Das Lockstedter Lager zwischen
1907 und 1910


Mitte Januar besuchte der Kommandierende General des IX.Armeekorps, der am 24.Dezember 1905 zum General der Infanterie beförderte General von Bock und Polach mit seinem Stab das Lockstedter Lager. Sein besonderes Augenmerk galt den Küchen und Unterkünften.

Die Feier des Kaiser Geburtstages war am 27.Januar, einem von leichtem Frostwetter begünstigten Sonntag mit herzlicher patriotischer Freude begangen worden. Die Feier entwickelte sich in gewohnter Weise. Nach dem Festgottesdienst im Kasino begann die Parade der Militärischen Brüderschaft. Die Parade wurde vor dem Kommandanten durchgeführt. Im Anschluß feuerten Mitglieder der Militärischen Brüderschaft in der Nähe des Markplatzes mit ihren Gewehren ein Kaisersalut. Am Mittag fand das gewohnte Festessen für die Soldaten im Bahnhofsrestaurant, für alle anderen in den örtlichen Hotels statt. Die Beteiligung war rege. Im Bahnhofsrestaurant brachte der Kommandant vor den anwesenden Soldaten den Kaisertoast aus. Am Abend fanden die üblichen Festlichkeiten mit Ansprachen, Vorführungen, Musikvorträgen und Ball statt.

Am 09.Februar trafen das Feldartillerieregiment Nr.9 aus Itzehoe und die I.Abteilung des Feldartillerieregiments Nr.45 aus Rendsburg ein, um mit den neuen Rohrrücklaufgeschützen mit Schutzschild ein Versuchsschießen abzuhalten.

Das I.Bataillon des Infanterieregiments Nr.31 erreichte im Landmarsch das Lager um in der Zeit vom 15. bis 20.Februar Gefechtsübungen und Schießen durchzuführen. Im folgte das III.Bataillon desselben Regiments in der Zeit vom 19. bis 23.Februar, auch diese Bataillon wollte allein im Bataillonsrahmen üben.

Mitte Februar war an der Anschlagtafel bei der Wache folgender Aufruf zu lesen.

Eintritt in das ostasiatische Detachement

Diejenigen Unteroffiziere und Mannschaften des Beurlaubtenstandes sämtlicher Waffengattungen, welche sich in der Reserve bzw. Landwehr I befinden und gewillt sind, in das ostasiatische Detachement einzutreten, können sich bis zum 10.März d.J. bei ihrem zuständigen Meldeamt melden. Zur Einstellung gelangen nur Leute von durchaus guter Führung; unbedingt ausgeschlossen sind solche Mannschaften, welche entehrende, schwere oder besonders zahlreiche sonstige Strafen erlitten haben oder sich in Untersuchung befinden. Eine vorhergehende Untersuchung auf Tropendienstfähigkeit durch einen Militärarzt ist wünschenswert. Sämtliche Mannschaften müssen sich vor Einstellung in das Detachement für die Zeit bis zum 30.September 1909 zum Dienst in Ostasien vertraglich verpflichten. Neben freier Verpflegung und Löhnung wird eine Teuerungszulage in Ostasien gewährt, welche gegenwärtig für Portepeeunteroffiziere 4 Mark, für die übrigen Unteroffiziere 1,75 Mark und für die Mannschaften 1 Mark täglich beträgt. Es tritt außerdem noch eine monatliche Kapitulantenzulage von 18 Mark und ein Kapitulationshandgeld von 100 Mark für jedes angetretene volle Dienstjahr hinzu.

Der Petroleumverbrauch war in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. Für dieses Jahr orderte die Garnisonsverwaltung die Menge von etwa 8.000 kg Petroleum, im Wege der öffentlichen Ausschreibung sollte der Auftrag an den Mindestfordernden vergeben werden.

Am 20.Februar früh gegen 0500 Uhr raste bei sehr tiefem Barometerstand ein Gewittersturm über das Lager, wie er in solcher Stärke selbst in der sturmreichen Provinz nur selten vorkam. Der von grellen Blitzen und Hagelschauern begleitete Sturm richtete in der Gegend vielfachen Schaden an. Die starken Regengüsse brachten auch die letzten Schneereste gänzlich zum Verschwinden. Glücklicherweise währte das Unwetter nur eine Viertelstunde. Die Telefonleitung entlang der Kieler Chaussee wurde durch einen Blitzstrahl zerstört, der zugehörige Mast der Leitung und ein Baum zersplitterten. In Mitleidenschaft gezogen wurden auch einige Gebäude sowohl innerhalb als auch außerhalb des Lagers. In südlicher Richtung bemerkte man starken Feuerschein.

Das III.Bataillon des Infanterieregiments Nr.31 traf zu seinen fünftägigen Schießübungen am 19.Februar ein. Ein Musketier namens Mügge vom hier Schießübungen abhaltenden I.Bataillon des Infanterieregiments Nr.31 wurde festgenommen, weil er sich wieder weigerte, von Freitagabend bis Samstagabend Dienst zu tun. Sein Glaube als Adventist verbiete ihm dies. Obgleich er wegen solcher Weigerungen schon mit 4 Wochen strengem Arrest und 6 Wochen Gefängnis bestraft worden war und erst am Mittwoch der vergangenen Woche aus Spandau zurückgekommen war, blieb er am Freitag wieder bei seiner Weigerung.

Nachdem seit einigen Jahren auf den Truppenübungsplätzen alljährlich Kompanien mit reichlich Offizieren als Lehrpersonal zusammengestellt wurden, waren zu gleichem Zweck in diesem Jahre wieder Übungskompanien aus Mannschaften aller Regimenter des Korpsbezirks zusammengestellt worden. An diesen Kompanien konnten Unteroffiziere des Beurlaubtenstandes ihre ersten Übungen zum Reserveoffizier durchführen. Die angehenden Reserveoffiziere und Landwehroffiziere lernten hier den Dienst in vielseitiger Weise kennen, besonderes Gewicht wurde von den Ausbildern darauf gelegt, sie zum Führer im Gefecht auszubilden und den Offizieren durch Drill und Routine in vielseitiger Weise die Sicherheit zu geben, sich auch in schwierigen Lagen Autorität und den Gehorsam der Mannschaften zu verschaffen. Die Dauer der Übung auf den Truppenübungsplätzen war unverändert auf vier Wochen festgesetzt, während weiterer vier Wochen wurden die angehenden Offiziere den Regimentern zugewiesen. Die künftigen Offiziere bekamen während der Übungsdauer auch täglich Reitunterricht.

Der Kaiser hatte in einem Erlaß Anfang März dem Kommandanten des Truppenübungsplatzes die niedere Gerichtsbarkeit über die zu seinem Befehlsbereich gehörenden Personen sowie über die auf den Übungs- beziehungsweise Schießplätzen übenden Verbände des Beurlaubtenstandes verliehen, insoweit sie nicht Kraft des Gesetzes oder besonderer Order einem anderen Gerichtsherrn unterstanden. Die niedere Gerichtsbarkeit zweiter Instanz übte der Divisionskommandeur der 18.Infanteriedivision aus, in dessen Bezirk der Übungsplatz lag, die höhere Gerichtsbarkeit zweiter Instanz der diesem Divisionskommandeur vorgesetzte Kommandierende General des IX.Armeekorps. Es war das erstemal, daß einem Offizier z.D., der in einer aktiven Dienststelle wieder verwendet wurde, die Ausübung der Militärgerichtsbarkeit verliehen wurde.

Für den zivilen Teil des Lockstedter Lagers wurde Ende März das für die Fäkalabfuhr erhobene Entgelt, die Kübelabfuhrgebühr, auf den Betrag von jährlich 10 Mark pro zu leerenden Kübel angehoben.

In der dritten Woche des März kam ein Entlassungskontingent aus Südwestafrika, das am 22.März mit dem Postdampfer "Erna Woermann" in Cuxhaven angekommen war, in der Stärke von 22 Offizieren und 400 Unteroffizieren und Mannschaften, im Lager an, um hier die administrativen Angelegenheiten vor ihrer Entlassung zu erledigen. Diese Prozedur war durch den ungünstig liegenden Ankunftstag erst am 26.März erledigt.

In der am Mittwoch, den 27.März, stattgefundenen Sitzung des Kreisausschusses wurde in der Klagesache des früheren Kantinenpächters A.Keller aus dem Lockstedter Lager gegen den Amtsvorsteher des Amtsbezirks Winseldorf wegen Aufhebung einer baupolizeilichen Verfügung, betreffend die Anlage einer Schweinemastanstalt, auf Beweiserhebung erkannt und hinsichtlich der etwa zu erwartenden gesundheitsschädlichen Wirkungen auf die Nachbarschaft und insbesondere auf das benachbarte Militärkrankenhaus. Eine zweite Klage wegen Versagung der Bauerlaubnis zu einem Wohnhaus an einer für den öffentlichen Verkehr und den Anbau noch nicht polizeimäßig hergestellten Straße zog der Kläger zurück.

Am 15.April rückten Reservisten des Feldartillerieregiments Nr.9, die bei diesem eine achtwöchige Übung ableisteten, im Lager ein. Sie waren morgens gegen 0800 Uhr aus der Garnison Itzehoe abgerückt und erreichten nach einem Marsch von 25 Kilometern gegen 1430 Uhr die Unterkunft. Am nächsten Morgen begannen die ersten Schießübungen mit Manöverkartuschen, mit den vom Feldartillerieregiment Nr.9 aus Itzehoe herbeigeschafften Kanonen, auf den verschiedenen Bahnen. Rückmarsch nach Itzehoe war der 23.April.

Für die Feuerwehren der Gegend, auch für die militärische war am 12.April Alarm ausgelöst worden. An der Chaussee von Itzehoe zum Lockstedter Lager, wo zwecks Aufforstung mit einem Dampfpfluge gearbeitet wurde, war ein Heidebrand entstanden, welcher von den Feuerwehren in einigen Stunden gelöscht wurde. Auf der abgebrannten Fläche, waren im großen Heidekraut einige bereits vorhandene Gelege von Fasanen ein Raub der Flammen geworden.

Dem Leutnant Kickbusch vom Feldartillerieregiment Graf Waldersee, der durch Sturz mit dem Pferde im vorigen Jahre bei einer Übung im Lockstedter Lager einen schweren Beinbruch und dadurch eine Verkürzung des Beines erlitten hatte, war der Abschied mit der gesetzlichen Pension zum 01.Mai bewilligt worden.

Das erste diesjährige Ablösungskommando der ostasiatischen Besatzungsbrigade, das aus dem Einsatzgebiet kam, bestehend aus 10 Offizieren, 56 Unteroffizieren, 950 Mannschaften, 7 Frauen und 3 Kinder, insgesamt 1.026 Personen wurde in der Zeit vom 18.-24.April im Lager abgewickelt. Frauen und Kinder erhielten auf Kosten des Militärs im Hotel Hohenzollern Kost und Logis.

Die Infanterieregimenter Nr.85 und Nr.31 begannen am 18.April mit ihren Übungen im Brigadeverband.

Die Ankunft der Reserveoffiziere der letzten Jahrgänge des ganzen IX.Armeekorps war auf den 19.April terminiert. Die aus verschiedenen Einheiten zusammengesetzte Übungskompanie blieb bis zum 16.Mai.

Zur Besichtigung der 36.Infanteriebrigade (Regimenter Nr.31 und Nr.85) trafen der Kommandierende General von Bock und Polach und der Divisionskommandeur Generalleutnant von Boehm bereits am 22.April ein. Die Besichtigung wurde im ostwärtigen Teil des Truppenübungsplatzes einen Tag später durchgeführt. Nach Abschluß der Besichtigung kehrten die Regimenter in ihre Garnisonen zurück.

Auf der Eisenbahnstrecke Itzehoe-Wrist wurde zum 01.Mai der Güterverkehr von dem Personenverkehr getrennt, um eine Beschleunigung der gemischten Züge zu ermöglichen. Zu diesem Zweck war die Einlegung von 2 bis 3 Güterzugpaaren in den Fahrplan aufgenommen worden. Zur Verbesserung der Verbindung der Pendelschüler nach Itzehoe fuhr außerdem der Zug von Wrist aus 24 Minuten früher ab als bisher.

Die Übungskompanie der Reserveoffiziersaspiranten des IX.Armeekorps schlossen ihren Aufenthalt auf dem Truppenübungsplatz am 15.Mai ab und verließen am 16. das Lager. Am gleichen Tag verließen die Regimenter der 34.Infanteriebrigade Nr.89 und Nr.90, die in der letzten Woche im Brigadeverband geübt hatten das Lager und kehrten in ihre mecklenburgischen Garnisonsorte zurück.

Der Kommandierende General des IX.Armeekorps, von Bock und Polach, machte seinen letzten Besuch am 15.Mai im Lager. Der General hatte um seine Pensionierung nachgesucht. Die vom Kaiser getroffene Entscheidung sah vor, daß er mit Wirkung vom 21.Mai mit Pension zur Disposition gestellt wurde.

In der Nacht auf den 19.Mai hatte es kräftig gefroren, es war recht unangenehm; für die Soldaten, daß die Unterkünfte im Lager und für Zivilisten, daß die Eisenbahnwagen nicht geheizt waren.

Seinen Dienst als Kommandierender General des IX.Armeekorps trat der ehemalige Kommandeur der 3.Division Generalleutnant Freiherr von Vietinghoff, genannt Scheel, am 21.Mai an.

Nach dem am Mittwoch, dem 22.Mai, die Artillerieregimenter eingetroffen waren, bezogen am Freitag, dem 24.Mai die Infanterieregimenter Nr.162 und Nr.163 aus Lübeck und Neumünster das Lager, um hier bis zum 10.Juni im Regiment bzw. in der Brigade zu üben.

Der Ablösungstransport für das ostasiatische Detachement wurde in der Zeit vom 24.Mai bis 06.Juni auf dem Truppenübungsplatz formiert. Die Stärke des Transports betrug: 16 Offiziere einschließlich Sanitätsoffiziere und höhere Beamte. 4 Portepeeunteroffiziere, 23 Unteroffiziere ohne Portepee und 498 Gemeine. Der Ablösungstransport für das ostasiatische Detachement wurde in drei Kompanien formiert. Die Offiziere, Sanitätsoffiziere und Zahlmeister trafen am 23. und am 24. die Unteroffiziere und Mannschaften am 25.Mai ein. Nach der Einkleidung wurden zunächst noch Exerzier- und Schießübungen abgehalten, um den inneren Zusammenhang zu festigen. Im Sonderzug verläßt der Transport dann am 05.Juni das Lager und tritt am 06.Juni mit dem Dampfer "Willehad" die Ausreise an. Als Transportführer des Ablösungstransports für das ostasiatische Detachement und des von diesem Detachement abzusendenden Heimattransports kommandiert, war Hauptmann Schwierz, Kompaniechef im Infanterieregiment Nr.143 kommandiert worden.

Die Manöver Luftschifferabteilung der Verkehrstruppen aus Berlin traf mit mehreren Fessel- und einem Freiballon am 25.Mai ein, so daß das Lager in allen Teilen belegt war. Die Luftschiffer, die in Stärke von 10 Offizieren und 110 Mann eintrafen blieben bis zum 22.Juni. Die Hoffnung, daß deren Übungen große Anziehung auf das Publikum ausüben werden, war unter den Gastronomen allgemein.

Um während der jährlichen Übungsperiode die revierkranken Mannschaften, die von den Ärzten behandelt wurden, von den Gesunden isolieren zu können, hatte man an schattigen Plätzen zwischen dem inneren Lager und dem Übungsplatz fünf Lazarettbaracken, so genannte Döckerbaracken errichtet.

Eine preußische Remontekommission war gegen Ende Mai in der Gegend unterwegs um Remonten einzukaufen. Eine der militärischen Anlaufstellen in Elmshorn war immer wieder die Reit- und Fahrschule Elmshorn, die auf ihrem Privatmarkt 26 gute ausgeglichene Pferde an die preußische Remontierungskommission verkauft hatte. In Kollmar kaufte die gleiche Kommission 7 Pferde, in Krempe 14 Pferde. Das sich darbietende Bild war von dem der Vorjahre nicht wesentlich verschieden: großer Auftrieb, aber wenig brauchbares Material. Der Remontemarkt Kellinghusen hob sich dagegen von Jahr zu Jahr. Von 65 vorgeführten Pferden konnten 40 angekauft werden. Die Pferde wurden im Lockstedter Lager konzentriert und nach Abschluß der Remontereise nach Mecklenburg verfrachtet.

Prinz Friedrich Leopold begab sich am Morgen des Dienstag, 28.Mai, von seinem Logis in Itzehoe zum Lockstedter Lager, zur Besichtigung der Bataillone des in Neumünster garnisonierenden Infanterieregiments Nr.163, gegen 1230 Uhr fuhr er nach Itzehoe zurück. Abends um 1815 Uhr begab sich der Prinz in Begleitung seines Adjutanten mit dem Automobil abermals zum Lockstedter Lager, nahm dort im Offizierskasino an einem Festessen teil, worauf der Zapfenstreich folgte, und kehrte gegen 2130 Uhr nach Itzehoe zurück. Die Besichtigung der Bataillone des Infanterieregiments Nr.162 fanden am Mittwoch, den 29.Mai, statt.

