Die Einkleidung in den Kammerbaracken wurde von Personal der Garnisonsverwaltung Itzehoe unterstützt. Das Infanterieregiment Nr.76 aus Hamburg passierte am 15. auf dem Marsch ins Lockstedter Lager Kellinghusen und Mühlenbarbek. In Wrist wurde, wie beim Infanterieregiment Nr.75 das Auslademanöver vorgenommen und alsdann der Übungsmarsch zur Unterkunft angetreten. Im Gegensatz zum Infanterieregiment Nr.75 führten die Musikkapellen die Marschkolonnen dieses Regiments an und spielten jeweils beim Durchzug durch die Ortschaften zackige Marschmusik. Das Regiment hielt gemeinsam mit den 75ern, welche bereits im Lager waren, bis zum 03.Mai Schieß- und Exerzierübungen ab, verblieben danach aber noch auf dem Gelände zur Durchführung einer Regimentsgefechtsübung. Während das Infanterieregiment Nr.76 in das Lager einmarschierte, flog ein Freiballon aus Richtung Kellinghusen kommend in mäßiger Höhe auf das Lager zu, überquerte das Lager just in dem Moment als die Regimentskapelle die Wache erreicht hatte und verschwand in Richtung Peißen fahrend aus dem Blickfeld. Zu Ehren des aus dem Dienst ausscheidenden Generalmajors z.D. von Dömming, der hier fast 6 Jahre als Lagerkommandant fungierte, fand am 19.April im Offizierskasino ein Abschiedsessen statt. Von den im Lager anwesenden Truppen wurde für ihn ein Fackelzug veranstaltet. Danach war im Kasino ein nicht geplantes fürchterliches Trinkgelage, das einigen Offizieren am nächsten Morgen noch Kopfschmerzen bereitete. (Herr von Dömming verlegte seinen Wohnsitz nach Niederzwehren bei Kassel. Er wurde während des Ersten Weltkrieges reaktiviert und als Kommandant des Gefangenen Lagers eingesetzt.) Neuer Kommandant des Lagers wurde Oberst z.D. Hugo von Bonin.
Für Sonntag, den 28.April nachmittags 16:00 Uhr setzte der Kreisausschuß für Jugendpflege im Gelände des Lockstedter Lagers ein Kriegsspiel an. Zweck der Übung war eine Informationsveranstaltung für die Bevölkerung über Art und Anlage von Geländespielen. Die jugendlichen Teilnehmer aus den Orten westlich der Chaussee Itzehoe - Rendsburg versammelten sich als rote Partei (rote Armbinden) auf dem Gelände bei Bücken, diejenigen aus den Orten ostwärts der genannten Chaussee beim Wasserturm. Die Zuschauer konnten am Nachmittag von 16:30 Uhr an bei der Kaisereiche auf dem Bückener Feld das Spiel beobachten. Das Geländespiel hatte eine große Zahl von Teilnehmern, aus Kellinghusen beteiligte sich die zweitgrößte Zahl an dem Spiel, auch aus den umliegenden Dorfschaften waren die Jugendlichen zahlreich erschienen, die meisten Jugendlichen jedoch waren aus Itzehoe gekommen. Als nach Abschluß des Spiels, bei dem die östliche Partei (blau) den Sieg davon trug, die Kritik abgehalten wurde, waren wohl an 1.000 Zuschauer bei der Kaisereiche. Nach einem gemeinschaftlichen Einmarsch in das Lager wurde die Jugend, ehe sie sich auf den Heimweg machte, im Soldatenheim bewirtet. Die 34.Infanteriebrigade, die aus den Mecklenburger Regimentern Nr.89 und 90 gebildet wurde, traf am 04. und 05.Mai zu einer Übung, die bis zum 25.Mai dauerte, ein. Zu der Brigadeübung in der letzten Woche des Aufenthaltes wurde auch das Jägerbataillon Nr.9 hinzugezogen. Die Infanterieregimenter Nr.75 und Nr.76 biwakierten seit dem 03.Mai im Gelände um den Hohenfiert und bereiteten sich auf die abschließende Gefechtsübung vor. Der Aufenthalt schloß am 06.Mai mit einem größeren Manöver im nördlichen Gelände, wo beide Regimenter gegeneinander antraten. Nach Übungsende und abgehaltener Manöverkritik wurden die Einheiten entlassen, sie marschierten nach Wrist, von wo aus sie mit Sonderzügen direkt in die Garnisonsorte befördert wurden. Der neu ernannte Kommandeur des Truppenübungsplatzes Lockstedt, Oberst z.D. von Bonin, war mit Wirkung vom 01.Mai zum Generalmajor befördert worden. General von Bonin lud die Kommandeure der auf dem Platz anwesenden Einheiten zu einer kleinen Feier in das Kasino ein. In den Garnisonen der 33.Infanteriebrigade, Hamburg, Bremen und Stade wurden am 11.Mai zwei Reserve Infanterieregimenter aufgestellt und anschließend hierher transportiert. Innerhalb von 14 Tagen wurden die Reservisten auf den neuesten militärischen Stand gebracht. Das komplette Spektrum des Infanterismus wurde abgespult, von der Leibesübung über die verschiedenen Schießübungen und bis zum Nachtmarsch. In diesem Zeitraum war die stärkste Truppenansammlung des Jahres, die Massierung sollte bis Pfingsten andauern. Neben den Infanterieregimentern Nr.89 und 90 aus Mecklenburg, waren die zwei Reserve Infanterieregimenter in einer Stärke von 2.116 Mann anwesend. Dazu kam das Jägerbataillon Nr.9 aus Ratzeburg, so daß mit dem Scheibenkommando und den als Meldereiter kommandierten Husaren eine Belegung von rund 6.500 Mann erreicht war. In Kellinghusen fand nach längerer Zeit wieder einmal ein Remontemarkt statt, er war mit 94 Pferden beschickt worden. Durchweg war gutes Material an den Markt getrieben. Die Remontekommission des Husarenregiments Nr.15 kaufte 30 Pferde an, über die Preise konnte nichts erfahren werden. In einer ins Auge fallenden Anzeige wurde nochmals auf das am Sonntag, den 02.Juni stattfindende Geländespiel zwischen Springhoe und Lockstedter Lager aufmerksam gemacht. Jugendliche im Alter von 15 - 20 Jahren durften teilnehmen. Eine rege Beteiligung wurde auch diesmal wieder vom Veranstalter erwartet und es sickerte durch, daß sich bereits eine große Zahl Erwachsener als Zuschauer angemeldet hatten, die ein persönliches Interesse für diesen Zweig der Jugendpflege bekundeten. Mitten im Kompaniegefechtsschießen kam das Signal "Feuer einstellen!". Aus Nordosten näherte sich ein Freiballon in langsamer Fahrt. Die Höhe wurde mit 500 Metern angegeben. Nach Passage des Ballons wurde das Gefechtsschießen fortgesetzt. Der Ballon, der mit drei Insassen in Lübeck aufgestiegen war, landete glatt in der Nähe von Edendorf. Nach dem Abrüsten wurde der Ballon an der Bahnstation Edendorf verladen und mit der Bahn nach Lübeck gebracht, wohin auch die Ballonfahrer zurück reisten. Sonnabend, den 01.Juni, trafen mit einer größeren Zahl von Sonderzügen die Feldartillerieregimenter Nr.26 und 62 vom X.Armeekorps zur Durchführung von Schießübungen ein. Tag der Abreise war der 19.Juni. Am 06.Juni nahm das Infanterieregiment Nr.31, von dem die Maschinengewehrabteilung bereits zwei Tage vorher eingetroffen war, Quartier bis zum 21.Juni. Für die Ausbildung der Reserveoffiziere hatten die Infanterieregimenter Nr.84 und 75 je eine kriegsstarke Kompanie als Übungskompanie gestellt. Die Zahl der kommandierten Reserveoffiziere war mit 85 angegeben. Das Gerücht, daß Lagerunterkünfte als ständige Garnison für neu zu formierende Bataillone dienen sollten wurde in der Bevölkerung viel diskutiert und man nahm allgemein an, daß das Lager für diesen Zweck genutzt werden würde. Ein denkwürdiges Datum in der militärischen Geschichte des Lagers ist auch der 08.Juni. In der Nähe von Mühlenbarbek fanden Schießübungen auf einen Fesselballon statt. Zwei Tage vor dem Schießen kamen auf dem Bahnhof auf Lorenwagen der Bahn verladen und extra gesichert drei Kraftwagen mit auf der hinteren Plattform auf Ringlafetten montierten 7,7cm Ballonabwehrkanonen an. Es waren besondere Lastwagen mit Allradantrieb. Es war die Hälfte der derzeit im deutschen Heer vorhandenen Luftschutzgeschütze. Als Personal waren 3 Offiziere, 3 Unteroffiziere, 9 Mannschaften und 8 Kraftfahrer mitgekommen. Auf einem weiteren Kraftwagen war die Munition verladen. Gleichzeitig mit dem Bahntransport war auch das Material für die Zieldarstellung eingetroffen, hierbei handelte es sich um kleinere Fesselballons, die von einer Mannschaft der Artillerieschießschule befüllt und aufgelassen wurden. Es wurden neuartige Ballonabwehrkanonen benutzt, die genutzten Projektile waren so gefertigt, daß deren Explosionspunkt durch Rauch markiert wurde. (Hat ein jeder schon einmal in einem Kriegsfilm gesehen.) Die Ballons waren höher als normal, diesmal 3.000 Meter, aufgelassen worden, hierdurch war es einfacher, die Lage der Explosionspunkte festzustellen. Das Luftzielschießen diente als Lehrvorführung für Artillerieoffiziere des IX.Armeekorps. Die Flugabwehr- und Zieldarstellungstruppe verließ am 11.Juni wieder das Lager und verlegte nach Munster Lager. Über einen Unglücksfall, der sich bei den Schießübungen ereignete wurde folgende authentische Mitteilung gemacht: "Bei einem gefechtsmäßigen Schießen, eines augenblicklich auf dem Truppenübungsplatz Lockstedt übenden Regiments, am Mittwoch, den 12. d.M. wurde ein Kanonier des Zielbaukommandos durch ein Sprengstück schwer verletzt. Der Kanonier hatte sich in die Gefahrenzone hinein begeben und war somit in die Schußlinie geraten. Der Mann ist leider am Sonnabendnachmittag im Garnison Lazarett Altona seinen Verletzungen erlegen. Eine kriegsgerichtliche Untersuchung ist eingeleitet." Am Sonntag, 16.Juni fand im "Stadt Hamburg" ein Militärkonzert statt, das vom Trompeterkorps des zu dieser Zeit hier übenden II.hannoverschen Feldartillerieregiment Nr.26 aus Verden gegeben wurde. Das vorliegende Programm brachte eine angenehme Abwechslung in das eintönige Musikleben. Das Trompeterkorps verstand es die Zuhörer in eine beschwingte, der sommerlichen Hitze angemessene Stimmung zu versetzen. Ein Kränzchen♦ schloß sich dem Konzert an. ♦Anmerkung: Ein Kränzchen ist eine Verabredung zu einem geselligen Beisammensein, gemeinschaftlichem Musikgenuß oder gemeinschaftlichen Spielen. "Warnung vor dem Aufnehmen verfeuerter Geschosse auf Schießplätzen. In den Verwaltungsvorschriften für die Militärschießplätze ist bezüglich des Aufnehmens verfeuerter Zünderteile und blindgegangener Geschosse bestimmt: "Zünder mit Zündladungen, einzelner Zündladungen oder blind gegangene Geschosse dürfen unter keinen Umständen berührt werden. Dabei ist es gleichgültig, ob das Geschoß eine Granate oder Schrapnell, ob es mit Zünder versehen ist oder nicht. Der Finder hat zunächst weiter nichts zu tun, als den Fund bei dem Führer des Arbeitskommandos im Lockstedter Lager zu melden und nötigenfalls die Stelle kenntlich zu machen." Die Bewohner der in der Nähe des Truppenübungsplatzes Lockstedt belegenen Ortschaften werden auf diese Vorschrift besonders aufmerksam gemacht und wegen der damit verbundenen Lebensgefahr dringend vor dem Aufnehmen irgend welcher Geschoßteile gewarnt." Ende Juni beendeten die zu einem besonderen, einwöchigen Übungskursus eingezogenen Reserveoffiziere die so genannte 1.Pflichtübung, welche die Leutnante der Landwehr 1.Aufgebot und die vor der Beförderung zum Hauptmann stehenden Oberleutnante absolvieren mußten, um danach für weitere vier Wochen bei ihren Stammregimentern dienstlich eingesetzt zu werden. Zurück zu ihren Regimentern kehrten die kriegsstarken Kompanien der 84er und 76er, die für den Offizierskursus hierher verlegt wurden. Vor dem 28.Juni herrschte geschäftige Aufregung in der Kommandantur. Für den 28.Juni hatte sich der Nordmarkflug angemeldet. An dem Flug nahmen mehrere Flugzeuge mit Passagieren, die militärische Aufgaben zu lösen hatten und von Altona zum Lockstedter Lager fliegen mußten, teil. Neben dem Herrichten des Landeplatzes mußten auch Rettungsdienste vorgehalten werden. Die Itzehoer Sanitätskolonne hatte sich auf eine Anfrage hin für diesen Tag zur Verfügung gestellt. Am 28.Juni wartete man gespannt auf die Flugzeuge. Der Nordmarkflug hatte in einer Art Ralley einige äußerst interessante Etappen eingelegt. Der Flug löste ohne Zweifel Begeisterung für den noch jungen Flugsport