Mittwoch. Morgens 0830 Uhr fuhr der Prinz im Automobil zur Besichtigung des Infanterieregiments Nr.162 zum Lockstedter Lager. Nach der Besichtigung fand in der Nähe des Kasinos ein Frühstück statt und nach einer ausgedehnten Inspektion des Lagers fuhr der Prinz nach Wrist, von wo aus er gegen 2000 Uhr die Weiterreise antrat.

Die scharfen Nachtfröste der letzten Tage hatten auf das Gemüt der Soldaten gedrückt. Nach der kältesten Nacht verließ am 05.Juni der über 500 Mann zählende Ablösungstransport für das ostasiatische Detachement, nachdem in den letzten Tagen einige Exerzier- und Schießübungen abgehalten, in einem Sonderzug das Lager, um am 06.Juni mit dem Dampfer "Willehad" die Ausreise nach China anzutreten. Die Begleitmannschaften der Truppe wurden mit einem Rückkehrertransport am 17.September zurück erwartet.

Das Dragonerregiment Nr.19 aus Oldenburg nutzte seit dem 05.Juni den Schießplatz. Es war das erstenmal auf dem Truppenübungsplatz Lockstedter Lager. Für das Regiment war bis 19. Juni Quartier gemacht worden.

Unter der Rubrik Schleswig-Holstein - Ordensverleihungen - wurde am 12.Juni veröffentlicht, daß dem Garnisonsverwaltungsinspektor Julius Dunker der Kronenorden 4.Klasse verliehen wurde.

Am 11.Juni verließen, nachdem die letzten Tage eingehende Inspektionen und Besichtigungen durch höhere Vorgesetzte stattgefunden hatten, die Feldartillerieregimenter Nr.26 und Nr.62 das Lager. Ende der Woche trifft das Infanterieregiment Nr.75 zu längeren Regimentsübungen hier ein. Viel Anziehung übt die Luftschifferabteilung, die täglich Fesselballons und mehrfach in der Woche Freiballons steigen läßt.

Eine kriegsstarke Reserve Feldartillerieabteilung bestehend aus 350 Reservisten, aus dem Bereich des X.Armeekorps, wurde im Lager zusammengestellt und deren Schieß- und Exerzierübungen bis zum 25.Juni liefen. Führer der Abteilung war Hauptmann Stricker vom Feldartillerieregiment Nr.62. Diese Art von Übungen war erst im vergangenen Jahr bei der Artillerie eingeführt worden. Wie beim letztenmal, so nutzte auch diesmal die Reserveabteilung die Kanonen des abmarschierten Feldartillerieregiments Nr.62.

Der Freiballon, den die Luftschifferabteilung am 12.Juni aufsteigen ließ und in dessen Korb sich drei Offiziere befanden, zog wegen der Windstille nur langsam nach Norden weg. Um 1600 Uhr landete er glatt in Bargstall bei Rendsburg. Nach etwa einer Stunde kam das Abholkommando um den Ballon zu bergen und zum Lockstedter Lager zurückzubringen

Der Kommandierende General des X.Armeekorps von Stünzner aus Hannover kam am 23.Juni zur Besichtigung der Reserve Feldartillerieabteilung hier an. Dienstag (25.06.) wurde die Abteilung aufgelöst.

Nacheinander trafen mehrere Einheiten ein am 25.Juni das Jägerbataillon Nr.9 aus Ratzeburg und am Mittwoch, den 26.Juni, das Husarenregiment Nr.16 aus Schleswig. Es übten dann hier zwei Infanterieregimenter (Nr.75 und 76) zwei Kavallerieregimenter (Nr.15 und 16) und das Jägerbataillon Nr.9, im ganzen etwa 4.800 Mann, die stärkste Belegung in diesem Jahr.

Die Soldaten hofften, daß auf die seit dem 09.Juni anhaltende Regenperiode nun bald eine Reihe schöner Sommertage folgen werde, wie dies dringend zu wünschen wäre für die begonnene Heuernte. Da fortwährend sehr kühles Wetter vorherrschend war, hat das eben gemähte Heugras noch nicht sehr gelitten, nur das früh geschnittene hatte bereits ein gelbes Aussehen bekommen und daher entschieden von seinem Nährwert verloren.

Die Brigadeübungen im hiesigen Gelände schlossen die Infanterieregimenter Nr.75 und Nr.76 sowie das Jägerbataillon Nr.9 am 05.Juli ab und kehrten mit Sonderzügen in ihre Garnisonen zurück. Am 08.Juli kehrten auch die unter dem Kommando der 18.Kavalleriebrigade hier manövrierenden Husarenregimenter Nr.15 und Nr.16 nach Wandsbek bzw. nach Schleswig im Landmarsch zurück.

Beim Scharfschießen auf dem Truppenübungsplatz wurde am 07.Juli ein Husar (Hilfstrompeter) der fünften Schwadron Husarenregiment Nr.15 durch die Verschlußklappe seines eigenen Gewehrs an der rechten Kopfseite und am rechten Auge so schwer verletzt, daß eine sofortige Überführung ins Garnisonslazarett nach Altona notwendig wurde. Die Verschlußklappe, die vermutlich nicht ordnungsgemäß geschlossen gewesen war, flog beim Abfeuern des Geschosses auf. Heute erhielt ein Husar der ersten Schwadron des Husarenregiments Nr.15 infolge Unachtsamkeit des nachreitenden Soldaten einen Lanzenstich in den Rücken. Der Verletzte wurde besinnungslos in das Lazarett im Lockstedter Lager gebracht, befand sich jedoch außer Gefahr, da keine edlen Teile getroffen worden waren.

In der Sitzung des Kreisausschusses vom 17.Juli wurden die Klagen von vier Einwohnern im Lockstedter Lager gegen den Amtsvorsteher des Amtsbezirks Winseldorf wegen Aufhebung polizeilicher Verfügungen betreffend die Verbesserung von Düngerstätten abgewiesen.

Ende Juli an einem Dienstagnachmittag gegen 1530 Uhr wurde ein von den Offizieren der 18.Feldartilleriebrigade veranstaltetes Rennen, unter reger Anteilnahme von zivilem Publikum, durchgeführt und zwar auf dem Schießplatz in der Nähe des Weges Mühlenbarbek-Springhoe-Turm II, etwa 2 Kilometer südlich Springhoe.

Über einen Vorfall, der sich am gleichen Abend ereignete unterhielten sich die Bewohner des Lagers recht lange. Ein siebenjähriger Junge hatte in Begleitung seiner Schwester das Schützenfest in Itzehoe besucht, dort verlor er seine Schwester und war am Abend spät, in der Nacht um 0100 Uhr, laut weinend im Lockstedter Lager angelangt. Ein Soldat, der ihn angetroffen hatte, brachte ihn zur Gastwirtschaft Gosau, wo der Verirrte, durch ein Abendbrot gestärkt, während der Nacht eine Unterkunft fand. Am nächsten Morgen war er dann auf dem Fuhrwerk eines Schlachtermeisters wieder nach Itzehoe zu seinen Eltern befördert worden, die am Kremper Weg wohnten.

Im August war die 2.Reserveoffiziersaspiranten Kompanie zu einem vier Wochen dauernden, alle Wissensgebiete aufbauenden Kurs im Lager zusammengezogen worden. Die Kompanie hatte eine Stärke von 50 Mann. Es waren drei zusätzliche Ausbilder genehmigt worden.

Anfang August wurde die Ausschreibung für sämtliche Arbeiten und die Lieferungen des benötigten Materials mit Ausnahme der Maurermaterialien zum Um- und Erweiterungsbau des Empfangsgebäudes und des Güterschuppens auf dem Bahnhof Lockstedter Lager veröffentlicht. Die Verdingungsunterlagen konnten gegen postfreie Einsendung von 1 Mark in bar von der Königlichen Eisenbahn Betriebsinspektion in Glückstadt bezogen werden.

Mitte August war der Kommandierende General des IX.Armeekorps, Generalleutnant Freiherr von Vietinghoff genannt Scheel, hier eingetroffen, um dem am 15.August durchgeführten Schießen um den Kaiserpreis beizuwohnen. Das Wettschießen fand zwischen drei Kompanien statt. Als Sieger ging die 3.Kompanie des Füsilierregiments Nr.90, unter dem Chef Hauptmann Lukas von Gundlach, aus dem Schießen hervor. An dem Wettschießen hatten noch teilgenommen die 12.Kompanie Infanterieregiment Nr.31, Hauptmann von der Decken und die 1.Kompanie Infanterieregiment Nr.162, Hauptmann König. Letztere Kompanie hatte im vorigen Jahr die besten Resultate erzielt. Am folgenden Tag war die Besichtigung der Reserve Feldartillerieabteilung eingeplant, danach fuhr er zum Truppenübungsplatz Munster. Drei Tage später war der Kommandierende General des IX.Armeekorps erneut anwesend, um den Regimentsbesichtigungen des Infanterieregiments Nr.84 und Nr.86 beizuwohnen. Die Rückkehr nach Altona erfolgte am Nachmittag.

Anmerkung:
Der Kaiserpreis war ein Abzeichen aus gelbem Metall, Eichenkranz mit zwei gekreuzten Gewehren, darüber die Kaiserkrone und wurde von den Unteroffizieren und Mannschaften der Kompanie auf dem Rockärmel des rechten Oberarms getragen. Der Kompaniechef erhielt für die musterhafte Ausbildung seiner Kompanie meist eine Ordensauszeichnung.

Die Verkehrsverhältnisse auf dem hiesigen Bahnhof hatten sich im Laufe der letzten Jahre derartig gestaltet, daß ein Erweiterungsbau sich als notwendig erwies. Die Bauarbeiten waren in der dritten Woche des August begonnen worden. Der Güterschuppen sollte bedeutend vergrößert und ein neues Stationsbüro sowie eine bisher noch nicht vorhandene Gepäckabfertigung errichtet werden. Gleichzeitig mit diesen Arbeiten sollte auch an den Signalen und Sicherheitsanlagen eine Erweiterung vorgenommen werden.

Ab dem 15.August rückten Reservisten des IX.Armeekorps vorwiegend Angehörige der Hamburger und Bremer Landwehrbataillone in das Lager ein.

Die vom Fregattenkapitän von Kühlwetter befehligte Schiffsjungendivision rückte in diesem Jahre zum ersten Male zur Abhaltung von gefechtsmäßigen Übungen in das Lager ein. Der Aufenthalt dauerte neun Tage, vom 27.August bis zum 05.September. Die Gesamtstärke betrug 678 Mann, Offiziere, Mannschaften und Schiffsjungen.

Ende August war von dem, von hiesigen Landwirten geernteten Roggen bereits ein großer Teil gedroschen und schon ein ansehnlicher Strohvorrat für die Pferdeställe im Lockstedter Lager angeliefert. Das in Bücken vorhandene Magazin des Militärfiskus wurde im gleichen Monat durch Erweiterungsbauten bedeutend vergrößert. Der Preis für tausend Pfund Roggenstroh betrug seinerzeit 18 Mark.

Der September führte sich mit einem schweren Gewitter, das nachts wütete ein. Es entlud es sich mit einigen schweren Schlägen. Der schwerste Schlag dürfte ein so genannter Strahlenblitz gewesen sein, da er überall Schaden an Licht und Fersprechleitungen anrichtete.

Die Schule feierte in diesem Jahr wieder, wie 1906, am 02.September eine Sedansfeier. Die Feier begann um 1500 Uhr nachmittags und bestand in der Vorführung von Freiübungen, Wetturnen und Wettspielen.

Aus Kiel war das I.Seebataillon mit der Bahn herantransportiert worden. Der alljährliche Übungsplatzaufenthalt dauerte vom 02. bis 14. September. Neben Schießübungen sollten auch größere Geländeübnungen abgehalten werden..

Wenn die Reservisten entlassen wurden, waren es immer ..... die gleichen Scherze, die in neuer Gestalt und neuer Anwendung wiederholt wurden und sich von einem Jahrgang auf den nächsten vererbten. Da erschien vor der angetretenen Mannschaft der Kommandeur hoch zu Pferde, das heißt huckepack auf dem Rücken getragen; neben ihm ritt ebenso der Adjutant, kenntlich an der aus Strohwischen gebundenen Schärpe. Sie ahmten die Vorbilder so gut nach, daß man erkennen konnte, wie scharf der Soldat zu beobachten wußte und die kleinen Schwächen seiner Oberen bemerkte. Und die Vorbilder standen dabei und amüsierten sich am allermeisten. Parademarsch wurde geübt, Attacken wurden geritten, ergötzliche Parodien des Exerzierplatzes. Am letzten Biwaktage aber, da vergruben die Leute des Jahrganges, dessen Dienstzeit dem Ende nahte, feierlich die Kochlöffel, die jetzt ihre Schuldigkeit getan hatten, im Erdboden, zum Zeichen, daß jetzt "Reserve Ruhe hatte".

In der ersten Septemberwoche veröffentlichte der Vorsitzende des Bundes der Landwirte für den Kreis Steinburg überregional die Nachricht, daß das Proviantamt Itzehoe Roggen, Hafer und Heu (Roggenlangstroh ab Ende Oktober) ab Hof, Bahnstation oder frei Magazin zu guten Tagespreisen ankaufen würde.

Zum I.Seebataillon gesellten sich nun auch das II.Seebataillon und das III.Stamm Seebataillon aus Wilhelmshaven. Sie hatten sich am 09.September zu einer 12tägigen Übung ins Lockstedter Lager begeben.

Der Kreisausschuß wies in seiner Sitzung die Klage des Friseurs Thom aus dem Lockstedter Lager gegen den Amtsvorsteher von Winseldorf wegen Zahlung von Lustbarkeitssteuer für kinematographische Darstellung kostenpflichtig ab. Herr Thoms hatte an mehreren Abenden bewegte Bilder (Stummfilme) zeigen lassen und dafür Eintritt kassiert.

Am Nachmittag des 15.September tobten über dem Lockstedter Lager mehrere schwere Gewitter mit starken Regenfällen. Der Himmel verdunkelte sich gegen Mittag von Südwesten her zusehends, Gewitter kündigten sich mit Blitz und Donnergrollen in der Ferne an. Vom Aufzug der bedrohlichen Wolken bis zum Gewitterausbruch verging, bedingt durch die hohen Windgeschwindigkeiten, kurze Zeit. Die Leute suchten Schutz, Keller wurden überflutet und in dieselben Sand eingespült. Ansonsten wurden keine größeren Schäden gemeldet.

Der zurückkehrende Ablösungstransport der ostasiatischen Besatzungsbrigade war in einer Stärke von 725 Mann, 57 Offiziere, 24 Unteroffiziere mit Portepee, 644 Unteroffiziere und Mannschaften am 17.September eingetroffen. Die zurückkehrenden Soldaten wurden nach Erledigung der Formalitäten zu ihren Einheiten in Marsch gesetzt. Der Letzte Chinese verließ das Lager am 21.September

Die Marinesoldaten der Seebataillone kehrten am 21.September im Sonderzug nach Wilhelmshaven zurück.

Infolge explodierens eines Benzinbehälters entstand in der Waschküche des Herrn Keller am Abend des 30.September ein Schadenfeuer. Das Dienstmädchen konnte sich durch die Tür nach außen in Sicherheit bringen, während Herr Keller, der auch dort anwesend war, nur durch ein eingeschlagenes Fenster ins Freie gelangen konnte. Dabei war die Pulsader der einen Hand durchschnitten worden, so daß er sich sofort zur Behandlung ins Lazarett begeben mußte.

Bei einem am 01.Oktober über dem Kreis Steinburg niedergegangenen Gewitter wurde um 2200 Uhr in dem benachbarten Winseldorf das mit Stroh gedeckte Wohnhaus des Arbeiters Voß vom Blitz getroffen und brannte vollständig nieder. Die in Tätigkeit getretenen Feuerwehren auch die Wehren des Lockstedter Lagers, konnten wenig ausrichten, da es in der Nähe der Brandstätte an Wasser fehlte und man sich darauf beschränken mußte, die benachbarten Häuser zu schützen. Die Räucherwaren sind verbrannt, die Schweine und Ziegen, bis auf die durch den Blitz getötete wurden gerettet.

In der letzten Kreisausschußsitzung im Juli wurde die Bildung eines Schulverbandes zwischen Winseldorf und dem Lockstedter Lager (Gut) verhandelt und fand aufgrund eines Formfehlers der beteiligten Schulen keine Zustimmung. Nach Beseitigung des Hindernisses stimmten Winseldorf und Lockstedter Lager, am 27.November, der Gründung eines Schulverbandes zu.

Die Militärische Brüderschaft für Lockstedter Lager und Umgegend feierte am 20.Oktober ihr zehnjähriges Stiftungsfest. Von den geladenen Vereinen waren acht erschienen. Der Festzug durchs Lager wurde durch fünf Herolde eröffnet. Generalmajor von Dömming hielt eine kernige Festrede. Auf dem Festplatz überreichte der Militärverein Münsterdorf einen Fahnennagel. Die weitere Feier wurde im Gasthof Oesau abgehalten.