aus. Auch all die Leute, die an besagtem Nachmittag zum Truppenübungsplatz kamen, brachten die nötige Begeisterung mit, denn ohne diesen Enthusiasmus würde sich mancher nicht der sengenden Junihitze ausgesetzt haben. Gegen 17:00 Uhr umsäumten den als Landeplatz ausgesuchte Teil des Übungsplatzes, gegenüber dem Wasserturm, eine riesige Menge. Der Kommandant, Generalmajor von Bonin, war ebenfalls anwesend. Ein Licht-, Luft- und Sonnenbad zugleich nehmend, harrte die Menge in der Erwartung der Flieger aus. Die Tochter des Bahnhofsvorstehers Barginsky kam auf den nachahmenswerten Einfall, zu Gunsten der Flugspende den Klingelbeutel kreisen zu lassen, die Sammlung erbrachte die Summe von 45,53 Mark. Endlich kam Bewegung in die Menge; über dem Lager sah man, in dem schon stumpfen Licht der Abendsonne, den Harlan-Eindecker dem Landeplatz zuzusteuern. Um 17:19 Uhr war er aus Bahrenfeld abgeflogen und um 17:48 Uhr wurde er von den Wartenden gesichtet, der Pilot umflog die Moltkehöhe und landete im herrlichen Gleitflug glatt um 18:00 Uhr. Leutnant Krüger und sein Fluggast Oberleutnant Fredensburg überbrachten die Meldung und nahmen eine neue mit. Sie schoben nach kurzem Aufenthalt den Flugapparat zum Start und stiegen präzise 18:15 Uhr zum Rückflug auf; man hörte am nächsten Tag, daß die Landung pünktlich um 19:00 Uhr erfolgte. Die Aufgabe war von ihnen vollständig gelöst und sie hatten alle aufgestellten Truppen gesichtet, wegen der ungünstigen Windverhältnisse aber nur eine Höhe von 450 Metern aufgesucht. Als der Harlan gestartet war, traf die Nachricht von einem neuen Start in Bahrenfeld ein, dieser war um 18:17 Uhr erfolgt. Diesmal war es der Pilot Hartmann auf seinem Wright Doppeldecker mit Kapitänleutnant Jenetzky. Er kam aus Osten und umkreiste in größerer Höhe das Lager und entschwand nach Nordosten. Bald flog er jedoch zurück und landet elegant und sicher um 19:17 Uhr. Sein Flug hatte ihn fast bis an den Kanal gebracht, weil er nach dem Überfliegen der Stör die Orientierung verlor und das Lager nicht bemerkt hatte. Seine Fluhöhe war 500 Meter. Nach kurzer Rast richtete sich das Flugzeug zum Start in den schwachen Wind, der um 19:45 Uhr erfolgte. Nach einer Schleife über dem Startplatz entfernte er sich schnell in Richtung Hamburg. Um 20:00 Uhr traf die Nachricht ein, daß die am Start in Hamburg erschienenen und landesweit bekannten Piloten Horn und Baierlein nicht mehr starten würden. Am Nachmittag des 06.Juli fand die Beerdigungsfeier für die beiden durch den Haubitzenfehlschuß getöteten Kanoniere Schilling und Hensel vom Feldartillerieregiment Nr.9 statt. Im Barackenlazarett hielt Pastor Hansen aus Itzehoe für jeden der beiden verstorbenen Soldaten eine besondere Trauerrede. Dann setzte sich der Trauerzug in Bewegung. Dem Sarg folgten die zweite und sechste Batterie des Feldartillerieregiments Nr.9, ferner Abordnungen der Feldartillerieregimenter Nr.45, 24 und 60, außerdem der Magistrat der Stadt Itzehoe und sämtliche militärischen Vereine Itzehoes sowie das gesamte Offizierskorps des Feldartillerieregiments Nr.9, darunter auch der bei dem Unglück verletzte Leutnant Böhm. Unter den Klängen des Trauermarsches "Deutschlands Dank an seine Helden", gespielt von der Kapelle des Feldartillerieregiments Nr.9 bewegte sich der Zug zum Bahnhof. Die Särge waren auf zwei mit Grün und Kränzen geschmückten Leiterwagen aufgebahrt. Vor dem Zug wurde ein allgemeines Gebet gesprochen, worauf General von Bonin und Oberst von Dithfurth sowie die übrigen Offiziere den anwesenden Hinterbliebenen ihr Beileid aussprachen. Dann löste sich der Zug auf. Zur Untersuchung des Fehlschusses trafen am gleichen Tag ein General und zwei Auditeure (Ankläger bei einem Militärgericht) ein. Das Generalkommando des IX.Armeekorps teilte mit: In dem Befinden des auf dem Truppenübungsplatz am 03.Juli verletzten Oberleutnants König sei wiederum eine deutliche Verbesserung eingetreten; er befinde sich außer Gefahr. Auch der Zustand des Unteroffiziers Freudenreich und des Sergeanten Wulff hätte sich gebessert; letzterer hatte eine Nierenverletzung erlitten, sein Befinden wäre ebenfalls zufriedenstellend. Mitte Juli war es amtlich, außer dem hier neu aufzustellenden III.Bataillon des Infanterieregiments Nr.163 würde auch das neue lauenburgische Fußartillerieregiment Nr.20 hier so lange seine Garnison im Barackenlager erhalten, bis die neu zu bauenden Kasernen in Altona fertig gestellt waren. In den letzten Tagen des Juli wurde die Besichtigung der Artillerieregimenter Nr.9, 45, 24 und 60 durchgeführt, besonderes Augenmerk wurde auf die Vorbereitung und Durchführung des Feuerkampfes gelegt. Um die Sache wirklichkeitsnah und kriegsmäßig zu gestalten, mußte das Einrücken in die Feuerstellung möglichst schnell erfolgen. Bereitstellungsraum für die zu besichtigende Abteilung des Feldartillerieregimentes Nr.45 war zwischen Hoffnung und Mühlenbarbek. Die Abteilung, 18 Geschütze und 18 Munitionswagen mit je sechs Pferden bespannt, raste im Galopp durch das Dorf, wobei ein Pferd von der Bespannung eines Munitionswagens auf dem glatten Pflaster stürzte und eine Strecke mitgeschleift wurde. Westlich vom Dorf kurz vor Erreichen der Feuerstellung brach eine Deichsel und ein Munitionswagen stieß gegen einen Alleebaum, wobei ein Kanonier und ein Fahrer verletzt wurden. Ein Krankenwagen brachte sie ins Lazarett. Die Bewohner von Mühlenbarbek, abgesehen von der Jugend, sahen die Aktion auf der öffentlichen Straße als eine Rücksichtslosigkeit an, weil während derselben Zeit jeglicher Fuhrwerksverkehr ruhen mußte. Vier Pferde, die sich bei Unfällen während des verrückten gallopierens die Beine brachen, mußten getötet werden. Die weiteren Abteilungsbesichtigungen, die nach gleichem Muster ablaufen sollten, wurden daraufhin sofort abgebrochen. Kurz nach dem Vorfall in Mühlenbarbek nahm die 35.Infanteriebrigade, mit den Regimentern Nr.84 und 86, ihre Schieß- und Geländeübungen auf. Diese dauerten bis zum 15.August. Bei den Regimentern wurde vor dem Gruppengefechtsschießen jeweils der Auftrag an den Gruppenführer erteilt seine Korporalschaft zur Geländeüberwachung einzusetzen, dabei hatte er jedem einzelnen Schützen den Beobachtungs- und Wirkungsbereich zuzuweisen. Die Infanteristen hatten sich gerade im Lager eingerichtet, als die Husarenbrigade mit den Regimentern Nr.15 und 16 zu Regiments- und Brigadeübungen, die ebenfalls bis zum bis zum 15.August dauerten, ein. Auf dem Hin- und Rückmarsch passierten die Wandsbeker Husaren jeweils die Ortschaften Barmstedt und Kellinghusen. In Barmstedt und Umgebung machten die Husaren Quartier. Die Schleswiger Husaren führten ihren Landmarsch auf direktem Wege durch, sie machten Quartier in der Kaserne in Rendsburg. Bei den zu diesem Zeitpunkt übenden Husarenregimentern Nr.15 und Nr.16 sowie dem Infanterieregiment Nr.84 waren etwa 40 Mann an Darmkatarrh erkrankt und in das Barackenlazarett gebracht worden. Von den maßgebenden Stellen wurde vorsorglich erklärt, daß keinerlei Anlaß zu Besorgnissen vorläge. Nach drei Tagen wurde gemeldet, daß die an Darmkatarrh erkrankten Soldaten bis auf vier wieder genesen waren. Die Entlassung aus dem Barackenlazarett war allerdings noch nicht erfolgt. Laut Kommandanturbefehl war der Zutritt zum Lager für Zivilpersonen vorläufig gesperrt, dies hatte nicht nur mit den Erkrankungen zu tun, sondern auch mit der Vorbereitung des Korpsmanövers, das Mitte August unter Beteiligung der 17. und 18.Division sowie der dem Korps unterstellten Truppen im Bereich des Lockstedter Lagers stattfinden sollte. Anfang August wurde Klage darüber geführt, daß es in letzter Zeit wiederholt vorgekommen war, daß Zivilfuhrwerke und einzelne Zivilpersonen die Rendsburger Chaussee während des Scharfschießens der Artillerie unbefugt betreten haben. Die Warnung des Postens auf der Chaussee war von den betreffenden Personen nicht beachtet worden. Der Landrat wies daher erneut darauf hin, daß das Passieren der gesperrten Rendsburger Chaussee während des Schießens der Artillerie stets mit Lebensgefahr verbunden sei, da es sehr häufig vorkäme, daß Geschosse direkt über der Chaussee krepierten. Wer während des Scharfschießens unbefugt öffentliche Wege innerhalb des Truppenübungsplatzes beträte, würde mit einer Geldstrafe bis zu 30 Mark bestraft, könne die Strafe nicht bezahlt werden wäre eine entsprechende Haftstrafe anzutreten. Die am 20.Juli im Lager formierte, zirka 980 Mann starke Reservefeldartillerie Abteilung hatte ihre, nach Meinung einiger Reservisten, monotonen Übungen beendet und wurde aufgelöst. Eine der Haupttätigkeiten während der Übungen war das Auf- und Abprotzen der Geschütze, Munition schleppen und stundenlanges Waffenreinigen. Die letzten beiden Tage ging es nur darum das vom Feldartillerieregiment Nr.9 ausgeliehene Material auf Hochglanz zu bringen und zum Übergabeappell vorzubereiten. Nun standen die meisten von ihnen wieder auf dem Bahnsteig und warteten auf den Zug, der sie nach Hause bringen sollte. Auch die im Juli aufgestellte Übungseskadron, die für das "Bauen von Türken" eingeschliffen worden war und auch den auf dem Platz anwesenden Einheiten als Feinddarstellung dienten, wurde als solche aufgelöst. Ein Militärkonzert fand im Hotel "Stadt Hamburg" statt. Dort spielte die Kapelle des Infanterieregiments Nr.84 unter der Leitung des Musikmeisters Höpner. Da die angekündigten Streichkonzerte stets großen Anklang fanden, war eine große Besucherzahl selbstverständlich, trotz der Menge der Militärkonzerte, die in den umliegenden Ortschaften gegeben wurden. Militärkonzerte waren auf dem Lande oft die einzigen Genüsse, auf die man nicht gern verzichten wollte. Der Generalinspekteur der 1.Armeeinspektion Prinz Friedrich Leopold von Preußen, besichtigte am 13.August die 18.Kavalleriebrigade (Husaren Nr.15 und 16) und am 14.August die 35.Infanteriebrigade (Regimenter Nr.84 und 86). Die Inspektion der Infanteristen schloß am gleichen Tag mit einer Gefechtsaufgabe, welche die 18.Division zu lösen hatte, im Gelände ab. Für diesen Zeitraum war der Truppenübungsplatzes für alle anderen Schießvorhaben gesperrt. Größere Einberufungen zu Reserveübungen erfolgten am 14. und 24.August. Am 14. wurden 582 Marinesoldaten zur Aufstellung des II.Ersatz Seebataillons, aus den Provinzen West- und Süddeutschlands, eingezogen. Die Aufstellung und Auffüllung der dritten Bataillone der Infanterieregimenter Nr.162 und 163 durch Reservisten aus dem norddeutschen Raum begann am 24., die Stärke der beiden Bataillone wurde mit 543 und 545 Mann angegeben. Die Reservisten der Infanterie waren in den Garnisonsstandorten ausgerüstet und bewaffnet worden, so daß nach dem Einrücken in das Lager unverzüglich mit dem Drill und den Übungen begonnen werden konnte. Die Luftschiffeuphorie hatte die ganze Nation angesteckt. Im Norden hatte man die Schiffe häufig in der Ferne vorbeiziehen gesehen, jedoch aus der Nähe - das war nur denen vergönnt, die schon einmal auf dem Luftschiffhafen in Hamburg-Fuhlsbüttel waren. Jetzt sollte sich das ändern! Aufmacher in den Zeitungen zu Beginn des August, das Luftschiff "Hansa" war vom Nordmarkverein (Gruppe Steinburg) zu einer Fahrt nach Itzehoe gechartert worden. Die "Hansa" würde am 04.September, morgens gegen 10:00 Uhr in Itzehoe ankommen und landen, hier würde ein Passagierwechsel vorgenommen und danach die Rückfahrt nach Hamburg angetreten. Der Landeplatz würde noch bestimmt und veröffentlicht werden. Um den Kaiserpreis im Schießen mit Infanteriewaffen wurde am 18. auf den Schießbahnen gekämpft. Daran beteiligten sich fünf Kompanien des IX.Armeekorps: 5./31, 10./86, 3./90 und 1./162. Errungen wurde die Schießauszeichnung von der 3.Kompanie des Großherzoglich Mecklenburgischen Füsilierregiments Nr.90 aus Rostock. Der Kaiserpreis war zuletzt im Besitz der 3./84. Durch die stärker werdende Nutzung des Lagers durch Truppen des IX.Armeekorps reichten die örtlichen Bahnhofsanlagen nicht mehr aus. Deshalb wurde eine Vergrößerung des Bahnhofs geplant. Die Kosten für die Baumaßnahme würden sich auf etwa 80.000 Mark belaufen. Dabei sollte die nur 140 Meter lange Laderampe, deren ungenügende Länge das Ver- und Entladen von Militärzügen erschwerte, auf die doppelte Länge gebracht werden. Anläßlich der Anwesenheit Seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs von Mecklenburg - Schwerin wurde dem Pächter des Offizierkasinos, Hoftraiteur♦ C.Bech dadurch eine besondere Ehrung zu teil, daß der Großherzog ihm für die vorzügliche Verpflegung und Bewirtung persönlich eine fein gearbeitete Anstecknadel mit Brillanten überreichte. ♦Anmerkung: Traiteur ist die Berufsbezeichnung für einen in traditioneller, französischer Küche ausgebildeten Koch, der sich zum Koch hochstehender Persönlichkeiten emporarbeitete. Er ist ein qualifizierter Koch oder Küchenchef, der Erfahrung als Gardemanger, Saucier, Entremetier und Pâtissier etc. gesammelt hat und für die Planung von Speisefolgen, auch bei Festivitäten verantwortlich ist. In diesem Falle ist davon auszugehen, das der Pächter an einem Adelshof gekocht hat. Wegen der bevorstehenden Herbstübungen wies die Post wieder auf die Wichtigkeit der Anwendung richtiger und deutlicher Aufschriften bei den Postsendungen ins Manövergebiet hin. Zu einer genauen Adresse würden der Familienname, möglichst auch der Vorname, Dienstgrad und Truppenteil (Regiment, Bataillon, Kompanie, Eskadron, Batterie, Kolonne usw.) gehören. In der Regel sollte auch der ständige Garnisonsort angegeben werden, nötigenfalls der Zusatz "oder nachzusenden". Die Angabe eines Marschquartiers empfähle sich nur dann, wenn genau bekannt und vorauszusehen wäre, daß die Sendung so zeitig an dem angegebenen Bestimmungsort ankäme, daß sie vor dem Weitermarsch ausgehändigt werden könnte und die Abholung der Post sichergestellt sei. Oft ließen die Regimenter oder Truppenteile ihre Postsachen bei verschiedenen Postanstalten abholen. Eine genaue und richtige Adresse wäre deshalb bei allen Sendungen an Offiziere oder Mannschaften im Manöver unentbehrlich. Mangelhafte oder ungenaue Adressen verzögerten die Ankunft der Sendungen erheblich. Zur großen Manövervorbereitung rückte am 23. das Pionierbataillon Nr.9 aus Harburg ein, damit hatte die Sommerbelegung des Lagers mit Truppen des IX.Armeekorps ihr Ende erreicht. Die zur Zeit hier liegenden verstärkten Infanterieregimenter Nr.162 und 163 aus Lübeck und Neumünster, sowie die mecklenburgischen Dragonerregimenter Nr.17 und 18 aus Ludwigslust und Parchim werden am 31.August bzw. 01.September das Lager verlassen, um mit der Eisenbahn ins Manövergebiet befördert zu werden. Es wird ein aus allen Waffengattungen zusammengesetztes Wachkommando in Stärke von 65 Mann zurückbleiben. Damit waren auch die vielen Hafer-, Heu- und Brottransporte, welche täglich vom Proviantamt Itzehoe im Lager eintrafen, nicht mehr notwendig. Die zur Verstärkung der dortigen Militärbäckerei kommandierten Bäcker und Helfer wurden bereits am 26.August wieder in ihre Garnisonen Rendsburg und Altona entlassen. Zum Abschluß der Brigadeübungen fanden Ende August die letzten Besichtigungen statt. Das Pionierbataillon nahm mehrere Sprengübungen vor, die der Demonstration der Sprengwirkungen dienten. Die mecklenburgischen Dragonerregimenter Nr.17 und 18 und die Infanterieregimenter Nr.162 und 163, sowie das Pionierbataillon Nr.9 verließen das Lager in Richtung Stormarn. Dort würde das Pionierbataillon im Verein mit einem Infanterieregiment bei Schwarzenbek eine befestigte Feldstellung einrichten, auf welche einige Angriffe gefahren werden sollten. Bei den Angriffsübungen würde auch Fußartillerie mit schweren Haubitzen zum Einsatz kommen. Für die Bespannungsabteilung des hier am 01.Oktober neu formierten Fußartillerieregiments Nr.20 in den ersten Tagen des September ein Transport von 53 schweren kaltblütigen Zugpferden eingetroffen. Da der Schießplatz für die Schußweite der großen Geschütze der Fußartillerie nicht genügte, war man allgemein der Ansicht, daß eine Vergrößerung des Schießplatzes in Richtung Silzen und Peißen erfolgen mußte. Aus amtlichen Quellen verlautete darüber jedoch nichts. Die Aufstellung des III.Bataillons des Infanterieregiments Nr.163 sollte am 01.Oktober durch vier Kompanien der Infanterieregimenter Nr.75, 84, 85 und 86 erfolgen. Die Truppenteile und Ausrüstung würden mit der Bahn zum dem Lockstedter Lager geschafft. Dort sollten die Soldaten bis zur Fertigstellung der Kaserne in Heide bleiben, wohin später das Bataillon verlegt werden würde. Das Bataillon konnte sich darauf einrichten, noch lange auf die Verlegung zu warten, denn die Bauten waren noch nicht begonnen worden. Für die verheirateten Offiziere und Beamten, die dem Bataillon zugeteilt wurden, sollte versucht werden, nach Möglichkeit Unterkunft in Itzehoe zu beschaffen. Um das zu erreichen, setzte sich die Kommandantur mit der Stadtverwaltung Itzehoe in Verbindung. Das dortige Stadtbauamt stellte daraufhin durch eine Umfrage fest, in welchem Umfange von der Einwohnerschaft Wohnungen an Offiziere vermietet werden könnten. Die "Hansa" kommt, das war am Sonntag, dem 22.September die Losung. Ganze Scharen von Zuschauern begaben sich mit der Bahn, dem Auto oder Fahrrad zum Landeplatz Schmabek. Diesmal sollten die Erwartungsvollen nicht enttäuscht werden. Das Luftschiff landete gegen 16:15 Uhr auf dem von mehreren Tausend Menschen umsäumten Landeplatz. Gegen 14:30 Uhr wurde das Luftschiff in südlicher Richtung gesichtet. Es flog ostwärts des Landeplatzes über Wrist und Brokstedt bis Neumünster, dann kam es zurück und flog Kellinghusen als Orientierungshilfe an. Die Hauptstraße des Ortes, die Kirche und das Rathaus wurden überflogen, über Overndorf erfolgte der Kurswechsel nach Itzehoe. Die Straßen entlang der Flugstrecke waren mit Menschen bevölkert, einige waren auf das Dach des Hauses gestiegen um das Schiff länger sehen zu können, die meisten winkten hoch zum Luftschiff. Die Insassen der Gondel erwiderten den Gruß. Über die Fahrt wurde später in der Zeitung folgendes berichtet: "Die schon mehrfach aufgeschobene Landungsfahrt nach Itzehoe wurde am Sonnabend nachmittag unter Leitung des Diplom Ingenieur Dörr ausgeführt. Mit zwölf Passagieren, Herren und Damen aus Itzehoe, stieg das Schiff um 14:07 in Hamburg auf. Die Fahrt ging über Pinneberg, Elmshorn, Barmstedt, Neumünster, Kellinghusen nach Itzehoe, das 16:03 Uhr erreicht war. Der Landungsplatz war eine große Weide nordöstlich von der Stadt. Hier hatte sich eine große Menschenmenge aus der Stadt und den benachbarten Gemeinden angesammelt und wartete mit Spannung auf die längst ersehnte Ankunft der "Hansa". Als sie um 16:11 Uhr landete, brach ein ungeheurer Jubel los. Die Absperrung war gut, als aber das Schiff glatt landete, brach das Publikum durch die Absperrungskette. Amtsgerichtsrat Fülscher hielt eine längere Ansprache und feierte den Grafen Zeppelin als kühnen Luftbezwinger, begeistert stimmte die Menge in das Hoch. Darauf wurde dem Führer der Ehrentrunk gereicht. Nachdem Passagierwechsel durchgeführt war, trat die "Hansa" 16:27 Uhr die Rückfahrt mit 12 Passagieren an. Die Fahrt ging über Wilster nach Brunsbüttel und von dort die Elbe aufwärts über Glückstadt, Schulau nach Hamburg. Über Hamburg wurde eine Schleife gefahren und dann erfolgte auf dem Flugplatz Fuhlsbüttel um 18:34 Uhr die glatte Landung. 18:41 Uhr lag das Schiff geborgen in einer Halle. Die Fahrt erfolgte bei einer Windstärke von vier bis sechs Sekundenmetern." Anmerkung: Das Luftschiff Hansa wurde im Ersten Weltkrieg LZ 13. Die Hansa wurde mit der Jungfernfahrt am 30.Juli 1912 in Dienst gestellt. War seit Oktober 1913 von der Marine gechartert, um als Schulschiff zu dienen. 1916, da veraltet, außer Dienst gestellt und abgewrackt. Das definitive Ende der Übungssaison der Truppen im Lager war der 26.September, es waren keine übenden Truppenteile mehr auf dem Gelände, die Nachkommandos hatten ebenfalls den Rückmarsch angetreten. Am 28. trafen bereits Offiziere, Stabsoffiziere und Zahlmeister für die neuzubildende Infanterie- und Fußartillerietruppe ein. Die Stammkompanien bezogen drei Tage später das Lager. Das Gros der Offiziere nahm Wohnung in Itzehoe. Der Garnisonsverwaltungsinspektor Dunker, welcher 16 Jahre lang Verwaltungschef der Garnisonsverwaltung war, wurde zum Verwaltungsdirektor ernannt und mit Wirkung vom 01.Oktober nach Altona versetzt. An seine Stelle trat Inspektor Stange vom Truppenübungsplatz Hammerstein in Westpreußen. Seit dem 01.10. stellte das IX.Armeekorps im Lockstedter Lager das Lauenburgische Fußartillerieregiment Nr.20 und das III.Bataillon Schleswig-Holsteinisches Infanterieregiment Nr.163 auf. Das III.Bataillon des Infanterieregiments Nr.163 sollte gemäß Planung am 01.10.1914 nach Heide in Garnison verlegt werden. Gemäß A.K.O. vom 01.01.1913 erhielt das Bataillon die Fahne mit Verleihungsurkunde. Die Planung für das Fußartillerieregiment Nr.20 sah vor, daß das I. und II.Bataillon nach abgeschlossener Aufstellung zum 01.10.1914 nach Altona verlegen würde, jedoch wurde die Verlegung infolge des Kriegsbeginns nicht wirksam. Das Fußartillerieregiment Nr.20 hatte bis 1919 als Garnison das Lockstedter Lager. Der Stab des Regimentes jedoch war in Itzehoe untergebracht. Ein plötzlicher Umschlag des Wetters trat am 02.Oktober ein. Das Barometer sank auf 735 mb (Sturm) und ein orkanartiger Wind fegte über das Land und hatte an den noch mit Frucht besetzten Obstbäumen schweren Schaden verursacht. Die Ursache des Sturms waren unterschiedliche Druckgebiete an der englischen Küste und in der südlichen Nordsee, die dort wütenden Stürme richteten in diesen Regionen großen Schaden an. Bereits am Abend trat bei steigendem Barometer wieder ruhigeres Wetter ein. Der amtlich festgesetzte, ortsübliche Tagelohn betrug für das Lockstedter Lager 2,80 Mark. Das Personal für das neugebildete Lauenburgische Fußartillerieregiment Nr.20, wurde am 03. in Sonderzügen zur neuen Garnison transportiert und war am Abend vollzählig eingetroffen. Das Regiment setzte sich zusammen aus 2 Batterien des Fußartillerieregiments Nr.11 in Marienburg und Thorn, 3 Batterien des Fußartillerieregiments Nr.1 aus Pillau, 1 Batterie des Fußartillerieregiments Nr.6 aus Neiße und 1 Batterie des Fußartillerieregiments Nr.15 ebenfalls aus Thorn. Die Zusammenstellung des III.Bataillons der 163er aus vier Kompanien der Infanterieregimenter der 18.Division war abgeschlossen. Als zu Anfang der ersten Woche des Oktober das Sibbertsche Gespann damit beschäftigt war, die für das neue Fußartillerieregiment Nr.20 mit der Eisenbahn eingetroffenen großen Geschütze abzufahren, geriet auf der Lagerchaussee in der Nähe des Ladenneubaues von Mohr das Kind des Friseurs J. unter die Pferde und es befand sich in der Gefahr, überfahren zu werden. Als der im Laden beschäftigte Bauarbeiter Hansen dies bemerkte, stürzte er nach draußen, dabei vergaß er, daß bereits vor kurzem die große Ladenscheibe eingesetzt worden war und zertrümmerte diese vollständig. Dabei verletzte er sich an den Händen und im