Am Beginn des November gab der Kommandierende General des IX.Armeekorps, Freiherr von Vietinghoff gen. Scheel, auf dem Truppenübungsplatz eine größere Treibjagd. Eingeladen waren Generale und Stabsoffiziere des IX.Armeekorps. Nach der Jagd findet ein Diner im Offizierskasino statt. Die Strecke bestand aus 30 Hasen, 2 Rehe, und 2 Schnepfen.

Dem Barbier Heinrich Hinsch ist in diesen Tagen die 2.Klasse der Landwehrdienstauszeichnung verliehen worden. >


1908

Die Militärische Brüderschaft hielt am 04.Januar eine Generalversammlung ab. Nach der Versammlung hielt Leutnant Dunker vom Feldartillerieregiment Nr.9 einen Vortrag über eigene Erlebnisse im Feldzug in Südwestafrika. Dieser sehr interessante Vortrag, zu welchem auch viele Mitglieder anderer militärischer Vereine erschienen waren, fand allseitig sehr beifällige Aufnahme.

Der seit einem Jahr auf der hiesigen Bahnstation beschäftigte Militäranwärter Paust bestand kurz vor Weihnachten die Prüfung zum Assistenten und ist als solcher nach Tinglev versetzt. An seine Stelle trat hier zur Ausbildung ein anderer Militäranwärter.

Anläßlich des am 10.Januar in Berlin gefeierten Krönungs- und Ordensfestes wurde Generalmajor von Dömming, Kommandant des Truppenübungsplatzes, mit dem Kronenorden II.Klasse ausgezeichnet. Anläßlich der Verleihung hatte der Kommandant die im Lager anwesenden Offiziere, höheren Beamten und zivile Honoratioren zu einer kleinen Feier am 12.Januar ins Kasino eingeladen.

Am 11.Januar wurde der 1.160 Köpfe starke Ablösungstransport für Tsingtau an Bord des Hamburger Dampfers "Silvia" eingeschifft. Die Abreise erfolgt am gleichen Tag gegen 1800 Uhr.

Die Militärische Brüderschaft für das Lockstedter Lager und Umgebung folgte dem Beispiel der Ortsgruppe Schlotfeld des Deutschen Flottenvereins und veranstaltete am Wochenende 25./26.Januar zwei kinematographische Vorführungen, ausgeführt durch die Deutsche Bioskop Gesellschaft aus Berlin. Das reichhaltige Programm bot in drei Abteilungen interessante Bilder aus dem Marine- und Kolonialleben, sowie aktuelle Aufnahmen. Außerdem war für humoristische Einlagen gesorgt. Ein Besuch der Vorführungen wurde im Vorfeld empfohlen.

Die Feiern an Kaisers Geburtstag (27.Januar) waren vergleichbar der in den vergangenen Jahren abgehaltenen Festivitäten. Alle Lokalitäten des Ortes waren von den örtlichen Vereinen belegt worden.

Bei der am 08.Februar stattgefundenen Verdingung der Meiereiprodukte für die Truppenküchen des Lagers erhielt die Meierei Mühlenbarbek-Lohbarbek den Zuschlag als Mindestfordernde. Es handelte sich um eine Lieferung von ca.18.000 Mark an Milch, Butter und Käse. Bisher war die Itzehoer Meierei Lieferantin.

Zu dem am 11.März beginnenden Offiziersaspiranten Kurs zogen die Übungskompanien, die von den Infanterieregimenter Nr.84 und Nr.86 gestellt worden, waren bereits am 10.März ein; die Offiziersaspiranten meldeten sich am folgenden Tag beim Kursusleiter. Diesmal war in den in der Theorie gestrafften Kurs Pionierausbildung an drei aufeinanderfolgenden Tagen eingeplant, gefolgt von zwei Tagen Unterricht, gestaltet durch einen Stabsoffizier der Telegraphentruppe.

Die Arbeiten zur Umgestaltung des Denkmals auf dem Marktplatz, die zu der am 24.März stattfindenden 60jährigen Erhebungsfeier für Schleswig-Holstein abgeschlossen sein sollten, wurden im Laufe der dritten Woche des Februar in Angriff genommen. Ein für das Denkmal sehr passender ansehnlicher Findling, 1,30 Meter in Höhe und Breite messend, der auf dem Gute Schmabek gefunden wurde, war für 10 Mark käuflich erworben worden und wurde bald nach dem Kauf zu seinem Bestimmungsort befördert.

Ende Februar wurde zum erstenmal erwähnt, daß es im Lockstedter Lager eine Fechtschule gegeben hätte.

Die Bauarbeiten an den Mannschaftsbaracken 45, 46, 47, 48 und 49 begannen im März, gleichzeitig begann der Bau der Offiziersbaracken 43 und 44 sowie der Stabsoffiziersbaracke.

Mit dem Eintritt des April begannen im Lager vermehrt die militärischen Übungen der verschiedenen Truppenteile im Bereich des IX.Armeekorps. Als erste Truppe war eine Abteilung der Wandsbeker Husaren angelangt. Die Husaren hatten einen Monat lang Zeit ihre Fähigkeiten in der Schieß- und Geländeausbildung mit und ohne Pferd zu üben.

Vom 04.April an war die 10.Kompanie des Infanterieregiments Nr.85 aus Kiel im Lager. Die Kompanie führte Gefechts- und Schießausbildung im Hinblick auf das im Juni stattfindende Regiments­exerzieren durch. Bis zum Abmarsch am 15.April sollte auch dafür geübt werden, die Schießergebnisse so zu verbessern, daß man zur Teilnahme am Kaiserpreisschießen gemeldet werden konnte.

Die 10.Kompanie des Infanterieregiments Nr.85 war am 15.April kaum abgerückt, als die Reservisten der jüngeren Jahrgänge, die zur Bildung des kriegsstarken Infanterieregiments, insgesamt 3.425 Mann, einberufen worden waren mit den verschiedenen fahrplanmäßig verkehrenden Zügen ankamen. Sie wurden auf dem Bahnhof in Empfang genommen und zum Meldekopf im Lager gebracht, wo die Einteilung in Korporalschaften, Züge und Kompanien erfolgte. Hier wurde ihnen ein Laufzettel ausgehändigt und auch die Unterkünfte zugewiesen.

Gegen Ende des Monats April erhielt die Kommandantur kurzfristig Nachricht, daß die Ausbildungskurse für die Offiziere des Beurlaubtenstandes des IX.Armeekorps, die vom 06.Mai bis 04.Juni hier stattfinden sollten, aber wegen der Landtagswahlen verschoben werden mußten, jetzt in der Zeit vom 10.Juni bis 09.Juli durchgeführt werden würden. Als Leiter dieser Übungskurse würde Oberstleutnant von Jarotzky vom Stabe des Füsilierregiments Nr.90 kommandiert werden. Als Übungstruppe dieser Reserveoffizierskompanien kämen an Stelle der ursprünglich zu kommandierenden 11.Kompanie des Grenadierregiments Nr.89 und der 12.Kompanie des Infanterieregiments Nr.31 jetzt die 6.Kompanie des Füsilierregiments Nr.90, sowie die 4.Kompanie des Infanterieregiments Nr.84. Dieser Nachricht folgte am 05.Mai eine weitere, in welcher mitgeteilt wurde, daß Prinz Friedrich Leopold von Preußen, Inspekteur der ersten Armeeinspektion, am 26. und 27.Mai eintreffen würde, um die Infanterieregimenter Nr.76 und Nr.75 zu besichtigen.

Die seit dem 15.April im Lager anwesenden Soldaten der Infanterieregimenter Nr.75 und Nr.76 begannen die Schießübungen im Holsteiner Wald am 16.April. Das ihnen zugewiesenen Munitionskontingent war nach 11 Tagen verschossen. Sie rückten am 29.April wieder in die Heimatstandorte ab.

Zur Besichtigung des kriegsstarken Reserve Infanterieregiments der jüngeren Jahrgänge des Beurlaubtenstandes kam der Kommandierende General des IX.Armeekorps Freiherr von Vietinghoff gen. Scheel im Lockstedter Lager frühmorgens am 07.Mai an. Die zu besichtigende Truppe war bereits auf dem Gefechtsfeld in den Stellungen und begann die Aktivitäten auf ein abgesprochenes Trompetensignal. Nach zwei Gefechten, einem Angriff und einem Verteidigungsgefecht am Hohenfierth und Holsteiner Wald, die einschließlich Abschlußbesprechung von 0730 Uhr bis 1415 Uhr dauerten, brachte der Kommandierende General das Kaiserhoch aus. Das Wetter am Besichtigungstag war stürmisch und regnerisch. Die Reservisten wurden am 08.Mai in Sonderzügen nach Hamburg,Bremen, Mecklenburg und Holstein entlassen.

Der Kommandierende General des IX.Armeekorps Freiherr von Vietinghoff gen. Scheel, besichtigte am 21.Mai im Rahmen seiner Dienstaufsichtspflicht verschiedene Einheiten, die im Lockstedter Lager übten. Bei dieser Gelegenheit stellte sich auch der neue Kommandeur des Feldartillerieregiments Nr.9, Oberstleutnant von Ditfurth, beim Lagerkommandanten vor.

Ein bedauerlicher Unglücksfall ereignete sich während des infanteristischen Teils einer Besichtigung durch den Kommandierenden General. Leutnant von Heppe vom Infanterieregiment Nr.31 wurde durch einen unglücklichen Zufall mit einem Degen ins Auge gestoßen, wobei das Glas des Pincenez (Lorgnette = mdal. Kneifer)zersplitterte. Der Verletzte wollte anfänglich die Übungen fortsetzen, da er wenig oder gar keine Schmerzen fühlte; wurde jedoch im Lazarett aufgenommen und mußte, da sich der Zustand verschlimmerte nach Altona geschafft werden. Dort wurde leider konstatiert, daß die Sehkraft des Auges unwiederbringlich verloren war. Wie man annahm, mußte ein ganz feiner Glassplitter ins Auge gedrungen sein, der die Sehnerven verletzt hatte.

Zwei Tage nach dem Einrücken fand bei der 2. und 3.Kompanie des Infanterieregiments Nr.86 ein kriegsmäßiges Abkochen statt als Übung für den Kriegsfall. Zu diesem Zweck wurde ein 1.000 pfündiger Ochse auf freiem Felde von berufsmäßigen Schlachtern, die der Truppe angehörten, in einer knappen halben Stunde fachmännisch zerlegt und das Fleisch den Mannschaften zur Zubereitung übergeben. Ebenso übten die Bäcker der Feldbäckerei mit einem mitgeführten Backofen und lieferten das erforderliche Brot. Die Übungen wurde im Abstand von zwei Tagen bei anderen Kompanien fortgesetzt.

Vom Feldartillerieregiment Nr.9 aus Itzehoe kamen jeden Morgen eine oder zwei Batterien zum Übungsplatz, um im Laufe des Tages vorgeschriebene Exerzitien durchzuführen. Abgeschlossen wurde die Übungszeit mit dem Rücktransport der Geschütze nach Itzehoe am 25.Mai.

Prinz Friedrich Leopold traf am 26.Mai morgens mit dem Kommandierenden General des IX.Armeekorps Freiherr von Vietinghoff gen. Scheel, dem Kommandeur der 17.Division Generalleutnant von Pritzelwitz und dem Kommandeur der 33.Infanteriebrigade, Oberst von Wartenberg, zur Besichtigung des Infanterieregiments Nr.75 im Lockstedter Lager ein. Nach einem Angriffsgefecht gegen das Infanterieregiment Nr.76 erfolgte ein Parademarsch beider Regimenter in Kompaniefront. Nur der Prinz reiste gleich nach der Besichtigung nach Hamburg zurück.

Die Reservisten des Beurlaubtenstandes, diesmal die älteren Jahrgänge, die zur Bildung eines kriegsstarken Reserve Infanterieregiments des IX.Armeekorps, in einer Stärke von 3.217 Mann aufgerufen worden waren, trafen mit Sonderzügen aus den Sammelstandorten auf dem Bahnhof in Lockstedter Lager ein. Hier wurden sie von dem bereits formierten Vorkommando in Empfang genommen und durch die einzelnen Meldestationen geführt. Den älteren Jahrgängen brauchten die Baulichkeiten des Lagers nicht erklärt zu werden, da alle schon reichlich Erfahrung im "Luftkurort Lockstedter Lager" gesammelt hatten.

Im Lager trafen am 10.Juni die Offiziere des Beurlaubtenstandes vom IX.Armeekorps zu einer vierwöchigen Übung ein,wozu die Regimenter 90 und 84 je eine Kompanie als Übungstruppe bereitstellten.

Am 11.Juni, als die Festungsluftschiffer auf dem Bahnhof ankamen, entluden sich schwere Gewitter über dem Lager mit eingebetteten Hagelschauern und Starkwinden. Der Schaden, den das Unwetter in der Umgegend angerichtet hatte, war beträchtlich.

Das IX.Armeekorps hatte für den Juni dieses Jahres die Offiziere der ihm unterstellten Artillerie Einheiten auf dem Truppenübungsplatz konzentriert. In Absprache mit der Generalinspektion des Militärverkehrswesens, der Luftschifferlehranstalt und Festungsluftschifferabteilung Berlin sollte der jährlich wiederkehrende Übungsplatzaufenthalt der Festungsluftschifferabteilung dieses Jahr im Lockstedter Lager stattfinden. Das IX.Armeekorps nahm die Gelegenheit wahr eine Lehrvorführung "Feuerleiten aus dem Fesselballon" zu exerzieren. Am 11.Juni rollten zwei Bahntransporte aus Berlin im Bahnhof Lockstedter Lager ein. Hinter den Personenwagen des ersten Zuges für 10 Offiziere und 270 Mann waren die Pferdewaggons für die zur Abteilung gehörenden 194 Pferde angehängt. Der andere Transport brachte auf Eisenbahnplattenwagen das Gerät. 12 Gaswagen jeder mit 20 Gasbehältern, von denen 5 im Vorder­wagen (Protze) und 15 Gasbehälter im Hinterwagen waren. Jeder Gasbehälter faßte 5 cbm Wasserstoffgas. 2 Gerätewagen mit je einem zusammengelegten Drachenballon nebst Korb, Zubehör und Instrumenten. 1 Windenwagen, der in der Protze Zubehör und Werkzeug mitführte, auf dem hinteren Wagen war die Winde selbst montiert. Dann folgte ein Plattenwagen mit 2 Packwagen, die u.a. Fernmeldegerät und Fahrräder transportierten. An diesen Eisenbahnwagen war ein weiterer Plattenwagen mit einem Lebensmittelwagen und einem Futterwagen angehängt. Ganz am Ende des Zuges befanden sich zwei Gastransportwagen mit großen Hochdruckgasflaschen, die von der Firma Messer-Griesheim in Darmstadt mit Wasserstoffgas befüllt und dann nach Berlin transportiert worden waren. Die Übungen dauerten für die Luftschiffer eine Woche und waren die einzigen, die in dieser Art auf dem Truppenübungsplatz Lockstedter Lager durchgeführt wurden.

Am 12.Juni war der Bahnhof teilweise abgesperrt. Die gemäß Reglement entleert transportierten luftschiffereigentümlichen Gaswagen wurden aus den Stahlflaschen der Firma Messer-Griesheim mit Wasserstoffgas befüllt. Die beiden mitgeführten Ballons faßten jeder für die erste Füllung 600 cbm Wasserstoffgas, also 6 Gaswagen. Die Befüllung eines Ballons mit halber Gasmenge wurde bei der Waldersee Höhe durchgeführt. Am 14.Juni wurde der Füllvorgang fortgesetzt und der Ballon fertig aufgerüstet, die Handwinde im Boden verankert und das Telefonzelt aufgebaut. Während dieser Arbeiten wurden die Offiziere der Artillerie in die Beobachtungsmöglichkeiten eingewiesen und gemeinsame Einsätze für den nächsten Tag abgesprochen. Die Wetterbedingungen waren gut.

Seit dem 14.Juni waren die Bataillone des Infanterieregiment Nr.85 im Wechsel auf dem Übungsplatz einquartiert. Das Regiments­exerzieren dauerte bis Freitag, dem 05.Juli. Die Regimentsführung hatte Schulschießen auf verschiedene Distanzen, u.a. Schießen auf der verlängerten MG-Bahn auf Kopfscheiben in 400 m Entfernung befohlen. (Schlechte Schützen mußten nach dem Schießen am Kugelfang Kugeln suchen). Den Schulschießübungen folgten Einzel- und Gruppengefechtsschießen im Zug- und Kompanie­rahmen. Bestandteil der Planung während des Übungsplatzaufenthaltes waren auch diverse Alarmübungen mit an­schließenden Gewöhnungsmärschen von 5 bis 25 km Länge in kompletter Montur. Auf dem Exerzierplatz im Westen des Areals - Ort für die allgemeine Ausbildung, z.B. Pionierausbildung, Fortbildung im Gebrauch des Feldfernsprechers und Verlegen von Feldkabel. Nebenbei drillen der Soldaten in der Gefechts- und Kampfausbildung. Die infanteristischen Gang­arten wie Kriechen etc. dienten den Führern nebenbei als Erziehungsmittel. Gute Kondition erforderten der Sturmlauf in der Gruppe/im Zug, sie beanspruchten aber keinen großen Teil der Ausbildung. Ein weiterer Ausbildungspunkt war die Erste Hilfe als Selbsthilfe und für Kameraden sowie Bergen von Verwundeten. Im Lager selbst wurde an schießfreien Tagen im Rahmen der formalen Ausbildung stramm exerziert und marschiert mit und ohne Gesang, bei Bedarf wurde nachexerzieren befohlen. Die Aufmerksamkeit der exerzierenden Soldaten wurde beeinträchtigt durch den Aufstieg eines Freiballons.

Der 15.Juni sah den ersten gemeinsamen Übungstag der Artillerie und Luftschiffer. Die 1./schwere Batterie der I.Abteilung des Feldartillerieregiments Nr.9 hatte auf der Bahn VIII Stellung bezogen und wartete auf die Meldung "Sicherheit hergestellt" und "Feuererlaubnis". Der Ballontrupp wartete ebenfalls auf das Signal zum Ballonaufstieg. Die Fernsprechverbindung war hergestellt und der Beobachtungskorb durch einen Beobachtungsoffizier besetzt, mit dem Aufstieg konnte sofort begonnen werden. Aufgrund der schwachen Windbewegung stieg der Ballon gewichtsbedingt nicht hoch genug, der Aufstieg wurde abgebrochen. Ein zweiter Aufstieg am Nachmittag, bei einer leichten Brise, brachte mehr Höhe. Der Beobachter machte seine Beobachtungsmeldungen über Telefon. Im Telefonzelt wurden die Meldungen aufgeschrieben und durch radfahrende Melder zur schießenden Batterie gebracht. Wenn kein Radfahrer mehr verfügbar war, wurde ein Meldereiter eingesetzt. Nach zwei Stunden wurde die Vorführung beendet.

Am 16.Juni wurde der Ballon zur Gaffron Ecke gebracht und dort für den zweiten Tag der Übung vor­bereitet. Die Artillerie hatte die Stellung nicht gewechselt. Die Wetterbedingungen waren verhältnismäßig gut. Wind mit 10-20 m/sec, ab und zu eine Böe. Der Aufstieg auf eine Höhe von 500 m klappte reibungslos. Hin und wieder drückte eine Windböe den Ballon um 50 m nach unten, was die Beobachtungsergebnisse beeinträchtigte. Die Artilleristen waren von der Vorführung enttäuscht. Die Regimentsführung hatte gehofft, daß die Feuerstellung eine direkte Telefonverbindung mit dem Ballon haben würde und die Artillerie auf eingehende Meldungen sofort reagieren könnte. Insgesamt schafften es die Festungsluftschiffer nicht die Artilleristen zu überzeugen. Auch nicht dadurch, daß es einem kleinen Kreis mutiger Offiziere ermöglicht wurde, einen luftigen Überblick über das Lager zu genießen.

Anmerkung: Nachdem in späteren Jahren das Gewicht der Ballonhülle verringert, die Form verändert und das Gasfassungsvermögen auf 1.000 cbm Gas erhöht worden war, konnten bessere Leistungen hinsichtlich Steigvermögen und Windabhängigkeit erzielt werden. Vermarktung im Jahre 1912

Die 18.Feldartilleriebrigade aus dem Bereich IX.Armeekorps und die 20.Feldartilleriebrigade aus dem Bereich des X.Armeekorps mit den Regimentern Nr. 9, Nr.45, Nr.26 und Nr.62 rückten am 16.Juni ein. Sie waren zu einen Brigadevergleichsschießen auf den Übungsplatz gekommen. Das Feldartillerieregiment Nr.9 erreichte das Lager im Landmarsch just zu dem Zeitpunkt, als die Luftschiffer und Infanteristen sich auf den Weg zum Übungsgelände machten. Nach der Mittagsstunde flossen dann die anderen Feldartillerieregimenter ein. Die Schießen dauerten bis zum 20.Juni. Nach dem letzten Schießen fand gemeinsames Kanonereinigen statt, danach war für nicht eingeteiltes Personal Dienstschluß. Der nächste Tag ein Sonntag stand zur freien Verfügung. Montag erneutes Waffenreinigen und glätten der Granatentrichter in den Zielgebieten. Am 23. war dann wieder Rückmarsch in die Standorte.

Der von der Luftschifferabteilung im Lockstedter Lager am 17.Juni aufgelassene mit vier Personen bemannte Freiballon nahm Kurs auf die Nordsee zu. Am Nachmittag passierte der Freiballon den Ort Lunden in Dithmarschen in südlicher Richtung und ging kurz darauf auf der Wiese eines Bauern, dicht vor dem Mötjensee nieder. Die Insassen waren zwei Offiziere mit ihren Burschen aus dem Lockstedter Lager. Die Herren traten mit der Bahn von Lunden aus die Rückreise an, während die Burschen auf das Abholkommando warteten und mit diesem zum Lockstedter Lager zurückfuhren. Der Ballon war an diesem Tag etwa 80 Kilometer gefahren.

Am 18.Juni hatte es sich herumgesprochen, daß das am Mittwoch niedergegangene Gewitter mit den lang anhaltendem Sturzregen für den Aalfang sehr günstig gewesen war, weil sich die Aale in großer Menge stromabwärts bewegten. Überall an der Au sah man die Leute, auch Soldaten angeln. Der Mühlenpächter Schwarzkopf hatte in einer Nacht 120 Pfund Aale gefangen und das Pfund für 70 Pfennig absetzen können, so daß der Fang ihm 84 Mark einbrachte.

Ein Freiballon mit Korb und Fangseil ging am 25.Juni nachmittags gegen 1330 Uhr von Osten nach Westen über Itzehoe hinweg. Trotz der bedeutenden Höhe, in welcher der Ballon sich befand, konnte man bei der klaren Luft die drei Insassen bemerken und das lange Fangseil am Korb herunterhängen sehen. Der Ballon war auf dem Truppenübungsplatz im Lockstedter Lager aufgestiegen und landete auf der Nordoer Heide.

Ein Soldat vom Infanterieregiment Nr.84, das bis 18.Juni im Lockstedter Lager Schießübungen vornahm, entfernte sich am Abmarschtag morgens im Drillichanzug von seinem Regiment und begab sich entlang der Chaussee nach Itzehoe. Unterwegs verschaffte er sich einen Zivilanzug, den er über das Drillichzeug anlegte. Von Itzehoe aus beabsichtigte er mit Hilfe eines Fahrrades weiterzukommen. Dies sollte ihm aber zum Verhängnis werden. Um durch Diebstahl an ein Fahrrad zu kommen, begab er sich auf den Hausflur des Fleischschauamts, wo das Fahrrad des Tierarztes stand. In dem Augenblick, als er mit dem Fahrrad durch die Haustür zu verschwinden wollte, erschien der Trichinenbeschauer Herr Horns, der den Mann anhielt und befragte. Der Deserteur erklärte, das er das Rad des Tierarztes zu dessen Wohnung in die Lange Straße 4 bringen sollte, wozu er von ihm persönlich auf der Straße den Auftrag erhalten habe. Da es in Itzehoe eine Lange Straße nicht gibt und das Verhalten des fremden Mannes ohnehin Verdacht erregte, ließ der Trichinenbeschauer das Rad wieder an seinen Ort stellen und ging mit dem Verdächtigen zusammen in die Reichenstraße, wo der Tierarzt in einem Schlachterladen zu tun hatte. Unterwegs kam dieser ihnen schon entgegen. Als der Trichinenbeschauer dann den Tierarzt fragte, ob er den fremden Mann zum Schauamt geschickt habe, um das Fahrrad abzuholen, ergriff der Fremde, ohne eine Antwort abzuwarten, die Flucht. Er lief die Kapellenstraße entlang, von einer Schar Kinder und dem sich auf sein Rad schwingenden Trichinenbeschauer verfolgt. Als er sich in die Enge getrieben sah, lief er in das Haus eines Händlers, wo er sich zu verstecken suchte. Dort wurde er von den benachrichtigten Polizeibeamten festgenommen. Auf der Polizeiwache wurde er als Deserteur erkannt und nach seiner Vernehmung dem Garnisonskommando zugeführt. Es wurde angenommen, daß er den Zivilanzug gestohlen hatte; seiner eigenen Angabe, den Anzug auf der Landstraße von einem Handwerksburschen gekauft zu haben, wurde kein Glauben geschenkt.

Die Generalstabsreise des IX.Armeekorps, so wurde am 30.Juni berichtet, würde am 08.Juli in Güstrow beginnen. Die Übung, an der 25 Offiziere teilnähmen, leite der Chef des Generalstabs des IX.Armeekorps, Oberst von Heuduck.

Ein im Lockstedter Lager aufgelassener Fesselballon stand zur weithin sichtbar über dem Neumühlener Weg. Bei der klaren Luft war die eigenartige Form des Ballons mit den Anhängseln und der Gondel sehr deutlich zu sehen.

Anfang Juli wurde die Post des Lockstedter Lagers zum erstenmal an einem neuen Bahnpostwaggon abgeliefert. Der neue Wagen war 17 Meter lang und mit Schutzabteilen versehen und wog 37 Tonnen, also etwa 8 Tonnen mehr als die 12 Meter langen Wagen, sie haben einen erheblich ruhigeren Lauf, so daß das Arbeiten darin wesentlich erleichtert wurden. Als besondere Wohltat empfand das Personal die modern eingerichtete Waschvorrichtung sowie den Abort mit Wasserspülung.

Der Kommandierende General Freiherr von Vietinghoff gen. Scheel besichtigte am 09.Juli die 81.Infanteriegrigade. Der Divisionskommandeur Generalleutnant von Pritzelwitz war ebenfalls anwesend. Am 10. kehrten die Regimenter in ihre Garnisonen (162 Lübeck, 163 Neumünster) zurück. Ebenso das Jägerbataillon Nr.9 nach Ratzeburg und das Pionierbataillon Nr.9 nach Harburg. Das Feldartillerieregiment Nr.45 aus Rendsburg und Bahrenfeld kamen im Landmarsch am Nachmittag des 10.Juli im Lager an und bezogen die zugewiesenen Quartiere.

Die Luftschifferabteilung begann bereits am 09.Juli mit dem Verladen des Geräts auf den bereitgestellten Sonderzug. Tags darauf verließen die Luftschiffer das Lager und gingen von hier aus für fünf Wochen zum Übungsplatz Bitsch in Lothringen und von dort ins Kaisermanöver.

Am 14.07. ereignete sich morgens beim Exerzieren der gefechtsstarken Abteilung des Feldartillerieregiments Nr.45 ein Unfall. Der Batterieführer der 5.Batterie Oberleutnant Uechtritz und 1 Trompeter kamen beim Vorreiten zur Erkundung einer Feuerstellung auf dem Fahrweg in ein Sumpfloch und stürzten mit den Pferden. Der Oberleutnant kam mit leichten Verletzungen am Kopfe davon, während der Trompeter einen komplizierten Knöchelbruch erlitt. Der Trompeter mußte mit dem Krümperwagen ins Lazarett gebracht werden.

Laut einer der Mühlenbarbeker Ortsbehörde vom Feldartillerieregiment Nr.60 am 14.Juli zugegangenen Mitteilung, beabsichtigte das Regiment auf der zum Ort gehörenden Feldmark am 29.Juli ein Geländeschießen abhalten. Die Feuerstellung befände sich reichlich 1 Kilometer südöstlich von Neumühlen auf der Heide. Das bestrichene Gelände, wie auch die Chaussee Mühlenbarbek-Springhoe sei vormittags von 0600 Uhr bis 1000 Uhr gesperrt. Weil die Flugbahn der Geschosse über Neumühlen führe, hätten die Bewohner die Gebäude während der angegebenen Zeit zu räumen.

Einen Tag später rückten die Infanterieregimenter Nr.75 und Nr.76 mit Sonderzügen und im Landmarsch ab, es waren in der Nacht im Lockstedter Lager an zwei Stellen Einbrüche verübt worden. Bei dem Schmiedemeister Krey hatte der Dieb eine Ladenscheibe zertrümmert, aber aus dem Krämerladen keinen einzigen Gegenstand entwendet. Der zweite Einbruch hatte in Hülsings Hotel stattgefunden, wo die Ladenkasse, die nur etwas Wechselgeld enthielten, geleert worden und wo man den Musikautomaten angebohrt aber nicht geöffnet hatte. Aus einem Nebenzimmer war einem Kellner ein Anzug gestohlen worden, die Langfinger hatten sich außerdem noch gütlich getan an Guttemplergetränken.

Wieder einmal herrschte Hochbetrieb auf dem Bahnhof und auf den Wegen zur Hauptwache. Seit dem frühen Morgen des 27.Juli meldeten sich einzelne Kontingente des Reserve Feldartillerieregiments des IX.Armeekorps, das im Lockstedter Lager aufgestellt wurde. Einberufen worden waren 3.217 Mann aller Jahrgänge. Die Übungszeit wurde dazu genutzt erlernte Fertigkeiten zu prüfen und alle wieder auf den neusten Stand der Ausbildung zu bringen. Es wurden vorwiegend manuelle Tätigkeiten an den Geschützen, in der Versorgungskolonne und anderen Fachbereichen vorgenommen. Geschossen wurde auf den Schießständen im Holsteiner Wald nicht, obwohl es sich mancher Reservist gewünscht hatte. Mit den Reservisten zogen auch die Aktiven des Feldartillerieregiments Nr.60 aus Schwerin und Neustrelitz ein, die bei ihrer Ankunft, trotz der Bahnfahrt, keinen frischen Eindruck machten.

Der vierjährige Sohn des Schlachters Burmeister wurde von einem Wagen des Fuhrmanns Schröder überfahren. Der Wagen war mit Schweinen beladen und fuhr im Schritt. Dr Junge soll direkt gegen den Wagen gelaufen sein, so daß den Knecht nach Angaben von Augenzeugen keine Schuld traf. Die Ärzte haben den Jungen, dem der Wagen über den Leib gefahren war, retten können.

Dem Chausseewärter Rehder, der im Ort wohnte, wurde das Fahrrad, das an der Latemschen Photographierbude angelehnt stand, am 28. gestohlen, was von einer dort wohnenden Frau gesehen wurde. Der Dieb war ein Knecht, der auf dem Gut Schmabek im Dienst stand und an demselben Tage seinen Dienst ohne jeden Grund quittiert hat

Dem Geländeschießen des Feldartillerieregiments Nr.60 bei Neumühlen schaute sehr viel Publikum zu, das sich außerhalb des Übungsplatzes in Höhe des Zielgebietes postiert hatte, unter ihnen auch die Bewohner der Häuser von Neumühlen. Das Schießen, von der Feuerstellung zwischen Hoffnung und Neumühlen in Richtung Höhe 26,9, ging ohne Beschädigung von zivilen Einrichtungen zu Ende.

Der August sah wieder einmal verstärkte militärische Aktivitäten im Lager. Vom 01. bis zum 22.August waren die Infanterieregimenter Nr.84 und 86 kaserniert. Sie erreichten den Übungsplatz in mehrtägigen Fußmärschen mit Quartieren unterwegs. Die meiste Zeit soll von den Bataillonen und Regimentern zum Exerzieren in diesen Größenordnungen genutzt werden. Vom 17.August an exerzierten beide Regimenter im Brigadeverband. Es war noch nicht klar, ob eine Pionierkompanie zur Unterstützung der Übenden Einheiten abgeordnet wurde. Die nächsten Einheiten die eintrafen, waren das Infanterieregiment Nr.90, die am 14.August einrückten, gefolgt von dem Infanterieregiment Nr.89, die nach einem längeren Landmarsch das Lager erreichten. Nach dem gemeinsamen Exerzieren marschierten beide Regimenter per Bahntransport ins Korpsmanövergelände. Ebenfalls zur Teilnahme am Manöver verpflichtet waren die Dragonerregimenter Nr.17 und Nr.18, die vom 29.August bis 07.September im Verband der 17.Kavalleriebrigade exerzierten.

Durch einen unglücklichen Sturz erlitt der 21jährige Leutnant vom Feldartillerieregiment Nr.60, Albrecht von Nieber, im Lockstedter Lager, wo das Regiment zwecks Vornahme größerer Übungen weilte, so schwere Verletzungen, daß er in das Helenen Stift nach Altona überführt werden mußte, dort war er am 04.August, nach einer leidvollen Woche seinen Verletzungen erlegen.

Am 09.August konzertierte die gesamte Regimentskapelle des Infanterieregiments von Manstein Nr.84 unter Leitung ihres Dirigenten R.Schulz öffentlich im Park des Offizierskasinos.