Gesicht, glücklicherweise nur leicht. Aufgrund des Scheibenklirrens hielt der Fuhrmann das Gespann abrupt an, um zu sehen was geschehen war, diese Zeit nutzte unterdessen ein Kindermädchen, um das Kind unversehrt unter der Kanone hervorzuziehen. Die so genannte "Sommerzeit", eine Maßregel, wonach in der Nacht zum 01.Mai alle Uhren um eine Stunde wieder zurückgestellt werden sollten, beschäftigte nach wie vor die Handelswelt. Nachdem bereits im preußischen Herrenhause die Einführung der Sommerzeit angeregt worden war und sich der Deutsche Handelstag für ihre reichsgesetzliche Regelung ausgesprochen hatte, hatte die Handelskammer in Hanau die Einführung der Sommerzeit befürwortet, Zitat: "Dadurch würde das körperliche wie geistige Sein und Arbeiten um eine volle Stunde länger der helle und der Sonne teilhaftig werden und damit die Volksgesundheit, die Leistungsfähigkeit und die Lebensfreudigkeit eine unabsehbare Förderung erfahren". Obschon in England die Agitation dafür viel stärker war als in Deutschland, hatte man sich bisher für die Einführung des "Sommertages" noch nicht entschließen können. Das neue Fernsprechverzeichnis für Kellinghusen, Brokstedt und Lockstedter Lager war im Verlag des "Stör Boten" in revidierter und vervollständigter Auflage erschienen. Gegenüber dem Vorjahr wies das neue Verzeichnis erhebliche Änderungen auf, in Lockstedter Lager war die Zahl der Anschlüsse von 16 auf 18 gestiegen. Der Preis des einzelnen Verzeichnisses betrug 20 Pfennig. Ende Oktober. Die Untersuchungen über den schweren Unglücksfall, der sich am 03.Juli beim Scharfschießen des Feldartillerieregiments Nr.9 ereignet hatte, war durch das vom Kaiser bestätigte Kriegsgerichtsurteil abgeschlossen worden. Wie festgestellt wurde, schlug durch seitliche Abweichung beim Zielen ein Geschoß der Feldhaubitzen in den steinernen Beobachtungsturm Nr.5, indem sich zwei Offiziere, drei Unteroffiziere und zwei Kanoniere befanden, ein. Die beiden Kanoniere wurden durch Steintrümmer sofort getötet, Oberleutnant König sowie Unteroffizier Freudenreich schwer, die übrigen Personen leicht verletzt. Von den Militärbehörden wurde eine Untersuchung eingeleitet, die dazu führte, daß der Leiter der Schießübung, der Kommandeur der II.Abteilung des Feldartillerieregiments Nr.9, Major Opitz, wegen Fahrlässigkeit vor das Kriegsgericht gestellt wurde. Das Kriegsgericht hatte an Ort und Stelle eingehende Beweisaufnahme vorgenommen und aufgrund der Verhandlung war Major Opitz freigesprochen worden. Der schwerverletzte Oberleutnant König war gesund und hatte seinen Dienst wieder angetreten. Der Unteroffizier d.R. Freudenreich war ebenfalls geheilt und entlassen worden. 01.November, eigentlich der Tag an dem normalerweise der Dienstbotenwechsel vollzogen wurde, diesmal war aber von einem Personalaustausch wenig zu merken, das hatte verschiedene Gründe. Ein Hauptgrund war, daß die Lohnzahlungen besonders an die männlichen Arbeitnehmer nicht mehr wie früher halbjährlich, sondern in kürzeren Zeiträumen, monatlich oder wöchentlich erfolgte. Dadurch fiel aber auch auf, daß das Einkaufen an den so genannten Ziehtagen weniger geworden war. Am Samstag, dem 23.November war viel Bewegung im Lager und auf den Wegen im Ort. Heute wurde in getrennten Veranstaltungen, zeitversetzt, die feierliche Vereidigung von ungefähr 800 Rekruten des Fußartillerieregiments Nr.20 und des III.Bataillon des Infanterieregiments Nr.163 durchgeführt. Die Kapellen der Artilleristen und der 163er untermalten die feierliche Zeremonie. Zwölf Artilleristen standen an den drei auf dem Geschützpark aufgestellten Kanonen, sie sollten die Eidesformel für alle sprechen. Die 163er schworen den Eid auf die Regimentsfahne, da sie noch keine Bataillonsfahne hatten. Die Eidesformel war die gleiche: "Ich (Name des Rekruten) schwöre zu Gott dem Allwissendem und Allmächtigen einen leiblichen Eid, daß ich Seiner Majestät dem König von Preußen Wilhelm II., meinem Allergnädigsten Landesherrn, in allen Vorfällen, zu Lande und zu Wasser, in Kriegs- und Friedenszeiten und an welchen Orten es immer sei, treu und redlich zu dienen, Allerhöchsten Nutzen und Bestes befördern, Schaden und Nachteil aber abwenden, die mir vorgelesenen Kriegsartikel und die mir erteilten Vorschriften und Befehle genau befolgen und mich so betragen will, wie es einem rechtschaffenen, unverzagten, pflicht- und ehrliebendem Soldaten eignet und gebühret." Die Bekräftigung der Formel war abhängig von der Konfession, so bekräftigten katholische Rekruten den Eid mit: "So wahr mir Gott helfe und sein heiliges Evangelium", evangelische Rekruten schlossen mit: "So wahr mir Gott helfe durch Jesum Christum zur Seligkeit". Tagesgespräch war im Ort der Einbruch in das neben dem Bahnhof liegende Haus des Gemeindevorstehers Saß in der Nacht zum 23.November. Die Einbrecher stiegen nachts durch ein Fenster des Hinterhauses und durchsuchten in aller Ruhe die Räume, sie erbeuteten unter anderem Silbersachen im Werte von etwa 200 Mark, bedienten sich aber auch an den vorgefundenen Lebensmitteln. Ehe im nächsten Jahre die Sommerbelegung des Lagers durch Truppen erfolgen würde, sollte der geplante Neubau mehrere massiver Baracken im Bereich der Gravelotte Straße abgeschlossen sein. Die Baracken sollten nach den Plänen der Baracke M 1 erstellt werden. Der Photograph Vahlendick aus Kellinghusen hatte an der Kieler Landstraße in der Nähe des Haupteinganges, neben Hülsigns Hotel ein neues Geschäftshaus mit fünf Läden bauen lassen. Am 02.Dezember waren bereits alle Ladenlokale vermietet. Es hatte sich bei allen örtlichen Geschäften ein Aufschwung bemerkbar gemacht, welcher eine Folge der 1.500 Mann starken Garnison war. (In besagtem Gebäude hat heute wieder ein Fotograf sein Geschäft.) Ein Handelsvertreter suchte verschiedene im Ort beschäftigte Kellner an ihren Arbeitsstellen auf, um ihnen in einem Prospekt Berufsbekleidung und eine Stoffprobe zu zeigen und von ihnen möglichst eine Bestellungen eines eleganten Fracks entgegen zu nehmen, den eine Leipziger Firma günstig liefern sollte. Der Handelsreisende ließ sich 10 Mark anzahlen. Die Kleidungsstücke sind nie eingetroffen. Wahrscheinlich waren die Kellner einem Schwindler in die Hände gefallen. Bericht aus dem Steinburger Heimatbuch Band II1913Während in den früheren Jahren die Reserveregimenter und -abteilungen in den Monaten Juli bis September auf dem Truppenübungsplatz zusammengestellt wurden, würde dies in diesem Jahre bereits in den Monaten Februar/März geschehen, die Vorbereitungen dafür liefen aber schon im Januar an. Die frühzeitige Zusammenziehung hatte seinen Grund darin, daß das Lockstedter Lager mit Truppen belegt war, die im Herbst 1912 neu formiert wurden und erst im Laufe des nächsten Jahres Unterkunft in den Kasernen ihrer Standorte finden würden. Außerdem war im Sommer der Übungsplatz andauernd voll belegt und kam für Reserveübungszwecke nicht mehr in Frage. Die feierliche Übergabe der neuen Fahne an das III.Bataillon des Infanterieregiments Nr.163 fand am 10.Januar auf dem Geschützpark des Übungsplatzes statt. Wegen Auftretens von Diphtherie mußte die örtliche Schule den Unterricht für längere Zeit schließen. Die Infektionskrankheit hatte im Kreis zu diesem Zeitpunkt schon zwei Opfer gefordert. Zum Bau von zwei Stellwerken auf dem Bahnhof waren für das Haushaltsjahr im Eisenbahnetat 50.000 Mark vorgesehen. Garnisonsverwaltungsdirektor Stange war als Schiedsmann für den Schiedsmannsbezirk Gutsbezirk Lockstedter Lager bestätigt worden. Der Militärverein stimmte sich am 26.Januar in seinem Vereinslokal auf die diesjährigen Geburtstagsfeier S.M. des Kaisers und Königs ein. Eine überaus große Zahl von Besuchern hatte sich eingefunden, in kameradschaftlicher Verbundenheit des Tages des Herrschers zu gedenken. In seiner Festrede betonte der Vorsitzende des Vereins das Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen Kaiser und dem deutschen Volk. - Zwei Theaterstücke und ein Vortrag fanden durch die frische und muntere Ausführungsweise einen vollen Erfolg und ernteten starken Beifall. Der danach beginnende Tanz hielt die Kameraden und ihre Angehörigen noch lange in der gemütlichen Stimmung beisammen. In der Schule fand ebenfalls eine Feier zum Geburtstag des Kaisers statt. Dem Sergeanten Rehder der 5.Batterie wurde anläßlich eines Geschützexerzierens vom Sporn eines Geschützes die Spitze des Stiefels, der große Zeh sowie die Spitze des zweiten Zehs glatt abgetrennt. Rehder hatte sich als Geschützführer direkt hinter dem Geschütz zur Beobachtung aufgestellt; als das Geschütz abgefeuert wurde, bohrte sich der Sporn nicht sofort ein, sondern die Lafette glitt infolge des gefrorenen Bodens eine Strecke zurück, wo der Sergeant stand, so daß er vom Sporn getroffen wurde. Rehder wurde sofort ins Lazarett gebracht und noch am Nachmittag ins Garnisonslazarett nach Altona überführt. Am 05.Februar nahm das Infanterieregiment Nr.31 seine Winterschießübungen auf und zwar bataillonsweise, je Bataillon waren vier Tage vorgesehen, die Maschinengewehrkompanie als besonderer Formation war sechs Tage auf dem Platz. Die Übungen der Regimenter Nr.76 und 163 schlossen sich an, Mitte März folgten von den 85ern je zwei Kompanien des Kieler Bataillons. Das Feldartillerieregiment Nr.9 traf für einen einzigen Tag zum Schulschießen ein. Nachdem das Infanterieregiment Nr.31 das Rekruten- oder Schulschießen Ende der zweiten Woche des Februar abgeschlossen hatten, trafen am folgenden Wochenanfang sechs Kompanien vom Infanterieregiment Nr.76 aus Hamburg zu einer fünftägigen Übung ein, denen am 25.Februar die restlichen sechs Kompanien zum Schießen der Grundübungen folgten. In diese Zeit fiel auch die zweite Schließung der örtlichen Schule wegen erneuten Ausbruchs der Diphtherie. Der abgelaufene Monat Februar hatte nicht sehr viele Niederschläge gebracht. Die Gesamtmenge betrug nur 37,1 mm gegenüber 89,2 mm des vergangenen Jahres. Schnee fiel an vier Tagen, teilweise aber nur Spuren. Kaum hatte das hamburgische Infanterieregiment Nr.76 das Schulschießen im hiesigen Gelände abgeschlossen, nahm das Infanterieregiment Nr.163 aus Neumünster die Übungen auf und zwar übte bis zum 08.März das erste und anschließend bis zum 15.März das zweite Bataillon. In der zweiten Hälfte des Monats schloß sich das dritte Bataillon vom Infanterieregiment Nr.85 zu je zwei Kompanien auf dem Übungsplatz an. Zum ersten Male sollte in diesem Jahr bei den Manövern die Militärpost, für Truppenteile, die sich im Manövergelände befinden, versuchsweise mit Flugzeugen transportiert werden. Die Post würde zu bestimmten Abgangsstationen gebracht, dort in Säcke verpackt und auf die Flugzeuge zur Weiterbeförderung verladen. Es war die Rede davon, daß das Verfahren mit Einheiten, die im Lockstedter Lager übten, erprobt werden sollte. Das Standesamt meldete für den Monat Februar, daß dem Maschinisten Heinrich Petersen, Hugo Burghause und dem Arbeiter Heinrich Friedrich Kortüm ein Sohn geboren wurde daneben wurden sechs uneheliche Kinder, 3 Jungen und drei Mädchen geboren. Der Kommandierende General des IX.Armeekorps von Quast kam Anfang April ins Lager, um das hier zusammengestellte Reserve Infanterieregiment Nr.1 zu besichtigen. Am 12.April wurde in Kiel ein neues Reserve Infanterieregiment zusammengestellt. Dasselbe kam in einem Sonderzug zu einer vierzehntägigen Übung hierher. Die Reserveoffizierskompanie, gebildet aus Angehörigen des IX.Armeekorps, war aufgelöst worden, die Soldaten hatten das Lager am 09.April verlassen. Mit