Im Beisein des Kommandierenden Generals des IX.Armeekorps, Frhr. von Vietinghoff gen. Scheel, fand am 15.August das diesjährige Konkurrenzschießen um den Kaiserpreis für die Infanterie im Lockstedter Lager statt. Als Sieger aus diesem Schießen, zu dem aus dem Bereich des IX.Armeekorps die fünf im Schießdienst am besten ausgebildeten Kompanien herangezogen worden waren, war die 3.Kompanie des Infanterieregiments Nr.90 hervorgegangen, die bereits im Vorjahr durch die Verleihung des Kaiserabzeichens ausgezeichnet wurde. Von den Truppenteilen der 17.Division nahmen außer dieser Kompanie noch die 1.Kompanie des Infanterieregiments Nr. 162 und die 3.Kompanie des Infanterieregiments Nr.76 an diesem Konkurrenzschießen teil. Nach dem Schießen hielt der General eine kurze Kritik und kehrte nach Altona zurück, war jedoch am 18. bereits wieder im Lager, um die hier zusammengestellte Reserve Feldartillerieabteilung zu besichtigen. Bataillonsbesichtigung des Infanterieregiments Nr.90 am 19., am 20. die des Infanterieregiments Nr.89. Die Besichtigung der 35.Infanteriebrigade, zu der das Infanterieregiment Nr.84 und Nr.86 gehörten folgten. Am 21. und 22.August wurden besondere Gefechtsübungen der im Lager kantonierten Truppenteile abgehalten.

Die Dragonerregimenter Nr.17 und Nr.18 bezogen am 24.August das Lager. Infanterie und Kavallerie blieben bis zum 07.September und begaben sich dann direkt ins Manövergelände. Damit hatten die Übungen in der Brigade für dieses Jahr ihren Abschluß gefunden.

Am 03.September kamen die Infanterieregimenter Nr.84 und 86 als letzte in diesem Jahr. Die Regimenter hatten ein ausgedehntes Ausbildungsprogramm zu absolvieren. Es beinhaltete im besonderen die Schießausbildung aber auch den immer wichtiger werdenden Ausbildungsteil des tarnens und des täuschens. Hierzu war eine Abordnung des Jägerbataillons Nr.9 im Lager angekommen. Sie hatten vier Tage Zeit um dieses Thema anschaulich zu machen und natürlich auch Einzelübungen durchzuführen.

Am 15.09.1908 war das Infanterieregiment Nr.86 aus Sonderburg anwesend.

48 Fähnriche z.See der Nordseestation Wilhelmshaven, das II.Seebataillon und Personalersatz das Stamm Seebataillon in Kiautschou trafen am 11.September zu einer 14tägigen Übung im Lager ein. Welchem Zweck die Fahrräder dienten, mit denen die Fähnriche in Parade standen ist nicht klar.

Das Gros des aus den unterschiedlichsten Truppenteilen des IX.Armeekorps bestehenden, 224 Mann starken Arbeitskommandos, in dem vorwiegend handwerkliche Berufe zusammengefaßt waren, hatte am 23. und 24.September Anreisetag. Ein kleines Vorkommando, das seit dem 20.September im Lager war, übernahm sofort den Wachdienst. Zu den auszuführenden Arbeiten des Kommandos gehörten die Überholung der Scheibenzuganlage, ausgenommen der Dampfmaschinen, der Fernsprechleitungen und die dazugehörenden Anschlüsse. Solange die Wetterbedingungen es zuließen, wurden die Unterstände auf dem Übungsgelände repariert.

Die meisten Nutzungen auf dem Truppenübungsplatz sollten mit dem 01.Januar 1909 wieder neu verpachtet werden, da die bisherigen Verträge abgelaufen waren. Ein wesentlicher Unterschied bei den Neuverpachtungen sollte darin bestehen, daß die Verpachtungen im Interesse des Fiskus für einen längeren Zeitraum abgeschlossen wurden, als dies bisher stattfand. Die Pachtverträge sollten möglichst für 10 Jahre gelten, so daß die Pächter in der Lage waren, für die gepachteten Ländereien, Wiesen und Äcker intensiv zu nutzen.

Lockstedter Lager.
Am Sonntagabend 14.Novbr. um 1900 Uhr wurde der 11jährige Sohn des Gemeindevorstehers Saß hierselbst auf dem Heimwege in der Nähe der Kellerschen Wohnung von zwei Strolchen überfallen. Während der eine ihm den Mund zugehalten und die Hände festgehalten, hat der andere mit einem scharfen Messer dem Knaben das Beinkleid und die Stiefel aufgeschnitten und ihm sodann die Strümpfe ausgezogen. Darauf sind sie davon geeilt. Eine halbe Stunde später sind dem Lehrer H. von hier zwei Strolche in der Nähe seiner Wohnung entgegengetreten. Der Lehrer konnte sich schnell in ein Nachbarhaus begeben. In der darauffolgenden Nacht sind dem Fuhrwerksbesitzer Schröder hierselbst aus dem Stalle 12 Hühner gestohlen. In allen drei Fällen handelt es sich wahrscheinlich um dieselben Subjekte.

Schießplan des Lagers um 1908

Plan des Lagers um 1908


1909

Das Arbeitskommando war am 04.Januar wieder vollzählig und begann wieder mit den aufgetragenen Arbeiten. In dieser Periode wurden sämtliche Warnschilder neu erstellt und die Kegelzeichen und Korbsignale neu gemalt. Nachdem die Scheibenanforderungen der einzelnen Regimenter bei der Kommandantur vorlagen, wurde mit der Anfertigung und Bevorratung derselben begonnen. Der Arbeits- und Wacheinsatz endete am 25.Februar.

Mit Beginn 1909 wurde sämtlicher Brotbedarf für die auf dem Übungsplatz übenden Regimenter von den Bäckern Schütt und Hahn, die ihre Bäckereien an der Kieler Chaussee hatten, geliefert. Wenn von den Bäckern gesprochen wurde, so hießen sie allgemein nur die "Militärbäcker". Die Bäckerei Schütt belieferte auch das Offizierskasino sowie sechs Kantinen und sechs Milchbuden. Kuchen wurde vorwiegend für den Eigenbedarf gebacken. Die mitgereisten Kantinenwirte der übenden Einheiten (siehe Husaren Regiment Nr.16) konnten für ihre Einheit bei Schütt Kuchen bestellen.

Im recht kalten Januar kamen einige Einheiten zu Übungen im Winter, dazu zählten vom 13. bis 16. Januar das II. und III.Bataillon des Infanterieregiments Nr.76 aus Hamburg. Vom gleichen Regiment war das I.Bataillon in der Zeit vom 21. bis 23.Januar auf dem Übungsplatz. Die Furiere waren zwei Tage vor der Truppe im Lager, um die Unterkünfte entsprechend zu übernehmen und vorzubereiten. Kohlen zum Heizen mußten aus dem Schuppen hinter der Garnisonsverwaltung geholt werden.

In der zweiten Woche des Januar war eine Versammlung einberufen und im "Landhaus" durchgeführt worden, die den Zweck hatte, einen Bürgerverein zu gründen. Erschienen waren 20 Herren, welche alle die Gründung begrüßten. Der Verein erhielt den Namen "Bürgerverein Winseldorf - Lockstedter Lager". In den Vorstand wurden gewählt: Herr A.Keller als 1. und H.Frerk als 2.Vorsitzender, A.Boje als Schriftführer, H.Mohr als Kassierer und H.Eggers und O.Pabst als Beisitzende. Für ein von A.Keller ausgearbeitetes Statut wurde eine Kommission zur Nachprüfung gewählt. Die erste Generalversammlung fand am 06.Februar im Hotel "Kaiserhof" statt.

Die Militärische Brüderschaft für das Lockstedter Lager und Umgebung hatte Dank des rührigen Vorsitzenden A.Keller im vergangenen Jahr einen erfreulichen Aufschwung genommen. Die Mitgliederzahl war auf 90 gestiegen und man hoffte, bald das 100. Mitglied begrüßen zu können. Bei der letzten Jahreshauptversammlung wurde der Kamerad Hahn dadurch geehrt, daß ihm der Vorsitzende in beredten Worten eine Ehrenurkunde überreichte. Diese war in Aquarellmalerei ausgeführt und mit Eiche gerahmt. Kamerad Hahn bedankte sich bei den Kameraden für die erwiesene Ehre. Im vorgelesenen Jahresbericht wurde den Mitgliedern bekanntgegeben, daß der Kassenbestand mit den Geldern der Unterstützungskasse rund 600 Mark betrug.

Das I.Bataillon des Infanterieregiments Nr.31 hatte seine Schießübungen beendet und begegnete beim Ausmarsch aus dem Lager den einrückenden Offiziersaspiranten. Die Offiziersaspiranten des Beurlaubtenstandes der Infanterie und Jäger des IX.Armeekorps trafen am 11.März zum ersten Teil (Teil A) ihrer Ausbildung im Lager ein. Dem vierwöchigen Kurs schließen sich weitere vier Wochen bei der Truppe an. Als Übungskompanien wurden die 3.Infanterieregiment Nr.31 und 7.Infanterieregiment Nr.85 für die Dauer des Kurses ins Lager kommandiert.

Das Recht, in den nächsten zehn Jahren Schilf im Rethteich zu ernten, sowie die Grasnutzung an den Dämmen und Böschungen der alten Rieselfeldanlage, ging nach einem öffentlichen Verdingungsverfahren, das am 08.12.1908 durchgeführt worden war, auf den alleinbietenden Pächter der Lohmühle Herrn Hans Sievers über. Der vorherige Pächter, Herr Heinrich Thams, Gutsbesitzer zu Springhoe, hatte den Bietetermin versäumt und focht am 16.03.1909 den Pachtvertrag an, der aber nicht rückgängig gemacht wurde, weil die Terminversäumnis im Verschulden des Gutsbesitzers lag.

Die Schulverhältnisse im Lockstedter Lager hatten sich in den vergangenen drei Jahren sehr ungünstig gestaltet. Nach dem Fortgang der ersten beiden Lehrer mußten in beiden Klassen längere Zeit Vertreter arbeiten. Als dann wieder beide Klassen ordnungsgemäß besetzt waren, erkrankte Herr von J., der zweite Lehrer und mußte in eine Nervenheilanstalt eingewiesen werden. Von der Zeit an mußten bis zum Februar der erste und der zweite Lehrer der benachbarten Schule in der zweiten Klassen den Unterricht übernehmen. Darauf wurde von der Königlichen Regierung ein Schulamtskandidat vom Ratzeburger Seminar als Vertreter hierher überwiesen. Da derselbe aber für eine Schulstelle in Hamburg vorgeschlagen wurde, war die Klasse bald wieder verwaist. Unter dem fortwährenden Wechsel litten nicht nur die Schüler, sondern insbesondere die Schulkasse wurde stark belastet, da außer dem Gehalt für den Lehrer auch das Gehalt für den erkrankten Lehrer zu zahlen war. Da auch die kommenden Gehaltserhöhungen in Betracht gezogen wurden, mußte der Schulhaushalt auf 10.000 Mark veranschlagt werden.

Das II.Bataillon des Infanterieregiments Nr.31 aus Altona war zu einer kurzen intensiven Schießausbildung am 27.März ins Lager gekommen und hatte noch am gleichen Tag mit den Schießen auf der Gefechtsbahn begonnen. Das Tagschießen ging verzugslos in ein Nachtschießen über, das gegen 0000 Uhr beendet wurde. Tags darauf begann das Schießen pünktlich um 0900 Uhr und dauerte den ganzen Tag. Das Bataillone rückte am 29.März ab und überließ die angewärmten Strohsäcke dem III.Bataillon des gleichen Regiments, das am 29.März einrückte, die gleichen Schießen wie die beiden anderen Bataillone durchführte und am 01.April nach Altona zurückfuhr.

Zeitlich gestaffelt und aus verschiedenen Richtungen erreichten die Infanterieregimenter Nr.75, Nr.76 und Nr.163 am 15.April das Lager. Während die Bataillone des Infanterieregiments Nr.75 aus Bremen bereits gegen 0200 Uhr aus Bremen abfuhren, hatte das Bataillon aus Stade mehr als zwei Stunden später Abfahrtstermin. Sie erreichten im Abstand von 30 Minuten den Bahnhof Lockstedter Lager nach einer Fahrzeit von fast sechs Stunden ab Bremen und vier Stunden ab Stade. Das Entladen der Züge ging rasch vonstatten und das Regiment war im Lager bei den ersten Verrichtungen als das Infanterieregiment Nr.76 aus Hamburg ankam. Deren Zugfahrt dauerte nur zwei Stunden. Gegen 1400 Uhr erreichte das I.Bataillon des Infanterieregiments Nr.163 aus Neumünster die Lagerwache und floß verzugslos in die Unterkünfte. Das II.Bataillon des Infanterieregiments Nr.163 wurde mit einem Sonderzug herantransportiert.

Nicht sehr viel wurde öffentlich über einen bedauerlichen Vorfall mit Todesfolge, der sich am 25.April ereignete. Das Infanterieregiment Nr.76 führte auf den Ständen im Holsteiner Wald Schulschießen durch. Auf den Ständen I und III wurde bereits geschossen, auf dem Stand II verzögerte sich der Beginn des Schießens. In der Anzeigerdeckung wurde ein Soldat unruhig und wollte unbedingt nachschauen ob denn nicht bald das Schießen begänne. Als er aus der Anzeigerdeckung vor die Scheibe trat, fiel ein Schuß und traf ihn in den Kopf. Er brach sofort schwer verletzt zusammen, wurde noch in das Lazarett gebracht, dort verstarb er gegen 2300 Uhr Ortszeit am gleichen Tag. Die Garnisonsverwaltung bearbeitete die Formalitäten und den Rücktransport des aus Hamburg stammenden Toten.

Der 29.April war der Tag der Abreise für die Infanterieregimenter Nr.75, Nr.76 und Nr.163. Die Einheiten hatten bereits am Tag vorher Pferde und Wagen verladen und das Gerät verzurrt. Die Soldaten rückten kompanieweise zum Bahnhof ab. Dies hatte so zeitig zu geschehen, daß der Zug zur eingeplanten Zeit den Bahnhof verlassen konnte. Gegen 1330 Uhr hatten die Regimenter das Lager geräumt. Einer letzten Inspektion wurden die freigewordenen Unterkünfte unterzogen und kleinere Reparaturen durchgeführt. Die Furiere der Infanterieregimenter Nr.84 und 86 waren seit zwei Tagen mit der Übernahme der Unterkünfte und Regelung von anderen Angelegenheiten beschäftigt.

Die Übungskompanien für den Reserveoffiziersaspiranten Kurs wurden in diesem Jahr von den Infanterieregimentern Nr.162 und Nr.163 gestellt. Sie kamen am 28.April für die Dauer von fast vier Wochen ins Lager. Die Reserveoffiziersaspiranten waren ausgebildete Infanteristen oder Jäger.

Das schleswigsche Bataillon des Infanterieregiments Nr.84 hatte den Marsch zum Truppenübungsplatz am 28., das Flensburger Bataillon des Infanterieregiments Nr.86 am 27.April begonnen. Die weiter entfernten Bataillone nutzen zum Anmarsch die Eisenbahn. Die Bataillone waren bis zum späten Nachmittag des 01.Mai im Lager eingetroffen, es folgten zwei Ruhetage im Lager. Die 84er begannen am Montag mit der Schießausbildung, die 86er mit der Geländeausbildung.

Ein 20 Jahre alter Mann aus Itzehoe erlitt bei einem Arbeitsunfall schwere Verbrennungen. Der Mann stieg mit einem, mit kochender Klebemasse (Bitumen) gefüllten Eimer eine Leiter hoch, als diese in der Mitte durchbrach. Die kochende Masse ergoß sich über seinen Körper und verbrannte Hände und Gesicht. Er wurde ins Lazarett geschafft, dort wurde ihm Hilfe geleistet und seine Wunden wurden verbunden, danach wurde er mit einer Droschke (Mietkutsche) nach Itzehoe ins Julienstift verbracht. Das Gesicht hatte schwere Brandwunden, die Augen waren glücklicherweise unverletzt geblieben.

Als Führer des kriegsstarken Reserve Infanterieregiments, das vom 02. bis 15.Juni aus Mannschaften des Beurlaubtenstandes des IX.Armeekorps auf dem Truppenübungsplatz Lockstedter Lager zusammengezogen war, war Oberstleutnant Schmidt von Knobelsdorf, vom Stab des Infanterieregiments Nr.84, bestimmt worden. Als Bataillonsführer dieses Reserve Infanterieregiments waren außerdem kommandiert worden: Major Eben vom Stab Infanterieregiment Nr.163, Major Balthasar vom Stab Infanterieregiment Nr.84 und Major Ballussek vom Stab Infanterieregiment Nr.76. Für das Reserve Infanterieregiment wurden aus dem IX.Armeekorps 102 Unteroffiziere der Reserve einberufen, die vom 21.Mai ab beim Infanterieregiment Nr.89 und beim Infanterieregiment Nr.90 und dann ab dem 02.Juni beim Reserve Infanterieregiment im Lockstedter Lager übten. Einberufen wurden zu diesem Termin auch 1.380 Gefreite und Gemeine (Mannschaften) aus den älteren Jahrgängen der Reserve und 12 Vizefeldwebel, 93 Unteroffiziere und 1.380 Gefreite und Gemeine aus den jüngsten Jahrgängen der Landwehr 1.Aufgebots. Insgesamt 2.967 Mann, die mit der Eisenbahn am Bahnhof ankamen und wie üblich zum Lager geführt wurden, wo sie anhand des Laufzettels mit den Korporalen die einzelnen Stationen ablaufen mußten.