Genugtuung quittierte im April die Bevölkerung, daß die Haushaltskommission des Reichstages es nach eingehender Debatte ablehnte, die im Militärhaushalt beantragten Zuwendungen für die Pferdehaltung der Generale zu genehmigen. Nach dem Antrag sollte das Pferdegeld in einem achtjährigen Turnus für einen General 2.400, für die übrigen Offiziere 1.500 Mark jährlich betragen. Die Zentrumspartei beantragte die Streichung der Pferdegelder für Generale, wodurch jährlich 800.000 Mark gespart werden würden. Kriegsminister von Heevingen dagegen bat eindringlich um Annahme der Forderungen, da sonst die minderbemittelten Obersten vor die Wahl gestellt würden, ihren Abschied zu nehmen oder zu borgen. Er, der Minister, habe bei seinen Pferdeankäufen bisher 25.000 Mark zugesetzt. Ein konservativer Antrag, es wenigstens noch ein Jahr beim Alten zu belassen, wurde abgelehnt und der Zentrumsantrag mit der Begründung angenommen, daß die Generalsgehälter hoch genug wären und auch für den Pferdeankauf ausreichten. Die Offiziere vom Oberst abwärts bezögen die Pferdegelder weiterhin. Auch über den Luxus von einigen Offizierskorps wurde gesprochen. Am 28.April wurde der Kanonier Oldenburg aus Hassendorf bei Eutin, der im Fußartillerieregiment Nr.20 diente, in Kellinghusen beerdigt, er war an Diphtherie im Lagerlazarett gestorben. In den Verwaltungsvorschriften für Militärschießplätze war bezüglich des Aufnehmens verfeuerter Zünderteile und blindgegangener Geschosse bestimmt: "Zünder mit Zündladungen, einzelne Zündladungen oder blind gegangene Geschosse dürfen unter keinen Umständen berührt werden. Dabei ist es gleichgültig, ob das Geschoß eine Granate ein Schrapnell, ob es mit Zünder versehen ist oder nicht. Der Finder hat zunächst weiter nichts zu tun, als den Fund bei dem Führer des Arbeitskommandos im Lockstedter Lager zu melden und nötigenfalls die Stelle kenntlich zu machen." Die Bewohner der in der Nähe des Truppenübungsplatzes belegenen Ortschaften wurden vom Landrat besonders auf diese Vorschrift hingewiesen und vor dem Aufnehmen irgend welcher Geschoßteile, wegen der damit verbundenen Lebensgefahr dringend gewarnt. Während einer eintägigen kombinierten Übung der I.Abteilung des Feldartillerieregiments Nr.9 und dem Infanterieregiment Nr.163 Anfang Mai, scheute aus nicht bekannter Ursache das Gespann eines Geschützes. Durch das durchgehende Gespann wurden 2 Soldaten schwer verletzt, sie wurden umgehend ins Garnisonslazarett nach Altona gebracht, wo einer der Kanoniere an den Folgen seiner Verletzungen einen Tag später verstarb. Die 81.Infanteriebrigade, bestehend aus den Regimentern Nr.162 aus Lübeck und 163 aus Neumünster, waren im Lager zur Durchführung der jährlichen Übungen, dies wäre nichts bemerkenswertes, aber weil das Regiment aus Lübeck zu diesem Zweck mit der feldgrauen Uniform ausgerüstet worden war, ist dies erwähnenswert. Es war das erste Mal, daß im IX.Armeekorps ein ganzes Regiment in Feldgrau übte. Anläßlich dieser Tatsache gab es viele Beobachter aus dem Korpsbereich bei der Brigadebesichtigung. Es wurde berichtet, daß die Lübecker einen besser trainierten Eindruck machten, wohl weil sie wußten, daß sie von allen beobachtet wurden. Der ursprünglich für den 15.Mai angesetzte Kursus für Offiziersaspiranten des Beurlaubtenstandes war aus organisatorischen Gründen hinausgeschoben worden und begann erst am 20.Mai. Die 33.Infanteriebrigade schloß am 07.Juni die Gelände- und Schießübungen ab und kehrte noch am gleichen Tag in die Garnisonen zurück. Während der vorangegangenen Tage war der Generalinspekteur der 3.Armeeinspektion Generaloberst von Bülow, in Begleitung des Kommandierenden Generals, Generalleutnant von Quast und anderen hohen Offizieren des Korps, zu den Besichtigungen des Infanterieregiments Nr.75 am 06. und zu der am 07.Juni auf dem Übungsplatz stattfindenden großen Gefechtsübung der 17.Division, an der auch Teile des Lauenburgischen Fußartillerieregiments Nr.20 teilnahmen, gekommen. Zum Abschluß kam auch in diesen Tagen der Ausbildungskursus für Offiziersaspiranten des Beurlaubtenstandes. Die beiden Kompanien, Aspiranten der Infanterie, Jäger, Pioniere und Seebataillone traten für vier weitere Wochen bei ihrem Stammtruppenteil an. Belegt wurde das Lager nach dem Verlassen der 33.Brigade von der 34.Infanteriebrigade, der die Mecklenburger Grenadiere Nr.89 und Füsiliere Nr.90 angehörten. Diese Truppe übte bis zum 28.Juni. Zum Brigadeexerzieren dieser Regimenter in der letzten Übungswoche traf das Jägerbataillon Nr.9 am 21.Juni ein. Während eines Übungsmarsches der Übungskompanie 3./163 unter Leitung der Offiziersaspiranten erlitten fünf Soldaten der Einheit aufgrund mangelnder Marscherleichterung einen Hitzschlag. Am 10.Juni verstarb der Musketier Birken aus Bremervörde im hiesigen Lazarett. Am Morgen des zweiten Sonntag wurde im Lager, vom besten Wetter begünstigt, unter Mitwirkung verschiedener Regimentskapellen ein Feldgottesdienst abgehalten. Zu diesem Zweck war im Geschützpark ein Altar und eine Kanzel errichtet worden, sämtliche Offiziere und Mannschaften der hier zur Zeit übenden Truppen nahmen am Gottesdienst teil. Der dritte noch im Bau befindliche Mannschaftsblock ging der Vollendung entgegen und wurde Anfang Juli übergeben. Die Bauarbeiten wurden von den Firmen des Zimmermeisters Wrigg aus Itzehoe und Maurermeisters Kröger aus Wrist ausgeführt. Nach den üblichen größeren Besichtigungen schloß die 34.Infanteriebrigade ihre Sommerübung ab, die Infanterieregimenter Nr.89, 90 und das Jägerbataillon Nr.9 kehrten in die Garnisonsorte zurück. Das Lager wurde anschließend bezogen vom Lehrbataillon der Artillerieschießschule, das bis zum 25.Juli seine Schießübungen, zum erstenmal in diesem Gelände abhielt. Dazu gesellte sich noch die 17.Feldartilleriebrigade, die Regimenter Nr.24 und 60 umfassend, mit einer Schießübungsperiode bis zum 28.Juli. Nach wie vor war das Lockstedter Lager ein Anziehungspunkt für viele Touristen aus den umliegenden Provinzen. Für die meisten Besucher war das Militär das Magnet. Anfang Juli war der Renner für die Besucher das Entladen von 3 Flugzeugen, 1 Doppeldecker und 2 Eindecker, auf dem Bahnhof des Lagers. Zusammengebaut wurden die Maschinen auf der Fläche beim Wasserturm, eingesetzt werden sollten sie in den folgenden vier Wochen bei den Übungen der verschiedenen hier übenden Regimenter. Zu den vorbereitenden Arbeiten der fliegenden Einheit gehörte auch der Aufbau von Wartungszelten. Der erste Aufstieg fand am Nachmittag des 02.Juli statt. Die Flugzeuge zogen fortgesetzt die Aufmerksamkeit der Besucher auf sich. Die Soldaten der Fliegereinheit hielten die Besucher von den Flugzeugen und Zelten fern. Bei den Übungsflügen der Fliegerabteilung ereignete sich am 08.Juli ein Unfall, der glücklicherweise keine ernsten Folgen hatte. Ein Luftfahrzeugführer (Offizier) landete auf unebenem Gelände und brach mit dem Fahrwerk in einen Kaninchenbau ein. Das Flugzeug überschlug sich und wurde dabei zertrümmert, der Pilot erlitt kaum nennenswerte Verletzungen. Für das zerstörte Flugzeug wurde umgehend Ersatz und eine zusätzliche Maschine (Doppeldecker) eingeflogen. Der Doppeldecker mit dem Kennzeichen "B 13", mit 2 Offizieren an Bord, unternahm ein paar Tage später einen Dämmerungsflug in der Umgebung des Lagers, heute würde man sagen: "Day out, Night in". Wie bereits an den vorhergehenden Tagen zeigte der Doppeldecker zum Abschluß des Fluges über dem Kasernement seine fliegerischen Künste. Nach einem Flug von 20 Minuten Dauer landete das Flugzeug in einem eleganten Gleitflug wieder beim Wasserturm. Im Troß des Artillerielehrregiments war wieder der Ballonabwehrkanonenzug und die Luftzieldarstellungsgruppe mit mehreren kleinen Fesselballons eingetroffen. Auf dem Übungsplatz fand am 11.Juli ein Demonstrations Luftzielschießen statt. An diesem Tag standen drei Ballons zur Verfügung, auf welche mit den "Ballonabwehrkanonen" gefeuert wurde. Die Ballons wurden in eine Höhe zwischen 2 und 3.000 Meter aufgelassen. Der erste Ballon wurde nach dem 6. Schuß abgeschossen. Drei Tage später zerriß bei einer Übung das Seil eines Ballons, er trieb in Richtung Rade - Neumünster fort. Der Ballon wurde nördlich von Rendsburg gefunden und zum Lager zurückgeschickt, ob der Finder die vom I./FuArtRgt Nr.20 ausgelobte Belohnung erhalten hat ist nicht bekannt. In einem Nachtschießen der Artillerie wurde ein neues Verfahren erprobt. Der Scheinwerferzug des Pionierbatailllons Nr.9 war für drei Tage zur Unterstützung der Artillerie eingerückt. Auf der Bahn römisch Eins wurden die großen Scheinwerfer aufgebaut und die Grenzen des Ausleuchtgebietes ausgepflockt. Gegen 21:00 Uhr begann das eigentliche Schießen. Als Ziel wurden bewegliche Scheiben benutzt, die mit den Scheinwerfern beleuchtet wurden. Das Ergebnis der Veranstaltung war nicht befriedigend. Nach einem weiteren Versuch wurde das Verfahren als gescheitert ad Akta gelegt. Als enorme Fliegerleistung wurde der Flug des Leutnant Engwer von der Fliegertruppe gewürdigt. Er flog um 0615 Uhr mit einem Passagier vom Lockstedter Lager ab und landete 40 Minuten später auf dem Flugplatz Hamburg - Fuhlsbüttel ohne zwischendurch die Orientierung verloren zu haben. Gegen Abend starteten zwei Flugzeuge in Richtung Westerland, ein Albatros Doppeldecker und eine Taube, bemannt mit je zwei Offizieren. Der Doppeldecker war nach zirka 55 Minuten in Gegenwart von Tausenden von Kurgästen auf der Heide bei Westerland gelandet. Die Militärpiloten Leutnant von Hiddessen und Oberleutnant Brämer hatten den Flug bei relativ starkem Gegenwind in tausend Meter Höhe zurückgelegt. Nach einer Nacht auf Sylt landeten die beiden Besatzungen recht früh, gegen 07:30 Uhr wieder am Wasserturm. Nach eigenem Bekunden hatten sie eine Stunde für die Flugstrecke gebraucht. zurück zum Flugplatz Hasenheide Das Lehrbataillon der Feldartillerie Schießschule beendete am 18.Juli seine Schießübungen und kehrte nach Jüterbog zurück. Auch die Fliegerabteilung rückte in diesen Tagen wieder aus nach Döberitz. Die 17.Feldartilleriebrigade, mit den Regimentern Nr.24 und 60, schlossen ebenfalls ihre Schießübungen ab und im Anschluß daran wurde am 27.Juli eine Reserve Feldartillerieabteilung des IX.Armeekorps formiert, die ihre Übungen bis zum 11.August ausdehnte. Zum Infanterieregiment Nr.85, das am Freitag, den 25.Juli hier seine Regimentsübungen aufnahm, stieß am folgenden Montag das Regiment Nr.31, um mit dem erstgenannten Regiment im Brigadeverband zu üben. Das im Lockstedter Lager stationierte Fußartillerieregiment Nr.20 verlegte zum Truppenübungsplatz Thorn, wo es bis zum 25.August Schießübungen abhielt. Der Mannschaftsblock war gerade übergeben worden als die Maurer und Bauarbeiter einen Streik begannen. Von dem Streik waren dennoch kleinere Bauarbeiten im Lager betroffen. Zur Beilegung des Streikes fand eine Verhandlung der Arbeitgeber und Arbeitnehmer statt. In dieser Verhandlung forderten die Arbeitnehmer von den Unternehmern die Zahlung des Stundenlohnes von 69 Pfennig rückwirkend zum 09.Juni und lehnten bei Nichtannahme dieser Forderung eine Weiterverhandlung über die Beilegung des Streiks und auch eine Verhandlung über den Abschluß eines Lohntarifvertrages für das Lockstedter Lager ab. Die Arbeitgeber lehnten die Stundenlohnforderung ab. Somit waren die Verhandlungen gescheitert. Die Verhandlungen endeten am 04.August mit einem Kompromiß, 67 Pfennig Stundenlohn, rückwirkend ab Juli. Am Morgen des 05.August um 05:00 Uhr starteten Oberleutnant Steffen und Leutnant von Hiddessen mit den Beobachtungsoffizieren auf einer Taube beziehungsweise einem Doppeldecker zu einem Flug nach Norderney. Nach einer Flugzeit von über zwei Stunden landete Oberleutnant Steffen um 07:05 Uhr und Hiddessen um 07:30 Uhr. Die beiden Besatzungen flogen von Norderney direkt nach Döberitz. Die zahlenmäßig größte Belegung des Truppenübungsplatzes in diesem Sommer erfolgte am 14. und 15.August. Dann nämlich waren etwa 6.000 Soldaten anwesend, beinahe die gesamte Infanterie der 18.Division, bestehend aus den Regimentern Nr.31, 85, 84 und 86. Die Übungen wurden auch auf die Nacht ausgedehnt. Zu Unterstützung und zur wirklichkeitsfremden Ausleuchtung der Szenerie traf ein 40 Mann starker Scheinwerferzug vom Pionierbataillon Nr.9 aus Harburg ein. Die Gefechte mit wechselnden Erfolgen fanden vorwiegend im Bereich des Hohenfiert statt. Die Übungen wurden auch am Wochenende nicht unterbrochen, was auf die Feiern der zur Entlassung heranstehenden Reservisten der Reserve Feldartillerieabteilung keinen Einfluß hatte, dafür konnten die Soldaten der 18.Division ein paar Tage später das Kaiserpreisschießen verfolgen. Das Schießen der fünf besten Kompanien des IX.Armeekorps um den Kaiserpreis fand am Mittwoch, 13.August statt. Teilnehmer waren die 5.Kompanie des Infanterieregiments Nr.75, die 5.Kompanie des Infanterieregiments Nr.162, die 3.Kompanie Nr.90 aus Rostock, die das Kaiserabzeichen im letzten Jahre erhalten hatte, die 10.Kompanie des Infanterieregiments Nr.85 und die 4.Kompanie des Füsilierregiments Nr.86. Das Kaiserpreisschießen beobachtete auch der Kommandierende General des IX.Armeekorps Generalleutnant von Quast, der die Truppen im Lager besucht hatte. Wie auf Bestellung flog an diesem Tag kurz vor Beginn des Schießens der Zeppelinkreuzer "Sachsen" in mäßiger Höhe über das Lager. Das Luftschiff kam aus Richtung Hamburg und flog in Richtung Norden davon. Den Kaiserpreis gewann in diesem Jahr die 5.Kompanie der 162er. Der Festausschuß des örtlichen Kriegerverbandes hielt wegen des bevorstehenden Kreiskriegerverbandsfestes in Hülsings Hotel unter dem Vorsitz des Herrn Mohr am 15.August eine Versammlung ab, wozu nahezu alle Mitglieder, allein wegen der Wichtigkeit der Tagesordnung, erschienen waren. Als Festtag wurde Sonntag der 07.September bestimmt. Die auswärtigen Vereine, welche mit den Zügen um 12:00 Uhr, 13:14 Uhr und 14:06 Uhr einträfen, würden vom Empfangskomitee empfangen werden und mit Musik zum Empfangslokal "Zum Landhause" gebracht, wo ein Begrüßungsschoppen gereicht würde und die Festkarten gelöst werden konnten. Um 15:30 Uhr würde die Aufstellung zum Festumzug, der die Hauptstraße entlang und durch das Barackenlager geführt werde, vor dem Empfangslokal erfolgen; vor dem Hotel "Zum Hohenzollern" fände die Auflösung des Festzuges statt und die Fahnen der Vereine würden im Garten, wo ein Konzert stattfände, aufgestellt. Die Besichtigung des Barackenlagers erfolge unter Führung der Mitglieder des örtlichen Vereins. Die Beteiligung der auswärtigen Vereine verspräche rege zu werden, weil ja fast alle Mitglieder hier schon einmal eine Übung gemacht hätten. Die hiesigen Einwohner sollten aufgefordert werden, durch Ausschmückung der Straßen zum Gelingen des Festes beizutragen. Ein in Hülsings Hotel und Hotel "Zum Hohenzollern" stattfindender Ball würde der Abschluß des Festes sein. Bei dem Kantinenpächter Heinrich Steffen wurde in der Nacht ein Einbruch verübt. Der Umfang der im Lagerraum gemachten Beute konnte nicht festgestellt werden. Aufgrund eines Gesuchs der im Lockstedter Lager ansässigen Photographen hatte der Oberpräsident der Provinz denselben die Erlaubnis erteilt von den Vorschriften der Polizeiverordnung über die Heilighaltung der Sonn- und Feiertage vom 20.Februar 1896 dahingehend abzuweichen, daß sie das Photographengewerbe auch an Sonntagen von 12:00 Uhr mittags bis Eintritt der Dunkelheit ausüben dürfen. Ein vom Kellinghusener Militärverein im Lockstedter Lager veranstaltetes Wanderfest ließ Geld in den Kassen der Gaststätten klingeln. Am Sonntag, den 07.September machten sich die Teilnehmer auf den Sternmarsch zum Lager. Da das Ereignis in der Presse angekündigt worden war, hatten sich auch viele andere Vereine der Gegend angemeldet. Den ganzen Tag herrschte reges Treiben in den Straßen und im Barackenlager. Im Laufe des Abends fuhren die Besucher mit der Bahn ihren Heimatorten zu. Wie im vergangenen Jahr, wurde für die Schulen im Bezirk Kellinghusen ein Wetturnen durchgeführt. Es waren daran 400 - 500 Kinder beteiligt. Für Jungen und Mädchen fand ein Dreikampf statt, außerdem Eilbotenlauf, Mannschaftskampf, Schlag- und Faustballspiele usw. Die beste Schule erhielt das Recht, das vom Kultusminister gestiftete wertvolle Wanderbanner, um welches in diesem Jahre im Bezirk Kellinghusen gekämpft wurde, zu führen. Die Volksschule Lockstedter Lager errang bei dem Fest 25,6 Punkte und den 9.Platz. Im Dreikampf der Mädchen belegte die Schule mit 49 Punkten ebenfalls den 9.Platz. Im Faustball schlug die Mädchenriege die Gegner aus Rostorf mit 19:4. Die kriegsstarke Reservebatterie des Feldartillerieregiments Nr.9 wurde durch eine Probemobilmachung zusammengerufen, die betreffenden Mannschaften erhielten nur 3 Tage vorher durch Kriegsbeorderung Bescheid. Dazu wurden ungeübte volljährige Remontepferde, die erst wenige Tage vorher angekauft worden waren, gleich unter den Sattel genommen, so daß die ganze Zusammenstellung eine Mobilmachung im Kleinen veranschaulichte. Führer der Batterie war Hauptmann Groß vom Artillerieregiment Nr.9 aus Itzehoe. Auch aus dem großen Generalstab in Berlin waren mehrere höhere Offiziere erschienen, um der Übung beizuwohnen. Ein weiterer Hinweis auf eine ständig steigende Militarisierung. Nachdem statt neuer Baracken im letzten Jahr zwei massive Kasernen (MB 1 und 2) errichtet worden waren, beabsichtigte die Militärverwaltung, noch in diesem Jahr mit dem Bau von zwei neuen Mannschaftsblocks (MB 4 und 5) zu beginnen. Eine Zeit ging das Gerücht um, daß der Ort über Oelixdorf und Winseldorf Anschluß an das Itzehoer Gaswerk erhalten sollte, was von vielen Einwohnern begrüßt worden wäre. Jetzt schien dieser Plan jedoch ins Hintertreffen geraten zu sein; denn gegenwärtig hatte die Militärbehörde an die Geschäftsleute eine Rundfrage gerichtet, wer eventuell bereit sein würde sich an ein vom Militär zu errichtendes größeres Elektrizitätswerk anschließen zu lassen. Am 18.10. wurde aus Anlaß des einhundertsten Jahrestages der Völkerschlacht bei Leipzig, zur Erinnerung an dieses Ereignis, ein Denkmal neben dem Wachgebäude unter Anteilnahme von Militär und Bevölkerung enthüllt. Wetterbericht vom 31.Oktober: "Statt des sonst meistens um diese Zeit schon häufig einsetzenden Winterwetters haben wir eine Witterung, wie sie im Frühjahr kaum besser zu wünschen ist. Die Wärme nimmt bei den beständig aus südlicher Richtung wehenden Winden täglich zu, so daß die Lufttemperatur über 15 Grad beträgt, die selbst am Abend sich nur um einige Grade verringert; so daß die Nächte angenehm warm sind und das vor einigen Wochen schon des kühlen Wetters wegen erforderliche Einheizen jetzt kaum noch nötig ist. Im Garten blühen fast alle Sommerblumen, namentlich Rosen. Ein Spaziergang durch Wald und Feld bietet in ihrer Herbstpracht mit ihren bunten prächtigen Farbtönen an den zur Ruhe gehenden Büschen und Bäumen einen schönen Genuß. Während aus dem Osten und Westen unseres deutschen Vaterlandes vor einigen Tagen schon Schneewehen berichtet wurden, leben wir meerumschlungenen Land unserer engeren Heimat wie im Sommer. Daß die Nähe des Meeres, namentlich der Nordsee und die Wärme des Wassers, (es hat noch 10 Grad) hier auf die Temperatur eine entscheidende Rolle spielt, ist bekannt." Mitte Dezember fand eine umständliche militärische Übung an der Eisenbahnstrecke von Wrist statt. Von den Infanterieregimentern Nr.76 und 31, den Husarenregiment Nr.15 aus Wandsbek und dem Feldartillerieregiment Nr.45 aus Bahrenfeld fuhren vormittags 08:00 Uhr von dem Altonaer Güterbahnhof 50 Offiziere, 900 Mann mit 10 Geschützen und 150 Pferden mit einem Sonderzug nach Wrist; auf der freien Strecke nach Itzehoe, zwischen Wrist und Kellinghusen wurde der Zug angehalten und der Transport ausgeladen. Zu der Entladung, der nach 1 1/2 Stunden beendet war, wurden besondere Notrampen hergestellt. Die Truppen begaben sich dann zum dem Lockstedter Lager. Nach einer kleinen Rast fand dann die Verladung im Lockstedter Lager statt. 1914Das Lager gegen Ende 1914In den Baumaßnahmen nach 1900 wurden erstellt: mehrere Mannschafts- und Offiziersbaracken, letztere mit 28 Wohnungen, ein Reithaus, ein Kommandanten Pferdestall, ein Tennisplatz, Kommandanturgebäude mit Dienstwohnung, Wohngebäude für Kommandantur Offiziere und Feuerwerker, mehrere provisorische Küchen und Latrinen, 8 Kammerbaracken, das Lazarett und mehrere Döckerbaracken. Ein Pumpenhaus bei den Rieselfeldern. Die Lagerwärtergruppe bei der Kommandantur wurde um 4 Gärtner verstärkt. Für den Bedarf an Blumen und Büschen war bis 1910 eine Gärtnerei an der Gravelotte Straße zwischen der Mannschaftsbaracke 47 und der Wellblechbaracke 13 eingerichtet. Nach 1910 befand sich die Gärtnerei westlich des Kommandanturgebäudes, nördlich der Südstraße auch durch Tor 4 zu erreichen.Anmerkung:
Um die Belegungskapazität zu erhöhen war der Bau von 10 "Ruberoid-Baracken" (Nr.55 - 65) im Mannschaftspark vorgesehen. Jede Baracke sollte 72 Mann aufnehmen. Der Bau der Holzbaracken, die durch Ruberoid vor Feuchtigkeit geschützt werden sollten wurde nicht durchgeführt, dafür errichtete das Garnisonsbauamt an der vorgesehenen Stelle Baracken für die Aufnahme von Kriegsgefangenen.
Das neue Jahr begann mit der Suche nach einem Fahnenflüchtigen. Von dem hier in Garnison liegenden III.Bataillon des Infanterieregiments Nr.163 hatte sich ein Rekrut heimlich von seinem Truppenteil entfernt. Bis Mitte Januar war er noch nicht gefaßt worden. Im Zwangsversteigerungstermin am 15.Januar wurde das dem Hotelier und Gastwirt Heß gehörende Hotel "Zum Hohenzollern" von dem Privatmann Julius Schack aus Kellinghusen für 76.500 Mark erworben. Der Gastwirt Heß schuldete der Hypothekenbank weiterhin 50.000 Mark. Am nächsten Tag war eine weitere Zwangsversteigerung gegen einen im Lockstedter Lager bekannten Mann angesetzt. "Zwangsversteigerung Im Wege der Zwangsvollstreckung soll das in Rosdorf gelegene im Grundbuch Rosdorf, Band I, Blatt 11 zur Zeit der Eintragung des Versteigerungsvermerks auf den Namen des Rentners Adolf Böge in Rosdorf eingetragene Grundstück, Wohnhaus mit Hofraum und Hausgarten, Stall, Schweinestall, Hühnerstall, Schuppen mit Ländereien in der Gemarkung Rosdorf-Rensing, groß 3,1779 ha mit 11,06 Taler Reinertrag und 840 Mark Nutzungswert, Grundsteuermutterrolle Artikel Nr.12, Gebäudesteuerrolle Nr.8 am 20.März 1914 vormittags 10:00 Uhr durch das unterzeichnete Gericht versteigert werden. Der Versteigerungsvermerk ist am 02.Oktober 1913 in das Grundbuch eingetragen. Kellinghusen, 13.Januar 1914 Königliches Amtsgericht" Mit beiden Versteigerungen war den Leuten der Gegend genügend Gesprächsstoff für die nächste Zeit gegeben. Bei Böge rätselte man wann seine restlichen Besitztümer unter den Hammer kämen. Der englische Schnurrbart sollte aus der Armee verbannt werden. Während es bisher in der preußischen Armee stillschweigend geduldet wurde, daß Soldaten und Offiziere sich den Schnurrbart nach englischer Art stutzen ließen, hatte der Kommandierende General des Gardekorps, von Plettenburg, im Februar verfügt, "Unteroffiziere und Mannschaften seien darüber zu belehren, daß die moderne Barttracht, Abschneiden des Schnurrbarts bis auf wenige Haare unter der Nase, sich nicht für einen preußischen Soldaten eigne und der Eigenart der Deutschen nicht entspräche. Die nächste Einheit, die den Platz belegte, war das I.Bataillon des Infanterieregiments Nr.163, das vom 24.