Nach der Besichtigung der 34.Infanteriebrigade durch die höheren Vorgesetzten marschierten die mecklenburgischen Regimenter am 26.Juni in ihre Standorte zurück. Tags darauf erreichten die Feldartillerieregimenter des IX.Armeekorps Nr.9 und Nr.45 sowie die Feldartillerieregimenter des X.Armeekorps Nr.26 und Nr.62 das Lager und begannen die gemeinsamen Übungen, die in einer gemeinsamen Brigadeübung endeten. Bei den Regimentern des IX.Armeekorps übten bis 13. bzw. 15.Juli auch die ehemaligen Einjährigen, die nicht Offiziersaspirant waren, mit ihnen übten auch Unteroffiziere der Reserve und Landwehr Feldartillerie 1.Aufgebots.

Der 1.Juli brachte in den Augen vieler Menschen, also auch Soldaten, eine verheerende Neuerung. Mit diesem Datum wurde die Branntweinsteuer vom Staat um 100 Prozent angehoben, ein Glas Branntwein kostete demnach das Doppelte wie vorher. Versuche von Soldaten sich durch "Schwarzbrennen" selbst zu versorgen wurden nach reiflicher Überlegung wieder eingestellt. Man hatte festgestellt, daß beim Brennen ein fürchterlicher Gestank entstand, der den Schwarzbrenner sofort verraten hätte. Als Grundlage für das Brennen sollte eine Maische nach der Formel "1410" hergestellt werden - 10 Liter Wasser, 4 Kilogramm Zucker und 10 Gramm Hefe vermischt und gären lassen.

Ein trauriger Tag war der 06.Juli. Während einer Geländeübung des Feldartillerieregiments Nr.62 kippte ein Geschütz dieses Regiments um als es über einen Knick fuhr und begrub drei Soldaten unter sich. Einem Soldaten wurden sämtliche Rippen im Brustraum gebrochen, er war auf der Stelle tot. Die beiden anderen erlitten schwere innere Verletzungen, sowie Arm- und Beinbrüche.

Die zu den Feldartillerieregimentern einberufenen Reservisten wurden alle am 14.Juli entlassen. Die Feldartillerieregimenter Nr.9 und 45 blieben noch bis zum 23.Juli, nach Rückkehr in der Garnison hatten sie einige Tage Garnisonsdienst, danach ging es wieder hinaus zum Manöver. Das Feldartillerieregiment Nr.62 wurde per Bahn zurück transportiert, wogegen das Feldartillerieregiment Nr. 26 wieder den Landmarsch wählte.

Mit klingendem Spiel rückte das I.Bataillon des Infanterieregiments Nr.75 aus Bremen am 15.Juli im Lager ein. Das II.Bataillon des gleichen Regiments war von Stade aus über die Elbe nach Glückstadt übergesetzt worden und erreichte von dort aus im Landmarsch den Übungsplatz. Das Infanterieregiment Hamburg hatte die Bataillone auf zwei verschiedenen Marschstrecken zum Lockstedter Lager marschieren lassen. Die Bataillone hatten zwei Tage Zeit das Lager zu erreichen. Das I.Bataillon machte in der Nähe von Kölln-Reisick Quartier. Das II.Bataillon nächtigte in der Gegend um Bullenkuhlen. Die beiden Infanterieregimenter waren bereits das zweitemal auf dem Platz. Diesmal wurde nur im Brigadeverband bis zum 27.Juli geübt.

Das Reserve Feldartillerieregiment des IX.Armeekorps wurde an zwei Tagen ausgiebig besichtigt. Nach der abschließenden Kritik waren die Übungen beendet, die Reservisten konnten daran gehen sich auf die Heimreise am 07.Juli vorzubereiten. Nach der Abnahme der Stuben und Reviere am Reisetag traten die Reservisten die Heimreise mit der Bahn an. Derzeit waren im Lager noch die Infanterieregimenter Nr.85, welches mit drei Bataillonen auf dem Landweg angerückt war und das Infanterieregiment Nr.31 aus Altona. Die beiden Regimenter sollten bis einschließlich 20.August gemeinsame Übungen absolvieren.

Die Husarenregimenter hielten Einzug im Lager. Beide Regimenter waren im Landmarsch zum Lockstedter Lager gekommen. Das Husarenregiment Nr.15 aus Wandsbek erreichte das Lager am 06.August nach zwei Tagen Marsch. Das Husarenregiment Nr.16 aus Schleswig hatte die Garnison am 07.August verlassen und meldete sich am 13.August beim Kommandanten an. Die Husaren exerzierten bis einschließlich des 16.August im Regimentsrahmen, danach bis zum 26.August im Verband der 18.Kavalleriebrigade.

Am 15.August fand auf den Schießbahnen das Abschießen der vier besten Kompanien des Armeekorps um das Kaiserabzeichen statt. Es waren dies die 3.Kompanie Infanterieregiment Nr.162 aus Lübeck, die 3.Kompanie des Infanterieregiments Nr.90 aus Rostock, die 5.Kompanie des Infanterieregiments Nr.84 aus Hadersleben und die 10.Kompanie des Infanterieregiments Nr.31 aus Altona. Die letzten beiden Jahre war das Abzeichen im Besitz der 3.Kompanie des Infanterieregiments Nr.90, die diesmal aber unterlag. Als Sieger ging die 5.Kompanie des Infanterieregiments Nr.84 aus Hadersleben hervor.

Auf Anregung des Kriegsministers hatte die Militärische Brüderschaft 8 Millimeter Gewehre 71/84 mit scharfer Munition beantragt, die am 26.August geliefert wurden. Schon vor längerer Zeit wurde im Verein der Wunsch laut, Schießübungen abzuhalten. Zu diesem Zweck wurde dem Vorsitzenden, Herrn Keller, die Vollmacht erteilt, alles erforderliche in dieser Sache zu veranlassen. Um einen geeigneten Schießplatz zu erhalten trat Herr Keller mit der Bitte an die Königliche Kommandantur heran, dem Verein einen Schießstand zu überlassen. So gern die Kommandantur die Kriegervereine unterstützte, war es ihr infolge der erforderlich werdenden Absperrmaßnahmen nicht möglich einen Platz zuzuweisen. Den Bemühungen des Vorsitzenden und dem Entgegenkommen des Herrn Detlef Ott war es größtenteils zu verdanken, daß die Militärische Brüderschaft einen modernen Schießstand neben dem Gasthof Oesau bauen konnte. Man war überein gekommen, daß der Bau beschleunigt werde und es war abgesprochen worden, daß in diesem Jahr noch drei Schießen veranstaltet werden würden, wobei das letzte Schießen mit einem Ball beendet werden sollte.

Die Besichtigung der 18.Kavalleriebrigade durch den Kommandierenden General Frhr. von Vietinghoff fand im Beisein des Prinzen Joachim, der aus Plön gekommen war, am 25.August statt. Nach einer exzellenten Vorführung wurden die Husarenregimenter entlassen. Sie verließen am folgenden Tag das Lager und marschierten direkt ins Manövergebiet.

Zwei Tage vor der Besichtigung waren die auf drei Bataillone aufgestockten Infanterieregimenter Nr.162 und 163 ins Lager gekommen. Sie erwarteten noch das Jägerbataillon Nr.9 aus Ratzeburg. Dies sollten eigentlich die letzten Verbände des Heeres gewesen sein, die den Übungsplatz aufsuchten

Am Sonntag dem 05.September fand im Lockstedter Lager der 16.Kreisfeuerwehrtag statt, aus dem Kreis Steinburg waren zahlreiche Anmeldungen gekommen, wohl auch ein Zeichen dafür, daß viele ehemalige Soldaten in den freiwilligen Feuerwehren Dienst taten. Die Kommandantur hatte den Teilnehmern den Zutritt zum Lager gestattet. Die Inhaber der Vergnügungslokale hatten für reichlich Unterhaltung gesorgt. Damen Kapellen, Theateraufführungen, sowie Darbietungen hervorragender Humoristen, Karussells und Schießbuden fehlten natürlich nicht. Die freiwillige Feuerwehr des Lockstedter Lagers bot alles auf um den Kameraden ein paar angenehme Stunden zu bereiten.

Die Marine fing an vermehrt den Schießplatz zu nutzen. Erstmals war die Besatzung eines Schiffes in Lager gekommen. Die gesamte Besatzung des "König Wilhelm" mit 791 Mann kam am 10.September mit der Bahn aus Kiel an. Nach dem Schießen marschierte die Besatzung nach Kiel zurück. Aber auch die alten Bekannten kamen wieder. Die Seebataillone stiegen am 11.September aus dem Zug und marschierten ins Lager, ein wenig später kam noch die Schiffsjungendivision dazu. Nach dem 30.September ward kein Marinesoldat mehr im Lager gesehen.

Nachdem am 19.September der neuerbaute Schießstand der Militärischen Brüderschaft beim Gasthof Oesau im strömenden Regen eröffnet worden war, hatte der Verein an den folgenden Sonntagen seine Übungen und Preisschießen abgehalten. Bei reger Beteiligung wurden gute Ergebnisse erzielt. Der Schützenkönig war Herr Ott aus Oesau. Am 17.Oktober, dem 12.Stiftungstag des Vereins, fand in Oesau das Abschießen in Verbindung mit einem Volksfest statt. Nach der Proklamierung des Königs wurde derselbe mit einem Fackelzug zum Vereinslokal (Hülsings Hotel) geleitet, wo anschließend ein Festball stattfand.

Am 24.10.1909 war das Füsilierregiment Nr.90 aus Rostock zum Exerzieren anwesend, es hatte ein Reserve Bataillon mitgebracht. Die Anschrift der Reservisten lautete 1.-5./Übungskompanie/90

Schießplan des Lagers um 1909


1910

Dem Generalmajor z.D. und Kommandant des Truppenübungsplatzes Lockstedter Lager, Georg Friedrich Ernst Anton von Dömming und seinem Bruder, dem Oberstleutnant beim Stab des Infanterieregiments Nr.48, Ernst Anton von Dömming, wurde vom Kaiser der erbliche Adel verliehen.

Das Königliche Proviantamt und die zum Hilfsproviantamt herabgestufte Institution im Lockstedter Lager versuchten in Zeitungsanzeigen die Bauern zum Verkauf von Roggen, Hafer und Weizen sowie Roggen- und Haferstroh zu bewegen. Sie boten gute Preise für die Ware, jedoch die Bauern hofften, höhere Preise erzielen zu können.

Die Feier des Kaiser Geburtstages war am 29.Januar, einem von trübem Wetter begünstigten Samstag, mit patriotischer Begeisterung begangen worden. Die Feier lief in gewohnter Weise ab. Nach dem Festgottesdienst im Kasino begann die Parade der Militärischen Brüderschaft. Am Mittag fand das traditionelle Festessen für die Soldaten im Bahnhofsrestaurant, für alle anderen in den örtlichen Hotels statt. Die Beteiligung war außergewöhnlich zahlreich. Im Bahnhofsrestaurant brachte der Kommandant vor den anwesenden Soldaten den Toast auf den Kaiser aus. Am Abend fanden die Festlichkeiten mit Ansprachen, Vorführungen und dem obligatorischen Ball statt. In seiner Festrede führte der Vorsitzende der Militärischen Brüderschaft aus, daß, wenn das vergangene Jahr wiederum ein Jahr des Friedens gewesen sei, alle dies der friedensfördernden weisen Tätigkeit des erhabenen Kaisers zu danken hätten. Als das kleine Serbien, gestützt auf den großen Bruder Rußland, es wagte, die Kriegstrommel gegen Österreich zu rühren, da wäre es der deutsche Kaiser gewesen, der durch die Betonung der unverbrüchlichen Waffenbrüderschaft zu Österreich das Kriegsgeschrei verstummen ließ. "Mit Dank und Ehrfurcht blicken wir auf den Kaiser, wir lieben ihn, dessen Name mit unauslöschlichen Lettern in der Geschichte verzeichnet wird. In seiner Person verkörpern sich die Tugenden des deutschen Volkes. Kaisers Geburtstag - ein Nationalfesttag! Wir leben jetzt im Frieden, aber es gilt zu wachen und vor allem unser Heer schlagfertig zu erhalten, damit es bleibe, was es stets war, eine Garantie des Friedens." Mit einem begeistert aufgenommenen Hoch auf Seine Majestät beendete der Redner seine ernsten, eindrucksvollen Worte und damit gleichzeitig den wichtigsten Teil des Abends. Zwei Lustspiel-Einakter "Am Geburtstage des Kaisers" und "Onkel Angstmaier", von Mitgliedern der Brüderschaft mit Geschick dargestellt, schlossen sich der Rede an. Der darauf folgende Ball, der noch weit bis in den 30.Januar andauerte, beschloß das Fest.

Der Lehrer Harald H., der an der Schule im Lockstedter Lager unterrichtete, war wegen vorsätzlicher Körperverletzung im Amt angeklagt worden. Er sollte am 01.September 1909 die Schülerin Amalie Haberbier über das erlaubte Maß hinaus gezüchtigt haben. Auf Grund der umfangreichen Beweiserhebung gelangte das Gericht aber zu der Feststellung, daß der Angeklagte das ihm zustehende Züchtigungsrecht nicht überschritten hatte und sprach ihn frei. Die Nebenklage des Vaters der Gezüchtigten wurde abgewiesen.

Ein erneuter schwerer Schneesturm, ähnlich dem vom Montag gleicher Woche,(24.Januar) brach am Freitagnachmittag gegen 1600 Uhr aus und wütete bis 2000 Uhr. Weitere Schneefälle folgten in der Nacht. Die Straßen in der Gegend, die noch längst nicht von den Schneemassen der vergangenen Tage befreit worden waren, mußten wieder beträchtliche Mengen aufnehmen. An freiliegenden Stellen hatten sich hohe Schneewälle aufgetürmt, die den Verkehr außerordentlich stark hemmten, viele Häuser waren zeitweise völlig einschlossen. Zwei Schneesturmperioden von dieser Heftigkeit in einer Woche waren ein Wetterphänomen, das damals gewiß zu den Seltenheiten gehörte.

Nachdem am Freitag, dem 28.Januar, vom Kommando des Feldartillerieregiments Nr.9 die Artilleriezielscheiben im Lockstedter Lager aufgebaut worden waren, fand am Samstag für die Rekruten des Regimentes das Schulschießen und das erste Scharfschießen statt. Nach Beendigung des beeindruckenden Übungsschießens der 9er trafen die Rekruten des Artillerieregiments Nr.45 aus Rendsburg und Bahrenfeld mit der Eisenbahn ein, um ebenfalls ihr Gewöhnungsschießen abzuhalten, dabei benutzte das Feldartillerieregiment Nr.45 die Geschütze des Feldartillerieregiments Nr.9, so wurde der schwierige Transport der eigenen Kanonen aus Bahrenfeld vermieden.

Zum 01.Februar wurden versetzt: Peterson, Hauptmann, Feuerwerker beim Artilleriedepot in Rastatt, zur Kommandantur des Truppenübungsplatzes Lockstedt. Seipold, Oberleutnant und Feuerwerker bei der Kommandantur des Truppenübungsplatzes Lockstedt zum Artilleriedepot in Rastatt.

Die Veröffentlichung in der landesweiten Presse Mitte Februar, daß im Wege der Zwangsvollstreckung das "Hotel Sörensen" am 07.April zwangsversteigert werden sollte, überraschte eigentlich niemanden im Lockstedter Lager, denn die Möglichkeit, daß das Gebäude unter dem Hammer kommen könnte drohte bereits seit dem 07.Juli 1909, der Tag an dem der Versteigerungsvermerk im Grundbuch eingetragen worden war. Der Gastwirt Gustav Rath war über eine längere Zeit seinen finanziellen Verpflichtungen nicht nachgekommen. Herr Rath konnte die Zwangsversteigerung vorerst noch einmal abwenden, weil er bei der Friedrichsberger Spar- und Leihkasse einen weiteren Aufschub erwirken konnte.

Am 21.Februar wurde vom Kriegsgericht in Itzehoe der Vizewachtmeister Wieckhorst, wegen Verführung einer Minderjährigen, im Beisein ihrer Eltern, zu 7 Monaten Festungshaft und Versetzung in die zweite Klasse des Soldatenstandes verurteilt. Dem Verurteilten wurde 1 Monat Untersuchungshaft angerechnet. Wieckhorst hatte Berufung gegen das Urteil eingelegt, die Berufung wurde verworfen.

Richtig öffentlich wurde die Geldnot des Herrn Schaller, der seinerzeit die Besitzungen des Herrn Böge übernommen hatte dadurch, daß er durch einen Auktionator seine Gebäude, Ländereien und Bauplätze versteigern ließ. Darunter waren auch die einstigen Perlen des Vermögens, die Schweinezucht und die Geflügelzucht.

Das Armeeverordnungsblatt vom 23.Februar veröffentlichte eine Verordnung, die im Vertrauen auf die bewährte Zuverlässigkeit und Pflichttreue der Unteroffiziere bestimmte, daß die Vorschriften, nach denen alle Mannschaften zu einer bestimmten Stunde in die Kaserne oder ihr Quartier zurückgekehrt sein mußten, auf Unteroffiziere mit Offizierscharakter und Sergeanten keine Anwendung mehr fand. Alle übrigen Unteroffiziere durften ohne Urlaub bis Mitternacht außerhalb der Kaserne oder der Quartiere bleiben. Ferner wurden die Unteroffiziere der Fußtruppen vom Tragen des Gepäcks befreit bei allen Friedensübungen und Märschen, mit Ausnahme solcher, die aus Rücksichten der Unterkunft die Mitnahme des Gepäcks bedingten oder bei denen für die Offiziere das Tragen der Tornister vorgeschrieben war. Diese Verordnung brachte für die Unteroffiziere auf dem Übungsplatz nur in Bezug auf den "Zapfenstreich" eine Erleichterung.

Am 05.März wurde der Bedarf an Meiereiprodukten für die Truppenküchen des Lockstedter Lagers vergeben. Von den beiden konkurrierenden Meiereien Mühlenbarbek und Itzehoe erhielt Itzehoe den Zuschlag. Bei der Submissionsvergabe handelte es sich um eine Jahreslieferung an Milch, Butter und Käse im Wert von 18 - 20.000 Mark. Im Gebot hatte Mühlenbarbek für Vollmilch 15 Pfennig und Itzehoe 14 Pfennig pro Liter gefordert. Die Lieferung für die im Lager verteilten Milchbuden, mit einem Lieferumfang von zirka 40.000 Mark per annum, war der Meierei Mühlenbarbek an einem früheren Termin übertragen worden. Die Milchbuden verkauften die pasteurisierte Milch zu 14 Pfennig je Liter. An einzelnen Tagen mußte die Meierei Mühlenbarbek über 3.000 Liter liefern. Der höchste Verbrauch wurde von den Infanterieregimentern Nr.75 und 76 erzielt.

Am Sonntag, den 13.März, tagte im Lockstedter Lager der Kreiskriegerverband des Kreises Steinburg. Außer etwa 100 Delegierten waren auch viele alte Krieger erschienen, die beabsichtigten, die Gelegenheit, ihren alten Wirkungskreis wieder aufzusuchen, wahrzunehmen. Die Kommandantur hatte den Besuch des Barackenlagers gestattet. Um 1100 Uhr begann die Verbandsversammlung in Hülsings Hotel und um 1330 Uhr das Festessen. Nach Abschluß der Beratungen wurde in ausreichender Weise für die Unterhaltung der Gäste gesorgt. Um 1700 Uhr nahm der Ball in Hülsings Hotel seinen Anfang und im Landhause wurden theatralische Darbietungen aufgeführt. Die Militärische Brüderschaft sowie die Allgemeinheit hatten ihr Möglichstes getan, um das lange dauernde Fest würdig zu gestalten.

Ein altes, 1875 erbautes Gebäude, das sogenannte "Große Haus", das an der Ecke Kieler Chaussee / Bahnhofstraße stand und als Schandfleck galt, sollte zur Freude der Lagergemeinde verschwinden. Es war beschlossen, den alten kastenförmigen Bau, mit den 9 Arbeiterwohnungen, abzureißen, weil ein Teil des Platzes zur Errichtung des Soldatenheims verwendet werden sollte. Das alte Gebäude hatte schon mehrfach den Besitzer gewechselt, kein Eigentümer sah eine Verpflichtung darin die Bausubstanz zu erhalten. Mit dem Bau des Soldatenheims sollte im nächsten Frühjahr begonnen werden.

Durch Zertrümmerung eines Fensters hatten sich Ende März Einbrecher Zugang in das Haus des Herrn Schaller verschafft. Im Arbeitszimmer des Hausherrn fanden sie in einer Schublade den Schlüssel zum Geldschrank und öffneten diesen auf leichte Weise. Es waren ihnen 2.700 Mark an Bargeld in die Hände gefallen, außerdem hatten die Eindringlinge eine Kassette aufgebrochen, die goldenen und silbernen Schmuck sowie andere Wertsachen enthielt - den Inhalt ließen sie ebenfalls mitgehen. Herr Schaller hatte keinen größeren Schaden, er war gegen Einbruchdiebstahl versichert.

Wechsel im Generalkommando des IX.Armeekorps. "Der Kommandierende General des IX.Armeekorps, Freiherr von Vietinghoff-Scheel, hat eines Halsleidens wegen seine Entlassung erbeten. Er stand seit dem 21.Mai 1907 an der Spitze des Korps. Der Kommandierende General mußte wegen dieses Halsleidens mehrere Wochen an der Riviera zubringen. Nach seiner Rückkehr zeigte es sich, daß das nordische Klima eine gänzliche Wiederherstellung des Gesundheitszustandes unmöglich macht. Auf Anraten der Ärzte hat General von Vietinghoff daher dem Kaiser sein Abschiedsgesuch unterbreitet, und dieses ist genehmigt worden. - Nachfolger des Kommandierenden Generals wird der Kommandeur der 22.Division in Kassel, Freiherr von Plettenberg, der frühere Inspekteur der Jäger und Schützen in Berlin. Generalleutnant von Plettenberg entstammt einem westfälischen Adelsgeschlecht und wurde während des Feldzuges gegen Frankreich, in dem er sich das Eiserne Kreuz 2.Klasse erwarb, am 18.Dezember 1870 zum Leutnant im 5.Westfälischen Infanterieregiment Nr.53 in Münster ernannt. Am 20.März 1890 wurde er unter Beförderung zum Major dem Westfälischen Jägerbataillon Nr.7 in Bückeburg aggregiert und am 18.November 1890 zum Kommandeur dieses Truppenteils ernannt, den er bis 1894 führte. 1898 wurde er mit der Führung des 1.Garde Regiments zu Fuß in Potsdam beauftragt, das er als Oberst und Flügeladjutant bis 1901 befehligt hat. Im September 1906 übernahm er die 22.Division."

Nachdem in der letzten Woche des März die winterlichen Kurzübungen, die nach und nach von allen Infanterieregimentern des IX.Armeekorps hier durchgeführt worden waren, beendet wurden, begannen mit dem 31.März die längeren Truppenübungen. Den Anfang machten die Infanterieregimenter Nr.84 und Nr.86, die bis zum 13.April Gefechtsschießen und Infanteriegefechtsausbildung betrieben. Am 01.April trafen die Reserveoffiziersaspiranten des IX.Armeekorps zu einer vierwöchigen Übung ein. Dieser Truppe gehörten 200 Mann an, daneben waren noch zwei Übungskompanien von den Infanterieregimentern Nr.89 und 90 für diesen Lehrgang ins Lager kommandiert.

Am 12.April wurde der Kommandierende General des IX.Armeekorps, der General der Kavallerie (befördert zum am 16.08.1907), Freiherr von Vietinghoff, genannt Scheel, mit Pension z.D. gestellt, unter gleichzeitiger Stellung à la suite des Kürassier Regiments Nr.2. General Vietinghoff übergab die Führung des Korps an den General der Infanterie Freiherrn von Plettenberg.

Am Mittwoch, den 13.April strömten die zur Bildung des 1.Reserveinfanterieregiment des IX.Armeekorps ins Lockstedter Lager einberufenen Reservisten in Scharen vom Bahnhof über die Kieler Chaussee dem Meldekopf im Lager zu. Viele entsprachen in ihrem Aussehen dabei den heute noch geltenden Klischeevorstellungen, indem sie in einem Persilkarton ihre persönliche Habe transportierten. Nach den Einweisungen in Unterkunft und Lager galt es noch die ärztliche Untersuchung zu überstehen, um danach in der Kammerbaracke eingekleidet zu werden. Es herrschte reichlich Hochbetrieb, es galt 1.150 Reservisten einzukleiden und auszurüsten. Am nächsten Morgen nach dem Frühstück begann die Ausbildung mit den einfachsten Übungen der formalen Ausbildung. Das Aufgebot mußte auf Vordermann gebracht werden! Die nächsten Schritte waren Gruppen-, Zug- und Kompanieexerzieren, Waffenausbildung mit anschließendem Schulschießen, gefolgt von Gefechtsschießen. Die vorhandenen Schießbahnen waren jeden Tag belegt. Von den Schießbahnen ging es in geschlossener Formation, Marsch im Kompanierahmen, in das Barackenlager, wo nach Ankunft erst die Waffe gereinigt wurde und dann wenn notwendig der Drillich gewaschen. Ab dem 28.April begann die Auskleidung und Abgabe von Waffen und Gerät. Nach den üblichen Abschiedsfeiern ging es dann am 01.Mai wieder mit der Bahn nach Hause.

Einige Tage nach den Reservisten erreichten die beiden Bataillone des Infanterieregiments Nr.162 das Lager. Das Regiment übte mit den Bataillonen auf der Frankenberg Heide Angriff und Verteidigung, erste Versuche die Kampfweise von Stoßtrupps mit Kampfauftrag zu trainieren und deren Einbruch in die eigene Stellung zu verhindern wurden durchgeführt. Die Kompanien verbrachten mehrere Tage auf den Schulschießbahnen, um die Schießergebnisse zu verbessern. An fünf Tagen wurden die Schießleistungen auf den Gefechtsbahnen überprüft, davon an zwei Abenden Nachtschießen angesetzt.

In der Nacht zum 26.April kamen die mecklenburgischen Regimenter Nr.89 und 90 auf dem Bahnhof Lockstedter Lager mit Militärsonderzügen an. Da ihre Unterkünfte noch nicht übergeben worden waren, mußten die Soldaten auf der Walderseehöhe bis gegen 0930 Uhr zur Rast übergehen, danach wurden die Kompanien einzeln abgerufen und in die Unterkünfte eingewiesen. Die beiden Kompanien, die als Übungskompanien zu dem Offiziersaspirantenlehrgang abgestellt worden waren, traten wieder zu ihren Einheiten zurück, da am gleichen Tag die Offiziersaspiranten aus dem Lager verabschiedet worden waren. Mehr Platz sollte es ab dem 29.April auch nicht im Lager geben, dann beendete zwar das 1.Reserveregiment mit seinen 1.150 Mann die Reserveübung, dafür rückten aber die Reservisten des 2.Reserve Infanterieregiments mit etwa 1.000 Mann ein, die die Ausrüstung und Unterkünfte ihrer Vorgänger übernahmen. Das 2.Reserve Infanterieregiment wurde nach den gleichen Vorgaben wie das 1.Reserve Infanterieregiment geschliffen.

Am Dienstag, den 03.Mai ereignete sich ein schweres Unglück auf der Schießbahn für das Gefechtsschießen. Beim Scharfschießen der 1.Kompanie des Infanterieregiments Nr.162 aus Lübeck wurde der Musketier Oreton im Gesicht durch ausströmende Pulvergase derart verletzt, daß das rechte Auge auslief. Oreton wurde am folgenden Tag in das Garnisonslazarett Altona eingeliefert, weil die Verletzung hier nicht ausreichend behandelt werden konnte.

Bei der Besichtigung des Infanterieregiments Nr.162 die am 04.Mai durch den Kommandierenden General des IX.Armeekorps, General der Infanterie, Freiherrn von Plettenberg und den Divisionskommandeur der 17.Infanteriedivision, Generalleutnant von Pritzelwitz, abgehalten wurde, wurde einem Rekruten der 6.Kompanie der linke Oberarm von einer Platzpatrone durchschossen. Der Verletzte wurde in einem Krümperwagen aus dem Gelände in das Barackenlazarett gebracht und dort stationär aufgenommen.

Bereits im Mai kündigte sich die Schiffsjungendivision an. Die in Mürwik an Bord des Schulschiffes "König Wilhelm" stationierte Schiffsjungendivision wollte vom 10. bis 24.September im Lockstedter Lager Übungen abhalten. 29 Offiziere und 87 Unteroffiziere sollten die mehr als 500 Schiffsjungen begleiten.

Nach interner Besichtigung durch den Kommandeur des 2.Reserve Infanterieregiments wurden die Übungen der Reservisten abgeschlossen, ihnen wurde dennoch reichlich Gelegenheit gegeben mit Bier und geistigen Getränken wieder zur "Reserve hat Ruh" überzugehen. Die Abgabe von Ausrüstung und Übergabe der Unterkünfte erfolgte am 12.Mai mit beginnender Abschleusung der Reservisten, die letzten verließen das Lager am 13.Mai. Jetzt hatte die Garnisonsverwaltung zwei Tage Zeit um die Unterkünfte an die Fouriere der Regimenter Nr.75 und 76 zu übergeben. Die beiden hanseatischen Regimenter trafen per Bahn am 16.Mai ein.

Gleich zu Beginn des Juni traf der Kommandierende General des IX.Armeekorps, Freiherr von Plettenberg im Lager ein, um an zwei aufeinanderfolgenden Tagen die Regimentsbesichtigungen der Infanterieregimenter Nr.75 (Bremen) und Nr.76 (Hamburg) abzuhalten. Auch der Kommandeur der 17.Division, Generalleutnant von Pritzelwitz aus Schwerin und der Kommandeur der 33.Infanteriebrigade, Generalmajor Freiherr von Lüttnitz, würden bei den Besichtigungen dabei sein. Am 02.Juni fanden die vorbereiteten Gefechte zwischen der Walderseehöhe und dem Füsilierwald statt, das Gefecht dauerte mehr als sechs Stunden. Am nächsten Tag fand die formale Überprüfung statt, die mit einem Parademarsch auf dem Paradeplatz am Leszczynski Stein den Schluß des Besichtigungstages bildete. Nach der Brigadebesichtigung, die am 04.Juni durch den Korpskommandeur stattfand, kehrten beide Regimenter am 09. in ihre Garnisonen Bremen, Stade und Hamburg zurück. Auch das Jägerbataillon Nr.9, das hier eine Woche lang übte, kehrte am 09.Juni zurück nach Ratzeburg. Die Betten sollten nicht lange kalt bleiben, denn schon am Wochenende bezogen die mecklenburgischen Infanterieregimenter Nr.89 und 90 das Lager, deren Übungen im Gelände bis zum 02.Juli dauerten.

Als die Infanterieregimenter Nr.89 und 90 das Lager belegten, wurde die Kommandantur und das Lazarett darüber informiert, daß der Musketier Oreton von der ersten Kompanie des Infanterierregiments Nr.162 aus Lübeck, der vor einiger Zeit durch ausströmende Pulvergase ein Auge verlor, nach einer aus dem Altonaer Garnisonslazarett eingetroffenen Meldung zufolge leider völlig erblindete.

Der Mineralwasserfabrikant Stange, der seine Abfüllanlage in der Südstraße hatte, suchte wegen des erhöhten Wasserausstosses mehrere Frauen, welche die zurückgelieferten Glasflaschen vor einer erneuten Befüllung waschen und spülen. Er hätte gern zehn Frauen eingestellt und das Proviantamt suchte gutes und trockenes Heu, das direkt von der Wiese weg gekauft würde und das Amt erbat Angebote von gutem Roggenstroh für die Julilieferung, die in das Lockstedter Lager gehen sollte. Die Ankaufsbedingungen waren in den Gemeindehäusern öffentlich ausgehängt. Der Fuhrunternehmer H.Sibbert suchte für die Manöverzeit 09.-26.September noch einige zweispännige Gespanne, die nicht mehr als 20 Zentner zu transportieren hätten. Der Einsatzbereich lag in Nordschleswig. Pro Tag wurden 13 Mark gezahlt auch an Marsch- und Ruhetagen.

Die dem X.Armeekorps angehörenden Feldartillerieregimenter Nr.10 und Nr.46 bezogen am 17.Juni das Lager. Beide Regimenter wurden nicht auf dem Bahnhof Lockstedter Lager ausgeladen sondern das Regiment Nr.10 in Wrist und das Regiment Nr.46 in Itzehoe. Die restliche Wegstrecke wurde im Landmarsch durchgeführt. Die Soldaten der Regimenter hatten eine Woche Zeit, um mit den mitgebrachten Reservisten einige Scharfschießen durchzuführen. Am 25. wurden die zu den Regimentern kommandierten Reservisten entlassen und gleichzeitig wurde aus den neu ankommenden Reservisten des X.Armeekorps eine Reserve Feldartillerieabteilung zusammengestellt, die gemeinsam mit den aktiven Soldaten aus dem hannoverschen mit dem 01.Juli die Übungen beendete.