-28.Februar Schießübungen abhielt. Am 03.März traf das II.Bataillon und die Maschinengewehrkompanie der 163er ein, sie blieben bis zum 7.März. Für das Kreisjugendspielfest der Deutschen Turnerschaft hatten die Vorbereitungen begonnen. Das Lager und der Übungsplatz wurden von den Leitern der Veranstaltung eingehend besichtigt und das Gelände für das Spiel und die volkstümlichen Turnübungen für hervorragend geeignet befunden, auch weil durch das unproblematische Entgegenkommen der Kommandantur die Unterbringung und Verpflegung der Jugendturner gesichert war. Die meisten Regimenter des IX.Armeekorps hielten in diesem Jahr ihre Übungen im Munsterlager ab. Bisher war es allgemeiner Brauch, daß die Fußtruppen eines Armeekorps, das gefechtsmäßige Schießen, sowie das Bataillons-, Regiments- und Brigade Exerzieren auf dem jeweiligen Truppenübungsplatz des Armeekorps erledigten. Das ging schon so seit einer Reihe von Jahren. Aber trotz großer Vorteile gegenüber früheren Zeiten haben die Truppenübungsplätze auch (heute noch) ihre Nachteile. Besonders das Stammpersonal, Offiziere und Unteroffiziere lernen durch den alljährlichen Aufenthalt auf dem gleichen Platz die dadurch bedingte Ähnlichkeit der Aufgaben, Gefechtsübungen und dergleichen, die Entfernungen der Hauptpunkte, die mutmaßlichen Stellungen des Gegners usw. kennen. Der Feldartillerie, die sich einschießen soll, sind die Entfernungen bekannt. Daher haben die Artillerieregimenter des IX.Armeekorps ihre Übungen schon einige Male auf dem Truppenübungsplatz des X.Armekorps, im Munsterlager (zwischen Ülzen und Soltau) abgehalten und umgekehrt. In diesem Jahr tauschten die Infanterieregimenter wieder die Übungsplätze. Der im Ort bestens bekannte und geachtete Freiherr von Puttkamer, Hauptmann und Batteriechef im Lauenburgischen Fußartillerieregiment Nr.20 hatte seinen Abschied mit der gesetzlichen Pension und der Aussicht auf Anstellung im Zivildienst sowie die Erlaubnis zum Tragen der Uniform des Garde Fußartillerieregiments, eingereicht. Seinem Gesuch wurde stattgegeben, er schied zum 01.April aus dem Dienst, ihm folgte als Batteriechef Oberleutnant Kanus vom selben Regiment unter Beförderung zum Hauptmann. 150 Offiziere für den Offiziersübungskursus, sowie 22 Offiziere und 316 Unteroffiziere des Offiziersaspiranten Kursus, davon allein 31 Offiziersaspiranten vom Infanterieregiment Nr.163 aus Neumünster trafen am 11.März ein um eine 4-wöchige Übung zu machen. Höhepunkt des Kursus war ein Besuch bei der Marine in Kiel. "Kriegsspiel auf dem Gelände des Lockstedter Lagers. Der Turnkreis Norden zu dem Schleswig-Holstein, Hamburg, Lübeck die beiden Mecklenburg sowie Oldenburg gehören, veranstaltet für die jugendlichen männlichen Turner im Alter von 14 - 20 Jahren Ende August ein Jugendfest innerhalb des Lockstedter Lagers. Ein Geländespiel in größerem Umfange und ein volkstümlicher Dreikampf sollen die Hauptinhalte des Festes bilden. Das Gelände, von der Größe fast einer Quadratmeile, ist vorzüglich für ein Kriegsspiel geeignet. Die Kommandantur des Lockstedter Lagers zeigte bei den bereits eingeleiteten Verhandlungen großes Entgegenkommen." Ein Heidebrand entstand zwischen Edendorf und dem Lockstedter Lager. Der Brand, der durch Funkenflug einer Lokomotive entstanden war, wurde von Bahnarbeitern, die vom Bahnhof Lockstedter Lager zur Brandstelle beordert wurden, gelöscht. Rücksichten auf eine gute Bahnverbindung, anbindend an die Strecke Hamburg-Kiel nach Itzehoe und Lockstedter Lager, waren für die Eisenbahndirektion Hamburg in erster Linie bestimmend, einen Dringlickeitsantrag der Handelskammer Kiel abzulehnen. Die Ablehnung wurde damit begründet, daß die Geschwindigkeit bestimmter Fernzüge, zum Beispiel aus dem Rhein-Main-Gebiet, nicht erhöht werden konnte und die Späterlegung des Zuges D-91 nach Kiel nur den Verlust des wichtigen Anschlusses des Zuges D-91 in Wrist zum Lockstedter Lager und nach Itzehoe und eine spätere Ankunft in Kiel zu Folge haben würde, dies wiederum hätte Einfluß auf bestimmte Fährlinien. Die Reserveoffiziersaspiranten der 163er aus Neumünster, die kürzlich eine vierwöchige militärische Übung gemacht hatten, kehrten am 07. nach Neumünster zurück, um sich in den nächsten Tage in der Garnison auf einen Übungsplatzaufenthalt vorzubereiten. Nach Ostern verlegten sie mit ihren Truppenteilen auf den Truppenübungsplatz Munsterlager. Verschiedene Jungdeutschland Ortsgruppen unternahmen einen Ausflug zum Lockstedter Lager. Zuerst waren sie Zuschauer bei einem gefechtsmäßigen Schießen der Infanterie. Im Anschluß an die Vorführung waren Kiel und Kellinghusen Gegner in einem Geländespiel, bei dem es, wie der Jugendwart des IX.Armeekorps, Oberleutnant Crusius, hervorhob, von besonderem Interesse war, die Wichtigkeit der Patrouillen und ihrer Meldungen richtig zu bewerten. Es war für alle ein ereignisreicher Nachmittag, den Jugendlichen war die Begeisterung anzumerken. Für die Durchführung verdienen die Jungmannen von Kiel und Itzehoe höchste Anerkennung. Der Musketier Kurt Viehweg von der 10.Kompanie des Infanterieregiments Nr.163 hatte sich am 14.April kurz vor Zapfenstreich unerlaubt von seinem Truppenteil entfernt. Die von der im Ort organisierten Arbeiterschaft beantragte Erlaubnis bezüglich der Abhaltung einer Maifeier, verbunden mit einem Ausflug und einer abendlichen Feier mit anschließendem Ball in einem örtlichen Hotel, war von der Polizeiverwaltung großzügig erteilt worden. Die Lieferungen der Landwirte und Futterhändler an die Proviantämter vollzog sich nur schleppend. In einer weiteren Anzeige suchte das Proviantamt im Lockstedter Lager noch nach Roggenstroh und nach trockenem Heu. In der Nacht zum Freitag schlich sich unbemerkt ein Unbekannter in eine Baracke und stahl aus dem Schlafraum eines Offiziers eine auf dem Tische liegende silberne Taschenuhr mit goldener Panzerkette sowie ein Portemonnaie mit 90 Mark. Als der Dieb dann den Schlafraum eines weiteren Offiziers betrat, erwachte dieser. Auf die Frage, wer da sei, ergriff der Gauner sofort die Flucht und entkam. Das leere Portemonnaie wurde am nächsten Morgen vor der Baracke gefunden. Auf der Flucht hatte der Dieb, der mit einem schwarzen steifen Hut und Überzieher bekleidet gewesen sein soll, noch ein auf dem Flur der Baracke stehendes Fahrrad eines Musketiers mitgenommen. Als Truppe, die in diesem Jahr als erste geschlossene Verbände auf dem Truppenübungsplatz gefechtsmäßiges Schießen, sowie Bataillons-, Regiments- und Brigadeexerzieren abhalten sollten, waren die beiden Regimenter der 36.Infanteriebrigade, das Infanterieregiment Nr.31 aus Altona und das Infanterieregiment Nr.85 aus Rendsburg und Kiel bestimmt worden. Während sich das Infanterieregiment Nr.85 gleich nach den Osterfeiertagen zu Schießübungen ins Lager begab, rückten die 31er am Montag, den 20.April ins Lager ab. Sie fuhren mit der Bahn bis Pinneberg, dann folgte ein strammer Fußmarsch bis ins Lager. Die Truppen blieben bis zum 09.Mai, um dann wieder in ihre Standorte zurückzukehren. Bei einer Messerstecherei zwischen zwei nicht ortsansässigen Zivilpersonen wurde einer der Unbekannten mit dem Taschenmesser oberhalb des Auges verletzt. Die Auseinandersetzung begann in einer Gaststätte, in welcher die beiden dem Alkohol erheblich zugesprochen und sich in ein banales Streitgespräch steigerten. Der Gastwirt forderte die Streithähne auf sich zu beruhigen, als dies nicht geschah, verwies er sie des Gastraumes. Vor der Gaststätte ging der Streit weiter in dessen Verlauf einer der Kontrahenten ein Taschenmesser zückte und auf den Widerpart einstach. Der fahnenflüchtige Musketier Kurt Viehweg, der schon bis Aachen geflüchtet war, konnte beim Versuch die Grenze nach Belgien zu überschreiten gefaßt und seinem Truppenteil überstellt werden. Viehweg wollte sich in Frankreich in einem Büro für die Fremdenlegion anwerben lassen. Eine im Zuge der Neubautätigkeit westlich der Gravelotte Straße demontierte Mannschaftsbaracke wurde von der Garnisonsverwaltung billig zum Kauf angeboten. Sie hatte die Normmaße von 49,0 m Länge und 5,30 m Breite. Das Holzgebäude war nach Meinung der Verkäuferin bestens als Schweinestall oder Lagerschuppen zu gebrauchen. Die Baracke war bereits abgebrochen und würde kostenfrei bis zum Bahnhof/Waggon geliefert werden. Am Abend des 23.April kurz nach 18:00 Uhr überflog ein Doppeldecker aus Richtung Heide kommend in geringer Höhe die Gebäude des Lagers. Wie ein Auskunftsersuchen beim IX.Armeekorps ergab,war das Flugzeug ursprünglich in Fuhlsbüttel zu einem Orientierungsflug gestartet, die Besatzung verlor aber bei Regen und schlechter Sicht die Orientierung und landete schließlich in Heide. Nachdem sich die Offiziere orientiert hatten, starteten sie wieder in Richtung Fuhlsbüttel. Aufgrund tiefhängender Wolken und leichtem Nieselregen flogen sie extrem niedrig, das Lockstedter Lager wäre ein wichtiger Orientierungspunkt gewesen. Die rege Bautätigkeit, die in den letzten Jahren im Lager herrschte, schien auch im laufenden Jahre anzuhalten. Man plante nämlich am Juni drei weitere Pferdeställe für etwa 150 Pferde und ein Wirtschaftsgebäude für Küchen- und Kantinenbetrieb zu errichten. Am 29.April rückte die II.Abteilung des Feldartillerieregiments Nr.9 im Lager ein, am nächsten Tag folgte die I.Abteilung. Es war nur ein kurzer eintägiger Aufenthalt der zur Durchführung von Schulschießen mit dem Gewehr diente. Mit klingendem Spiel zog das Pionier Bataillon Nr.9 am 01.Mai in das Lager ein. Die Truppen, die mit der Bahn bis Wrist gefahren waren, legten von dort den Weg zum Lager zu Fuß zurück. Dem Bataillon folgte später ein Scheinwerferzug, der aus zwei modernen großen Scheinwerfern bestand. Im Lager blieb das Bataillon bis zum 08.Mai. Das Luftschiff "Hansa" überflog am 02.Mai das Lager, just zu der Zeit als der Schießbetrieb auf den Bahnen eingestellt worden und sich die Truppen auf dem Marsch in die Kaserne befanden. Die ständig im Ort lebenden hatten schon beinahe das Gefühl, als wenn das Lager ein wichtiger Orientierungspunkt für die Zeppeline wäre. Der Luftkreuzer war um 15:00 Uhr in Fuhlsbüttel aufgestiegen dann elbabwärts über Glückstadt, Itzehoe und das Lager geflogen, hier wendete das Luftschiff und landete nach dreistündiger Fahrt um 18:00 Uhr in Fuhlsbüttel. Mitten in der Woche fand Anfang Mai das Hockeyspiel 1914 zwischen den Offizieren des Fußartillerieregiments Nr.20 und dem Feldartillerieregiment Nr.9 um einen im letzten Jahr von Sportsfreunden beider Regimenter gestifteten silbernen Pokal statt. Weder der strömende Regen, noch der aufgeweichte Boden vermochten den sportlichen Eifer zu beeinträchtigen. Hatten doch sogar einige hockeyspielende Damen aus Itzehoe es sich nicht nehmen lassen, dem Wettkampf von Anfang bis Ende zuzusehen. Nach wenigen Minuten errangen die 20er ihr erstes Tor, dem sich in kurzer Zeit drei weitere anschlossen, so daß es bei Halbzeit für sie 4:0 stand. Dann aber holte die Itzehoer Mannschaft mächtig auf und erkämpfte sich bis zum Schluß der Spielzeit 4 Tore, ohne ein weiteres Tor für die Gegner zuzulassen. In der Verlängerung von 5 Minuten, erzielten die Itzehoer kurz vor Schluß das siegbringende 5. Tor. So ging der Pokal, der 1913 Jahr vom Fußartillerieregiment Nr.20 gewonnen worden war, in die Hände des Itzehoer Regiments über. Das Infanterieregiment Nr.86 wurde von den Garnisonen mit einem Sonderzug nach Brokstedt transportiert. Hier wurde gefechtsmäßig abgesessen und entladen. Damit verbunden war danach die Phase der Entwicklung und Auflockerung. Nach diesem Übungsteil setzten die Kompanien in Kolonnen den Weg zum Lager zu Fuß fort. Auf dem Weg dorthin fand noch einmal eine größere Gefechtsübung statt, wobei beide Bataillone gegeneinander antraten. Aus Richtung Hamburg war am 08.Mai gegen Mittag ein lautes brummendes Propellergeräusch zu hören. Was da anflog, das war ein Albatros Doppeldecker auf einem Fernflug von Berlin-Johannistal nach Kiel. Leute, welche das Flugzeug beobachteten, hatten plötzlich den Eindruck, die Maschine wolle hier landen, tatsächlich flog der Pilot Oberleutnant Jahnow (etatsmäßig beim InfRgt 163) mit Beobachter Hauptmann Donath sehr tief an. Hintergrund war, daß die Besatzung in Berlin eine Meldung mitbekommen hatte, die jetzt von ihnen in der Nähe des Wasserturmes bei dem zuvor ausgelegten Zeichen abgeworfen wurde. Ein trauriger Unglücksfall ereignete sich bei einem Wohnhaus an der Kieler Landstraße. Der Postbeamte Thomsen fiel aus nicht bekanntgewordenen Umständen aus dem Fenster seiner Wohnung und zog sich so schwere Verletzungen zu, daß er auf dem Transport zum Itzehoer Krankenhaus starb. Während der Verhandlungen der Haushaltskommission des Reichstags Mitte Mai über den Militäretat, wurden von einer politischen Gruppierung die Offiziers Speiseanstalten als Brutstätten eines verderblichen Kastengeistes bemängelt. Geantwortet wurde von konservativer Seite, der Kastengeist beseele das Offizierskorps nur insofern, als es seinen Umgang in den gebildeten und königstreuen Kreisen suche. In wirtschaftlicher Hinsicht wären die Offiziers Speiseanstalten unentbehrlich, sie seien auch Pflegestätten der Kameradschaft. Das Offizierskorps sei im allgemeinen nicht reich, Gehälter und Zulagen wären zu gering bemessen, um den Offizieren ein Gasthausleben zu gestatten. Am Nachmittag des 13.Mai wurde von dem Holsteinischen Offiziers Hockey Club auf dem Sportplatz am Lübschen Brunnen ein Spiel zwischen Angehörigen der Garnison Itzehoe und des Lockstedter Lagers veranstaltet. An dem spannenden Spiel, das zahlreiche Zuschauer angelockt hatte, nahmen auf Itzehoer Seite auch drei Frauen, die in bemerkenswert guter Spielform waren teil. Während 1913 das Lockstedter Lager den Sieg nach hartem Kampf errungen hatte, zeigte sich in diesem Jahr die Itzehoer Mannschaft durchweg überlegen. Sie siegte glatt mit 6:1. Auf beiden Seiten waren deutlich die großen Fortschritte zu erkennen, welche die Mitglieder des 1913 gegründeten Holsteinischen Offizier Hockey Clubs im ersten Jahre seines Bestehens gemacht hatten. Eine Woche nach dem Hockeyspiel war im Lager ein Frauenverein gegründet worden, der sich dem Verband Norddeutscher Frauenvereine angegliedert hatte. Als Vorsitzende wurde die Frau des Gutsbesitzers Fritzsche aus Springhoe gewählt. Bei dem Unwetter am 23.Mai, bei welchem der Kreis Steinburg verhältnismäßig glimpflich weggekommen war, hatte an vielen Orten der Provinz erheblichen Schaden durch Blitzschlag, Hagel und Windschäden angerichtet. Vom Sturm wurden an vielen Orten dicke Bäume umgeworfen und Dächer abgedeckt. Im Lockstedter Lager wirbelte der Wind eine Bretterbude in die Luft, die total in sich zusammenstürzte. Ein Familienkonzert fand am zweiten Pfingsttag im Hotel Hohenzollern statt, für welches der Besitzer noch einmal nach eigenen Aussagen die Solisten des Fußartillerieregiments Nr.20 gewonnen hatte. Auf den Plakaten wurde darauf hingewiesen, daß die Kapelle bereits ständig in Altona spiele, darum würde dies wohl das letzte Auftreten der Solisten im hiesigen Hotel sein. Der Gastronom ahnte nicht, daß er mit seiner Ankündigung recht behalten würde. Zum 01.Juni hatte sich das Personalkarussell wieder einmal gedreht. Hauptmann Kayser, Batteriechef im Fußartillerieregiment Nr.20 wurde als Lehrer zur Kriegsschule in Danzig versetzt. Oberleutnant von Holbach, im selben Regiment zum Hauptmann und Batteriechef ernannt. Oberleutnant Flügel Feuerwerker wurde zum Fußartillerieregiment Nr.20 versetzt. Günther, Königlich Württembergischer Feuerwerkerhauptmann beim Fußartillerieregiment Nr.20 von dieser Stellung enthoben wegen Versetzung zum Artilleriedepot Ulm und gleichzeitiger Kommandierung zur Dienstleistung beim Kgl. Württembergischen Kriegsministerium. Arendt, Zeugleutnant und Verwalter des Nebenartilleriedepots wurde zum Oberleutnant befördert. Im Juni war das Lager von vom 03. bis 23.Juni vom Feldartillerieregiment Nr.9 und 45, vom 15. bis 20.Juni vom Trainbataillon Nr.9, vom 23.Juni bis 06.Juli von der Reserve Feldartillerieabteilung des IX.Armeekorps, vom 23.Juni bis 18.Juli vom Ausbildungskursus für Offiziersaspiranten der Feldartillerie, vom 23.Juni bis 15.Juli vom Füsilierregiment Nr.90 und dem Grenadierregiment Nr.89 belegt. Ein Dieb entwendete durch Einsteigen in ein Fenster im Hause des Bäckermeisters Hahn zwei Anzüge. Die Anzüge waren relativ neu in modischer hellgrauer Farbe. Sie waren vom Gesellen Möller erst kürzlich erworben worden. Der Täter konnte nie ermittelt werden. Auf dem Truppenübungsplatz ereigneten sich im vor kurzem verschiedene Unfälle. Am 19.Juni verunglückten während der Besichtigung zwei Kanoniere der 1./Feldartillerieregiment Nr.45. Sie fuhren mit einer Protze über einen Knick, wobei die Protze umschlug. Kanonier Pasch wurde von der seitlich umschlagenden Protze ins Kreuz getroffen, jedoch nicht schwer verletzt. Er wurde in das Garnisonslazarett nach Rendsburg transportiert. Kanonier Wohlert wurde von der Protze geschleudert und kam ohne Verletzungen davon. Am 20.Juni hob ein Kanonier der 6./Feldartillerieregiment Nr.45 beim Sammeln von Sprengstücken ein Geschoß auf, in welchem sich noch Teile der Pulverladung befanden und warf es auf den Wagen. Hierbei entzündete sich das Pulver und es folgte eine leichte Explosion. Der Fahrer, Kanonier Meier, 6./Feldartillerieregiment Nr.45, welcher in unmittelbarer Nähe des Wagens stand erlitt durch die Explosion leichte Brandwunden im Gesicht. Kanonier Knetsch derselben Batterie, der das Geschoß auf den Wagen geworfen hatte, fiel mit dem Gesicht zur Erde und zog sich eine Quetschung des linken Oberschenkels zu. Beide Verunglückte wurden sofort in das Lazarett gebracht. Ihre Verletzungen waren nicht schwer. Am 23. ereignete sich ein weiterer Unglücksfall. Es wurde wieder ein Geschoß von Leuten aufgenommen, welches noch Reste der scharfen Ladung enthielt. Es erfolgte eine Explosion, wobei der Kanonier der 1./Feldartillerieregiment Nr.9 Brandwunden und Schnittwunden im Gesicht und am Körper, sowie eine Rißwunde an der linken Bauchseite erlitt. Bei der Verletzung am Bauch bestand Verdacht auf Verletzung des Bauchfells. Nach Anlage eines Notverbandes auf dem Übungsplatz wurde der Kanonier dem Lazarett im Lager und später dem Garnisonslazarett Altona zwecks Operation zugeführt. Bei dem Unglücksfall erlitt außer diesem Kanonier noch ein Kanonier von der 5./Feldartillerieregiment Nr.9 eine leichte Verletzung an der linken Hand. Die Offizierskorps des Feldartillerieregiments Nr.9 und Nr.20 veranstalteten am 23.Juni auf dem Bückener Feld drei Rennen und eine Jagd. Das erste Rennen und die Jagd gewann gewohnheitsgemäß Leutnant v.Böhm auf "Zweig". Das dritte Rennen gewann Leutnant O.Mantels auf "Berg", während in dem Rennen für eigene Pferde Leutnant v.Nordheim den Sieg davontrug. In allen vier Rennen siegten also die Offiziere des Regiments Graf Waldersee. Der Abfuhrunternehmer Sievers aus Itzehoe, der einen Dienstleistungsvertrag mit der hiesigen Garnisonsverwaltung hatte, hatte als Ersatz für die bei ihm streikenden Fuhrleute einen Vorarbeiter und 12 Mann eingestellt, die am 23.Juni von Hamburg kommend auf dem Bahnhof in Itzehoe eintrafen. Sie wurden unverzüglich zur Müllabfuhr im Lager eingesetzt. Der Unternehmer hoffte, die Kübel- und Müllabfuhr im Lager mit den ihm seinerzeit zur Verfügung stehenden Leuten bewältigen zu können. Die Streikenden bezogen damals einen Wochenlohn von 27 Mark, die Abfuhrkutscher dagegen einen solchen von 29 Mark. Gestreikt wurde im Kreis Steinburg in 5 Fuhrbetrieben. Die Zahl der Streikenden bei Sievers betrug 30 Arbeitnehmer. Die auf dem Truppenübungsplatz Lockstedt aufgestellte Fliegerabteilung (4 Flugzeuge) der 2.Kompanie Fliegerbataillon Nr.3, sollte bis Ende August im Lager stationiert bleiben. Sie nahm an Truppenübungen der 37. und 38.Infanteriebrigade und an den Schießübungen der 19.Feldartilleriebrigade teil. Durch Anflüge aus anderen Standorten waren an manchen Tagen bis zu 10 Luftfahrzeuge im Lager zu sehen. Als zusätzliche Belastung für die dem Amtsbezirk Winseldorf angehörenden Gemeinden Winseldorf, Lohbarbek, Mühlenbarbek und den allerdings nur wenige Zivilpersonen beherbergenden Gutsbezirk Lockstedter Lager wurde die am 01.Januar 1904 gegründete Gemeindekrankenkasse bezeichnet. Nach den vorliegenden Unterlagen haben die Gemeinden in den 10 Jahren von 1904 bis 1913 einen Zuschuß von annähernd 21.000 Mark leisten müssen. Der niedrigste Zuschuß war in dem Jahr 1907 mit 734 und der höchste 1912 mit 4.959 Mark zu leisten. Bei solch schwankenden und nicht vorherzusehenden Ausgaben hatte natürlich der Kämmerer seine Schwierigkeiten, den Haushalt im Gleichgewicht zu halten. Die Gesamtausgaben beliefen sich in 10 Jahren auf zirka 80.000 Mark. Der Bezirk hatte eine Bevölkerung von 1.600 Personen. Der Führer des Militärdoppeldeckers "B.164" wurde infolge eines Motordefekts gezwungen auf dem gräflichen Hochmoor bei Breitenberg zu landen. Die Landung erfolgte ohne Unfall. Da das dortige Moor jedoch an den meisten Stellen fast unpassierbar war, konnte ein Start nicht wieder erfolgen. Aus diesem Grunde wurden dem Flugzeug die Tragflächen abgenommen, um diese mit einem Wagen zum Lockstedter Lager zu schaffen. Infolge des eines Fehlers des Fahrers scheuten die Pferde, gingen durch, der Wagen schlug um, wodurch das Flugzeug stark beschädigt wurde. Das Flugzeug wurde abmontiert und mit der Bahn nach Hannover transportiert. Unteroffizier Dix vom II.Bataillon Fußartillerieregiment Nr.20 hatte sich von seinem Truppenteil entfernt und war bis zum 28. nicht zurückgekehrt. Der politische Himmel bedeckte sich zusehends, im Lager kursierten Gerüchte über eine baldige Mobilmachung, es wurde in freudiger Erregung über Krieg gesprochen. Trotz des im Westen heraufziehenden Gewitters mit einer kaum erträglichen Schwüle, wurde am Abend von der Regimentskapelle des Feldartillerieregiments Nr.26 ein Konzert im Garten des Kasinos gegeben. Die Soldaten in der Umgebung sangen, begleitet von der Musik, die bekannten Weisen wie: "Deutschland, Deutschland über alles, Heil dir im Siegerkranz oder Die Wacht am Rhein". Der Text der ersten Strophe der Wacht am Rhein mit den Worten: "Es braust ein Ruf wie Donnerhall, Wie Schwertgeklirr und Wogenprall: Zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein, Wer will des Stromes Hüter sein? Lieb' Vaterland, magst ruhig sein, Fest steht und treu die Wacht am Rhein! klang immer wieder durch das Lager, es sah aus als käme keiner schnell genug zur Front, wenige machten sich Gedanken über die Gefahren, die ein Krieg birgt. 28.07.1914
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