Die seit vier Wochen im Lager untergebrachte Reserveoffizierskompanie und die dieser Truppe zur Verfügung stehenden Kompanien von den Regimentern Nr.162 und Nr.84 hatten die Besichtigungen überstanden und die Abschiedsfeier der Reserve Offizierskompanie überlebt, alle bereiteten sich auf den Abmarsch vor. Während die Infanteristen in die Garnisonen zurückkehrten, schloß sich für die Reserveoffiziere noch ein Dienst bei der Truppe an. Seit dem 18.Juni war das Pionierbataillon Nr.9 im Lager, die Pioniere unterrichteten über den Stellungsbau und ließen einige Feldstellungen bauen und sie führten mit den Reserveoffizieren ein Gewöhnungssprengen durch und demonstrierte die verschiedenen Ladungsarten. Auch die Infanteristen wurden in diesen Tätigkeiten geschult. Das Pionierbataillon selbst führte drei Gefechtsschießübungen auf den Bahnen 1 und 2 durch ehe es am 30.Juni wieder in die Garnison zurückverlegte.

Nach eingehenden Besichtigungen schlossen die Feldartillerieregimenter Nr.10 und Nr.46 vom X.Armeekorps, nachdem bereits vor einigen Tagen ihre Reservisten nach 14tägiger Übung entlassen worden waren, ihre Schießübungen ab und kehrten am 29.Juni in ihre Garnisonsorte zurück. Ebenso beendete die Reserve Feldartillerieabteilung vom X.Armeekorps die Übungen und wird heute hier aufgelöst. Morgen beenden die mecklenburgischen Infanterieregimenter Nr.89 und Nr.90 sowie das Pionierbataillon Nr.9 die Felddienstübungen und verlassen das Gelände. Bezogen wird morgen unser Lager von den vier Feldartillerieregimentern Nr.24, Nr.60, Nr.26 und Nr.62. Die Schießübungen dieser Truppen dauern bis zum 29.Juli.

Unvorsichtigkeit bei den Geschützen hatte mehrere Unglücksfälle verursacht. Einem Reservisten der Reserve Feldartillerieabteilung vom X.Armeekorps wurde die Kopfhaut zur Hälfte glatt abgerissen und die Schädeldecke schwer verletzt. Ein Gerücht von dem erfolgten Tode bestätigte sich nicht. Zwei Kanoniere des Feldartillerieregiments Nr.46 büßten durch ihre Unvorsichtigkeit einen, bzw. mehrere Finger ein.

In Hohenwestedt und in den benachbarten Dörfern wurde laut über das Auftreten von wilden Kaninchen geklagt, die vom Lockstedter Lager herübergewechselt waren. Man hatte vergebens versucht, die Tiere abzuschießen, bei der bekannten Fruchtbarkeit war ein Ausrotten unmöglich.

Mitte Juli wurde eine Bahnstatistik öffentlich, so wurden im Lockstedter Lager 8.469 Fahrkarten ausgegeben. Der Güterverkehr war ebenfalls erheblich. An Stückgut 897 Tonnen angeliefert, vom Bahnhof gingen 268 Tonnen ab. Die Zahl der eingegangenen Wagenladungen betrug 9.492, die der abgegangenen 1.301. Der Empfang von Großvieh war 619, von Kleinvieh 2.184, der Versand dagegen 1.924 bzw. 6.329.

Dem Kanonier Hülsmann von der Osnabrücker Abteilung des Ostfriesischen Feldartillerieregiments Nr.62 wurde beim Geschützexerzieren eine Hand gequetscht, er wurde im Lagerlazarett erstversorgt und stationär aufgenommen.

Zum Geländeschießen der Feldartillerieregimenter Nr.62 und 60 am 27.Juli traf der Großherzog von Oldenburg hier ein. Die Feuerstellung des Feldartillerieregiments Nr.60 befand sich auf der Heide südöstlich der Ortschaft Neumühlen, die von ihren Bewohnern in der Zeit von 1500 bis 1700 Uhr geräumt werden mußte; die Chaussee Mühlenbarbek - Springhoe war gesperrt. Bei dieser Besichtigung der 60er wurden über 500 Schuß auf 4.300 bzw. 4.500 Meter entfernte Ziele und 500 Schuß auf nur 1.000 Meter entfernte Ziele abgefeuert.

Vom 30.Juli bis einschließlich 12.August wurde im Lager aus Mannschaften der Reserve aus dem Bereich des IX.Armeekorps eine Reserve Feldartillerieabteilung in Stärke von 765 Mann zusammengestellt. Die benötigten Kanonen und die Munitionsversorgung wurde durch das Feldartillerieregiment Nr.9 bewerkstelligt. Die Schießen der Reserve fand von 0900 bis 2000 Uhr statt, wobei auch aus den Stellungen von der Frankenberg Heide über die Rendsburger Chaussee geschossen wurde. Die Reservisten hatten nicht gerade die beste Zeit erwischt, der Anfang des August war wie der Juli sehr heiß. Erst im letzten Drittel sollte es einmal wieder regnen.

Das Husarenregiment Nr.15 war am 27.Juli aus Wandsbek abmarschiert und erreichte nach vier Tagen Ritt und anstrengenden Manövereinlagen das Lockstedter Lager, wo sie am 01.August eintrafen. Zuerst war Exerzieren im Eskadronrahmen angeordnet, darauf folgte Regimentsexerzieren. Das Schleswiger Husarenregiment ritt am 08.August in das Lager ein. Nach einer kurzen Einübungsphase begannen die Brigadeexerzitien der Husaren, die bis zum 17.August andauerten. Am 20. verließen beide Regimenter wieder das Lager und kehrten in die Garnison zurück.

Zwei Tage nach den Wandsbeker Husaren kamen die Infanteristen von den Infanterieregimentern Nr.84 und Nr.86. Sie rückten ein zu einer 14tägigen Regiments- und Brigadeübung, wobei das Regiment Nr.86 während der Brigadeübung die rote Partei und das Regiment Nr.84 die blaue Partei war. Wie beim Militär üblich hat die "friedlichere" blaue Partei gewonnen. Die Übung war so angelegt, daß bei den jeweiligen Übungen von einer Partei die Rantzau überquert werden mußte. Nach der obligatorischen Manöverkritik, die sich an die interne Besichtigung anschloß wurde die Übung am 15.August beendet. Am 16.August kurz nach Mittag standen die ersten Sonderzüge, welche die Einheiten in die Heimatstandorte transportieren sollten bereit, bis zum späten Nachmittag war das Lager geräumt.

Die Infanteristen bekamen wenig von der Versteigerung von altem Gerät und Metall durch die Königliche Garnisonsverwaltung mit. Auf dem Platz des Geschützparks wurden eiserne Bettstellen, Kochherde, Öfen, Kessel, Häckselmaschinen, alte Fenster und Zeltleinwand meistbietend verkauft. Nur eine Häckselmaschine wurde nicht verkauft.

Die 8.Batterie der Reservefeldartillerie Abteilung des IX.Armeekorps hatte infolge des durch die Ankunft des Husarenregiments Nr.16 aus Schleswig entstandenen Platzmangels bis einschließlich 12.August nach Itzehoe (Artillerie Kaserne) verlegt werden müssen. Der Inspekteur der 1.Armeeinspektion, Prinz Friedrich Leopold von Preußen, traf am Nachmittag des 08.August gegen 1600 Uhr zu den am 09., 10. und 11.August stattfindenden Regimentsbesichtigungen der Infanterieregimenter Nr.84 und 86 und der Husarenregimenter Nr.15 und 16 im Lager ein und nahm im Hotel Kaiserhof Wohnung. Der Stab der 35.Infanteriebrigade hatte auf Grund der Besichtigungen vom 11.August bis einschließlich 15.August seinen Sitz von Flensburg nach ins Lager verlegt.

Unglücksfälle waren fast täglich während der kurzen Dauer des bisherigen Aufenthalts beim Husarenregiment Nr.15 zu verzeichnen. Es handelte sich hauptsächlich um Stürze, welche der äußerst schlechten Bodenbeschaffenheit einiger Geländeteile zuzuschreiben waren. Artilleriegeschosse haben den Boden stellenweise arg aufgerissen und aufgelockert, dadurch wird es für die Kavallerie recht gefährlich. Ein Husar der 2.Eskadron erlitt beim Sturz mit dem Pferd schwere Verletzungen des Brustkorbes und wurde bewußtlos ins Lagerlazarett geschafft.

Die Besichtigung der im Lager zusammengezogenen Reservefeldartillerie Abteilung wurde vom Korpskommandeur General der Infanterie, Freiherr von Plettenberg, vorgenommen, womit die Schießübungen der Artillerie am 11.August für dieses Jahr beendet waren. Einen Tag später wurde die Reserve Feldartillerieabteilung aufgelöst und die Mannschaften in ihre Heimat zurückbefördert. Tags darauf begannen die Infanterieregimenter Nr.84 und Nr.86, sowie die Husarenregimenter Nr.15 und Nr.16 mit den Übungen in größeren Verbänden und in der Brigade. Den Schluß der Übungen bildete die Brigadebesichtigung durch den Korpskommandeur, worauf die Infanterie am 16. und die Kavallerie am 20.August in ihre Garnisonen zurückkehrte. Während der Besichtigung wurden vier Infanteristen, die in Stellung lagen, von Kreuzottern gebissen. Ein Füsilier lag bis zum Abmarsch der Einheit im Lazarett. An einem Sonnabend badete eine Soldatengruppe der Maschinengewehrkompanie vom Regiment "Königin" im Lohmühle Teich. Dabei erlitt der Soldat Müller aus Wedel bei Pinneberg einen Herzschlag und sank in die Tiefe, ohne daß es von seinen Kameraden bemerkt wurde. Erst beim Wegtreten im Lager wurde Müller vermißt, dessen Leiche inzwischen von einigen Husaren geborgen worden war.

Das Infanterieregiment Nr.85 traf am 18.August, das Infanterieregiment Nr.31 am 19.August mit mehreren Sonderzügen ein, um bis Ende des Monats Bataillons- und Regimentsexerzieren abzuhalten. Am 20.August, einem Samstag war für die 31er erst einmal eine als Marsch verschleierte Einweisung in den Übungsplatz. Jede Kompanie hatte drei Geländepunkte, von wo aus das Gelände aus der Sicht der Zugführer beschrieben wurde. Gegen Mittag und 6 Kilometern Wegstrecke ging es zurück ins Lager. Nach dem Essen auf dem Bückener Feld üben der Ladevorgänge in allen Lagen. Am Montag begann der Drill der geöffneten Ordnung - Bilden von Schützenlinien, Ausnutzen von Deckungen, Beschreiben und Beurteilen von Geländeabschnitten. Mittwoch zum erstenmal auf die Gefechtsbahn zum Schießen. Die Tage waren angefüllt mit exerzieren, üben und Waffenreinigen, häufiges Antreten zur Befehlsausgabe. Der Stab der 36.Infanteriebrigade hatte seinen Sitz vom 02. bis zum 08.September von Rendsburg nach hier verlegt. Vom 02. bis 09.September exerzierten die 31er im Verband der 36.Infanteriebrigade mit dem Regiment Nr.85 (Kiel / Rendsburg), auf dem Truppenübungsplatz unter der Leitung des neuen Brigadekommandeurs Oberst von Worgitzki, des Nachfolgers des Generalmajors von Ramdohr, um sich dann nach der Brigade Besichtigung ins nördlichen Schleswig-Holstein zu begeben.

Beim Schießen um den Kaiserpreis, das am 20.August ausgetragen wurde, trug die 3.Kompanie vom Großherzoglich Mecklenburgischen Füsilierregiment Nr.90 den Sieg davon. Truppenteile der Infanterie Regimenter Nr.84, 85, 89 und 163 konkurrierten miteinander. Die 3.Kompanie der 90er trug schon zweimal die Schießauszeichnung, 1907 und 1908. Der Kommandeur des IX.Armeekorps, Freiherr von Plettenberg, wohnte den Schießübungen bei.

Die beiden mecklenburgischen Dragonerregimenter Nr.17 und Nr.18, die am 08.August ihre Standorte verlassen hatten und unter mehreren Einquartierungen am 13. das Lager im Landmarsch erreichten, wurden die Schwadronen auf dem Übungsplatz infanteristisch gedrillt. Sie konnten hier zeigen, daß sie das Pferd nur zur Erhöhung der Beweglichkeit nutzten, ansonsten aber kämpften wie normale Infanteristen. Geübt wurde unter anderem die Überwachung von Gelände, Einbruch in die gegnerische Stellung und Nahkampf mit dem aufgepflanzten Seitengewehr. (Mir wurde erzählt, man hätte die Dragoner verspottet in dem man ihnen nachrief sie seien "halb Mensch, halb Vieh, sie wären auf das Pferd gesetzte Infanterie".) Ihre Fähigkeiten wurden am 27.August vom Kommandierenden General des IX.Armeekorps und dem Kommandeur der Brigade besichtigt. Am folgenden Tag begannen die beiden Regimenter die Übungen im Verband der Brigade.

Der Inspekteur der 1.Armeeinspektion Prinz Friedrich Leopold von Preußen traf am 31.August zur Inspizierung der Infanterieregimenter Nr.31 und 85 und der 17.Kavalleriebrigade (Dragonerregiment Nr.17 und 18) ein und nahm wieder mit seinem Gefolge und Dienerschaft im "Hotel Kaiserhof" (F.Steffen) Wohnung. Zur Besichtigung der Kavalleriebrigade am 02.September war auch der Großherzog von Mecklenburg-Schwerin anwesend.

Die Infanterieregimenter Nr.31 und 85 beendeten am 09.September ihre Brigadeübungen und wurden von hier direkt ins Manövergelände überführt.

Am 10. traf die in Mürwik an Bord des Schulschiffes "König Wilhelm" stationierte Schiffsjungendivision zu einer Übung ein, die am 24.September ihren Abschluß fand. Mit dieser Truppe kamen 29 Offiziere und 87 Unteroffiziere und 498 Schiffsjungen. Die Division führte Wertungsschießen durch.

Vorübung

150 Meter stehend aufgelegt Ringscheibe kein Schuß unter 9
150 Meter stehend freihändig Ringscheibe kein Schuß unter 7
200 Meter liegend aufgelegt Ringkopfscheibe kein Schuß unter 8

Hauptübung

300 Meter liegend freihändig Ringkopfscheibe kein Schuß unter 5
400 Meter kniend Sektionsscheibe I 2 Treffer = 3 Punkte
500 Meter liegend freihändig Sektionsscheibe II 3 Treffer = 4 Punkte
600 Meter kniend Sektionsscheibe III 2 Treffer

Nach 14 Tagen, am 24.September beendete die Schiffsjungendivision ihre Übungen und siedelte wieder über auf die "König Wilhelm" in Flensburg. Ebenso rüsten die seit dem 12. anwesenden beiden Seebataillone und das Stammbataillon zum Aufbruch, um in die Garnisonsorte zurückzukehren. Hiermit fanden die Übungen im hiesigen Gelände ihren Abschluß, nachdem die Truppen des ganzen IX.Armeekorps, die Seebataillone und eine Artilleriebrigade des X.Armeekorps sich hier längere Zeit aufgehalten hatten.

Der Vorsteher des örtlichen Postamts, Postsekretär Rathjen, war nach Kiel versetzt worden, an seine Stelle trat Oberpostassistent Hamann aus Lütjenburg.

Am 30.Oktober wurde Adolf Herman Hafele geboren, der nach dem 2.Weltkrieg in die Gegend von Chicago auswanderte.

Der Bahnhofsvorsteher Herr Weber wechselte zum 01.November als Kassenbeamter zur Station Rendsburg. Seit dem Bestehen der Bahn 1889 waren bis 1900 hier sieben Vorsteher tätig, Herr Weber bekleidete diesen Posten von 1900 bis zu seiner Versetzung, also 10 Jahre. Er hatte besonders während der Militärsaison unter schwierigen Verhältnissen arbeiten müssen. Seine Pflichttreue wurde von seinen Vorgesetzten gelobt. Die Beamten auf der Ebene unter ihm, sowie die Einwohner des Lockstedter Lagers sahen Herrn Weber ungern scheiden. Ein Augenleiden zwang ihn seinen Posten als Stationsvorsteher aufzugeben.

In Itzehoe wurde über die Lokale Deutsche Eiche und Doppeleck wieder das Militärverbot verhängt, da die Wirte Bornholdt und Günther sozialdemokratische Versammlungen in ihren Räumen stattfinden ließen. Diese Aktion nahm der Kommandant zum Anlaß die örtlichen Gastwirte vor ähnlichen Schritten zu warnen. Die Gastwirte nahmen die Drohung ernst, da sie mit einem "Off Limits" in der Existenz bedroht waren.

Ende Dezember machte das Barackenlager einen fast öden Eindruck, es befand sich nur ein Arbeits- und Wachkommando in Stärke von 120 Mann auf dem Gelände. Letzteres setzte sich aus Mannschaften aller Truppenteile, die im Sommer das Lager bezogen hatten, zusammen. Im Ausblick auf das nächste Jahr hieß es, daß bald nach Neujahr einige Regimenter bataillonsweise für wenige Tage aus ihren Garnisonen hierher verlegen, um Winterschießübungen abzuhalten. Die Hauptübungszeit, welche sonst immer gleich nach Ostern ihren Anfang nahm, könnte voraussichtlich früher beginnen, weil die Truppen des IX.Armeekorps im Herbst 1911 am Kaisermanöver teilnehmen mußten.



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1900 - 1921